Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 41 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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»oc-davw-wvaa ««WIKlfUXl DIE WAHRHEIT Seite * „Unser Fürsorgewerk. Sä Von Dr. Ernst Feldsberg. „Unser Fiirsorgewerk" betitelt die Israelitische Kultusgemeinde die den Steuerträgern zugesendeten Mitteilungen über die in Wien bestehenden jüdischen Fürsorgeaktionen. Mit Recht wurde dieses Fürsorgewerk als u n s e r Werk bezeichnet, denn jeder, der das Fiirsorgewerk der Israelitischen Kultusgemeinde zu sehen Gelegenheit hat, muß zur Ueberzeugung kommen, daß hier ein Werk vollbracht wird, das weit über den Rahmen einer allgemeinen Fürsorgetätigkeit hinausgehend, den Stempel echter und traditioneller jüdischer Liebe aufgedrückt hat. Es würde zu weit führen, wollte man in den engen Spalten einer Zeitung die einzelnen Fürsorgeaktionen gebührend hervorheben. Zwei Fragen jedoch, die in dieser Broschüre besprochen werden, verdienen ganz besondere Beachtung. Es ist im Zuge der Zeit gelegen und vielleicht auch eine Konsequenz * der durch die Kriegsereignisse und deren Folgen geschaffenen-allgemeinen Verhältnisse, daß die Einstellung eines Teiles der Juden zum Judentum schwer gelitten hat. Besonders die jüngere Generation ist teils mangels notwendiger Erziehung, teils als Opfer angeblich moderner Anschauungen dem Judentum und dem Glauben entfremdet worden, obwohl diejenigen, die das Verschulden an dieser Entfremdung trifft, sich sicher nicht über die Ideale des Judentums im klaren waren. Es gibt daher eine ganze Reihe von Juden, die nur noch aus traditionellen Gründen Mitglieder der jüdischen Religionsgemeinschaft geblieben sind, tatsächlich aber für das Judentum fast nichts mehr übrig haben und das wahre jüdische Mitgefühl mit unseren Brüdern verloren haben. Gerade diese Juden sind es, die sich die zwei Fragen: „Wofür zahle ich eine so hohe Kultussteuer?" und „Wozu brauchen wir eine jüdische Fürsorge?" in der ihnen zugesandten Broschüre besonders durchlesen und zu Herzen nehmen sollten. Wir sind alle Menschen und können niemals die Zukunft vorausahnend wissen, ob wir nicht auch einmal bittend an die Tore der jüdischen Fürsorge klopfen werden, damit uns in unserem Leid jene Hilfe zuteil werde, die wir nirgends anders finden können und finden werden. Das Rad des Schicksals dreht sich und die, die heute oben sind, können morgen unten sein, wer heute noch, pochend auf seine wirtschaftliche Situation, wenig Interesse für das Fürsorgewerk der Kultusgemeinde zeigte, kann morgen zu denen zählen, für die dieses Fürsorgewerk geschaffen wurde. Dieser Tatsache sollte sich jeder Jude bewußt sein, diese menschliche Einstellung müßte jeden Juden dazu zwingen, mit all seinen Kräften und über seine Kräfte hinaus die Fürsorgewerke der Kultusgemeinde zu fördern. So wie wir Juden unseren Glauben Jahrtausende unverändert bewahrt haben, so wie wir Juden als Schicksalsgemeinschaft durch die Weltgeschichte gegangen sind, ohne daß wir in jüdisch-ethischer Beziehung uns geändert haben, ebenso hat sich der in der Bibel gelehrte jüdische Wohlfahrtssinn erhalten und bis zum heutigen Tage jene jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen in der ganzen Welt erstehen lassen, die mit Recht als unsere Institutionen bezeichnet werden müssen. Der Besuch der Wohlfahrts'mstitutionen der Kultusgemeinde muß jeden lehren, daß der durch diese Institutionen Bedachte keine Nummer ist, die zu versorgen man verpflichtet ist, sondern daß er sich in seiner Not und seinem Elend immer als Mensch fühlen kann und darf, ohne verschämt die Augen zu Boden schlagen - zu müssen, weil er von Fremden Almosen empfängt. Jugend, Erwachsene und Alte, blinde, kranke und verkrüppelte Menschen werden ohne Unterschied ihrer Staatszugehörigkeit in treuer jüdischer Nächstenliebe vor der bittersten Not bewahrt und davor geschützt, vielleicht in höchster Verzweiflung das Leben nicht mehr lebenswert zu empfinden. Die Abbildungen in der veröffentlichten Broschüre allein sind nicht imstande, Beweis des großen Liebeswerkes der Kultusgemeinde zu sein, man muß die Anstalten selbst besuchen und dort die dankbaren Gesichter von jung und alt sehen, dann wird wohl jeder Jude, wenn er auch nur noch durch sein Lippenbekenntnis oder aus irgendwelchen traditionellen Gründen sich als Jude fühlt, stolz sein müssen, daß er durch seine Steuerleistung zu diesen Wohlfahrtswerken beigetragen hat. Ich bin überzeugt, daß diese Broschüre der Kultusgemeinde den durch die Wirtschaftskrise leidenden jüdischen Wohlfahrstinstitutionen viele Freunde bringen wird. Nur wer selbst Gelegenheit hat, an diesem"- edlen Werke mitzuhelfen, der ist imstande zu empfinden, wieviel Schönes und Gutes man durch diese Tätigkeit für sich selbst, für die seelische Befriedigung des eigenen Ichs zu leisten vermag. GOBELINS nach Gemälden berühmter jüdischer Maler erzeugt Atelier ZAHRADNIK Wien V.f Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon U 40-9-17 wußtsein aufdrängen, daß ich ein Verbrecher bin. Uebrigens die Knöpfe meiner Beinkleider tragen die Prägung: ,for Gentlemen'." Nur alle drei Wochen ist ein Besuch gestattet. Für diese Stunde lebt das Wenige, was von dieser Mutter aller Mütter übrig blieb. Der Sohn ist kein körperlicher Held. Ein Hochschullehrer in Innsbruck hat ein beginnendes Lungenleiden festgestellt. Der Gefängnisarzt in Stein, ein alter Mediziner, der wohl noch nie einen Röntsenapparat gesehen hat, glaubt an Lungenleiden nur bei heftigem Fieber, so daß er Krankenkost und Erleichterungen verweigert. Frau Halsmann hat wiederholt mit uns ihre Mahlzeit genommen, aber man. merkte, daß sie sich nur sättigt. Ihre Gedanken weilten bei dem kranken Sohn, dem Einsamen in der Kerkerzelle, dem jede wahrhaft bekömmliche Nahrung versagt wird. Aus Innsbruck kam nach der zweiten Verurteilung die Klage, daß dem Seelsorger nicht mehr gestattet sei, Halsmann allein zu sprechen. Meine Fürsprache bei Justizminister Dr. Slama hatte Erfolg. Schon am nächsten Morgen wurde ich telephonisch verständigt, daß es sich um ein Mißverständnis handle, das rasch behoben wurde. Aber in Stein wollte der Minister nicht eingreifen. Und er gab mir klar und ohne Rückhalt die Begründung. Ich verstand seine Handlungsweise, aber nicht die Mutter. Sie rief ein über das andere Mal, „aber mein Sohn ist doch krank, er muß doch sterben, wenn er nicht ärztlich behandelt wird". Welche Stunden! Welche Qual, welch peinvolle Mühe, einer verzweifelten Mutter die Grenzen ministerieller Macht gegenüber menschlichen Institutionen zu erklären. Minister Dr. Slama hat im Rahmen des Zulässigen allen unnötigen Druck zu mildern verstanden, ohne durch Eingreifen in einem Einzelfall unliebsame Kommentare zu provozieren. Politische Bedenken! Der alte Arzt machte einem jungen, modernen Mediziner Platz, einem gütigen Menschen, der in der letzten Zeit alles versuchte, die Krankheit zu bändigen. Der Seelsorgerposten wurde systemisiert und den anderen Konfessionen gleichgestellt, so daß der jüdische Seelsorger Halsmann jede Woche besuchen konnte. Eine Bedingung hatte der Minister gestellt. Wir alle sollten dazu helfen, öffentliche Kundgebungen, Begnadigungsgesuche von Unberufenen und Besprechungen in den Zeitungen zu verhüten. Frau Halsmann ordnete sich bald unter. Und als die Nachricht der Begnadigung verfrüht in die Presse kam, eilte sie bis 2 Uhr nachts von Redaktion zu Redaktion, um die weitere Verbreitung der Nachricht zu verhindern. Am nächsten Tag war sie bis zur Unkenntlichkeit erschöpft, ihre vörnehme Verhaltenheit von ihr gewichen, die Augen unstet, die Hände in zitternder Bewegung. Man hatte ihr gesagt, daß alle Unterschriften gegeben seien, man müsse jedoch warten und ihren Sohn mit zahlreichen anderen gemeinsam begnadigen. Die verfrühten Zeitungsnotizen könnten alles zerstören. Und darum war sie bis zur Fassungslosigkeit erschüttert. Im Weggehen noch ein Wort über den Sohn, den sie hoffte, uns bald persönlich zuführen zu können. Mit schmerzhaftem Lächeln sagte sie: „Man soll nie an sich selbst erfahren, was eine Mutter imstande ist, auszuhalten." Sie aber hat es erfahren — und noch als sie sicher war, ihren freien Sohn umarmen zu dürfen, traf sie der Peitschenhieb des erbarmungslosen Schicksals! Sie hoffte, am heiligsten Tage ihres Jahres mit dem freien Sohne vor Gott zu stehen; er blieb ein internierter Schübling. Nein, man soll es wirklich nicht wissen, was einer Mutter auszuhalten beschieden ist. Heinrich York-Steiner. I ■=■= i fltewte ml BiniaiaMt i ^Das vollständig renovierte und adaptierte wi Abbazia Wien II., AusstellungsstraBe Nr. f j» vom Maler Forscher als Sehenswürdigkeit Wiens m gemalt, wurde Samstag, den 4. Oktober 1930, von den neuen Besitzern Meiste!» mid Winkle v III wieder eröffnet Iii Samstag und Sonntag jj* Roizirt der Kapells Holfsibal I und Publikumstanz . Bürgerliche Küche und Getränke. Mäßige Preise. Sämtlicher Speisen- und Getränkevorrat elektrisch automatisch gekühlt durch hKELVINAIORM Eisschrank- und Kühlanlagefabrik 1 Bqttmam, Bleu 1»., Bwianfifwafeaft Ifrjj Ueberparteüichkeit Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die überwältigende Mehrheit des österreichischen Judentums sich danach sehnt, aus der unseligen Parteipolitik, die den Bestand der Kultusgemeinde gefährdet, herauszukommen, in Deutschland geht man jetzt daran, dieser auch dort bestehenden Sehnsucht die Möglichkeit der Verwirklichung zu bieten. Bereits vor Monaten ist der folgende Aufruf an einen kleinen Kreis von Persönlichkeiten ergangen, und unter dem Eindruck der jüngsten politischen Ereignisse ist er von Hunderten führender jüdischer Männer und Frauen aus ganz Deutschland geradezu als Erlösung begrüßt worden. Menschen, deren Stellung im öffentlichen Leben diesem Schritt seine besondere Bedeutung gibt, haben sich zu einer überparteilichen Vereinigung zusammengeschlossen, die in ernstester Zeit mit dem folgenden Programm an die jüdische Oeffentlichkeit tritt: Die überparteiliche Vereinigung für die ücsamtiiiteressen und die Einheit des Judentums bezweckt den Zusammenschluß aller derjenigen, die, auf welchem Standpunkt immer sie persönlich stehen mögen, das ueberhandnehmen des Parteiwesens in unserem öffentlichen jüdischen Leben a I s c in Unglück empfinden. weH sie in der dadurch bedingten Verschärfung der Gegensätze eine Getanr mr d«n Bestand der Gemeinden und. in einer Zeit höchster wirtschaftlicher und politischer Not. eine selbstmörderische Untergrabung unserer Widerstandskraft erblicken. Sie erstrebt eine Entgiftung des öffentlichen jüdischen Lebens durch Verwirklichung des Grundsatzes, daß m der judischen Arbeit nicht das Sonderinteresse der Parteien, sondern das Wohl des Ganzen den Maßstab der Dinge zu bilden habe und nicht durch Heräusarbeitung des Trennenden die Gegensätze verschärft, sondern durch Betonung, und Pflege des Gemeinsamen die Grundlagen für eine Verständigung geschaffen werden müssen. Sie will dieses Ziel dadurch erreichen, daß sie in die Vertretung der Gemeinden und Verbände Persönlichkeiten entsendet, die unbeschadet ihrer eigenen Einstellung, in ihrer öffentlichen jüdischen Tätigkeit sich, nur als Vertreter der Gesamtheit fühlen und von der Ueberzeugung leiten lassen, daß nicht durch Radikalismus und extreme Forderungen von der einen oder der anderen Seite, sondern nur durch eine Politik, die eine Politik, die eine Verständigung sucht, der Frieden und die Einheit der Gemeinden und des Judentums erhalten werden können. Sie will dadurch gleichzeitig wertvolle Persönlichkeiten der jüdischen Arbeit gewinnen, die. abgestoßen von cfcr Verwilderung der Sitten und nicht gewillt, sich von einem Parteidiktat Norm und Wegziel weisen zu lassen, bisher von ihr ferngehalten haben, und si« erwartet davon eine gerade in der Gegenwart doppelt notwendige Bereicherung unseres öffentlichen jüdischen Lebens. Uaaaissa444ssiasa44Aaiaisa4aaa<mas^ < -4 ■4 4 < flerren-raaa-sciiDeiderei WIDHELf! BRAUNER Wien IL, Praterstraße Nr. 21 Gegründet 1900 Telephon R 41-6-64 empfiehlt sich zur Anfertigung eleganter Herren - Garderoben Orig. englische Stoffe Erstklassige Ausführung stets lagernd Mässige Preise 3 Zaninnös-frlelcnleranfieii fTfTTf>rT?VT1tTf??Tlff*fT»tf«lfffflf5 ►> ► ►