Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 41 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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er eben noch nicht der große Heimwehrführer war und die Juden und insbesondere ihr Geld dringend brauchte, dem „staatstreuen Judentum" gegeben hat. In dieser Kundgebung wimmelte es von Liebenswürdigkeiten für die österreichischen Juden — die „Zugereisten" waren nicht eingeschlossen — und vor allem beruhigte sie Dr. Steidle für den Fall, als sie irgendwelche Angst vor antisemitischen Exzessen der Heimwehr hätten, 'mit den mannhaften Worten: WirsindkeinePogromanhänger! Das war eine Erklärung, die konnte sich sehen lassen, mit ihr konnte man zu dem ängstlichsten Juden gehen und ihn mit der Versicherung anschnorren: Die Heimwehr liebt dich und will dich nicht verfolgen! Die schönen Zeiten des Dr. Steidle, mit dem sich Herr Jakob Lippowitz so gut verstand, sind endgültig vorüber. An Stelle des Tiroler Recken ist an die Spitze der Heim wehr der junge Fürst aus Oberösterreich getreten, von dem auch Herrn Lippowitz die Fama berichtet hatte, daß er den Juden nicht sehr hold ist. Der edle Fürst kam aus der Hitler-Schule, in der man nicht die besten Dinge über jüdische Sittenlehre lernt. Seine Berufung zum Führer der Heim wehr kam Herrn Lippowitz also höchst ungelegen und da wollte er dem neuen Manne doch zeigen, daß Juden wissen, wie sie sich zu betragen haben. Also ging er hin und richtete an Seine Durchlaucht, den Herrn Fürsten Rüdiger von Starhemberg, die ergebene, aber immerhin dringende Anfrage, wie er sich zum staatstreuen Judentum und Antisemitismus stellt. Der sonst so tüchtige Journalist Jakob Lippowitz war diesmal unklug genug, das Telegramm, das seine famose Anfrage enthielt, auch den Lesern des „Neuen Wiener Journals" bekannzugeben. Denn durch diese Unvorsichtigkeit war er gezwungen, diesen Lesern, die vor Neugierde gewiß nicht schlafen konnten, auch die Antwort des Fürsten bekanntzugeben, die kläglich genug war. Von allem möglichen sprach der gute Mann in seinen wenigen und gar nicht höflichen Antwortzeilen, nur nicht — wie Herrn Lippowitz erwünscht — vom Judentum und Antisemitismus. Herr Lippowitz mußte sich tiefbetrübt mit dieser Antwort, die, weil sie keine Antwort war, für jeden anderen eine Antwort gewesen wäre, begnügen, daß er damit auch zufrieden war, möchten wir füglich bezweifeln. In Parenthese sei bemerkt, daß Herr Jakob Lippowitz mit derartigen staatsmännischen Anfragen in letzter Zeit immer das gleiche Glück hat Auch an den neuen Bundeskanzler Carl Vaugoin richtete das „Journal" kürzlich die Anfrage, ob der hochverehrte Herr Bundeskanzler die Anschauung des Lippowitz-Blattes teile, daß das staatstreue Judentum ein gleichwertiger Bundesgenosse ist, der vor Beschimpfungen oder gar vor Verfolgungen geschützt werden muß. Herr Vaugoin gab auch nicht eine gerade Antwort, auch er vermied es peinlich, vom Judentum direkt zu sprechen, aber er tat Herrn Lippowitz wenigstens die Freude, durchscheinen zu lassen, daß die Juden gut daran tun, nur die Christlichsozialen zu wählen. Diese versöhnliche Erklärung paßte Herrn Lippowitz so sehr, daß er sie mit den fettesten Lettern, über die sein Blatt verfügt, den Juden ausgerechnet am Versöhnungstage präsentierte. Papier ist ja geduldig. Auch am Tage, als „Vaugoin — der Befreier" die Regierung übernommen hatte, haben die Setzer des „Journals" die dicksten Buchstaben hernehmen müssen, um den Lobpreisungen für Vaugoin und Starhemberg erst die besondere Wirkung zu geben. Entrüstet schrieb da der stets geradlinige Herr Lippowitz im Leitartikel: „Man erinnert sich noch der Tatarennachrichten, die die Linkspresse anläßlich der Wahi des Fürsten Starhemberg zum ersten Bundesleiter der Selbstschutzverbände aussprengte. Starhemberg sei Nationalsozialist, hieß es da, er sei Kampfgenosse Hitlers, wüster Radauantisemit und was dergleichen tendenziöser Meldungen mehr waren." Daß Herr Lippowitz kaum einen Monat vorher selbst diesen „Tatarennachrichten" geglaubt hatte, daß er sich, wenn auch vergeblich, zur Entkräftung dieser „tendenziösen Meldungen" in Telegrammunkosten gestürzt hatte, daran hat er, der Vielgeplagte, im Drange seiner umfangreichen politischen Geschäfte sicherlich ganz vergessen. Allein schon nach vier Tagen mußte er sich daran erinnern, daß seine erste Empfindung, daß der Herr Innenminister Fürst Rüdiger von Starhemberg doch ein ganz normaler Antisemit sei, die richtigste gewesen ist. Auf dem Wiener Heldenplatze sprach der fürstliche Held von „krummnasigen Zeitungsschmierern" — das mußte der Heimwehr-Lippowitz erleben! —, von dem „Siege, der unser sein wird, wenn der Kopf des Asiaten Breitner in den Sand rollt". Wir müssen sagen, daß uns diese jugendlich überschäumenden Wortexzesse, wenn wir von der Stellung des Redners als Minister des Innern, als Hüter der Ordnung und Ruhe absehen, gar nicht besonders aufregen. Noch vor wenigen Monaten hat der edle Fürst gegen die „fremden, plattfüßigen Parasiten aus dem Osten" gehetzt, er scheint sich eben für die jüdische Somatologie so sehr zu interessieren, daß er von den „Plattfüßen" und „Krummnasen" bis zu dem „asiatischen Kopf" greift, der in den Sand rollen soll. Herrn Jakob Lippowitz aber haben diese Beschimpfungen ganz aus dem grünen Häuschen, in dem er sich schon so wohl fühlte, gebracht. Nun hatte er — bis auf Widerruf — ge- 1= UFA-TON-KINO Wim Ii., TaborslraB« Telephon R 41-2-41 Sensations-SprechfUm Päetbi 100% deutscher Dialog Beginn der Vorstellungen: 3/«5,7 and 7,10 Uhr An Sonnand Feiertagen ab 3 Uhr uug. Er fiel wütend über Starhemberg her, den aber diese Maßregelung, deren Höhepunkt die Berufung auf die philosemitischen Anwandlungen Dr. Steidles bildete, kalt ließ, zumindest ist wegen dieser Zurechtweisung dem Herrn Fürsten der Boden unter den Füßen nicht zu heiß geworden, zumal sofort, als man die Wirkung im Auslande sah, der brave Löschmeister Vaugoin mit der jetzt viel beschäftigten Dementierspritze auffuhr. - Aber eine schmerzliche Blamage erfuhr nun Herr Lippowitz durch die „D ö t z", das Leibblatt des Starhemberg, das also schrieb: „Klar und eindeutig wird die Läse, in die die Heimatwehren durch die verschiedenen christlichsozialen UeberrumDelungsversuche gedrängt werden sollen, durch den unerhörten und geradezu dreisten Schmieraufsatz gekennzeichnet, den das „heimattreue" jüdische ..Wiener Journal" gestern gegen Fürst Starhemberg zu richten sich erlaubte. Dieses „noble" Judenblatt hat . . . Bundeskanzler Doktor Schober seinerzeit in Katastrophenlettern als den ..Großkanzler von Weltformat" gefeiert, um ihm wenige Monate darauf bei seinem Abschied Eselstritte zu versetzen und gleichzeitig vor Fürst Starhemberg auf dem Bauche zu liegen, nun wechselt es seine ..hei matt reue" Gesinnung neuerlich, liegt vor Vaugoin im Staube und schmäht Starhemberg in unerhörter Weise. Das heimattreue Volk sollte doch endlich einmal erkennen, wie es von seinen jüdischen ..Anwälten" an der Nase herumgeführt und auf das schmählichste belogen und betrogen wird." Wir sind nicht zimperlich, der Vorwurf, den die „Reichspost" dieser Tage gegen jene Politiker erhebt, die wegen „einiger scharf zugespitzter Wendungen des Innenmini sters", die aber das vorsichtige christlichsoziale Blatt nicht wiedergibt, in Aufregung geraten, trifft uns also nicht. Zimperlich muß jene widerliche Sorte jüdischer Journalisten sein, die den Todfeinden des Judentums nachläuft, dem Judentum aber einreden will, daß sie in diesem Lager Schutz und Frieden finden können. Oskar Hirschfeld. Peuitieton Halsmanns Mutter. Flammende Augen, die tief aus rotgeränderten Falten schauen, Augen, die suchen, bitten und anklagen. Sie schauen aus einem kleinen runden Gesicht, dessen Wangen ausgebrannt sind von zehrendem Feuer. Die zarte Gestalt Tag um Tag unscheinbarer. Die Gesten müde, das Wort fast unhörbar. Und das war gut so, denn was sie zu sagen hatte, hemmte den Herzschlag, störte jedes Behagen des Tages, durchzitterte die Ruhe der Nächte. Eine Mutter, die aus dem freudigen Dasein guter Bürgerlichkeit, im glücklichen Besitze zweier Kinder, beide heranreifend im Bemühen um die Gaben moderner Kultur, die verwöhnte Frau eines jovialen Mannes, dem der Erwerb leicht wird, der das Leben als guten Scherz genießt Und diese Frau steht eines. Tages an der Bahre ihres Gatten, neben ihr der Sohn als Gefangener, als verfolgter Mörder seines Vaters. Endergebnis einer heiteren Sommerfahrt! Nur Mütter, nur Frauen reger Phantasie, tiefsten Mitempfindens, vermögen zu ahnen, was dieses Weib in jenen Stunden erlitten hat Wie trug sie dieses grauenhafte Geschick? Es hat wohl ihren Leib aufgezehrt, aber ihi Geist blieb aufrecht, ihr Wille gestählt, ihre Kraft wurde ins Riesenhafte gesteigert Schmerzhafte Mutter! Sie bestürmt den Untersuchungsrichter: „Sie können doch nicht glauben, daß mein Kind, mein Philja, seinen Vater soll ermordet haben?" Der junge Gerichtsbeamte ist tief gerührt und zieht weiter eifrig und stetig die dünnen Fäden zu jenem Netz zusammen, in dem Philipp gefangen werden soll. Frau Halsmann erzählt bitteren Tones davon. Seine fleißige Arbeit schaffte ihm eine Berufung ins Justizministerium. Sie eilt zum Staatsanwalt Erzählt von ihrem Familienglück spricht von der Noblesse des Sohnes, von der Güte des Vaters, „Sie werden doch gegen solch einen Menschen nicht die Anklage wegen des fürchterlichsten Verbrechens erheben, das die Menschheit kennt". Auch der Staatsanwalt ist tief bewegt Er fragt, notiert liest, verhört und erhebt die Anklage. Mater dolorosa, schmerzhafte Mutter vieler Tage, vieler Nächte, zahlloser Stunden. Unter fremden und fremdartigen Menschen der Neugierde preisgegeben. Opfer des Vorurteils, Schaustück einer feindseligen Menge. Auch teilnehmende Menschen nahen sich in Wort und Schrift, aber jede Berührung schmerzt. Im Schwurgerichtssaal: Nun ist es Wahrheit Ihr Sohn, ihr Stolz, der Inbegriff aller Tugend, muß Ruf und Freiheit vor zwölf fremden Menschen verteidigen und sie, mitten unter einer feindseligen Menge, aus der hie und da bösartige Rufe dringen, besonders wenn ihr Bub mit schneidender Logik um sein Leben kämpft. „Wenn nur der Jud das Maul halten möcht'!" und Aehnliches. Sie klagt dem Verteidiger, daß die Stimme im Saal gefährlich ist Dieser will von ihrer Mitteilung keinen Gebrauch machen, die Atmosphäre nicht noch mehr vergiften. Und übrigens, auf diese Indizien hin kann kein aufrechter Mann ihren Sohn schuldig sprechen. Am Abend desselben Tages ist Philipp Halsmann wegen Vatermordes zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Sie eilt auf den Friedhof und ruft den toten Gatten zum Zeugen der Unschuld ihres gemeinsamen Kindes. Denn er weiß die Wahrheit Sie denkt nicht viel über die Möglichkeiten des dunklen Vorganges, sie weiß nur eines: ihr Sohn ist unschuldig. Und in diesem Bewußtsein wachsen dieser zarten Frau Riesenkräfte. Sie, die nie aus dem Kreis bürgerlichen Behagens hinausgestrebt, sie bewegt Männer, dirigiert Anwälte, besucht Richter, bittet bei Gefängnisbeamten, erkundet Verbindungen nach links, nach rechts, nach oben, nach unten, führt Buch über jedes Wort, sammelt jede Zeile, die über ihren Philja gedruckt wird, so daß die Welt nur noch zweierlei Menschen für sie enthält Solche, die Philja als schuldig betrachten, und jene, die an ihn glauben. Und diese wieder scheiden sich in passiv bedauernde und für ihren Sohn tätige. Die vor wenigen Monaten noch wohlhabende Frau drücken Geldsorgen. Aber sie ordnet mit Hilfe einer fremden Kraft Drucksorten, Akten, Bücher, Briefe, kopiert diktiert, mühelos und ohne Bedenken. Die dauernde Spannung löst sich in steter Geschäftigkeit. Dann aber eines Tages zerreißt die überspannte Seite des Nervenspieles. Es ist in der zweiten Nichtigkeitsbeschwerde vor dem Obersten Gerichtshof. Wir hören wie betäubt das zurückweisende Erkenntnis, während von einem rückwärtigen Sitz ein furchtbarer Ruf die Luft zerteilt, eine schrille Klage das Wort des Richters übertönt, ein Schrei, den keiner je vergessen wird, der ihn mit angehört hat: „Aber er ist doch unschuldig, meine Herren!" Vergeblich hat der. Referent in der Einleitung erklärt, daß die Frage der Schuld hier gar nicht erörtert werden würde, sondern nur etwaige Gebrechen der zweiten Verhandlung. Das erste Urteil hatten die obersten Richter verworfen, das zweite auf Totschlag bleibt aufrecht. Und nun ist Frau Halsmann aus aller Bürgerlichkeit gelöst, die Mutter eines überführten Totschlägers, eines Zuchthaussträflings. Im Gefängnis zu Innsbruck war der Sohn ein Angeklagter, der voll menschlicher Teilnahme behandelt wurde. Nun soll sie den Sohn geschorenen Hauptes, in der Uniform eines Verbrechers sehen. Halsmann bereitet die überaus geliebte Mutter auf den niederdrückenden Anblick vor, indem er sein Aussehen humorvoll beschreibt und hinzufügt: „Aber nichts kann mir das Be-