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Die Wahrheit · 1930-10-10 · Heft 41 (10.10.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 41 (10.10.1930)
Date
1930-10-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die tBakrlieif Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungender »Union deutschösterreichischer Juden und den Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien M Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 10. Oktober 1930 Nummer 41 Neuwahlen! ' Für den 9. November sind die Neuwahlen für den Nationalrat ausgeschrieben. Das Volk von Oesterreich, von dem nach unserer Verfassung alles Recht im Staate ausgeht, hat nun das Wort. Es hat das Recht, sich seine Vertreter selbst zu bestellen. Nur ein einzigesmal innerhalb von vier Jahren hat jeder einzelne wahlberechtigte Bürger die Möglichkeit, unmittelbaren Einfluß auf die Staatsmaschinerie auszuüben, indem er mit dem Stimmzettel in der Hand jene Gruppe bestimmt, von der er die Vertretung seiner kulturellen und wirtschaftlichen Interessen erwartet. Mit diesem Rechte des Staatsbürgers erwächst ihm aber auch eine heilige Pflicht, die Pflicht, nicht oberflächlichen Schlagworten nachzujagen, sondern seine Wahl von einer sorgfältigen Prüfung und Erwägung abhängig zu machen. Gerade darin liegt ja der erzieherische Wert der Demokratie, daß sie das Pflicht- und Verantwortungsgefühl des Bürgers für die Vorgänge im öffentlichen Leben entwickelt und stärkt. Die wirtschaftlichen Verhältnisse Oesterreichs sind gegenwärtig derart trostlos, daß es Pflicht aller Parteien wäre, das Interesse der Wähler für die Lösung der schwierigen wirtschaftlichen Probleme zu erwecken, und nichts wäre verständlicher, als daß der einzelne Wähler sich die Frage vorlegen würde, welche der vorgeschlagenen Lösungen entspricht meinen Bedürfnissen am besten. Jeder einzelne Wähler hätte dann gar bald die Antwort auf die an sich selbst gestellte Frage gefunden, welcher Partei er seine Stimme zu geben habe. Im Gegensatz zu den wahren Bedürfnissen des Volkes wird von den wahlwerbenden Parteien das Interesse der Oeffentlichkeit an den Versuchen zur Gesundung unserer Wirtschaft in den Hintergrund gedrängt. Die ödesten, abgebrauchtesten politischen Schlagworte, häßliches Gezänke, gegenseitige Beschimpfungen und Drohungen beherrschen die Versammlungssäle und füllen die Spalten der Parteiblätter. Ja, wir erleben sogar das beschämende Schauspiel, daß Mitglieder unserer Regierung in diesen Ton verfallen. Die Politik, die Dienerin der Wirtschaft sein sollte, sie wird auch in diesem Wahlkampf, der um die wirtschaftliche Rettung Oesterreichs geführt werden müßte, zum Selbstzweck. Einen Lichtblick inmitten dieser von allen schaffenden Bürgern dieses Staates, beklagten Zustände bildet der Entschluß der Führer unserer großen wirtschaftlichen Korporationen, aus ihrer bisherigen Zurückhaltung herauszutreten. Sie sehen die Not in allen Schichten der Bevölkerung, die Lahmlegung von Industrie und Gewerbe, den Stillstand im Handel, die Bedrängnis der freien Berufe gleich wie den schweren . wirtschaftlichen Kampf der Angestellten und Arbeiter. Sie, die Kenner und Führer der Wirtschaft, sie wissen, daß wir es uns nicht erlauben können, jetzt große politische oder Kulturkämpfe auszufechten, sondern daß es jetzt .-gilt, einen Ausgleich zwischen den radikalen Parteien herbeizuführen. Nicht der Sieg der einen oder anderen extremen Strömung, sondern ein — wenn notwendig — erzwungener Waffenstillstand zwischen den Parteien wird von fast allen Wirtschaftskreisen ersehnt. Zwischen den beiden großen, im heftigsten Kampfe liegenden Parteien muß sich ein Block von gemäßigten Männern einschieben, von Männern, die das Gesamtwohl des Staates den Parteiinteressen voranstellen. Von diesen Gedankengängen ließen sich die Führer der Wirtschaftsverbände leiten, als sie den Plan zur Bildung eines bürgerlichen Mittelblockes entwarfen. Die Blicke aller gutgesinnten, friedfertigen und besonnenen Oesterreicher ohne Unterschied von „Klasse und Rasse" richteten sich auf Altbundeskanzler Dr. Schober, der ihnen allen als der einzige Mann unter den gegenwärtigen Verhältnissen erschien, der noch imstande wäre, alle staatsbejahenden, verfassungstreuen Bürger zu sammeln. Seine Gesetzestreue, sein Pflichtgefühl, seine bewährte staatsmännische Kunst, die ihm das Vertrauen des Aus- und Inlandes verschafft haben, prädestinieren ihn zum geistigen Führer aller Oesterreicher, die eine ruhige organische Entwicklung unserer politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse wünschen. Es mag Dr. Schober, der keiner Partei, sondern ganz Oesterreich angehören will, nicht leicht fallen, in die politische Arena hinunterzusteigen und sich in das Kampfgewühl zu mengen, doch dem Rufe seiner auf ihn vertrauenden Mitbürger wollte und konnte er sich nicht entziehen. Dieses Beispiel von Selbstaufopferung und Selbstentäußerung im Dienste des Staatswohles sollte richtunggebend sein. Dieses Beispiel sollte auch jene nationale Gruppe, die vor allen anderen Herrn Dr.- Schober für sich reklamieren zu dürfen glaubt, dazu bringen, ihren national-völkischen Chauvinismus, ihr dünkelhaftes, unwürdiges Vorurteil gegen andersgläubige Mitbürger über Bord zu werfen, oder doch wenigstens den guten Willen zu zeigen, den Weg der ,3esserung" sichtbar beschreiten zu wollen. Die Herren werden sich täuschen, wenn sie glauben, es könnte ihnen gelingen, Dr. Schobers guten Namen einfach zur Verbesserung ihrer Wahlaussichten zu mißbrauchen, sie gehen irre, wenn sie meinen, Dr. Schober werde an die Spitze einer rässenantisemitischen Partei oder Parteiengruppierung treten. Sie werden die Rechnung ohne den Wirt machen, wenn sie glauben, jüdische Stimmen erhalten zu können, ohne ihrerseits die notwendigen Zugeständnisse zu machen. Mit heller Begeisterung würden die jüdischen Bürger Oesterreichs für eine Parteiengruppierung unter Führung Dr. Schobers eintreten, den sie als einen unparteiischen, korrekten Mann schätzen zu lernen Gelegenheit hatten und von dem sie wissen, daß er sein Bestes für die Gesundung unseres Vaterlandes leisten werde. An uns Juden wird es nicht liegen, wenn der Schober-Block nicht zustande kommt. „Schützet uns vor unseren Freunden..." Das österreichische Judentum steht in einem recht merkwürdigen Verhältnis zur bürgerlich-freiheitlichen Presse. Die Antisemiten aller Couleur machen uns immer wieder den Vorwurf, daß wir bei jeder passenden Gelegenheit über dieses Forum der öffentlichen Meinung zum Schaden der „bodenständigen Bevölkerung" verfügen, daß in diesen Organen, wie jüngst von allerhöchster Stelle festgestellt wurde, „krummnasige Zeitungsschmierer" unter unserem unseligen Einflüsse stehen und für unsere ruchlosen Zwecke arbeiten. Die Wirklichkeit verhält sich, wie alle Welt weiß, ganz anders. Das österreichische Judentum als solches kann sich bei der bürgerlichen Presse, die sich oft zu Unrecht eine freiheitliche nennt, nur in den seltensten Fällen durchsetzen; es sind dies wohl, wie der Volksmund sagt, „Judenblätter", aber alles eher denn „jüdische Blätter", d. h. Organe, die für jüdische Interessen — und auch für Interessen der jüdischen Bürger dieses Staates — Sinn und Verständnis haben. Nur eine Tageszeitung hat in den letzten Wochen und Monaten ganz plötzlich ihr Herz für das österreichische Judentum entdeckt, dem es bisher trotz der jüdischen Abstammung ihres Herausgebers, vieler ihrer Mitarbeiter und Redakteure vollkommen fremd gegenüber gestanden ist. Man kann heute das „Neue Wiener Journal" an jedem Tage beruhigt aufschlagen, auf irgend einer Seite wird sich schon das Blatt des Herrn Jakob L i p p o w i t z mit jüdischen Problemen und Menschen befassen, wenn schon ausnahmsweise einmal nicht im Leitartikel, so mit tödlicher Gewißheit im — Inseratenteil. Wir sind aber natürlich weit davon entfernt, anzunehmen, daß dieses seltsame Interesse des Herrn Lippowitz materiellen Motiven entspringt. Da aber anderseits der gute Mann seine Liebe zum Judentum erst in seinen alten Tagen entdeckt hat, muß man sich bangen Herzens fragen, ob diese Liebe wirklich eine echte ist, ob sie nicht mehr dem Verstände als dem Gefühle entspringt. Wir wissen, bei welcher Politik heute Herr Jakob Lippowitz nach manchen Wandlungen angelangt ist. Er hält es mit den stärkeren Bataillonen, er geht durch dick und dünn mit der faszistischen Heimwehr, so schwer ihm dieses Mitgehen von den Leuten, an deren Frackschößen er sich gehängt hat, gemacht wird. Ja, man darf sagen, daß es schon mehr ein Kriechen als ein aufrechtes Gehen ist. Denn allzu groß ist die Vorliebe dieser Herrschaften für die Juden gerade nicht, selbst nicht für jene, die ihnen in eitler Selbstverblendung materielle Mittel zur Verfügung stellten, und auch nicht für jene, die ihnen journalistische Handlangerdienste leisten. Unter S t e i d 1 e ging's ja noch. Herr Jakob Lippowitz erinnert sich besonders in diesen schicksalsschweren Tagen stets mit bitterster Wehmut der liebedienerischen Erklärung, die dieser große Heimwehrführer, als

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