Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 40 (3.10.1930)
- Date
- 1930-10-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Glaubensgenossen in den letzten Tagen ersehen habe, daß so wie ich fast alle anderen wegen der Zukunft in Sorge sind und nicht wissen, wie sie sich als Juden zu den politischen Vorgängen stellen sollen. Wie sollen wir uns, wenn Neuwahlen kommen, verhalten, wem sollen wir unsere Stimme geben? Wer schützt meine wirtschaftlichen Interessen? Wer schützt mich als Juden gegen unberechtigte Angriffe und gegen Ungesetzlichkeiten? Die eine Partei würde mir wirtschaftlich entsprechen, sie ächtet aber mich als Juden, die andere Partei hat zwar noch nie gegen Juden etwas unternommen, schädigt mich aber wirtschaftlich. Soll ich also charakterlos sein und meine wirtschaftlichen Interessen wahren, oder kann ich denn in der heutigen schweren Zeit, wenn ich auch ein noch so guter Jude bin, zur Schädigung meiner materiellen Lage beitragen, oder soll ich gar, weil ich nicht ein noch aus weiß, auf mein Stimmrecht verzichten? Wir wollen uns doch von unseren christlichen Mitbürgern nicht trennen, wir haben doch in diesem Lande dieselben Interessen. So viele Fragen und keine Antwort! Wer gibt sie uns? Es fehlt der Weiser, der uns den richtigen Weg zeigt Ich habe mit großer Freude Ihren Artikel über die politische Vertretung der Juden gelesen und stimme mit vielen Glaubensgenossen aus vollem Herzen der Aufforderung zu, daß kein jüdischer Wähler einer antisemitischen oder antidemokratischen politischen Partei seine Stimme geben dürfe. Doch wen soll man wählen, wenn man aus wirtschaftlichen Gründen nicht sozialdemokratisch wählen kann. Es gibt doch leider im Parlament keine bürgerliche Partei, die nicht mehr oder weniger antisemitisch wäre. Die neuen Wahlen machen uns Juden neue Qualen! * * $ Jugend voran! ImBrigittenauerTempel brachte, wie uns Herr L. B. mitteilt, am ersten Roschhascbonoh- Tage der Obmann des Tempelvereines, Herr Josef Kohn, da Herr Rabbiner Dr. Armin Abel es krankheitshalber im Tempel nicht anwesend sein konnte, einen Aufruf an die Vereinsmitglieder unter größter Aufmerksamkeit zur Verlesung. Wir entnehmen diesem aktuellen Aufrufe, der zur Nachahmung auch den anderen Tempel- und Bethausvereinen empfohlen werden kann, folgende markante Stellen: „Mit unseren J-ungen und mit unseren Alten wollen wir gehen, mit unseren Söhnen und mit unserenTöchter n!" So lautete die Antwort, welche unser großer Lehrer Moses dem Tyrannen Pharao auf dessen Frage erteilte: „Wer sind es denn, die da ziehen sollen?" Nicht mit Unrecht steht in dieser Antwort die Jugend an erster Stelle; denn „die Jugend voran" war schon damals das Losungswort. Auch wir möchten aus vollstem Herzen rufen: „Jüdische Jugend des XX. Bezirkes! Voran!" Gerne, sehr gerne möchten wir Alten einträchtig mit Euch „Jungen" gehen überall dort, wo es sich um die Erhaltung und Belebung unseres hehren Judentums, unserer erhabenen Religion handelt. Leider macht man gegenwärtig fast überall die niederschmetternde Erfahrung, daß die heranwachsende jüdische Generation von der jüdischen Religion und deren unvergleichlichen Ethik sich immer mehr entfernt oder sich vielfach schon entfernt hat. In dem aufreibenden Kampf ums Dasein einerseits, infolge des Bestrebens nach Anpassung an die Umgebung anderseits, sowie endlich, aber nicht zuletzt aus politischen Gründen sind zahllose Juden von ihrem angestammten Glauben abgefallen. Und doch ist es des Schweißes der Edelsten und Besten wert, dieser traurigen Bewegung hemmend entgegenzutreten und alle Kräfte anzustrengen, um diese kostbaren Menschen für das Judentum und seine erhabenen Lehrern nicht verloren gehen zu lassen. Wir richten deshalb an Sie alle die Bitte, junge Männer Ihrer Familie oder Ihrer Bekanntschaft uns namhaft zu machen, welche dem Judentum treu anhängen, welche noch Sinn und Interesse haben für unsere wahrhaft jüdischen Bestrebungen, welche aber auch gewillt wären, sich uns zur Verfügung zu stellen. Wir werden dann diese jungen Leute zu einer gemeinsamen Besprechung und Beratung einladen, um, fern von jeder politischen Einstellung, aber auch ohne Rücksicht auf verschiedene weltanschaul icheAuf f assungMi ttel undWege zu suchen und zu finden, um unserem schönen Ziele, unsere Jugend für das hehre Judentum zu erhalten oder zurückzugewinnen, näher zu kommen, zur Hebung des Ansehens der Glaubensgenossen, zum Heile unserer Jugend und zur Ehre Gottes. Die Segnungen des Nationalismus. In Prag ist.es in der Vorwoche wieder einmai zu schweren Tumulten gekommen. Diesmal waren der Anlaß die d e u t s c h e n Tonfilme, deren Bevorzugung durch das Prager Publikum den tschechischen Chauvinisten nicht in den Kram paßte. Mit dem Sturm gegen die deutschen Tonfilme begann der Wirbel, bei dem die Polizei untätig zusah, und mit stürmischen antisemitischen Mißtönen endete die Sache. Anscheinend faßten die Demonstranten die Frage des deutschen Tonfilms als ein wichtiges jüdisches Problem auf, denn ihre Wut richtete sich ebenso sehr, wenn nicht mehr gegen jüdische Firmenschilder, Schaufenster und Geschäftsläden, wie gegen die Kinos, die den nationalen Verrat der deutschsprachigen Vorführungen begangen hatten. Der Mob zog u. a. auch zum Beth Haara (Jüdisches Volks haus) in der Langegasse, in welchem sich das Kino „Roxy" befindet. Das Kino wurde demoliert. Sämtliche Fensterscheiben des im Beth Haam befindlichen Kaffeehauses wurden eingeworfen. Ueberau wurden Schmährufe gegen die Juden ausgestoßen, insbesondere hörte man immer wieder den Ruf: „Prag den Tschechen, Palästina den Juden!" Die Demonstrationen sind nicht nur auf die Hetze der Rechtspresse, vor allem der „N arodny Listy" zurückzuführen, deren Leitartikel amTage vor den Krawallen einen stark antisemitischen Charakter trug, sondern auch auf nationalsozialistischen und kommunistischen Einfluß. Die Polizeit hat vollständig versagt. Dafür ist ihrem Chef etwas sehr Unangenehmes widerfahren. Auf dem Graben wurde nämlich der Sohn des Prager Polizeipräsidenten Kari M a 1 e k unter Rufen wie „Hier diesen Juden", „Haut die Juden" verprügelt. Malek ist natürlich kein Jude. Inzwischen ist wieder Ruhe eingetreten, wohl weniger infolge der Proteste des einzigen jüdischnationalen Abgeordneten Dr. Ludwig Singer, als infolge der Befriedigung des Pöbels darüber, daß sein Zerstörungswerk den gewünschten Erfolg hatte: Von den Prager Filmleinwänden erklingen keine deutschen Worte mehr. * * * Der antisemitische Krawall der tschechischen Nationalisten verdient Beachtung auch vom innerjüdischen Gesichtspunkt. Die Zionisten der Tschechoslowakei sind auf ihre „nationalen" Erfolge — ohne Grund — besonders stolz, ihre nationalen Minderheitsrechte sind in diesem Lande anerkannt, sie haben einen sehr gewichtig tuenden „jüdischen Nationalrat" zur Vertretung der jüdischnationalen Interessen, ja sogar einen tschechischen Stricker im Prager Parlament, Herz, was willst du noch mehr! Angesichts all dieser hervorragenden Errungenschaften haben es die tschechischen Zionisten natürlich nicht mehr notwendig, sich wie früher zum Deutschtum, mit dem sie in den meisten Fällen Sprache und Kultur gemein haben, zu bekennen, sie haben ja ihre eigene „Nation". Aber bei unpassender Gelegenheit werden sie unliebsam daran erinnert, daß das tschechische Volk solch „feine" Unterscheidungen nicht gelten läßt, „Nieder mit den Deutschen! Nieder mit den Juden!" ertönten die Unisono-Rufe und noch ärger: „Prag den Tschechen, Palästina den Juden!" Allzu eingebildet dürfen also die Prager Zionisten auf ihre „nationale Aufklärungsarbeit" nicht sein, sie ist wahrlich nicht sehr weit gediehen. Danksagung. AHen Freunden und Bekannten, die mir in meinem namenlosen Schmerz um das plötzliche Hinscheiden meiner über alles geliebten Gattin so vielfache Beweise aufrichtigster Teilnahme entgegengebracht haben, insbesondere dem verehrlichen Präsidium der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, meinen verehrten Kollegen im Vorstande des Tempelvereines „Aeschel Awrohom" sowie den hochgeschätzten Beamten des Tempelvereines spreche ich auf diesem Wege meinen tiefgefühlten, herzinnigsten Dank aus. Samson Leenmann. Rabbiner Dr. Zwi Taubes. Wer am 17. v. M. Gelegenheit hatte, der Feier der Installation des neuen Rabbiners des Tempelvereines „Aeschel Awrohom" (Pazmanitentempel) beizuwohnen, dem wird diese Stunde in dauernder angenehmer Erinnerung bleiben. Das Gotteshaus, in helfstem Lichterglanze erstrahlend, war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Unter atemloser Stille hielt Herr Rabbiner Dr. Zwi Taubes, geführt von Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Feuchtwang, von Oberkantor J. Müller und I. Kantor A. Stift, begleitet vom Qesamtvorstande des Tempelvereines mit Obmann Oskar Schrämek an der Spitze, seinen Einzug. In formvollendeter, tiefdurchdachter Rede begrüßte Rabbiner Doktor Feuchtwang den jungen Amtsbruder und wies ihm den Weg, den ein Rabbiner gehen soll, um als wirklicher Führer, als Freund und Berater seiner Gemeindemitglieder geachtet und geschätzt zu werden. Nachdem der Tempelchor den Psalm „Halleluja" zum Vortrage gebracht hatte, bestieg Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Zwi Taubes die Kanzel, um zum erstenmal zu seiner neuen Gemeinde zu sprechen. Das gesamte jüdische Problem, so führte er aus, die jüdische Lehre, der jüdische Glaube, die jüdische Geschichte ist ein mächtiger Felsblock, an dem seit altersher unsere Propheten, Sophrim, Tanaiten, Amoräer, Rabbanim, Prediger und Lehrer mit dem Meißel gearbeitet, um jenes Monument zu schaffen, das die Inkarnation des wahren Judentums darstellt. Auch er wolle an diesem noch lange nicht vollendeten Werke mit seinem ganzen Herzen, mit seiner ganzen Kraft weiterarbeiten. Wenn es ihm nur gelingt, die Punkte und Striche, die seine Vorgänger eingegraben hatten, fortzusetzen, dann sei sein höchstes Lebensziel erreicht. Vor allem müsse die Jugend zur Liebe und Verehrung des Judentums herangebildet und in ihr sichere Säulen und Tragbalken echten Judentums geschaffen werden. Tiefen Eindruck machte die Begeisterung und Liebe für alles Jüdische atmende Rede des jungen Rabbiners auf alle Anwesenden. Jeder Jude ohne Unterschied des jüdisch-politischen Parteibekenntnisses mußte überzeugt sein, daß das Streben dieses jungen Seelsorgers dahin geht, dem Judentum treu zu dienen, die jahrtausendalte herrliche jüdische Lehre zum Gemeingut seiner Gemeinde zu machen, über alle politischen Gegensätze hinweg die Judenschaft zur Ethik und Moral des Glaubens zu erziehen. Jeder Anwesende mußte die Ueberzeugung gewinnen, daß Dr. Zwi Taubes seiner Gemeinde ein Führer sein will, den alle Mitglieder als Führer und Freund anerkennen dürfen, der losgelöst von der Politik des Alltags, dem gesamten Judentum ein Förderer und Schützer sein will. Ein Rabbiner, der solche Ideale sich zum Leitstern seiner Tätigkeit wählt, der gewillt ist, frei von aller Tagespolitik über den Parteien und doch gleichzeitig als Freund neben jedem Juden zu stehen, wird seiner Gemeinde nur Ehre bringen und sich den Namen eines Lehrers, Führers und Freundes verdienen. Dr. Ernst Feldsberg. Der Einführung im Tempel ging eine interne Feier der Vorstandsmitglieder im Sitzungssaale des Tempelvereines voraus, bei welcher Obmann Oskar Schramek Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Zwi Taubes die herzlichsten Glückwünsche des Gesamtvorstandes verdolmetschte. Den Abschluß der Festlichkeiten bildete ein Bankett im Festsaal des Krüger-Heimes, an dem mehr als 100 Personen, darunter in Vertretung der Kultusgemeinde die Vizepräsidenten Doktor J. 0 r n s t e i n und Dr. J. L ö w e n h e r z, in Vertretung der Wiener Tempelvereine Börserat I. Glück sowie in Vertretung des Rabbinerverbandes Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. M. R os e n m a n n teilnahmen und das so recht ein anschauliches Bild von dem festen und vorbildlichen Zusammenhalten der Gemeinde bot. Die gehaltvollen Reden und Toaste der Herren Rabbiner Doktor M. Rosenmann in Vertretung des Rabbinerverbandes, Obmann Oskar Schramek, Dr. Felix Tänzer, Oberkantor J. M ü 11 e r, Kultusvorsteher Prof. M. Rath und Löbl Taubes fanden lebhaften Anklang. Es wurde in diesen Reden viel Treffliches gesagt, was wohl wert wäre, festgehalten zu werden, doch würde dies den engen Rahmen der Berichterstattung weit überschreiten. Tief gerührt dankte Herr Rabbiner Dr. Taubes für das ihm von allen Seiten entgegengebrachte Vertrauen, das zu erringen seine Lebensaufgabe bilden werde.