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Die Wahrheit · 1930-10-03 · Heft 40 (3.10.1930) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 40 (3.10.1930)
Date
1930-10-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 | Teppichhaus WIEN I.. Rotenturmstraße 20 XIII., Linzerstraße 60 GRAZ Murgasse 6 ORENDI S.KHEIN A.G.,W1EM f., Baaeramtark Nr. 10, 12. 14 VII., Maria hlilerstraße 90 (Ecke Ziesters.) Halsmann — frei! Am Tage vor unserem Veirsöhnungsfeste durcheilt das Land die Nachricht, Philipp Hals- Tnann, der junge Rigaer jüdische Student, von dessen Unschuld unzählige Menschen — Juden wie Nichtjuden — überzeugt sind, ist vom Bundespräsidenten nach zweijähriger Haft begnadigt worden. An zwei Versöhnungstagen saß ..der Unglückliche hinter Kerkeirmauern, an zwei .Versöhnungstagen war der liebende Sohn seiner erbarmenswürdigen Mutter, der treue Bruder seiner zärtlichen Schwester durch ein furchtbares Schicksal entrissen worden, das ihnen an einem Tage den Gatten und Sohn, den Vater und Bruder raubte. Das befreiende Gefühl, daß Philipp Halsmann ihnen und mit ihnen dem großen Kreis seiner Freunde und derer, die unbedingt an seine Unschuld glauben, wiedergegeben ist, vermag nicht mit dem Gedanken zu versöhnen, daß dem jungen Menschen statt •des Rechtes, das er forderte, nur — Gnade wurde, noch dazu ein© „administrative Begnadigung", wie sie jedem unbescholtenen Strafgefangenen „bei mustergültiger Haltung" nach Ablauf der halben Strafzeit bedingt zuteil wird. Philipp Halsmann, der junge Student, hat sich in der Strafanstalt Stein, wohin er nach den wechselvollen Ereignissen seiner beiden Inmsbrucker Prozesse und ihrer Nachspiele beim Wiener Obersten Gerichtshof gebracht wurde, in der Einzelhaft „mustergültig" benommen. Er hat dort „mustergültig" Düten geklebt, so lange, bis die körperlichen Entbehrungen, das seelische Leid, die Verzweiflung über sein und der Seinen grausiges Schicksal ihn zusammenklappen Keßen und er in der Mitte des vergangenen Monats in das Anstaltsspital überführt werden mußte. Nun erst — am Immer an der Spitze durch LeisfnngsiaiiltfKelf, Gediegenheit der Ware, ntesen&HswaM und Billigkeit letzten Tage der Regierung Schober — kam die Entlassung, da auch wieder einer der vier Termine*! gekommen war, zu denen der Bundespräsident von dem ihm zustehenden Rechte der „administrativen Begnadigung" Gebrauch machen kann. Unter 120 der dem Bundespräsidenten zur Unterschrift vorgelegten Begnadigungsanträge befand sich auch der für den Häftling Philipp Halsmann, der wegen Totschlag an seinem Vater zu vier Jahren schweren Kerkers verurteilt worden war. Philipp Halsmann ist also nicht im geringsten bevorzugt worden. Jede vorzeitige Begnadigung — und mehr als 50.000 Menschen hatten bereits ein Gnadengesuch unterzeichnet — hätte wie eine Demonstration gegen den Urteilsspruch aufgefaßt werden können, nach dem ein Sohn seinen Vater erschlagen hat, aber deshalb, weil auch die Richter im Zweifel waren, nur vier Jahre schweren Kerkers erhielt. Nicht im Zweifel waren die Unzähligen, die nie glaubten, daß er das Furchtbare begangen hätte. Und diese seine Freunde1, die ihn im Unglück nicht verließen, hoffen nun, da er des Glückes der Freiheit teilhaft geworden, mit ihm, daß eines Tages die Wahrheit doch siegen werde. O. H. Behördi. autor. IMunfadninistratioa ADOLF KRALL IV., Schlelfmühlgasse 11 Telephon B 29-1-48 empfiehlt sich zur Übernahme von Verwaltungen Erstklassige Referenzen Jeder _€es er Hot das 3*©ri! XiMsthxiften aus dem (fubRfmm. Zur Wiener Oberrabbinerfrage. Seit dem Bestände der Israelitischen Kultusgemeinde gab es keinen Zeitabschnitt, in welchem dieses verantwortliche Amt je so lange unbesetzt war, denn die ganze geistige und religiöse Führung der Gemeinde konzentriert sich autoritativ und repräsentativ in der Person des Oberrabbiners. Ueber das Amt eines Seelsorgers, Predigers und Rabbiners hinaus gibt der Oberrabbiner der Gemeinde das geistige Gepräge, als Wegweiser und Richtungsgeber. Nun ist diese wichtigste und bedeutungsvollste Stelle fast drei Jahre unbesetzt, als ob die Neubesetzung nicht das oberste Gebot der Stunde wäre. Darf die Lücke noch unausgefüllt bleiben? Ist auf allen Gebieten unseres Gemeindewesens alles so gut bestellt? Sind wir so einig, daß wir keinen Friedensstifter und Vermittler im Streite der Parteien benötigen? Will die Jugend keinen Mahner ■und Wecker religiöser Ziele, die Gemeinde keinen Erhalter und Gestalter ehrwürdiger Traditionen, die Judenschaft keinen Kämpfer und Vorkämpfer für jüdische Ideale, die so oft in den Staub getreten werden? Soll die Kanzel nicht wieder zum Brennpunkt jüdischer Beredsamkeit erhoben werden, um von dort das Wort Gottes zu verkünden, um Wissen zu fördern, Begeisterung zu wecken? Soll das ■heilige Erbe all der Männer, die diese Kanzel zum geistigen Mittelpunkt unseres Gemeindelebens machten, verdorren? Soll nicht endlich eine Persönlichkeit gesucht und gefunden werden, die, erhaben über Parteiung und Richtung, nur ein Ziel im Auge hat, die Einheit und den Frieden der Gemeinde zu wahren und zu schirmen? Lesen wir nicht allwöchentlich die anwachsende Liste derer, die unsere Glaubensgemeinschaft verlassen, merken wir nicht, wie die entartete Zeit unser stärkstes Bollwerk, das jüdische Familienleben, zerstört und die Religion in Schule und Haus immer mehr an Macht und Einfluß einbüßt? Hier ist Lethargie und zögernde Unentschlossenheit nicht am Platze, denn es fehlt der verantwortliche Führer und Lenker, der Kopf und das Herz der Gemeinde. Wäre es möglich und denkbar, daß ein Staat, eine Stadt oder sonst eine Gemeinschaft, öffentlicher oder privater Natur jahrelang ohne verantwortliches Oberhaupt bleibt? Ist die Oeffentlichkeit so teilnahmslos und desinteressiert, den Gründen, nicht nachzuforschen, die die Wahl verhindern oder verzögern. Ist es eine Prinzipienfrage, eine finanzielle Frage oder eine Personenfrage, die nicht zu lösen ist? Vor allem soll untersucht werden, welche Leistungen wir von dem religiösen Oberhaupt einer Gemeinde verlangen und welche Bürgschaften dafür geboten werden müssen, daß unsere Gemeinde, eine der größten Europas, ihre Stellung würdig ihrer großen Tradition behaupten kann. In erster Linie hat eine Kultusgemeiude die Aufgabe, die religiösen Bedürfnisse zu befriedigen, und gerade zur Bewältigung dieser Pflicht bedarf es eines Rabbiners, der das unergründliche Meer der talmudischen und halachischen Literatur beherrscht. Zu diesem Wissen und Können muß sich Ueberzeugungstreue, selbstlose Hingabe, aufopferndes Wirken und furchtloses Kämpfen für unsere alle Zeiten und Richtungen überdauernden, religiösen Ideale gesellen, die uns zum Gottesvolk stempeln. So lange das Judentum besteht, hat es immer Männer gegeben, die, trotz Abfall und Entgötterung, das Volk Israel wieder bekehrt und belehrt haben, damit es heimfinde zu den Sitten der Väter, in deren Glauben lebe und für diesen Glauben, wenn es gilt, auch sterbe. Und gerade für Wien, für dieses jüdische Zentrum mit über 200.000 Seelen sollte sich ein solcher Führer nicht finden lassen? Was nützen die besten Musiker, wenn der große Dirigent fehlt, der erst durch seinen Zauberstab die verschiedensten Elemente und die mannigfachen Instrumente zur gemeinsamen Höchstleistung im Reiche der Harmonie eint und durch sein Temperament und seine Begabung die Teilnehmer und Zuhörer zur Beseeltheit und Beseligung mitreißt? Man verzeihe den trivialen Vergleich: Parteipolitische Motive sind in diesen Tagen bestimmend für den Sturz und die Berufung eines österreichischen Kabinetts. Sollte es wirklich schon so weit gekommen sein, daß die Besetzung der Oberrabbinerstelle, die höchste Würde, die wir zu verleihen haben, von ähnlichen Gesichtspunkten beeinflußt wird? Soll wirklich das völkisch-politische Bekenntnis entscheidender sein als das religiöse Glaubensbekenntnis? Aus Liebe zu unserer ehrwürdigen Gemeinde, wollen wir es nicht glauben, daß solch wesensfremde Momente, die mit Priesterwürde uuvereinbar, mitspielen. Die Oberrabbinerfrage heischt dringend Antwort von maßgebender Stelle. O. N. Anmerkungder Redaktion: Die Wiener Oberrabbinerfrage bildete begreiflicherweise gerade während der hohen Feiertage wieder den Gegenstand lebhafter Erörterung in allen Kreisen def Wiener Judenschatt. Aus der Reihe der uns zugegangenen Zuschriften bringen wir den obigen Artikel, den uns ein angesehenes Mitglied der Wiener jüdischen Gemeinde zur Verfügung stellte, zur Veröffentlichung. * * Die Juden und die politischen Neuwahlen. Aus dem 9. Bezirke geht uns von Herrn M. L. folgende Zuschrift zu: Verehrliche Redaktion! Die Demission der Regierung Schober und die Frage, was nun geschehen werde, versetzt viele Juden in Aufregung. Solange Bundeskanzler Schober das Heft in der Hand hatte, konnten wir ruhig unseren Geschäften nachgehen, denn wir wußten, daß ein gerecht denkender Mann die Verwaltung leitet, der nicht zulassen wird, daß unsere antisemitischen Mitbürger vom Worte zur Tat schreiten. Wenn wir von Exzessen gegen Juden in anderen Ländern hörten, konnten wir uns beruhigt sagen, daß, so lange Herr Schober Bundeskanzler ist, sich derlei Dinge bei uns nicht ereignen können. Nicht, weil er vielleicht, wie die Antisemiten sagen, ein Judenfreund ist, sondern weil er das Gesetz der Verfassung gegenüber jedermann in gleicher Weise zur Anwendung bringt. Hat er doch auch gegenüber dem Major Pabst den Mut zur Gesetzlichkeit aufgebracht und hat er es doch vermocht, die radikalen Heimwehren in Zaum zu halten und zu besänftigen. Was wird aber jetzt geschehen, wenn die nationalsozialistische Bewegung aus Deutschland zu uns kommt und vielleicht ein Freund dieser Bewegung an der Spitze der neuen Regierung stehen sollte? Ist es nicht traurig, daß die Juden in Oesterreich oder in Deutschland bei jeder politischen Krise noch immer sich die Frage vorlegen müssen, ob das gut oder schlecht für die Juden ist? Unsere christlichen Mitbürger sind natürlich auch durch jede politische Aenderung berührt, aber für sie kommt nur in Betracht, ob diese Aenderung für die allgemeine Kultur und für die Wirtschaft förderlich oder abträglich ist. Wir Juden haben immer die doppelte Sorge, als Staatsbürger und als Juden. Wenn ich mich an Sie wende, so geschieht es deshalb, weil ich aus den vielen Gesprächen mit

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