Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 40 (3.10.1930)
- Date
- 1930-10-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064184--18080-3083073- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Seite ä | Regine Pick \ Immer mehr verschwindet jener berühmte Frauentypus, für den die Heilige Schrift die so ehrenvolle Bezeichnung Ksches Chajil geprägt hat. Eine solch edle Frau war die am 21. v.M. in Baden bei Wien plötzlich verschiedene Frau Regine Pick, geb. Stern, Gemahlin des Präsidenten der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde Generaloberstabsarzt Professor Dr. Alois Pick, die sich wegen ihrer vorzüglichen Charaktereigenschaften und ihres stets bekundeten Wohltärigkeitssinnes allgemeiner Sympathie und Verehrung in den weitesten Kreisen erfreute. Diese ihre große Beliebtheit kam auch bei ihrem am 25. v. M. stattgenmdenen Leichenbegängnisse (Zentralfriedhof, 1. Tor) zum Ausdruck. Die große Zeremonienhalle konnte die erschienenen Trauergäste nicht fassen. Zu beiden Seiten des Katafalks hatten Zöglinge des Merores- Waisenhauses Aufstellung genommen, denen der Verlust ihrer edlen Beschützerin besonders naheging. Unter den erschienenen Trauergästen sah man den Gesamt vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde mit den beiden Vizepräsidenten Doktor Jakob O r n s t e i n und Dr. Josef L ö w e n h e r z an der Spitze, den vormaligen Chef des Generalstabes Generaloberst A r z - S t r a u ß e n b u r g, die Generäle a. D. Schatnschula und Boruta, die Feldmarschallleutnants a. D. Giesl, Vivenot und R e b r a c h a, die vormaligen Generalstabsärzte Kirch berser, Steiner, Drastich, Raschkes und Zeilendorf, Polizeichefarzt Dr. M e r t a, Primarius Prof. Dr. F1 c i s c h in <l ii ii. die Rabbiner Dr. Bat h, Doktor Mehrer, Dr. Rosenma n n, Dr. Schwär z, Doktor Taglicht, Dr. Taubes, eine Abordnung des österreichischen Kantoren- Verbandes, die Bethausvorsteher der Israelitischen Kultusgemeinde unter Führung des Präsidenten Dr. E. Münz, Präsident Dr. W. P a p p e n h e i m mit den Vorstandsmitgliedern und Delegierten der Chewra Kadischa, Abordnungen der Wiener Tempelvereine mit Verbandspräsidenten Börserat I. Glück an der Spitze, Großpräsident Dr. Schnabel mit einer großen Anzahl Mitglieder und Vorstandsmitglieder der B'nai Brith. das Präsidium der tiirkisch-sephardischen Gemeinde in Wien, sowie zahlreiche Vertreter der Provinzgemeinden, Delegationen der „Union deutschösterreichischer Jude n'\ der „A g u d a", der Zionistischen Partei, sowie jüdisch-humanitärer und Frauenvereine, zahlreiche Universitätsprofessoren, Präsident Wilhelm K u x, Direktor R. Bettelh e i m vom Hause Rothschild, Prokurist M a h 1 e r vom Hause Gut tma n n, Hoirat Dr. Frankfurter, das gesamte Dameii-Schuizkomitee des Meroreswaisenhauscs. die Amtsdirektoren Reg.-Rat Doktor E. Adler und Reg.-Rat G. Fuchsgelb, sowie eine Abordnung der Beamtenschaft der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, Delegierte des Vereirfes „Wohliah r t" zur Erhaltung der israelitischen Kinderbcwahranstalt und viele, viele andere. Nachdem Oberkantor H. Fischer unter großer Assistenz und mit verstärktem Chor Trauerchorale zum Vortrag gebracht, hielt Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang der Dahingeschiedenen folgenden ergreifenden Nachrui: ..Es ist nicht leicht für mich, die ü^stait der von uns allen so tiefbeklagten heim^egangeuen Frau Präsidentin Rcgine Pick in engem Rahmen zu fassen. Sie vereinigte in sich eine so große Fülle weiblicher und menschlicher Begabungen. Eigenschaften und Tugenden, daß es schwer fällt, sie in diesem schmerzlich bewegten Momente nach Verdienst und erschöpfend darzustellen. Sie gehörte unstreitig zu den besten, edelsten und tüchtigsten Frauen unserer jüdischen Gemeinschaft und unserer Stadt. Die Entfaltung ihrer hohen und reichen Tugenden brachte eine Uebcriiille von Glück und Segen. Zunächst selbstverständlich ihrem von uns allen geliebten und verehrten Gatten, dem Präsidenten unserer Gemeinde, mit welchem wir den Verlust aus tiefster Seele beklagen, den wir immer empiinden werden, wenn wir dieser herrlichen Frau gedenken. Ihr Bild hat sich tiei in unsere Herzen gegraben und wird von dort nicht leicht entschwinden. Sie war das höchste Ideal einer Ehegattin, das Glück ihres Mannes, mit dem sie in bestem Sinne des Wortes zu einem Wesen geworden war. Sie war das Glück seines Lebens und iührte mit ihm ein beispiellos glückliches Leben. Nicht oft ist uns ein Ehepaar begegnet, das so inniglich verbunden war wie dieses: denn sie war in all den glücklichen Jahren die hingebungsvolle und liebecrfiillte Gefährtin und Teilhaberin an den verantwortungsvollen schwereii Pflichten und Aufgaben, die ihr Gatte in höchsten Positionen zu erfüllen hatte. Selbst an den rein wissenschaftlichen Arbeiten hatte sie tätigen Anteil und ihr Wort galt' auch im Kreise der Gelehrten und Männer der ärztlichen Wissenschaft. In den furchtbaren Zeiten des Weltkrieges entfaltete diese unendlich wackere und gütige Frau an der Seite ihres Mannes eine geradezu beispielgebende und karitative Tätigkeit, so daß selbst die Soldaten in ihr eine gütige Mutter erblickten. Diese In der Vorrede zur zweiten Auflage des hier zitierten philosophischen Werkes vom Jahre 1852, noch eindeutiger aber in seinen „Geständnissen" (zuerst französisch am 15. September 1854 in der „Revue des Deux Mondes") widerruft nämlich Heine offen und vor den Augen der ganzen Welt seine ehemaligen Anschauungen, da er sie als puren Atheismus erkannt hat, und bringt seine Bekehrung zum außerweltlichen Gotte unmumwunden, ja mit ausgesprochenem Stolze zur allgemeinen Kenntnis. So heißt es in der „Vorrede": „Ehrlich gestanden, es wäre mir lieb, wenn ich das Buch ganz ungedruckt lassen könnte . . ." „Einem ehrlichen Manne bleibt aber unter allen Umständen das unveräußerliche Recht, seinen Irrtum offen zu gestehen und ich will es ohne Scheu hier ausüben. Ich bekenne daher unumwunden, daß alles, was in diesem Buche namentlich auf die große Gottesfrage Bezug hat, ebenso falsch wie unbesonnen ist. Ebenso unbesonnen wie falsch ist die Behauptung, die ich der Schule nachsprach, daß der Deismus in der Theorie zugrunde gerichtet sei und sich nur noch in der Erscheinungswelt kümmerlich hinfriste. Nein, es ist nicht wahr, daß die Vernunftkritik, welche die Beiweistümer für das Dasein Gottes, wie wir dieselben seit Anselm von Canterbury kennen, zernichtet hat, auch dem Dasein Gottes selber ein End« gemacht hat. Der Deismus lebt, lebt sein lebendigstes Leben, er« ist nicht tot, und am allerwenigsten hat ihn die neueste deutsche Philosophie getötet." Aus der Fülle der Aeußerungen in den „Geständnissen", die einwandfrei seine bewußte Wandlung kennzeichnen, seien einige besonders charakteristische herausgehoben: ,,. . . daß die deutsche Philosophie just das Gegenteil ist von dem, was wir bisher Frömmigkeit und Gottesfurcht nannten und daß unsere modernsten Philosophen den vollständigsten Atheismus als das letzte Wort unserer deutschen Philosophie proklamierten." „Ich kehrte zurück in die m'edere Hürde der Gottesgeschöpfe, und ich huldigte wieder der Allmacht eines höchsten Wesens, das den Geschicken dieser Welt vorsteht . . . ." „. . . jetzt befinde ich mich plötzlich auf demselben Stundpunkt, woraui auch der Onkel Tom steht, auf dem der Bibel, und ich knie neben dem schwarzen Betbruder nieder in derselben Andacht . . „Ja, den Juden, denen die Welt ihren Gott verdankt, verdankt sie auch dessen Wort, die Bibel: . . ." Wir haben vielleicht ein wenig den Rahmen unseres Themas überschritten. Aber dies erschien uns im Zusammenhange statthaft, da wir einesteils die Heinesche Interpretation sehr gut für unseren Zweck, die krassen Unterschiede zwischen Spinozismus und Deismus aufzuzeigen, verwenden konnten, daraus die Unmöglichkeit eines pantheistischen Gehaltes im Chassidismus leicht nachzuweisen vermochten und schließlich an Hand der Zitate aus dem späteren Heine (dessen Bekehrung zum Judentum bisher hauptsächlich aus nationalistischen Motiven betont wurde) seine tiefgründige, religiöse Wandlung in Erinnerung bringen wollten, wodurch die Falschheit seiner irüheren Ueberzeugungen und damit die des Pantheismus noch stärker hervortreten sollte. Insbesondere aber auch, weil jene Wandlung von den Nciinmalweisen vielfach mit derselben ironischen Skepsis angesehen wurde, wie etwa die konsequente und organischer Entwicklung durchaus gemäße religiöse Wandlung eines Dr. Nathan Birnbaum, bei dem dieselbe schon vor fünfzehn Jahren als ..Alterserscheinung" diagnostiziert wurde. Uebrigens hat auch Dr. Nathan Birnbaum in seiner, von einer erhabenen Einfachheit getragenen Rede in der Eröffnungssitzung der 2. Kenessio Gedaulo in Wien, neben der Renaissance und dem Rationalismus, deii Pantheismus sehr richtig als eines der Hauptmotive der gegenwärtigen religiösen Krise der Menschheit bezeichnet. Nichts ist verhängnisvoller, als bei Behandlung religiöser Probleme sich von Schlagworten leiten zu lassen. Denn nicht zuletzt hat d:eses Schlagwortdeuten zur Verwässerung, Versumpfung und schließlichen Verflüchtigung tiefer, inhaltsschwerer, seelisch trächtiger Werte geführt, deren trächtigster einer — der Chassidismus ist. S&wngjutLut&L unier Aufeicht des Herrn Bezirksrabbiners 5. Ehrenfeld zu Mallersburg wird das Speisefeit Kunerol hergestellt Kunerol ist reines KokosnuMett und kann von jedem Sirenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen verwendet werden. EROL 100% REi NES KOKOSNUSS FETT Nur echt mit Originalpackung. — Vor täuschend ähnlichen Nachahmungen wird gewarnt. Mütterlichkeit, vereint mit Kraft und Organisationstalent, wohnte ihr naturgewachsen iiinc. Dabei war sie von bezauberndem Frohsinn, sonniger Lebensireudigkeit und bestrickender Liebenswürdigkeit, die in keiner Lage versagten und für die vielen Kreise unbedingt wirkend ausstrahlten, in welchen sie als tätiges Glied oder als Mittelpunkt stand. All diese Eigenschaften waren auf dem uns unvergeßlichen Antlitz auigeprägt, aus dem die iröhlich klugen Augen jedem wohltuend entgegeiiblickten. War sie ihrem Gatten höchstes Glück, so ist sie ebenso ihren Geschwistern und Verwandten nah und fern fürsorgliche Mutter gewesen, wie sie auch den Eltern ihres Mannes eine liebecrfüllte und treue Tochter war. Schwer können wir uns denken, daß dieses sprühende Leben mit einem Mal entschwunden sein soll. Deshalb ist es in der tieisten Trauer als ein Glück zu erachten, daß ihr langes Leiden erspart geblieben und sie in einem kurzen Augenblicke in die Ewigkeit hinübergeschlummert ist. Wir haben an unseren verehrten Präsidenten und Freund im Sinne der Heimgegangenen nur die Bitte zu richten, stark und aufrecht zu bleiben, denn wer solch ein Glück besessen hat, kann durch die Erinnerung Stärke bewahren, die Bitte ierner, seine kostbare Krait weiter der Arbeit am Wohle der Menschen, unserer jüdischen Gemeinde zum Heil und Segen und zum eigenen Tröste fortzusetzen. An der Bahre dieser Frau, die mit Kraft und Würde ausgestattet war und die viele Frauen überragte, ohne es je zu betonen oder fühlen zu lassen, und die nicht nur in den Zelten der Frauen, sondern auch in großen Kreisen der tüchtigsten Männer gepriesen war, können wir in Wahrheit und nicht, wie es so oft geschieht, als Redeform sagen: Sie wird unvergessen bleiben, weil wir sie inniglich geliebt und tief verehrt haben. Mögen viele Frauen sich an ihr ein Beispiel nehmen und ihr Andenken dadurch ehren, daß sie ihr in Gedanken und Taten gleichzukommen suchen." Hierauf ergriif Vizepräsident Dr. Jakob O r n s t e i n namens des Kultusvorstandes und des Kuratoriums des Merores-Waisenhauses das Wort zu folgender Gedenkrede: „Eine ungewöhnlich große Zahl Mitfühlender und Mittrauernder schart sich urn diesen Sarg, welcher die sterbliche Hülle einer wahrhaft hochherzigen Frau birgt. Gilt diese Teilnahme nur der Gattin unseres ireigewählten Oberhauptes, der Gattin des Mannes, den wir zur ersten Stelle in unserer großen Gemeinde beruien haben? Gewiß, uns alle drängt es, in tiefster Ergriffenheit unserem allverehrten Präsidenten die Hand zu drücken, ihm zuzuruten, dein Leid, dein Weh ist auch unserer ganzen Gemeinde Leid und Wehe. Wir alle empiinden den ungeheuer schweren Schicksalsschlag, der ihm jäh die Gattin von der Seite gerissen, uns allen ein kostbares Menschenleben geraubt hat. Aber klar lebt in unserem Bewußtsein die Erkenntnis, daß wir in seiner Gattin eine starke Persönlichkeit zu Grabe tragen, stark durch die hohen Gaben ihres Geistes und ihres Herzens, stark durch ihr nur dem Guten zugekehrtes Wollen und Handeln. Es kann nicht meine Autgabe sein, hier alle diu mannigfaltigen Richtungen, die vielfältigen Seiten, gewissermaßen alle Facetten ihres Wesens zu würdigen. Hier in dieser ernsten Halle, in welcher wir unseren dahingeschiedenen Glaubensbrüdern und -Schwestern die letzten Abschiedsgrüße zurufen, hier wollen wir uns nur rückschauend und unserer Erinnerung für alle Zukunft einprägend sagen, was sie uns als Tochter unseres Glaubens, was sie unserer jüdischen Gemeinschaft gewesen ist. In der — wir wollen es mit Dank und freudiger Anerkennung feststellen — überaus großen Zahl unserer jüdischen Frauen, welche mit vereinten Kräften unablässig bestrebt sind, das bittere Los unserer jüdischen Enterbten des Glückes zu lindern und das entsetzliche Elend unseres Proletariats zu mildern, nahm sie eine führende Stellung ein. Und so konnte man mit dem Spruchdichter von ihr sagen, daß sie eine Esches Chajil, ein bieder Weib war, wertvoller als Edelsteine, denn sie reichte dem Dürftigen ihre Hand, dem Armen ihre Rechte.