Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 40 (3.10.1930)
- Date
- 1930-10-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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nung und Ruhe, des obersten Leiters des Sicherheitskörpers und der Gendarmerie, das Ministerium des Innern, dem Kommandanten der ungesetzlichen Heimwehrtruppen, dem Hitler-Schüler und Kapp-Putschisten Starhemberg. Unseren leicht versessen den jüdischen Mitbürgern, um deren finanzielle Gunst und Stimme Herr Dr. S c i p c 1 wieder zu buhlen w a ge n \v i r d, wollen wir in Erinnerung bringen, daß der forsche Herr Starhemberg noch vor wenigen Wochen in einer Rede verkündete, er würde mit mefiir Vergnügen den Befehl zum Schießen geben, wenn in der vordersten Reiheder Gegner p 1 a11füßigeJuden ständen. Und noch vorgestern sagte er in einer Aussprache, daß seine Heimwehr eine militante, antidemokratische Bewegung darstelle. Der F ü hrerder antidemokratischen Heimwehr ist Minister der demokratischen Republik! Wir Oesterreicher wissen nun, woran wir sind. Wir stehen von einem Wahlkampf, der wohl alle seine Vorgänger an Erbitterung und Leidenschaft in den Schatten stellen wird. Müssen nicht wir Juden damit rechnen, daß wieder nach dem bekannten Rezept die „Judenfrage" eine Hauptrolle in diesem Kampfe spielen, daß man diesen Kampf auf dem Rücken von uns Juden austragen wird? Werden die berufenen Führer der. jüdischen Bevölkerung unseres Staates und unserer Stadt jene kluge Zurückhaltung und Besonnenheit aufbringen, die nötig sind, um uns vor Schaden und Beeinträchtigung zu bewahren? Wir stehen nach einem Jahr Schoberschen Regimes, das uns die Gleichheit und die gleiche Behandlung vor dem Gesetze sicherte, vor einer dunklen Zukunft . . . UFA-TON-KINO Die Zeit unserer Freude. Betrachtungen zum Laubhüttenfest. Von Dr. Karl Rosenthal (Berlin). Wien IL, TaboritraB Telephon R 41-2-41 99 e 8 II ■hrauffi&larancg Ii Ich liebe - Do liebst — Er liebt Ein lustiges Singspiel _ mit Betty Bird u. Willy Forst Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 3 Uhr ..Lerne dich freuen! Aber Klaube mir: Wahre Freude ist eine ernste Sache.'" Seneca. Es ist ein Eigentümliches der jüdischen Religion, daß alle ihre Feste auf den Gedanken der Erinnerung gestellt sind. Soll das Passah-Fest die Erinnerung an den Auszug aus der ägyptischen Knechtschaft im Volke wachhalten, Schabuoth die Gesetzgebung am Sinai dem Gedächtnis unverlierbar einprägen, so will das Laubhüttenfest Israel immer wieder erinnern an die sorgende Vaterhand Gottes, der in der schweren Zeit der Wüstenwanderung sein Volk behütet hat vor Not und Gefahr. Selbst das Neujahrsfest, dein keinerlei historische Erinnerung zugrunde liegt, wird als ein „Tag des Erinnerns" in einem nach innen gewandten Sinne gedeutet. Während aber das Neujahrfest und der ihm zugehörige Versöhnungstag als Erinnerungszeit an unsere eigene menschliche Schwäche und Abhängigkeit von tiefstem und feierlichstem Ernst erfüllt sind, trägt das Laubhüttenfest einen durchaus anderen Charakter. Schon das Neilah-Gebet des Jom kippur, der göttlichen Gnade nach schmerzlicher Buße gewiß, bereitet als Abschluß des heiligen Tages durch seinen Inhalt und seine Musik auf die Stimmung des kommenden Laubhüttenfestes vor. „Die Zeit unserer Freude'" aber nannte fromme Dankbarkeit unserer Alten die ganze Kette der dem Versöhnungsfest folgenden Feiertage: die Herbsternte war beendet, der Segen der Felder eingebracht in die Scheuern, Keller und Höfe füllten sich mit den Gaben der Natur — da brach Jubel aus in den Herzen der Menschen und trieb sie zu freudiger Andacht in die weitgeöffneten Gotteshäuser. Als ein „Fest des Einsammelns", als Erntedankfest, feierte man diese Tage voll Freude und Lust, mit heiterem Spiel und festlichen Tänzen, mit Gelagen und Umzügen, mit nächtlicher Beleuchtung und Fackeltanz. Doch richtete die Freude und Dankbarkeit sich immer wieder auf Gott, "ffeTi Spender und Urheber alles Guten. Nicht blinde Verehrung der Natur und ihrer Kräfte allein konnte auf die Dauer Sinn des Festes sein; derselbe Gott, der den Menschen den Segen der Natur bereitet, mußte zugleich als der Gott der Geschichte erwiesen werden, der seinem erwählten Volke zur Seite gestanden in den Tagen seiner beschwerlichen Wüstenwanderung. So wandelte sich zwar, die gedankliche Begründung des Festes — zum Dank für die Gaben der Natur gesellt sich der Dank für die göttliche Führung — aber es bleibt sein froher Charakter: ..Singet und jubelt zur festlichen Zeit!", das ist die Stimmung dieser Tage. Verflogen ist der Ernst des Jom kippur, Freude ist der Sinn des Festes. Es würde aber dem ganzen Charakter der jüdischen Religion widersprechen, wenn die Freude nur als egoistische Freude des einzelnen erlebt würde. Im Judentum kann es keine Freude für den Menschen geben, die nicht zugleich zur Mitfreude wird für die anderen. „Wahre Freude ist eine ernste Sache" — sie läßt uns nicht nur an uns selber denken, sondern auch an die anderen. „Ein Fest der Hütten sollst du dir feiern sieben Tage, wenn du einbringst aus deiner Tenne und deiner Kelter; und freue dich an deinem Feste, du und dein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und deine Magd, und der Levite und der Fremdling, und die Waise und die Witwe in deinen Toren." (5. M. 16. 13 f.) Erst die Freude, die wir anderen bereiten, läßt uns die Seligkeit eigener Freude ganz empfinden. Darum lenkt das Judentum den- Blick des Menschen gerade im Augenblick der höchsten Freude auf die Nöte und Sorgen der anderen: weil du im Glücke bist, gedenke der Darbenden. Es gibt eine Fröhlichkeit, die voll tiefen Ernstes ist — die Fröhlichkeit der Wissenden —, wie es einen Ernst gibt voll innerster Heiterkeit. Wie recht hatte darum Seneca: „Wahre Freude ist eine ernste Sache." Man darf das Judentum die Religion der Freude nennen: aber es liegt ein elegischer Klang in dieser Freude, weil sie erfüllt ist von dem Wissen um Menschennot und Menschenschicksal. Das „Dienet dem Ewigen mit Freude!" bedeutet uns darum nicht die rauschende Freude primitiver Lebenslust. Hinter der Freude steht der Ernst der Verantwortung. Aus solchem Denken heraus ist es zu begreifen, daß unsere Alten für die ..Zeit der Freude", für die Tage des Hüttenfestes die Lektüre des Buches Kohelet anordneten, des großen Skeptikers, der das Leben liebte wie wenige, der die Freude pries als ein Glück des Daseins und dennoch das Dasein in seiner ganzen hohlen Nichtigkeit erkannte, um zuletzt zur tiefsten Erkenntnis unserer menschlichen Bestimmung zu kommen: „Fürchte Gott und halte seine Gebote — denn dies ist der ganze Mensch!" GOBELINS nach Gemälden berühmter jüdischer Maler erzeugt Atelier ZAHRADNIK Wien V., Anzengrubergasse Mr. 30 Telephon U 40-9-17 Chassidismus, Christentum, Pantheismus, Von S. Taubes. (Schluß.) Wir gelangen nunmehr zum zweiten und bei weitem wichtigeren Moment, das unserem Zeitgeist so sehr zu entsprechen scheint. Es sind die angeblichen „pantheistischen Analogien" im Chassidismus. Eine einfache Erwägung jedoch müßte diese Annahme mit Leichtigkeit zu verhindern wissen. Denn, wenn es feststeht, daß Monotheismus und Pantheismus einander diametral zuwiderlaufen, wenn weiters nicht angezweifelt wird, daß der Chassidismus den strengsten jüdischen Monotheismus rein und ungetrübt enthalte (was wir letzthin im Zusammenhange mit dem Problem des Christentums schon nachgewiesen haben), so ist damit auch schon jeder entfernte Versuch, eine wirklich bestehende Analogie ausfindig machen zu wollen, im voraus zum Scheitern verdammt und es erübrigte sich jeder Nachweis. Die Renaissance des philosophischen Pantheismus am Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland, sein Höhepunkt im geistigen' Leben des 19. und die fortgesetzte Auswirkung spinozistischer Philosophie und Denkart bis in unsere Zeit (vor allem durch den überragenden Einfluß Goethes, gegen den noch zu seinen Lebzeiten von christlicher Seite her scharfer, aber unzulänglicher Protest erfolgte) bildet eines der traurigsten Kapitel in der europäischen Geschichte des menschlichen Geistes. Da die französische Aufklärung des 18. Jahrhunderts mit ihrer materialistischen Philosophie den Kampf gegen Religion, Theologie und Metaphysik gemeinsam führte, hat man sich daran gewöhnt, Metaphysik und Religion als nahe verwandte Erscheinungen anzusehen. Nun ist aber alle Metaphysik letzlich nichts anderes als rationale Spekulation, d. h. das utopische Bestreben, mit Hilfe der bloßen Vernunft die Welt und womöglich Gott zu erfassen, unbeschadet, daß manche metaphysische Systeme eine letzte „causa" voraussetzen. Diese „letzte causa" der quasi-gläubigen Metaphysiker ist aber im Grunde nur eine Fiktion, eine Idee, ein Wesen auf sehr schwachen Beinen, mit dem in Wirklichkeit nicht viel anzufangen ist. Alle metaphysische Spekulation mündet schließlich in ein Nichts, in irgendeinen vagen Begriff, zu dem die Spekulation auf dem Wege des mechanischen Kausalitätsprinzips gelangt. Die zentrale Kraft des Monotheismus, also auch des Chassidismus ist aber gerade der aus dem Kausalitätsprinzip herausgehobene, geoffenbarte Gott, der nicht an Raum und Zeit gebunden ist, sondern ihnen — ohne Rücksicht auf kausale, vielmehr nach moralischen Prinzipien — ihr Ziel anweist. Sein Dasein und sein Wille können nur gefühlt und nur durch Offenbarung erkannt werden. Der Spinozismus ist nun nichts anderes, als ebenfalls metaphysische, ja mathematische Spekulation. Nur verfährt Spinoza folgendermaßen. Ohne eine freie, zentrale, sittliche Kraft zu erkennen und anzuerkennen, begreift er innerhalb des mechanischen Kausalitätsprinzips, das sich auf „Ausdehnung und Denken" (Raum und Zeit) erstreckt, seinen Gott ein. Mit einem verhängnisvollen Salto seiner hypertrophischen Vernunft kehrt er, an der Grenze von Raum und Zeit angelangt, um und steckt seinen Gott i n d i e W e 11, in die Materie hinein. Er setzt Gott einfach gleich Materie. Sein Gott ist daher nur ein Wort und die Kunde, daß in der Urschrift der Ethik an den Stellen, wo heute „deus" steht, ursprünglich das Wort „natura" stand, ist durchaus einleuchtend. Dieser „deus" Spinozas ist vielleicht letzlich nur eine Folge damaliger Zensurverhältnisse. Daß es aber überhaupt möglich war, beim Chassidismus den Gedanken an Pantheismus aufkommen zu lassen, beruht aui einem absoluten Mißverständnis der Grundbegriffe und auf einer Verwechslung des Wesensinhaltes der genannten Bewegungen. Aber nach den bisherigen Ausführungen muß schon jedem klar geworden sein, daß von Elementen einer solchen Philosophie im rein monotheistischen Chassidismus nicht die Rede sein kann. Wenn der Chassidismus die Nähe Gottes betont, wenn er Verständnis für die Sünde und Mitleid mit den Sündern verlangt, wenn er das sinnliche Leben nicht verwirft, es vielmehr zu heiligen bestrebt ist, so darf man ihn nicht dem Verdachte aussetzen, daß er Gott und Welt identifiziere, nicht, daß er die Willensfreiheit leugne, oder gar im Kausalitätsprinzip verankert sei. Hätte man sich die Ungeheuerlichkeit, die in einem solchen Verdachte liegt (der aber durch die angeführten Beispiele tatsächlich ausgesprochen erscheint) klar vor Augen geführt, es wäre nie zu jenen unseligen Verquickung einander widersprechender, ja feindlicher, oder eigentlich einander ausschließender Begriffe gekommen. Es böte übrigens eine lohnende Aufgabe, die psychologischen Motive, 'die letzlich zu solchen Irrtümern, zu so trauriger Begriffsverwirrung geführt haben, noch gründlicher zu analysieren. So viel aber steht fest, daß sie in der heutigen Zeit nicht zuletzt auf einer gewissen Instinktverlorenheit beruhen, auf einer Oberflächlichkeit, die nur an Worten klebt und für die im Fluge, im Tempo unserer Zeit, Gott oder das deus. über den man „s i v e natura" sagen kann, eines ist. Diese Begriffsverwirrung erstreckt sich, wie gesagt, sehr weit, ja sogar bis in die Reihen orthodox-gläubiger Judenheit. Dabei dst es von Interesse, daß das wahre Wesen des Spinozismus schon lange und von hervorragender Seite in diesem Sinne erfaßt wurde. Kein Geringerer als H e i n e, der bekanntlich in der Zeit, da er sein philosophisches Hauptwerk: „Die Geschichte der Religion und und Philosophie" schuf, im Jahre 1834, selbst Spinozist war und die direkte Abhängigkeit der deutschen Naturphilosophie von Spinoza eindeutig erkannt hat, hat sich späterhin zu einer, leider weniger bekannten, aber ebenso eindeutigen Ablehnung Spinozas und der gesamten deutschen Naturphilosophie aufgerafft.