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Die Wahrheit · 1930-09-22 · Heft 38-39 (22.9.1930) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 38-39 (22.9.1930)
Date
1930-09-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Die „Union" an der Arbeit. 99 Die „Union deutschösterreichischer Juden" hat, gemäß einem Beschluß des Vorstandes, bereits vor den Feiertagen ihre Versammlungstätigkeit wieder aufgenommen. Dieser Beschluß hat in weitesten Kreisen lebhaften Anklang gefunden, wie der ausgezeichnete Besuch aller drei in den letzten beiden Wochen einberufenen Bezirksversammlungen bewies. Insbesondere die am 10. d. M. stattgefundene Versammlung der „Union"-OrtsgrupDe II wies einen starken Besuch auf. Aus allen Wiener Bezirken kamen Vertreter herbei, die hören wollten, was die Referenten der „Union" zu den wichtigen österreichisch-politischen und innerjüdischen Ereignissen der letzten Zeit zu sagen hatten. Eingeleitet wurde die durchaus gelungene Veranstaltung, die unter Vorsitz des Herrn Ober-Med-Rates Dr. Heinrich H a a s e stattfand, durch eine von den Anwesenden stehend angehörte Gedenkrede des Präsidenten der „Union", Herrn Dr. Jakob Ornstein, für den jüngst verstorbenen englischjüdischen Politiker und Publizisten Luden Wolf. In tief empfundenen Worten gab Dr. Ornstein die Versicherung, daß die „Union" dieses für die unterdrückten und entrechteten Juden unermüdlich tätig gewesenen Mannes, mit dem unsere Vereinigung stets in Kontakt gestanden ist, niemals vergessen wird. Dr. Ernst Feldsberg entwickelte hierauf ein anschauliches. Bild der jüngsten Vorgänge im Zionismus, die er als durchwegs den Juden ungünstig charakterisierte. Den Höhepunkt seiner ausgezeichneten Referates bildete die Besprechung der Absage Weizmanns an den „Judenstaat". Damit ist, wie der Redner richtig argumentierte, der Traum Herzls vom „Judenstaat" ausgeträumt. Reg.-Rat Dr. Max Lenk befaßte sich mit der Frage: „Brauchen die Juden Oesterreichs eine eigene politische Vertretung?" und kam nach Besprechung der Gefährlichkeit und Unmöglichkeit dieser nationalen Forderung zu einer entschiedenen Verneinung der gestellten Frage. Er behandelte hierbei auch in instruktiver Weise die einzelnen österreichischen Parteien mit Rücksicht auf ihre Stellung zum Judentum und wandte sich unter großem Beifall der Versammlung gegen jene Juden, die aus wirtschaftlichen oder sonstigen Gründen antisemitischen Parteien Gefolgschaft leisten. Dr. Lenk beschäftigte sich da insbesondere mit dem neuen Bundesführer der „Heimwehr", dem Fürsten Starhemberg, dessen wahre judenfeindliche Gesinnung aus wiederholten Reden des jungen Heros erkennbar ist. Von den gleichen politischen Erwägungen war das Referat erfüllt, das Dr. Ernst Feldsberg in der am 15. d. M. unter dem Vorsitze des Obmannes Herrn Dr. Julius G r ü n w a 1 d abgehaltenen, ebenfalls sehr gut besuchten Versammlung der „Union"- Qrtsgruppe XXI hielt. Diese Versammlung fand einen Tag nach den deutschen Wahlen statt und der nationalsozialistische Wahlerfolg beeinflußte natürlich sämtliche Reden, insbesondere das erwähnte Hauptreferat Dr. Feldsberg beleuchtete die Auswirkungen des Hakenkreuzsieges auf Oesterreich, wo ein neues Aufblühen des Nationalsozialismus zu befürchten ist. Da gilt es für die österreichischen Juden, auf der Wacht zu sein und einig zusammenzustehen gegen den gemeinsamen Feind. An das Referat schloß sich eine lebhafte Debatte, in der Herr Dr. F. J. Weiß sich gegen die Auswüchse der Demokratie wandte, während Herr Ludwig Kettner sich in formvollendeter Weise für die Leitgedanken der „Union" einsetzte. Dr. Lenk beendete die Debatte mit einer wirkungsvollen Rede, in der er die Demokratie als jene einzig mögliche Gesellschaft- und Regierungsform schilderte, die den Juden die wirkliche Gewähr für ihre staatsbürgerliche Gleichberechtigung bietet. Deshalb dürfen auch die österreichischen Juden immer nur jenen wahren demokratischen Parteien ihre Stimme geben, die den Antisemitismus ablehnen. Eine am 18. d. M. unter Vorsitz des Herrn Adolf Taub stattgehabte Versammlung der „Union", Ortsgruppe VI/VII, bot Herrn Dr. Karl Steiner Gelegenheit zu einem Referate über „Die Union als Abwehr- und Gesinnungsverein" und Herrn Reg.-Rat Dr. Max Lenk zu einer Besprechung der Lehre der deutschenWahlen. Beide Redner entwickelten in ihren interessanten Ausführungen jene Gedanken, die in ihren in der heutigen Nummer enthaltenen Aufsätzen zum Ausdruck kommen. Eine intensive Debatte schloß sich daran, an der sich mit interessanten Ausführungen die Herren Ing. Kodischek, Kom.-Rat Stößler, Dr. Feldsberg und Präs. Dr. Ornstein beteiligten. In allen drei Versammlungen, deren gutes Gelingen erfreuliche Erwartungen für die kommende Saison auslöst, wurden die Delegiertenwahlen für die in Bälde stattfindende Delegiertenversammlung vorgenommen. ^^iiiiiuiiiiiiiiiiiiniuuiiLiiiiiiuiiiiuiiiiniiiiiiiuiiiiimiiitiituiiuuiJUiiiniiiitiiiinininjHifiiiJtiiHiiiiijnjNii^ H VORNEHME FAMILIENPENSION M M vormals Dr. GRÜNBERG I 1AM SEHMERING1 m HOCHSTRASSE 43 (BEI HOTEL PANHANS; M LCBENSVERSICHERUNQS-GESELLSCHAFT PHdMII WIEN, 1. BEZIRK. RIEMERGASSE 2 Versicherungsbestand per Mittte 19J0....... 2450 Millionen Schilling Prämien- und Zins-eneinnahmen im Jahre 1929 ..... 125 „ Garantiemittel per Ende 1929 300 „ „ Auszahlungen an die Versicherten im Jahre 1929 ...... 301/, „ B ■ LlilfP^^SF^J lilllite :^^mm^m ri^: --^iMmBii^i Mäßige Preise (Zimmer i mit Pension von S12.— | aufw.) / Kaffeehaus und j Tanzgelegenheit im j Hause / Besitzer:! ECKSTEIN / Telephon:! Semmering Nr. 11 Fließendes Warn-und Kaltj wasser in jedem Zimmer j In letzter Stunde. Nach all den blutrünstigen Anschlägen, Plakaten und Aufrufen, die der deutsche Wahlkampf an die Säulen geklebtj an'die Wäride geschmiert und ins Haus geworfen, nach all den haßgeschwängerten Reden, Kundgebungen und Resolutionen ist in zwölfter Stunde folgender Mahnruf als Dokument wahrhaft edler Gesinnung erschienen: „An das deutsche Volk! Die schwierige wirtschaftliche Lage wird von unverantwortlichen. Elementen dazu benutzt, eine schamlose antisemitische Hetze zu entfalten, die sich in letzter Zeit so gesteigert hat, daß offen Pogrome angedroht werden. Das Bestreben, eine besondere Schicht des deutschen Volkes für die wirtschaftliche Depression verantwortlich zu machen, muß von jedem anständigen Menschen auf das aUerschärfste zurückgewiesen werden. Jedem Staatsbürger bleibt es unbenommen, frei und offen seine Ansichten auszusprechen, aber die Demagogie, mit der z. B. die nationalsozialistische Presse Tag für Tag arbeitet, "ist eine Kulturschande ersten Ranges. Gegen diese Kulturschande erheben die Unterzeichneten ihre Stimme, weil sie nicht mitschuldig werden wollen an der infamen Verunglimpfung der Juden. Sie machen auf die in der Reichsverfassung jedem Staatsbürger gewährleisteten Rechte aufmerksam und fordern die Regierung auf, den angegriffenen Volksteil im Sinne der Reichsverfassung zu schützen. An das gesamte deutsche Volk appellieren die Unterzeichneten aber, sich von der kulturwidrigen antisemitischen Hetze abzuwenden. Deutschland ist heute das einzige große Land, wo diese Art von Antisemitismus überhaupt noch Boden hat. Sowohl im bolschewistischen Rußland wie im faschistischen Italien, ganz abgesehen von Frankreich, England oder Amerika, wird jede Gewalttätigkeit gegen Juden auf das entschiedenste abgelehnt Erst kürzlich hat der italienische Ministerpräsident Mussolini erklärt, daß er den Antisemitismus innerhalb der faschistischen Bewegung weit von sich weise und sich keinesfalls mit der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland identifiziere. Eine mit den schlimmsten Terrormethoden arbeitende Minderheit darf nicht das deutsche Volk unter das Niveau der anderen großen Völker herabdrücken. Darum rufen die unterzeichneten Männer und Frauen, welche der jüdischen Religionsgemeinschaft nicht angehören, gegen die Kulturschande des Antisemitismus auf." Von den 31 Namen, die diesen Aufruf decken, nennen wir nur: Dr. G. Graf Arco, Prof. Doktor Baumgarten, Gertrud Bäum er, Reichstagsabg. A. Crispien, General v. Deimling, Kaplan Fall sei, Reichsmitiister Dr. Gothein, Gerhart Hauptmann, Dr. Hausmann, Thomas Mann, Reichsminister S e v e r i n g, Freiherr v. Schönaich, Prof. L. Schücking, Domherr K. Ulitzka, Prof. Dr. K. Ziegler, Bischof Dr. Schreiber, Reichskanzler a. D. Marx, Graf Coudenhove-Kalergi. GOBELINS nach Gemälden berühmter Jüdischer Maler erzeugt Atelier ZAHRADNIK Wien V., Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon U 40-9-17 Bitte, Herr Lehrer, was ist ein „Nationalheim"? Angesichts der verschiedenen, sich oft widersprechenden Deutungen der im Mandate enthaltenen Bezeichnung „Jüdisches Nationalheim" ist es begreiflich, daß auf einer Genfer Pressekonferenz ein Pressevertreter an den englischen Außenminister Henderson die folgende Frage richtete: Wie definiert die gegenwärtige britische Regierung den Begriff „Jüdisches Nationalheim"? Der weise Herr Lehrer gab dem allzu wißbegierigen Fragesteller eine Antwort, wie sie in einer wirklichen Schule von einem Schüler nur auf die Gefahr hin, ein „Nicht genügend" zu erhalten, gegeben werden kann. Es ist das Grundprinzip jeder Logik, daß eine Definition nie negativ sein darf. Herr Henderson glaubt nun, sich über dieses Grundprinzip hinwegsetzen zu dürfen, indem er also orakelte: „Wir verstehen die Balfour- Deklaration in dem Sinne, daß die arabischen Interessen nicht vernachlässigt werden dürfen. Die Juden haben die Balfour-Deklaration nur in dem Sinne verstanden, daß England die Schaffung eines Jüdischen Nationalheims vorzubereiten habe, sie haben aber dabei vergessen, daß England auch für den zweiten Teil des Mandates, der sich mit den Rechten der Araber befaßt, verantwortlich ist.". „Die arabischen Interessen dürfen nicht vernachlässigt werden!" Daß es in Palästina auch jüdische Interessen gibt, an denen England früher einmal sehr viel gelegen schien, hat Henderson heute schon vergessen. Das nennt man große staatsmännische Kunst. Diplomierter Kapellmeister KURT FUCHSGELB Absolvent der Wiener Staatsakademie und der Hochschule für Musik, auch §evöiksdiüler, erteilt Unterricht in Violine und den theoretischen Fächern und übernimmtKorrepetitionen und Kammermusik. Wien I., Schottenring 25, Tel. U 88-6-85 ncrbstncnhcHcn ans Paris Crepe Romaine und Georgette, Crepe maorooain und Crepe Satin, feinste Qualitäten und Modefarben. Krawattenstoffe, die letzte Mode. f Ayw Kleidersamte, glatt und gemuwMsrl I E stert, in- 70 und 90 cm, erstklassige Qualitäten. Mantelhoohflorsamte, Hochmode. Seidenaamte 100 cm, ganz neue Gewebe. WOLLSTOFFE einfarbig und fein gemustert. ISantelstoffe, exklusive englische und französische Dessins. 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