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Die Wahrheit · 1930-09-22 · Heft 38-39 (22.9.1930) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 38-39 (22.9.1930)
Date
1930-09-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 9 Glossen. Der Altgraf Erich S a 1 m, ein Onkel des jungen Fürsten Erich Rüdiger Starhemberg, hat vielleicht aus mehrfachen Gründen Gelegenheit gesucht, öffentlich in wahrhaft väterlicher Weise Lehren darüber zu erteilen, wie nach seiner Meinung sowohl hochgeborene Aristokraten, wie auch simpel ge-' borene Bürgersleute als gläubige Katholiken sich zur Judenfrage zu verhalten haben. Der Altgraf meint, daß er als Angehöriger der christlich-katholischen Kirche zunächst darauf hinweisen müsse, laß diese keinen Antisemitismus kenne, „denn Jesus sagte: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und der „Nächste" kann ebenso ein Jude wie ein Christ sein." Offenbar für schwer zu kapierende Köpfe fügt Altgraf Salm noch überdies ein weiteres Argument hinzu: „Christus sagt, die heilige Mutter Gottes, die Apostel waren doch auch Juden!" Wenn Altgraf Salm annimmt, durch diese schlichten, aber logisch tadellosen Bemerkungen den Antisemitismus sowohl vom Standpunkt der Religion als der Rasse als „Unsinn" gekennzeichnet zu haben, der auch der „gottgewollten" Ordnung ins Antlitz schlägt, müßten ihm wirklich die gläubigen Christen ohne Unterschied des Standes recht geben. Und natürlich auch die Juden, die dieser Aufklärung gar nicht bedürftig waren. * * * Altgraf Salm macht übrigens kein Hehl daraus, daß er bei der Verlautbarung seiner Anschauungen «anz besonders von dem intensivsten verwandschaftlichen Interesse für seinen Neffen, den jungen "Starhemberg, geleitet ist. Die Bemerkung, daß man als „konservativer Politiker geradezu ein Freund der Juden sein müsse", denn diese seien naturgemäß immer ein staatserhaltendes Element und in ihrer überwiegenden Mehrheit immer gute Oesterreicher gewesen, scheint direkt für den Neffen als Politiker bestimmt zu sein. Dafür spricht nämlich auch die weitere, namentlich an die Adresse des jungen Neffen gerichtete Ermahnung: „Falls Erich Rüdiger Starhemberg wirklich in das Horn der Rassenantisemiten stoßen wollte, müßte ich ihn schon als Onkel daran erinnern, daß es wirkliche Rassenreinheit auch im besten Adel nicht gibt und nicht geben kann." Deutlicher kann man wirklich nicht sein. Altgraf Salm darf wahrlich dank seinen Ausführungen das erhebende Bewußtsein mit sich tragen, daß er als Katholik, Politiker und Aristokrat alles getan, um insbesondere seinem geliebten Neffen als Vorbild zu dienen. * * * Die Hakenkreuzler, die für das Alte wie für das Neue Testament nur Hohn und Spott haben, scheinen allmählich die Notwendigkeit erkannt zu haben, den, Wotan-Gläubigen einen Heiligen Schriften- Ersatz zu bieten. So meint die „Dötz" in einer Würdigung Chamberlains: „Neben seinem Hauptwerk sind sein „Goethe" und „Imanuel Kant" Bücher, die wir unbedenklich zu den „Heiligen Schriften" unseres Volkes zählen dürfen-" Die „Dötz" könnte eigentlich Chamberlain unbedenklich auch zu einem Heiligen des Wotan-Kultus ernennen. Warum auch nicht? Wichtige Neuerscheinung! I ntno I In unserem Verlage erscheint soeben: MACHSOR (Festgebale für die hohen Feierlage) mit vollständigen: ungekürztem Test, mit einer neuen Uebersetzung von Prof. Dr. Jakob B r o n n e r, Wien. Diese neue Uebersetzung zeichnet sich vor allen anderen, bisher vorhandenen durch ihren modernen Stil nnd ihre Klarheit aus. Der Name des Uebersetzers bürgt für deren Zuverlässigkeit und Gründlichkeit. Sowohl der hebräische als auch der deutsche Test (Lateinschrift) ist in klarer, schöner Type auf vorzüglichem holzfreien Papier gedruckt und sorgfältigst korrigiert. Der MachSOr eignet sich auch vorzüglich für Geschenkzwecke nnd soll in keinem jüdischen Hause fehlen 1 Preis in 2 Leinenbänden S 7.— „4 „ - S 10.— „ 4 Luxusbänden - S 14.— Zu beziehen durch die Verlagsbuchhandlung M. Saizmann Wien II.. GroBe Schiffgasse Nr. 4 Telephon R 27-6-71 Öaterr. Postaparkassen-Konto B 81-671 Was würde man von einem jüdischen Schriftsteller — und zwar mit Recht — sagen, wenn er über christliche Gebräuche schreiben würde, ohne sich auch die allergeringste Kenntnis darüber verschafft zu haben? Ein arischer Schriftsteller darf aber seelenvergnügt das Imirrnigste über jüdische Dinge schreiben, ohne fürchten zu müssen, daß man ihm auf die Finger klopft. So war vor einigen Tagen in einer Roman-Fortsetzung eines großen Wiener Blattes buchstäblich zu lesen: „Die Juden singen, bevor sie in den Spielsaal von Monte Carlo treten, ihr Kolnidre". Ist das nicht zum Lachen? . . . Eigentlich nein . . . * * * Eine 69 Jahre alte polnische Jüdin aus frommem Hause sollte neulich als Zeugin eine — wohlgemerkt — ganz belanglose Aussage unter Eid erstatten. Die Jüdin erklärte jedoch unter Tränen dem Richter, sie wolle lieber jede Strafe erleiden, bevor sie überhaupt einen Eid leiste. Eine hübsche Illustration zu der noch immer nicht verstummten, schamlosen antisemitischen Verleumdung: Die Juden nehmen es mit ihrem Eide nicht genau! Hitler, der nach den für seine Partei günstigen Wahlresultaten wirklich den Mund nicht weniger voll nimmt als früher, sagte in einer seiner siegesberühmten Reden unter anderem: „107 Mann werden nun auf dem legafen Fechtboden zeigen, daß sie auch Florett fechten können." Ueberraschend ist da nur die Wendung, daß die Hitlerianer zunächst sich auf den legalen Boden stellen werden; daß sie grandios — fechten können, hat man ihnen schon öfter, als ihnen lieb war, öffentlich gesagt. i Behördl. aotor. Häuseradministratioa iADOLF KRALL j IV., Schleifmühlgasse 11 I Talapiion B 29-1-4S | empfiehlt sich zur Ober- { nähme von Verwaltungen : Erstklassige Referenzen »«■»■■■■■■«•■■■■«■■■■■■1M1W11HMM««!—___________ Seine große Siegesrede hielt Adolf Hitler im -Zirkus Krone. Vielleicht wird in späteren Tagen ein Kulturhistoriker dieses äußerliche Moment zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen über das Deutschland im Zeichen Hitlers nehmen. * * * Es ist vielleicht nicht uninteressant, unter den vielen Berührungspunkten, die zwischen Adolf Hitler und Major Pabst bestehen, auch folgendes feststellen zu können. Hitler, ein Oesterreicher, der heute kein deutscher Staatsbürger ist, strebt danach, in Deutschland alles auf den Kopf zu stellen. Major Pabst war noch immer deutscher Staatsbürger, als er in Oesterreich eine ähnliche Rolle zu spielen versuchte- * * V Der Monsterprozeß in Angelegenheit der schändlichen antisemitischen Ausschreitungen in Borscha beginnt in den nächsten Tagen und wendet sich gegen 86 Personen. Darunter befinden sich merkwürdigerweise auch — 18 Juden, die nämlich von den antisemitischen Haupthetzern, den Priestern Berinde und DumJtrescu, beschuldigt werden, die antisemitischen Versammlungen gewalttätig überfallen zu -haben. Es ist begreiflich, daß Pessimisten in jüdischen Kreisen es für möglich halten, daß der Prozeß wegen schändlicher antisemitischer Exzesse nicht nur mit verblüffenden Freisprüchen, sondern auch mit entsetzlichen — Verurteilungen enden wird. Ego. i SeldiwarenfabrUf streng neo Elsen&nönlgsber.Wten Ii., üaldgasse 5 Selchwaren und Restauration Vorzüglicher Mittag- und Abendtisch zu bürgerlichen Preisen Ii.. Praierstrafle 33 (Neben dem Carltheater) nQMLRflb M ERRENMObE WIEN IL, PRflTERSTR TELEFON R 49-4-99 39 Wahrheiten Ja&e Wilhelms IL „liebe Juden". In den jetzt in der „Vossischen Zeitung" erscheinenden Denkwürdigkeiten des früheren deutschen Reichskanzlers Fürsten B ü I o w ist eine interessante Stelle enthalten, aus der zu. ersehen ist, wie Exkaiser Wilhelm II. den Juden gegenüberstand. Die Episode, über die Fürst Bülow da berichtet ist aber auch ein Beweis dafür, wie der Zionismus in seiner Jugend Maienblüte überall Anlehnung suchte, ohne zu bedenken, ob die etwa gezeigte Hilfsbereitschaft auch wirklich judenfreundlichen und nicht „taktischen" Erwägungen entsprang. (Diese unvernünftige Politik hat sich übrigens bei den zionistischen Epigonen beileibe nicht geändert). Fürst Bülow schildert den Besuch des Exkaisers Wilhelm II. am 29. Oktober. 1898 in Jerusalem. Zu Pferde zog man in Jerusalem ein. „Vor dem Tor, durch das wir einzogen," er-, zählt Fürst Bülow, „wollte eine Deputation von- Zionisten eine Ansprache an den Kaiser richten. An ihrer Spitze stand Dr. Theodor H e r z 1, ein. geistreicher, von heiligem Eifer für die Sache des Zionismus erfüllter Wiener Publizist Er war Kaiser Wilhelm durch den Großherzog von Baden vorgestellt worden. Wilhelm II. war anfänglich Feuer und Flamme für die zio-. nistische Idee, weil er auf diese Weise sein Land von vielen ihm nicht, besonders sympathischen Elementen zu befreien hoffte. Als ihm aber der damalige türkische Botschafter in Berlin, der uns auf unserer Orientreise begleitete, klargemacht hatte, daß der Sultan vom Zionismus und von einem unabhängigen jüdischen Reich nichts wissen wollte, ließ er die zionistische Sache fallen." Die Absicht die der Exkaiser mit seiner anfänglichen Förderung des Zionismus verfolgte, dürfte auch bei anderen „Freunden" dieser Idee — ebenso unausgesprochen — obwalten. Und Juden, die sich als „Politiker" dünken, fallen darauf hinein. Zur Beachtung! Benützen Sie den derzeitixen billigen Silberpreis zur Ergänzung oder Anschaffung von Tafelsilber bei Oesterreicher. Siehe Inserat Seite 6. Poale-zionistische Dogmatik. Eine Erklärung, die die Mitglieder der Arbeiterparteien im zionistischen Aktions-Comitee und im Administrative Committee der Jewish Agency nach den Berliner Tagungen dieser beiden Körperschaften erlassen haben, bekundet eindeutig die merkwürdige Denkungsart dieser Poale-Zionisten gegenüber den Nichtziomsten. Nach den Wünschen der zionistischen Arbeiterpartei dürfen die Nichtzionisten wohl das Geld hergeben, aber die Verwendung dieses Geldes soll nicht nach den „philanthropischen" Gesichtspunkten der Spender erfolgen. Gegen diese Neigungen werden die Herren mit aller Energie kämpfen und „in voller Rüstung", sagen sie, „werden wir auf der Wacht stehen für die Erhaltung der politischen und kolonisatorischen Werte und Errungenschaften der zionistischen Bewegung und des Arbeiterwerkes in Erez Israel." Poale-zionistische Wacht am Jordan? Die Fanatiker mahnen zur Mäßigung. Die englische Ausgabe des Organs der Arabischen Executive „Fa last in" kommentiert den Beschluß der Jewish Agency, ein eigenes Departement zur Verständigung mit den Arabern zu schaffen, und bezeichnet diesen Beschluß als einen „sinnlosen Versuch", die Araber und die öffentliche Meinung der Welt hinters Licht zu führen. Man sollte, schreibt das Blatt, an Stelle des beschlossenen Departements ein solches schaffen, das den Revisionisten und Misrachisten Mäßigung anzuempfehlen hätte.

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