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Die Wahrheit · 1930-09-22 · Heft 38-39 (22.9.1930) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 38-39 (22.9.1930)
Date
1930-09-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT vorstände stand immer wieder auf der Tagesordnung unserer Versammlungen. Eswirdauchimkommenden Jahre das eifrige Bemühen der „Union"-Leitung darauf gerichtet sein, in immer weiteren Kreisen des Wiener Judentums Interesse für alle unsere Glaubensbrüder berührenden Angelegenheiten zu wecken. Die „Union deutschösterreichischer Juden" beschränkt sich nicht auf die heute allerdings mehr denn je notwendige Abwehrtätigkeit, sondern sucht mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln aufklärend zu wirken und das öffentliche Gewissen gegen die verhetzende, lügnerische und die Staatsinteressen schädigenden Umtriebe der Antisemiten aller Grade aufzurütteln. Der neugeschaffenen Einrichtung von „kulturellen Abenden" hat die „Union" eine besonderePflege angedeihen lassen. Den Höhepunkt dieser Veranstaltungen bildete unsere Gedenkfeier anläßlich der Wiederkehr des 200. Geburtstages Moses Mendelssohns. Wir erfüllten mit dieser Feier, die zu einer der schönsten und würdigsten Veranstaltungen des jüdischen Wiens in den letzten Jahren zählt, als einzige jüdische Organisation Oesterreichs gegenüber den Manen dieses um die Emanzipation der Juden hochverdienten jüdischen Philosophen eine Ehrenpflicht Aus der Reihe der übrigen, durchwegs auf sehr hohem Niveau stehenden kulturellen Vortragsabende seien die Vorträge von Prof. Jehudo Epstein („Mein Weg von Ost nach West"), Hofrat Dr. Adolf Drucker („Geldmacht und Weltmacht"), Heinrich York-Steiner („Die Kunst als Jude zu leben"), Prof. Juliusz Wolfsohn („Jüdische Volksmusik") hervorgehoben. x Nach wie vor steht die „Union" in denkbar bestem Einvernehmen zu ihrer deutschen Schwestervereinigung, dem „Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", dessen unübertroffene Energie und weit ausgreifende Wirksamkeit uns in vieler Beziehung zum Vorbilde dienen können. Die rege Zusammenarbeit mit dieser die gleichen Ziele verfolgenden großen Vereinigung kam auch in einem Besuche zum Ausdruck, den uns einer ihrer hervorragendsten Führer, Syndikus Dr. Alfred Wiener, im Sommer dieses Jahres abgestattet hat Dieser Besuch gab zu eingehenden Besprechungen über die unsere beiden Organisationen gemeinsam bewegenden Fragen Gelegenheit. Dr. Wiener hat überdies auch den Vertrauensmännern der „Union" einen äußerst instruktiven Bericht über die intensive Tätigkeit des „Centrai- Vereines" erstattet, wobei die Schilderung des Kampfes gegen die verhetzende Tätigkeit des gegenwärtig in Deutschland starkangewachsenenNationalsozia- Iismus angesichts der politischen Verhältnisse in Oesterreich besonderes Interesse fand. Mit reger Aufmerksamkeit und innigem Gefühle verfolgte die „Union" die Entwicklung des Palästinaproblemes sowie die Ereignisse in Palästina selbst. Die Frage des Eintrittesin die erweiterte JewishAgency stellte die „Union" vor eine ernste Entscheidung. Es dürfte gerade gegenwärtig nicht unangebracht sein, jene Erklärung neuerdings im Wortlaute zu veröffentlichen, mit der die „Union deutschösterreichischer Juden" als die Vereinigung der nichtnationalen und nichtzionistischen Juden Oesterreichs den Eintritt in die Jewish Agency im Vorjahre begleitet hat. Die Erklärung lautete: Dem Beispiele ihrer gleicbgesionten Glaubensbrüder in Amerika, England. Deutschland, Frankreich, Italien und 20 anderen Staaten folgend und getreu ihrer seit Jahrzehnten beobachteten Haltung, hat es die „Union deutschösterreichischer Juden" im Einvernehmen mit dem Klub der unionistischen Kultusvorsteher Wiens als ihre Pflicht erachtet, einer Organisation beizutreten, die. entsprechend dem Mandat des .Völkerbundes, helfend und beratend dabei mitwirken soll, verfolgten, entrechteten, ihrer Heimat beraubten Juden eine neue, rechtlich gesicherte Heimstätte zu bieten. Die „Union deutschösterreichischer Juden" begrüßt die Zusammenarbeit der Glaubeosbrüder so vieler Länder an diesem philanthropischen Kolonisationswerke, sie legt aber die schärfste Verwahrung gegen jeden, von welcher Seite immer kommenden Versuch ein. diese im Einklang mit dem Völkerbund und der englischen Regierung eingesetzte beratende Körperschaft als eine jüdischnationale oder als eine internationale jüdisch-politische Institution hinzustellen. Die Juden Oesterreichs, die sich seit Generationen als Bürger dieses Staates fühlen, lehnen jede nationale Minderheitspolitik entschieden ab. Sie lieben ihr österreichisches Vaterland und wollen — vereint und geeint mit ihren andersgläubigen Mitbürgern — heute wie immer mit ihrer ganzen Kraft an dessen kulturellen und wirtschaftlichen Wiederaufbau mitarbeiten. Unbeschadet Ihrer Rechte und Pflichten gegenüber ihrem österreichischen Vaterlande wird die Vertretung in die Jewish Agency entsendet, zumal nach dem'klaren Wortlaut der Balfour- Deklaration und des England erteilten Palästinamandates bei der Errichtung der Helmstätte in Palästina „nichts geschehen soll, was die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgend einem anderen Land beeinträchtigen würde." Die „Union deutschösterreichischer Juden" wird im Einvernehmn mit dem Klub der unionistischen Kultusvorsteher Wiens ihre Vertretung in dem Augenblicke zurückziehen, in dem die Jewish Agency eine Wirksamkeit entfalten würde, die den in dieser Erklärung niedergelegten Grundsätzen widerspricht. Rückschauend dürfen wir heute nach den erschütternden Ereignissen des August 1929 auf palästinensischem Boden und angesichts der mutigen Absage des zionistischen FührersProf. Weizmannan den „Jude nstaat" — mit wehmütiger Genugtuung die Richtigkeit der in' unsererKundgebung zum Ausdrucke gelangten Einstellungkonstatieren. Wir werden im wohlverstandenen Interesse unserer Glaubensbrüder in Palästina sowie der Judenheit der ganzen Welt unverrückbar an unserer Anschauung festhalten und in dieser wie in allen jüdischen' Angelegenheiten unser Motto verwirklichen: Alles tun, was den Juden nützt, alles unterlassen, was ihnen schadet Herren- und Oieieir nur Ia Qualitäten, nach Maß und fertig lagernd, eventuelle Zahlungserleichterungen bis zu 1 Jahr werden gewährt IEIDER-UNION £WlENVLKasernen9.6 TeLB202-13 uu Huiii^sli Seit vielen Jahren das anerkannt beste -& Jahrzeitlicht »D»ynw« Man achte auf die ges. gesch. Marke „Hygien. 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Zweifellos ist diese hier skizzierte Abwehrtätigkeit eine der vornehmsten Aufgaben unserer Vereinigung, aber nicht die einzige Aufgabe. Die Abwehrtätigkeit ist notwendig, besonders in dem jetzigen Zeitpunkte, da die Schlammflut des Judenhasses aus Deutschland her über unsere Grenze sich wälzt und der praktische Antisemitismus immer fühlbarer -sich auszuwirken beginnt. In solchen Zeiten der Not ist es Pflicht, doppelt auf der Hut zu sein und jeden Angriff, mag er von welcher Seite immer drohen oder auch wirklich unternommen werden, mit allen gesetzlich zulässigen Mitteln abzuwehren. Das ist ein dringendes Gebot der Selbstverteidigung und der Selbstachtung. Diese gewiß notwendige Abwehrtätigkeit war und ist immer Ziel und Streben der „Union" und sie erfordert viel mühevolle Arbeit. Der Abwehrkampf muß von uns geführt werden, weil er uns aufgedrängt wird und es unklug wäre, ihm auszuweichen. In solcher Abwehr dürfen wir nicht erlahmen -und mag auch unserer Tätigkeit in dieser Richtung aus Gründen, die hier nicht näher erörtert zu werden brauchen, manchmal der Erfolg versagt bleiben, so ist doch die darauf aufgewandte Mühe nicht vergebens. Die Behörden, welche in so vielen Fällen gesetzlich verpflichtet wären, von amtswegen einzuschreiten, müssen, von uns hierzu genötigt, handeln und so wird ihnen zum Bewußtsein gebracht, daß die Juden als gleichberechtigte Staatsbürger mit vollem Rechte ihren Anspruch auf gesetzlichen Schutz erheben und daß er ihnen auch gewährt werden muß. Die Behörden müssen erkennen, daß ein starke Organisation über die Rechte der Juden wacht und nicht zuläßt, daß ihre Rechte von wem immer angetastet werden.

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