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Die Wahrheit · 1930-09-22 · Heft 38-39 (22.9.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 38-39 (22.9.1930)
Date
1930-09-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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äette 4 DIE WAHRHEIT allem auch unser Zusammenhalt nur in unserer Religion gelegen ist, daß ein von der Religion abgesondertes Judentum nicht bestehen kann und daß das Judentum nur mit der Religion steht und mit ihr fällt! Die Erfüllung unserer Aufgabe ist in der Zeit, in der wir leben, wahrlich nicht leicht. Ein großer Teil unserer Jugend steht der Religion inidiffeirent, wenn nicht feindlich gegenüber; ein anderer Teil glaubt, sich mit nationaler Betätigung begnügen und der religiösen Weltananschauung entraten zu können. Mag unsere Aufgabe noch so schwierig sein, wir müssen sie erfüllen! Wir müssen unserer Jugend vor allem religiöse Werte einpflanzen! Wir müssen sie dem Judentum zurückführen! Dann werden auch die späteren Geschlechter, die nach uns kommen, das Neujahrsfest mit Ehrfurcht und Andacht begrüßen und säch hierbei seelisch! geeint und verbunden fühlen mit ihren Ahnen und Urahnen, welche vor ihnen diese Neujahrstage stets in tiefster seelischer Erschütterung gefeiert haben! Die Jugend auf Abwegen! Dr. Ernst FeldsbeTg. Kol Nidre! in den jüdischen iiäusern Momente des ernsten Gedenkens! Der Seelen der Verstorbenen gedenken wir in Liebe und Pietät, Erinnerungen an längst vergangene Zeiten steigen in uns auf! Die Erkenntnis der Eitelkeit dieses Daseins, der Hinfälligkeit alles, irdisch Realen schafft in uns jene Feiertagsstimmung, jenes erhebende Gefühl, das alle erfassen muß, wenn vor geöffneter Bundeslade der herrliche Gesang des Kol Nidre ertönt. Andächtig in sich gekehrt lauscht die versammelte Gemeinde den verklingenden Akkorden dieses herrlichen Gebetes. Alle sind sie erschienen, die Freunde, Verwandten und Bekannten, alle vom gleichen Gefühle, von der gleichen seelischen Erschütterung erfaßt. Nur die Jugend fehlt! Hie und da an der Seite des Vaters ein heranwachsender Sohn, aber das Gros der Jugend bleibt dem Gottesdienste fern. Das Jahrtausende alte Judentum, die Ethik und Moral des Glaubens, die über Scheiterhaufen und Folterkammern hinweg im herrlichsten Glänze erstrahlen, scheinen in ihnen nicht mehr jene Begeisterung zu wecken, die man bei Verständnis unserer Glaubenslehre erwarten sollte. Für unsere Jugend gibt es eine Renaissance der Idee, die aber nicht mehr in der alten Tradition, sondern auf dem Lügengewebe der Politik fußt. Die Eltern, die sich selbst nur am Jörn Kippur ihres Judentums erinnern, zeigen wenig Interesse und Verständnis für die Begriffe jener höheren geistigen Läuterung _ ihrer Kinder, ihnen ist die jüdische Erziehung der Jugend gleichgültig. Durch diese auf Unkenntnis des Tatsächlichen beruhende Einstellung zum Judentum helfen die Eltern mit, ihre Kinder zur Gleichgültigkeit gegenüber allen Einrichtungen des Kultus und in weiterem Sinne zur Abkehr von dem Judentum zu erziehen, das bisher allen Juden der Welt, wo immer sie lebten, moralischen Halt bot. Es ist richtig, daß die Begeisterung der Jugend für eine nationale Idee leicht zu erwecken ist, aber es ist ebenso richtig, daß diese Begeisterung sich natürlicherweise mit der Zeit abschwächt und nur als Erinnerung übrigbleibt. Der rein national erzogene Jude wird in den meisten Fällen nur Jude bleiben, solange er durch seine politischen Ansichten sich mit dem Judentum verbunden fühlt. Wenn aber die Grundpfeiler seiner Idee ins Wanken geraten, wie es in den letzten Monaten der Fall ist, dann wird die Verbindung mit dem Judentum erschüttert und der Weg zum Freidenkertum, zum Abfall ist geschaffen. Der im religiösen Sinne, unter Bedachtnahme auf die Errungenschaften der Moderne, aber unter voller Aufrechterhaltung der ethischen und .moralischen Grundsätze des Glaubens erzogene junge Jude muß auf Bahnen geführt werden, die er nimmer verlassen kann, weil diese Bahnen den Begriff und das Wesen des Menschentums selbst verkörpern. Es ist in die Macht außenstehender Gewalten gelegt, die Ideale des Nationalismus zu verwirklichen. Diese Mächte haben in den letzten Monaten den Glauben an den Nationalismus erschüttert. Die Begeisterung künftiger Generationen wird für diese nunmehr verlorene Sache hidiPmehr zu erreichen sein. Es scheint dieser Idee das Schicksal des salomonischen Tempels zuteil zu werden. Es kann die Tragik dieser Idee werden, daß sie, die das Judentum neu aufrichten, zu neuem Glänze erheben und in alle Schichten der Bevölkerung als begeisterndes Ideal tragen sollte, zu einer Art Klägemauer werden wird, an der künftige Generationen die Anklage gegen alle jene erheben werden, die über das religiöse Judentum hinweg eine Renaissance schaffen wollten, die lediglich eine Fassade ist, die von außen einen schönen Anblick bietet, aber ein viel schöneres Kulturdokument zu verdecken droht. Schwerer Angriff gegen die Gewissensfreiheit und die staatsbürgerlichen ReMe der bayerischen Juden, Am 1. Oktober tritt das bayerische Schächtverbot in- Kraft Die Bayerische Rabbiner-Konferenz veröffentlicht den folgenden Aufruf! „Der erste Oktober, der Vortag des diesjährigen Versöhnungsfestes, ist für uns bayerischen Juden ein Tag des tiefsten Schmerzes, ein Tag schwerer seelischer Bedrückung. An ihm tritt das vom bayerischen Landtag beschlossene Betäubungsgesetz in Kraft, das in seiner Auswirkung in Wirklichkeit nichts anderes als ein Verbot des rituellen Scblachtens bedeutet. •4 M •4 < <4 Herren-Platt-Sehne i ü e r e i HIGHEM BRAUNER Wien IL, Praterstraße Nr. 21 Gegründet 1900 Telephon R 41-6-64 empfiehlt sieb zur Anfertigung eleganter Herren - Garderoben Orig. englische Stoffe Erstklassige Ausführung stets lagernd Massige Preise «r ZahluD.<?s-Erlelctiferniifien *m '*frTfVTT*rT'yi*n,fTTTT¥TTTTTffTTTTTTTfT' i» ► ► So hält dieser Tag uns die schmerzliche Tatsache vor Augen, daß in unserem geliebten bayerischen Vaterland — einstmals das Land der Gerechtigkeit und Duldsamkeit, das Land der Gewissensfreiheit und der ungehinderten Religionsübung für alle Bekenntnisse — uns Juden gegenüber ein Angriff auf das Palladium der Gewissensfreiheit, wie auf unsere staatsbürgerlichen Rechte möglich geworden ist. Wir müssen uns leider vor dieser Tatsache beugen, die uns für kürzere oder längere Zeit schwere drückende Notwendigkeiten auferlegt Unmännliches Klagen vermag uns nicht zu helfen- Es gilt dem Unabänderlichen ins Auge zu schauen, den Schwierigkeiten die Stirne zu bieten, das Schwere und Unbegreifliche würdig zu tragen. In eingehenden Beratungen und treuer, umsichtiger Arbeit haben die religiösen und weltlichen Führer des 'bayerischen Judentums zusammen mit den Vertretern des jüdischen Metzgergewerbes in Bayern, auf dessen Erhaltung die jüdische Bevölkerung bedacht sein muß, die Voraussetzungen für den Fleischbezug aus außerbayerischen Ländern geschaffen. Die Durchführung wird sich zumal in UFA-TON-KINO: 8 Wien II., TaborslraB Telephon R 41-2-41 Rosenmontag Ein neuer deatsoher TSfaton-Spreohfllm Nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Otto Erioh Hartleben Manuskript L. v. Wohl und Ph. L. Mayring Produktionsleitung: Bruno Duday Regie: Hans Steinhof Musik: Schmid-Gentner Hauptrollen: Llen Geyers, Matthias Wiemann Beginn der Vorstellungen: 7,6, 7.8 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr der ersten Zeit nicht leicht gestalten und die Mitglieder unserer Glaubensgemeinschaft werden nicht geringe Opfer bringen müsen. Dennoch zweifeln wir keinen Augenblick, daß das bayerische Judentum mit starkem Willen und mit zähem Opfersinn sich der schwierigen Lage gewachsen zeigen und an der Heiligung seines Lebens im Sinne der religiösen Speisevorschriften festhalten wird. Hat doch zu allen Zeiten, wenn es galt, einen Angriff auf ihre religiösen Heiligtümer abzuwehren, die jüdische Glaubensgemeinschaft einmütig zusammengestanden und, wie die jüdische Geschichte es auf allen ihren Blättern zeigt, rühmenswerte Stärke und leuchtenden Opfersinn bewährt Wir hegen deshalb zu der Gesamtheit unserer Glaubensbrüder und Glaubensschwestern das feste Vertrauen, daß auch diejenigen, die bisher in der Beachtung der religiösen Speisevorschriften zurückstanden, nicht mehr zur Seite stehen, daß sie durch ihre Beteiligung an den zu bringenden Opfern uns im Kampfe um unsere Gewissensfreiheit unterstützen und auf solche Weise ihr Gemeinschaftsgefühl und ihre brüderliche Gesinnung betätigen werden. An alle unsere bayerischen Glaubensbrüder und Glaubensschwestern richten wir somit die dringende und herzliche Bitte, daß sie der heiligen Sache der Religion die Treue wahren und in richtiger Würdigung der schweren Zeit, in die wir hineingestellt sind, sich als pflichtbewußte Bekenner unseres Glaubens bewähren mögen. Möge das bayerische Judentum in solcher Zeit der Drangsal nicht versagen und nicht enttäuschen!" Die Klagemauer. Die hohen Feiertage sind gekommen. Mit Wehmut und Trauer gedenkt die Judenschaft der ganzen Welt des gewaltigen Unbills, das im abgelaufenen Jahre Juden in vielen Ländern widerfahren ist. Die Religionsverfolgungen in Rußland, die Pogrome in Rumänien waren schwarze Merksteine auf dem Dornenwege dieses Jahres. Aber auch in Palästina haben sich die Verhältnisse, wie allgemein bekannt, wesentlich zu Ungunsten der Juden verschlechtert. In diesen Tagen heiliger Einkehr erinnern wir uns insbesondere jenes Monumentes einstiger Größe, das im Vorjahre den Ausgangspunkt der blutigen Unruhen bildete, denen 133 Juden zum Opfer fielen. Die alte Klägemauer ist ein Wahrzeichen neuen jüdischen Leids geworden. Werden die Jerusalemer Juden in diesen Tagen ungestört ihre fromme Andacht an der Klagemauer verrichten können? Die mit so großem Applomb eingesetzte Klagemauerkommission hat ihre Beratungen beendet, ohne daß bisher ein Resultat der anscheinend sehr umständlichen Verhandlungen bekannt geworden wäre. Dafür erreicht uns jetzt aus Jerusalem eine erschreckende Nachricht, die zeigt, daß der Zwist zwischen Juden und Araber, die ihrerseits Rechte auf die Klagemauer beanspruchen, unausgleichbar scheint. Die unter Mitwirkung der Palästinaregierung eröffneten Verhandlungen zwischen Juden und Arabern über eine Einigungsformel im Klagemauerkonflikt wurden ergebnislos abgebrochen. Die starre Unnachgiebigkeit des Großmufti von Jerusalem macht eine Wiederaufnahme solcher Verhandlungen unwahrscheinlich. Daß die Palästinaregierung nicht mehr Einfluß auf den Großmufti besitzt, beweist ihre ganze Schwäche. Und unter dieser neuerlich bekundeten Untätigkeit, die rein „politischen" Erwägungen entspringt, haben die Juden in Palästina zu leiden.

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