Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 38-39 (22.9.1930)
- Date
- 1930-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seif» 3 ten Kräfte walten, Anschauungen undReue und Buße bewirkte Frömmigkeit der Nicht¬ Vorstellungen wirken, Tendenzen und Richtungen vorhanden sind, die im Vereine mit manchen anderen unmeßbaren und unwägbaren Elementen, dasjenige ergeben, was die Umwelt mit dem Worte Judentum zu bezeichnen gewohnt ist. Nennt es wie Ihr wollt, nennt es Volk, Nation, Rasse! Auf die Namen kommt es hier nicht an, hier gilt des Dichters Wort: „Gefühl ist alles, wer es nicht im Herzen fühlt, er wird es kaum erjagen." Dieses Judentum ist da, es ist in mir, ich fühle es, ich erkenne es, ich liebe es mit um so größerer Inbrunst und Leidenschaft, je schwächer seine äußere Lage, je größer die Bosheit und der Haß ist, unter denen es zu leiden hat. Mag sein, daß dieses Gefühl und diese Erkenntnis erst in den letzten Jahren mit solcher Deutlichkeit sich eingezeichnet haben in die Tafeln meines und meiner Genossen Herzen — im Unterbewußtsein waren sie sicherlich von allem Anfange an vorhanden, nur schlummerten sie ähnlich wie Jonah, der anfangs schlief in der Schiffsecke, bis der Orkan ihn aus dem Schlafe und zur Erkenntnis seiner selbst aufgerüttelt hatte. Unter all den sittlichen Forderungen, die der Versöhnungstag an den jüdischen Menschen stellt, gibt es keine so heilige, so wichtige, wie die Erkenntnis, die zugleich ein Bekenntnis ist, ausgedrückt in dem Ruf: „Ein Iwri bin ich!" Wer die erstere nicht besitzt und zu dem letzteren nicht Mut und Kraft findet, hat aufgehört, besser gesagt, er hat nie begonnen, ein Iwri zu sein. Für ihn ist der Versöhnungstag ein Tag wie alle anderen. II. „Ein Iwri bin ich und den Ewigen, den Gott des Himmels, fürchte ich." Gewiß, so ruft Jonah seinen Widersachern zu, bin ich in erster Reihe Iwri, fühle ich jüdisches Blut in meinen Adern rollen, jüdisches Wesen, jüdische Art in mir walten und wirken, aber, ich ehrfürchte zugleich auch „den Gott des Himmels und der Erde." Man achte doch genau auf den Wortlaut dieser Stelle. Nicht von einem Gott der Väter, des Abraham, Isak und Jakob ist hier die Rede, sondern vielmehr von Gott, der Himmel und Erde geschaffen, von Gott, der „gnädig, barmherzig, langmütig ist und reich an Huld", von Gott, der sich nicht nur aller Menschen, auch der nichtjüdischen, sondern auch der Tiere erbarmt. Die Gottesfurcht, die hier vorausgesetzt erscheint und zu deren Lehrer und Verkünder am Versöhnungstage Jonah, der Sohn Amitais, erkoren ward, ist sonach keineswegs eine nationalbeschränkte, an irgend einen Einflußkreis gebundene, durch irgendwelche bestimmte Heilstat hervorgerufene Frömmigkeit, sondern vielmehr ein alle Menschen auf gleicher Weise umfassender, ihre Gnaden und Segnungen allen Wesen zuteil werden lassender Zustand der höchsten Sittlichkeit; jener Sittlichkeit, wie sie das Genie der Propheten in die Religion Israels hat eingeführt. Ist es nicht im höchsten Maße bezeichnend, daß an dem höchsten und heiligsten Tage der Gemeinde Israel eine Erzählung vorgetragen wird, in welcher die durch juden als rühmens- und nachahmungswertes Beispiel hingestellt wird, eine Erzählung, deren Held von Gott gezüchtigt wird, weil er Gottes Gnade und Barmherzigkeit auch gegenüber den Nichtjuden anzuzweifeln wagte. Bedarf es noch eines überzeugenderen Beweises, daß im Judentum der doktrinäre Nationalismus schon in der ältesten Zeit innerlich überwunden und der Schwerpunkt des jüdischen Seins und Wesens nicht im Nationalen, sondern in seiner, über alle nationalen Schranken und Grenzen hin wegblickenden Religion gelegen ist. Fromme Vätersitte läßt uns am Vorabend des Versöhnungstages, unmittelbar vor Beginn des Gottesdienstes den Freund und Genossen aufsuchen und ihn wegen wirklich zugefügter oder vermeintlicher Unbill um Verzeihung zu bitten. Diese Sitte beruht auf dem alten rabbinischen Grundsatz: „Nur Sünden gegen Gott sühnt der Versöhnungstag, doch Sünden gegen seinen Nächsten kann der ,Jom Kippur' nicht sühnen, so dieser Nächste nicht versöhnt wird." In schlichter Anschaulichkeit wird hier das Hochziel aufgezeigt, das durch die Feier des Versöhnungstages erreicht werden soll und das zugleich das Endziel aller religiösen Betrachtungen im Judentum ist, aus einem Iwri einen „Jerah Eloheh haschomajim" zu machen, aus dem sich bloß an ethischen Momenten erkennenden Juden einen jüdischen Menschen, der ungeachtet seiner Besonderheit sich als Glied des großen Weltganzen betrachtet, mit dessen Glück und Heil das seinige eng verknüpft erscheint Zu solcher Höhe will uns der Jörn Kippur emporführen. Menschen, die in Neid und Haß gegeneinander verharren, durch Rassenhaß und nationalen Eigendünkel wie durch eine chinesische Mauer von einander getrennt sind, werden nie und nimmer einen Versöhnungstag feiern. Nur ein in sich geeinigtes, im Zeichen gemeinschaftlicher Menschheit ideal versöhntes Geschlecht vermag das Bild eines Gottes im Herzen zu tragen, der Himmel und Erde hat geschaffen. Ehe die Schatten des Versöhnungstages sich herniedersenken und die letzten Akkorde des Schlußgebetes erklingen, vereinigt sich die betende Gemeinde Israels zum letztenmal vor der geöffneten Bundeslade, um siebenfach einzustimmen in jenen Ruf, mit welchem der Prophet Elias die Götzen seiner Zeit in die Flucht geschlagen: „Adonai, hu hoelauhim." Möge dieser Ruf hinausdringen bis in die entlegensten Winkel der bewohnten Erde und mächtigen Widerhall finden in den Herzen aller Menschen. Das wäre der Sabbat der Sabbate, wenn alle Menschen, welcher Nation und welchem Stamme sie auch angehören, zur Erkenntnis gelangten, daß es für die zerklüftete Welt kein stärkeres und festeres Band gibt, als der Versöhnungsruf: „Der Ewige ist Gott auf Erden." Dann würde wiederum Hoffnungsschimmer auf Erden aufleuchten; Hoffnung, daß Gott wahrmacht seine uns gleichfalls am Jom Kippur gemeldete Botschaft: „Man wird erbauen aus Dir die Trümmer der Welt, aufrichten die Grundlagen für die späteren Geschlechter." Was wir wollen. Eine Neujahrsbetrachtung. Dr. Jakob O r n s t e i n, Präsident der Das alte Jahr geht zur Rüste, in wenigen Stunden feiert Israel in allen seinen Gotteshäusern das Fest des neuen Jahres. Bange Sorge beschleicht uns, wenn wir unsere Andachtsstätten betreten und uns bewußt sind, vor dem Tore einer ungewissen Zukunft zu stehen. Erschütternd drückt sich diese Bangigkeit in dem Gebete des Märtyrers Rabbi Ammon, in dem durch seinen tiefernsten Inhalt und durch die Tradition geheiligten Gebet© Unesane taukef aus. Aber wir wären nicht echte, treue Söhne unseres Glaubens, wenn wir in diesen Tagen uns nur mit unserem Einzelschicksale befassen würden, wenn wir nicht vielmehr auch unsere ganze jüdische Gemeinschaft in unsere Sorge, in unser Gebet einschließen würden. Das neue Jahr 5691 wird ein Jahr schicksalsschwerer Entscheidungen sein. Die obersten Vertretungskörper unseres Vaterlandes, dessen Wohlergehen wir getreu der Lehre unseres Propheten Jeremias gemeinsam mit unseren andersgläubigen Mitbürgern mit allen Kräften unseres Geistes und unserer Seele fördern wollen, sowie auch unserer Vaterstadt, „Union deutschösterreichischer Juden", der wir in treuer, kindlicher Liebe anhangen, werden in dem kommenden Jahre zu Erneuerung gelangen; ihre Zusammensetzung wird für die gesamte Bewohnerschaft Oesterreichs und seiner Hauptstadt, demnach auch für die österreichische Judenschaft von ausschlaggebender Bedeutung sein. Werden insbesondere in unserem Nationalrate jene Männer zur Führung gelangen, welchen das Gebot der Gleichberechtigung aller Bürger dieses Staates nicht nur als ein formales Gesetz, geschrieben auf dem Papier des Bundesgesetzblattes, gilt, sondern für welche vielmehr diese Forderung der erlesensten Geister eine lex corde inscriptum bedeutet, ein hohes, sittliches Gesetz, das ihre Herzen erfüllt und dem einen wahren Inhalt zu geben sie als heilige Verpflichtung betrachten. Wir haben keine andere Forderung an die staatlichen Gewalfen zu stellen, es gibt neben dieser Kardinalforderung kein anderes, spezifisch jüdisches Interesse in Oesterreich. Noch ist dieser Kampf um das gleiche Recht nicht ausgekämpft, oft ist dieses gesetzcuuA das mit dem Zeichen der streng rituellen Erzeugung versehene KuneroL Das Verschlußsiegel bürgt Ihnen dafür, daß Sie Kunerol ohne Bedenken genießen können. Kunerol ist reines Kokosnußfett und kannsowohl zur Zubereitung von Milchspeisen als auch zur Zubereitung von Fleischspeisen verwendet werden. & KUNEROL 100% RELNES KOKOSNTUSS.FETI Nur echt mit Originalpackung. — Vor täuschend ähnlichen Nachahmungen wird gewarnt lieh verbürgte Recht nur ein wesenloser Schein. In Deutschland ist durch die letzte Wahl eine Partei zur Macht gelangt, welche die Vernichtung alles Jüdischen auf ihre Fahne geschrieben hat und welche dieses Ziel durch Lüge, böswillige Verleumdung und auch durch rohe Gewalt erreichen will. Wird diese tobende Brandung ihre Schmutzwellen auch über Oesterreich ergießen? Was aber auch immer kommen möge, wir werden der Mission, die wir von unseren Altvorderen, den Gründern unserer „Union", übernommen haben, nie und nimmer untreu werden. Wir werden getreu dem Leitsatze unserer Statuten fortfahren in der „energischenVerteidigungder verfassungsmäßigen Rechte der österreichischen Juden als vollberechtigte und gleichverpflichtete Bürger des Staates unter Ablehnung jeder Sonderstellun g". Gleiche Rechte und gleiche Pflichten sollen die beiden Pole unseres Handelns sein. Wir wollen wetteifern mit allen unseren Mitbürgern, wes Glaubens sie immer sein mögen, in der Betätigung der gleichen Pflicht gegen unser Vaterland, wir wollen mit ihnen den schweren Kampf um die Wiederaufrichtung unserer durch den Weltkrieg niedergeworfenen Heimat führen. Wir wollen aber auch kein Zollbreit weichen von dem Boden des gleichen Rechtes, des Rechtes, das wir uns erworben, nicht nur durch den Wortlaut des Gesetzes, sondern durch unsere hingebungsvolle, opferbereite Arbeit für das Blühen und das Gedeihen unseres Vaterlandes. Mit diesem Losungsworte wollen wir, bauend auf den alten Gott Israels und vertrauend auf unsere Kraft, das neue Jahr beginnen, und es wird uns das wahre, das gleiche Recht werden. Zum Neujahrsfest* Dr. Josef T i c h o. Die einziehenden Neujahrstage erfüllen alle jüdischen Herzen mit Ehrfurcht und Artdacht. Der ausschließlich religiöse Charakter dieser Feste liegt für jeden offenkundig zu Tage. Und diese rein religiöse Bedeutung vermag viele, viele Juden in ihren heiligen Bann zu ziehen. Hierin liegt zweifellos ein Beweis dafür, daß das Judentum vor allem Religion bedeutet und daß diese althergebrachte, von Geschlecht auf Geschlecht, von Vater auf Sohn überkommene Religion alle, die Juden sind und bleiben wollen; eint und fest verbindet. Daraus entspringt für uns die heilige Pflicht, für die Verbreitung und Vertiefung dieser Erkenntnis zu wirken, sie in der Seele jedes Juden zu verankern und vor allem für (He religiöse Erziehung unserer Jugend alle unsere Kräfte einzusetzen, damit auch sie erkenne, daß unsere innere Stärke und unser Heil, und vor