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Die Wahrheit · 1930-09-22 · Heft 38-39 (22.9.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 38-39 (22.9.1930)
Date
1930-09-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT sollen, und die Geschichte ist der zuverlässigste Führer eines Volkes. Das Merkmal eines Kulturvolkes ist die Liebe zu seiner Geschichte und seiner Vergangenheit. Wir Juden haben es stets verstanden, die Zeit zu werten, das war unsere Stärke. Hüten wir uns, die Struktur unserer Geschichte, unsere Eigenart und unser religiöses Ideal zu verlieren! Wir geraten dann in die Irre und werden von den Stürmen der Zeit verschlungen. Ohne Zusammenhang mit der Geschichte und mit der jüdischen Gemeinschaft in der ganzen Welt sind wir ein schwaches Element, dem Schicksal preisgegeben. NichtanderVerblassung, sondern ander Erstarkungdes großen jüdischen Gedankens können wir gesunden. Welterneuerung! Wer sieht heute nicht ein, wie bitter not sie uns tut? Wir leben in einer Zeit, die von wilden Leidenschaften zerwühlt ist, in der die Menschheit in Roheit und Unreinheit zu versinken droht. Da kann nur die Rückkehr zum alten jüdischen Ideal der Gerechtigkeit und der Versöhnung helfen. Alle, in deren Brust die Menschlichkeit noch nicht abgestorben ist, sehnen sich glühend nach einer neuen Weltordnung, in der die Menschen und die Völker einander ergänzen und nicht blutig bekämpfen. Aber mit der Sehnsucht allein ist es nicht getan, die Erkenntnis des Göttlichen in uns muß zur lebendigen Tat werden. Die guten Kräfte der Völker müssen erwachen und ihnen ihren wahren Beruf zeigen. Nach jüdischer Auffassung ist jeder Jude ein Priester am Werke Gottes, jeder hat die Pflicht, reinen Herzens an dieser gewaltigen Aufgabe mitzuarbeiten und seine Kräfte dem wahren Fortschritt zu weihen. Die Erfüllung dieser Pflicht ist für den Juden gleichzeitig segensreiche Arbeit an dem Staatstum, mit dem er verwurzelt ist. Der Neujahrs wunsch der alpeinländischen Judenheit Rabbiner Dr. D. S. Margules, Salzburg. Jüngst ging durch die gesamte Presse der seinem Inhalte wie Stil nach ideal verfaßte Hirtenbrief des neuen KirchenfürstenzuBrixen. In der jüdischen Oeffentlichkeit fand dieser alpen- Iändische Ruf des geistlichen Oberhauptes aus Südtirol wenig Echo, obschon dieser humane Hirtenbrief den jüdischen Menschen wie das jüdische Schrifttum vielfach tangiert. Erfreulicherweise wählt der neue Kirchenfürst im südlichen Alpenland zum Thema seines Hirtenbriefes die allgemeine Menschenliebe, wobei die These aufgestellt wird: „Die eigenen Volksgenossen lieben ist jüdisch." Dieses scheinbar hochwürdige Lob aus der Feder des humanen Fürsterzbischofs verdient sicherlich unsere volle Zustimmung. Wir sind natürlich dankbar für das rühmenswerte Attest der eigenen Stammesliebe, die wir Juden Jahrtausende hindurch in Wort und Tat hegen und pflegen. Bedauerlicherweise verliert aber dieser hirtenbriefliche Lobspruch seinen wertvollen Gehalt durch ein einziges winziges Wörtchen, das dem oben erwähnten Wahrspruch vorgesetzt wurde, so daß sich in diese von Menschenliebe .getragene Epistel des apostolischen Delegaten ein peinlicher Mißton eingeschlichen hat In dem Hirtenbriefe heißt es nämlich wörtlich: „Bloß die eigenen Volksgenossen heben ist jüdisch." Diesen unzweideutigen Vorwurf können wir Juden nicht unwidersprochen hinnehmen. Daß der Hirtenbrief uns n u r die Liebe für die eigenen Stammesgenossen zugesteht, dagegen uns die gerade als spezifisch jüdisch bekannte kosmopolitische Humanität abspricht, nimmt uns bei der staunenswerten Kenntnis des jüdischen Schrift- .tums seitens dieses kosmopolitisch denkenden geistlichen Oberhauptes Südtirols sehr Wunder. Wenn dieser große Menschenfreund im bischöflichen Gewand seinen Gläubigen die ausgedehnteste, weitherzigste Menschenliebe mit folgenden Worten einschärft: „Die Liebe darf nicht eingeschränkt sein auf Rassen oder Klassen, auf Parteien und Blutsverwandte, sie muß allgemein sein, sie muß sich auf alle erstrecken, die ein Menschenantlitz tragen, die eine unsterbliche Seele haben...", so müssen wir an ihn die Frage richten: Bekunden etwa die Juden dieses reine Menschentum nicht? Ein wahrhaft frommer Hirte dürfte keineswegs so den Stab über Andersgläubige brechen, weil auch die Kinder Israels nach der gleichen Lehre der echten Menschenliebe zu behandeln sind, zumal diese humane Idee der wahren Nächstenliebe zuerst im dritten Buch Mosis verankert wurde, wo es (Lev. 19, 18) heißt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" Dabei gebraucht hier die Bibel für den „Nächsten" einen Ausdruck, welcher auch den andersgläubigen, andersrassigen, andersgesinnten, ja sogar den feindlichen Nebenmenschen mitunter bezeichnen kann. Unverkennbar bedient sich die Thora eines und desselben Wortes für den „Aegypter" zur Zeit der leidvollen Fron Israels im Pharaonenreich (Exod. 11, 2). Die biblische Menschenliebe bezieht somit auch den Gegner in ihr echt humanes Gebot ein, keinesfalls aber beschränkt sich die Nächstenliebe der Thora auf die eigenen Volksgenossen. Wahrscheinlich dürfte diese philologische Interpretation dem übrigens äußerst humanen geistlichen Fürsten entgangen sein. Die große Menschenliebe des edelmütigen Kirchenfürsten strahlt noch aus der tiefsinnigen Mahnung hervor, welche ausdrücklich verlangt daß „die Menschen mehr Liebe, Verständnis und Achtung einander entgegenzubringen lernen sollten, womit der größte Kulturfortschritt der Menschheit verbunden wäre..." Fürwahr, echte Humanität spricht aus diesen menschenfreundlichen Worten, denen unzählige gleiche Vorschriften der Thora gegenüberzustellen wären. Aus diesen zahlreichen Geboten der Nächstenliebe in der Bibel heben wir nur ein Beispiel für viele heraus: „Ein Recht bestehe bei euchfürdenFremdenwie fürdenEingeborenen" (Lev. 24, 22). Gerade die Vertrautheit des Kirchenfürsten mit dem Text der Heiligen Schrift berechtigt wohl zur Annahme, daß wirklich nur ein kleines Versehen in der einleitend erwähnten Stelle des Hirtenbriefes vorliegt, dessen feierlicher Schluß in die gehaltvollen Worte von zwei israelitischen Propheten ausklingt: „Schmiedet die Schwerter zu Pflugscharen um, dann wird die Morgenröte einer glücklichen Zeit über uns aufstehen." Solch messianischem Pazifismus haben namentlich J e s a i a (2, 4) und M i c h a (4, 3) in ihren grandiosen Visionen prophetischen Ausdruck verliehen. Noch mehr Beweis für die Vertrautheit des Kirchenfürsten mit den biblischen Sprachwendungen bilden die letzten Worte des schönen Hirtenbriefes: „Was mit Tränen gesäet worden, wird mit Frohlocken geerntet werden" (Psalm 126, 6). Israel bekundet die restlose Nächstenliebe auch in seinen inbrünstigen Gebeten, namentlich in der erhabenen Liturgie am Neujahrsfeste, das . wir Juden mit einem echt humanen Gebete für das Gemeinwohl der gesamten Menschheit einleiten, um dann erst für die eigenen Glaubensgenossen zu Gott zu flehen. In diesem echt jüdischen Verbrüderungsgeist gegenüber der ganzen Kulturwelt ist es der Neujahrswunsch der alpenländischen Juden: Die alpenländische Umwelt beherzige die in dem Hirtenbriefe von ihrem Kircheniürste gebotene Menschenliebe — auch der Judenheit gegenüber. Die vorliegende Festnummer der „Wahrheit" ist 16 Seiten stark. Die nächste Nummer erscheint Freitag, den 3. Oktober. Zum Versöhnungstag. Rabbiner Dr. Armin A b e 1 e s. „Ein Iwri bin ich und den Ewigen, den Gott des Himmels fürchte ich". Jörn Kippur! Eine ganze Welt ist in diesen zwei Worten enthalten, die Welt des Judentums. Jörn Kippur! All die herrlichen religiösen Gedanken und erhabenen sittlichen Lehren, durch welche die „Feuerlehre" von Sinai sich auszeichnet und die sie zu einem einzigartigen und unvergleichlichen Kulturgut der Menschheit gestalten, finden sich in dem Versöhnungstag wie in einem Brennpunkt vereinigt und ziehen in der Liturgie dieses Tages wie in einem bunten BUderbogen an unserem Auge vorüber, zur Erhebung der einen, ermahnend die anderen, aber auch die Kühlsten und Gleichgültigsten in ihren Bannkreis zwingend. Vielleicht in keinem einzigen Moment dieses hochheiligen Tages tritt dies mit so klarer Anschaulichkeit und wuchtiger Eindringlichkeit zu Tage, wie bei jenen Groß und Klein, Arm und Reich, Jung und Alt in gleicher Weise ergreifenden Worten, welche die Weisheit unserer Alten vor dem Minchagebete der versammelten Gemeinde vorlesen läßt; ich meine den 9. Vers in dem Buche des Propheten Jonah: „Ein Iwri bin ich und den Ewigen, den Gott des Himmels, fürchte ich". I. „Ein Iwri bin ich." Was diesem Ruf Jonah's eine so mächtige, bis zum heutigen Tage fortdauernde Resonanz verleiht, ist vor allem der Umstand, daß sein Inhalt über den Rahmen des Geschehnisses hinausgreift, durch das er veranlaßt ward. Es sind Worte von programmatischer Bedeutung, die hier erklingen, programmatisch, indem sie der Gemeinde Israels im Augenblicke höchster Sammlung den Begriff „Judentum" als eine Synthese zweier gleichartiger, einander ergänzender Elemente klar und deutlich in Erscheinung treten lassen. „Ein Iwri bin ich"... Auf einem, von sturmgepeitschten Wellen mit dem Untergange bedrohten Schiffe, das nach Tarsisch unterwegs ist, wird Jonah von den Schiffsleuten beschuldigt, daß durch seine Schuld der Sturm entstanden sei. Sie überhäufen ihn mit erbitterten Vorwürfen, die sich in den haßerfüllten Fragen Luft machen: Wer bist du, woher kommst du, was ist dein Gewerbe, und manches andere. Und Jonah, mit einem einzigen Aufschrei tritt er in dieser großen Stunde der Gefahr seinen Widersachern entgegen, der sie erbeben und verstummen macht. Mit den Worten „ein Iwri bin ich'.'. Wie ist doch dieser Flammenruf Jonah ben Amitai's geeignet, als Wahr- und Warnungszeichen, als Mahn- und Weckruf auch uns zu dienen inmitten der heillosen Verwirrung und Verwüderung einer Zeit, die so viel Aehnlichkeit aufweist mit jenen Tagen, da er zum erstenmal ertönte. Einem sturmgepeitschten Ozean gleicht die heutige Menschheit. Turmhoch gehen die aufgewühlten Wogen der Leidenschaften. Es kocht und zischt die Brandung des Rassenhasses und der Völkerverhetzung, das Lebensschiff nicht nur Einzelner, sondern ganzer Nationen mit Verderben und Untergang bedrohend. Und genau wie in dem Falle Jonah's, wie in den düstersten Epochen des Mittelalters, wie immer bei großen Weltkatastrophen geschieht es auch heute: Uns Bekennern des Judentums wird die Schuld aufgebürdet an der furchtbaren Not der Zeit und von haßerfüllten Gebärden begleitet, tönt täglich und stündlich vorwurfsvoll die Frage an unser Ohr: Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Was sucht Ihr hier? und dergleichen mehr. Oh, daß wir doch alle, die wir im jüdischen Lager stehen, daß jeder Einzelne unter uns, ob jung und alt, hoch und niedrig, reich und arm den Mut und die Kraft fänden, einzustimmen in den Ruf Jonah's „Ein Iwri bin ich" und diese Einzelrufe sich zu einem himmelstürmenden Myriadenchor vereinigten, der wie einst Israels Gesang am Meere erbeben macht die Gewaltigen Moabs und verstummen die Mächte Edoms! „Ein Iwri bin ich", ich bin Jude, nicht weil Geburt und Abstammung ins jüdische Lager mich gestellt, auch nicht deshalb, weil Gewohnheit und Pietät und das auch in der geistigen Welt herrschende Trägheitsgesetz mich abhalten, meine Stellung aufzugeben, sondern vielmehr und weit mehr bin ich Jude im Sinne eines Iwri. Seit meiner frühesten Jugend ist geweckt in mir die Erkenntnis, daß in meiner Seele und der mir Gleichgesinn-

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