Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 38-39 (22.9.1930)
- Date
- 1930-09-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 70 Groschen Jüdische DSe tDanrheil Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union deutschösterreichischer Jaden und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Ktiltusgemeinde Wien « Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 22. September 1930 Nummer 38/39 t(>e£femeiiemft^-5xe£eftemeaenm^ Unser Rausch Haschono, der ursprünglich nur ein bürgerliches Neujahrsfest war, entwickelte sich durch die Erkenntnis, daß alles Aeußere nur eine Wiederspiegelung des Innenlebens ist, im Laufe der Zeit zu einem Tage hoher Weihe und Buße. Und in dieser Entwicklung trägt das Fest das Schicksal Israels. Es ging den Weg der Verinnerlichung, wie Israel: vom Staatlichen zum Religiösen, vom Politischen zum Ethischen. Je dunkler das Leben draußen wurde, desto herrlicher leuchtete es von innen, je trüber der Alltag, desto poetischer gestaltete sich das Fest. Je enger das Leben wurde, desto tiefer die Sehnsucht nach Erlösung, nach Erweiterung des Lebenszieles. Mit dem Verluste des Staates entstand die freie Schicksalsgemeinschaft, mit der Zerstörung des Nationalheiligtums wurde jede Gemeinde, jede Familie in Israel zum Heiligtum. Gerade dadurch aber ist es dem Judentum möglich geworden, in allen Ländern, in denen es eine neue Heimat fand, zum staatsfördernden Element zu werden, denn auf der Heilighaltung der Familie baut sich ja entwicklungsgeschichtlich der Staatsgedanke auf. Es ist wohl kein Zufall, daß zu den hervorragenden Staatslehrern aller Nationen, und besonders der deutschen, Juden gehören. Indem aber das Judentum gleichzeitig auch seiner ethischen Zusammenhänge nicht vergaß, blieb es vor der Gefahr einer engherzigen Ausdeutung dar Staatsidee bewahrt. Zwei große Gedanken stehen im Mittelpunkt der Liturgie unseres Neujahrsfestes: Welterneuerung und Seelenerneuerung. Sie sind nach jüdischer Lebensanschauung keine voneinander getrennten Reiche, sondern fließen ineinander. Das höchste Ziel ist die Welterneuerung, die allgemeine Erkenntnis Gottes und die Einrichtung der Welt in seinem Geiste, im Geiste der Wahrheit und Gerechtigkeit. Dieses Werk muß aber beim einzelnen, bei der Seelenreinigung beginnen. Ohne innere Erneuerung keine äußere, ohne gerechte Menschen kein Völkerfrieden und keine ethische Kultur. Nur wenn wir ehrlich an uns gearbeitet haben, wenn wir das höchste Opfer, das Opfer des Herzens, dargebracht haben, dürfen wir von Gott Glück und Frieden erflehen. Wenn der russische Prophet Tolstoi der Welt zuruft: „Werdet besser, und es wird um euch besser werden!", so ist das das Echo der jüdischen Seele, die Quintessenz der jüdischen Weltauffassung. Darauf ist die ganze Psychologie des Judentums eingestellt. Jeder trägt die Norm seines Könnens, das Ziel des sittlichen Strebens in sich, jeder soll nach Reinheit und Vollkommenheit ringen und sich der Verantwortung für seine Mitmenschen, für die ganze Welt bewußt werden. Jeder soll sich innerhalb des Staatsganzen, dem er dient, am Werke der sozialen Eine Rausch-Haschonoh-Betrachtung. RabMner Dr. S. W e i ß (Berlin). Gerechtigkeit, der Menschlichkeit üben, mit dem leuchtenden Ideal der Vereinigung aller Menschen zur friedlichen Kulturarbeit im Auge. „Die Weltordnung im Reiche Gottes zu errichten" ist die höchste Sehnsucht des wahren Juden. Der Weg zur Welterneuerung geht von der Seelenerneuerung aus. Ein Blick auf die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart zeigt uns, daß dieser Weg, den das Judentum eingeschlagen hat, wohl nicht der leichteste, aber der richtige ist. Wir ringen heute, zwölf Jahre nach dem Aufhören des furchtbaren Völkermordens, noch vergebens um den wahren Frieden. Und alle Versuche nach Versöhnung sind fruchtlos, solange die Völkerseele nicht entgiftet ist, solange Haß und Rache nicht gewichen sind. Solange die Macht und nicht das Recht in den Mittelpunkt des individuellen und des Staatslebens gestellt sind, kann eine ehrliche Verständigung nicht erfolgen und die Selbstzerstörung der Menschheit nicht aufhören. Jede Macht wird von einer noch größeren zertrümmert, das ist die Nemesis der Geschichte. Nur dasRechtist ewig, weil es göttlich ist. Der Völkerbund bleibt trotz aller schönen Ideologie eine Fata Morgana, solange nicht die Völker und ihre Leiter von der Sehnsucht der Menschenliebe beseelt sind. Jede Bewegung, die Ethisches anstrebt, muß von einer religiösen Idee getragen sein. Der Völkerbund ist eine prophetische Idee, und niemand hat sie herrlicher geschildert als Jesaia, aber dieser Gedanke ist rein ethisch gedacht, als die große Gemeinschaft, die reinen Herzens Gott sucht. Auch wir beten am Neujahrstage um einen Völkerbund, aber in anderer Gestalt als heute, ohne jede Hinterhältigkeit, ohne Nebengedanken. „Und alle Völker werden sich versammeln, um dir zu dienen und deinen heiligen Namen zu preisen!" Das ist der höchste Ausdruck der Friedensliebe. Und immer wieder wird betont, daß die Grundlage allen Fortschrittes, die Gerechtigkeit, der Siegeszug aller Religionen und aller Ethik, mit der inneren Wahrhaftigkeit, mit der Seelenläuterung beginnen muß. Und wie jeder Mensch bei sich anfangen muß, so muß auch jedes Volk das Werk der Einkehr bei sich beginnen. Nicht die Schwächen anderer Völker zu geißeln, sind wir berufen, sondern in erster Reihe die eigenen. Wenn man die Ursache allen Uebels und allen Mißgeschicks bei Fremden sucht und alles auf andere abwälzt, so ist das kein Zeichen moralischen Mutes. Das ist es ja eben, was den Antisemitismus ethisch so niederdrückt, daß er alle Schuld und alle Schmach auf eine harmlose Minderheit des Volkes zu schieben sucht, um die Wahrheit zu verdunkeln. Es ist bequem, den Schwächen des Volkes zu schmeicheln. man erzieht es aber dadurch zur Lüge, zur Feigheit und sperrt den Weg zur Einkehr. Da können uns unsere Propheten als leuchtende Vorbilder dienen. Sie werden nicht müde, dem Volke seine Fehler vor Augen zu halten, und sie bekunden gerade dadurch ihre wahre Liebe zum Volke. Jeder Fortschritt fängt mit der Selbsterkenntnis, mit der Selbstkritik an. Arbeiten wir als Juden und als Staatsbürger daran, daß diese Selbstkritik, die jeder ethisch Höherstrebende an sich zu üben Gelegenheit hat, auch immer mehr für die ganze Volksgemeinschaft, als deren Glied wir uns freudig bekennen, zur Grundlage aller Staatsmoral wird. Dann wird das Haßgebäude nationalistischer Unduldsamkeit wie ein Kartengehäuse zusammenstürzen. Aber auch innerhalb des jüdischenLag e r s tut eine seelische Lebenserneuerung not. Solange die verschiedenen Richtungen innerhalb der Judenheit sich feindlich gegenüberstehen und sich in erster Linie von Machtgelüsten leiten lassen, können wir zu einer großzügigen gemeinschaftlichen Arbeit im Dienste des jüdischen Ideals nicht gelangen. Niemals darf der religiös warm empfindende Jude sich soweit verirren, den Glaubensbruder anderer Richtung mit Haß zu befehden oder ihn persönlich anzugreifen und die Lauterkeit seiner Gesinnung anzuzweifeln. Auch im Kampfe der Richtungen und Weltanschauungen muß die Seelenreinigung vorangehen. Wer den Massen den Weg zeigen will, muß selber das Ziel kennen, muß ein Wahrheitsmensch, ein Gottsucher sein. Wenn wir uns mit Recht über die Verkennung unserer edelsten Absichten beklagen, dann dürfen wir den Glaubensgenossen nicht verdächtigen, weil er auf anderen Wegen die Verwirklichung seines religiösen Ideals sucht. Und auch unsere gerechte Abwehr feindlicher Angriffe kann eine Lebenserneuerung vertragen. Walter Rathenau wurde in seiner Sturm- und Drangperiode dem Judentum nicht gerecht. Wenn er uns aber zurief: „Gründet Einkehr- und nicht Abwehrverein e", so liegt ein Kömchen Wahrheit in dieser Aufforderung. Ohne Einkehrgibt es keine gesunde Abw ehr. Wer das Judentum verteidigen will, muß es kennen und lieben. Erkenntnis des jüdischen Wesens bedeutet aber gerade für uns inmitten der deutschen Kulturgemeinschaft lebenden Juden durchaus nicht Antagonismus gegen das Deutschtum, mit dessen vornehmstem Wollen und Können uns zahlreiche Kulturfäden eng und dauernd verknüpfen. Wir nennen unser Neujahrsfest „Tag der Erinnerung", weil die Erinnerung die Quelle des Fortschrittes ist. In der Vergangenheit sind Wahrheiten geborgen, von denen wir lernen