Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 37 (12.9.1930)
- Date
- 1930-09-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Der Anteil der Juden an der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung Wiens. Von Immanuel Rubin. III. Die bedeutendsten jüdischen Persönlichkeiten des Vormärz. '■ (Fortsetzung.) Es dürfte nicht allgemein bekannt sein, daß Wien einige Zeit ein bedeutendes Zentrum des jüdischen Buchhandels war. Kaiser Josef hatte, um den Handel zu heben, jüdische Druckereien in Wien errichtet. Die Einfuhr jüdischer Bücher nach Oesterreich war nämlich sehr groß und die Regierung wollte^ daß diese Bücher nunmehr im Lande gekauft werden; deswegen erschwerte Josef IL die Einfuhr bedeutend und Kaiser Franz verbot diese sogar. Da die Druckereien von Nichtjuden betrieben wurden, mußten natürlich jüdische Lektoren und Korrektoren berufen werden und so finden wir bald eine große Anzahl bedeutender Gelehrter in Wien, die ich aber zur Gänze in einem anderen Kapitel erwähnen möchte. Hier will ich nur diejenigen anführen, die auch in deutscher Sprache geschrieben haben und fttn das deutsche Wien von Bedeutung waren. Zu den bekanntesten Schriftstellern, die auf diesem Weg nach Wien kamen, zählt Man (Meir) Letteris. Er wurde 1804 in Lemberg geboren, wo sein Vater Gerson eine orientalische Druckereibetrieb, die er von seinen Vorfahren ererbt hatte. Noch unter Johann III. Sobieski war die holändische Typographenfamilie Halevy nach Polen berufen worden, um hebräische Druckereien zu errichten. Unter Maria Theresia nahmen sie den Namen „Letteris" an. Man Letteris besuchte in Zolkiew ein Privatgymnasium, studierte 1826—30 an den Lemberger Hochschule semitische und moderne Sprachen und kam 1831 als literarischer Beirat in die Schmiedsche Orientalische Druckerei. Er entfaltet hier eine überaus rege Tätigkeit und kommt mit fast allen bedeutenden israelitischen Schriftstellern der Zeit in Berührung, aber ebenso mit den iührenden Persönlichkeiten des literarischen Wien wie Schreyvogel, Grillparzer, Bauernfeld' u. a.. da er als Theater- und Kunstkritiker für verschiedene Zeitungen schreibt. 1840 verläßt er Wien und geht nach Prag, wo er in der orientalischen Abteilung der Buchdruckerei Haase tätig ist. 1848 ist er wieder in Wien. Auf Verwendung des Unterrichtsministere Grafen Leo Thun arbeitet er einige Zeit in der Hofbibliothek. Im selben Jahr gibt er die „Zeitschwingen, Constitutionelle Zeitschrift für Oesterreich" heraus und redigiert zusammen mit Isidor Busch das Wochenblatt „Oesterreichisches Centraiorgan für Glaubensfreiheit, Cultus, Geschichte und Literatur der Juden". Von 1861—66 hat er eine eigene Druckerei. Letteris schrieb sehr viel, anfangs nur in hebräischer Sprache. So übersetzte er Racines „Esther" und „Athalia", Teile von Homers „Illias", Gedichte von Schiller und Byron, Goethes „Faust" und andere ins Althebräische. In deutscher Sprache schrieb en hauptsächlich, wie schon erwähnt, Theater- und Kunstberichte. Man Letteris verkehrte viel in den Wiener Salons und zählte einige bekannte Persönlichkeiten zu seinen Freunden wie Hauschka, Gyrowetz, die Burgschauspieler Löwe und Anschütz und vor allem den berühmten Orientalisten Hammer-Purgstall, Präsidenten der Akademie der Wissenschaften, der ihn überaus schätzte und förderte. Letteris starb 1871 in Wien. Eine ähnliche Rolle spielte Max Emanuel (Mendel Bri) Stern, der 1811 in Preßburg geboren, 1833 als Korrektor in die Schmiedtsche Buchdnuckerei kam. Er ist uns allen durch seine Uebersetzungen der Gebete für die Feiertage bekannt. Er war ein überaus fruchtbarer Dichter und Schriftsteller, der sehr vieles in deutscher Sprache schrieb und ein eifriger Mitarbeiter der Wiener Zeitungen war. Genau so wie Franz Günzburg . aus Brody, den aber sehr jung 1838 in Wien starb. Eine überaus bemerkenswerte Karriere machte Karl Ferdinand Freiherr von Hock. Geboren im Jahre 1808 in Prag, besuchte er dort das 1 JAHRZEITUCHTI ■ RESIDENZ COLUMBIA ■ „MANNA" FABR. CHEMISCHER PRÄPARATE H WIEN II., TABORSTHASSE 22 TELEPHON R 40-6-14 III GOBELINS nach Gemälden berühmter Jüdischer Maler erzeugt Atelier ZAHRADNIK Wien V., Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon U 40-9-17 Kleider sofort Zahlung später Herren- und Damenkleider nach Maß und fertig nur erstklassige Stoffe, bis 12 Monate Kredit Kleiderhaus Werler, Wien Xfl., Oflahrlngerstr. n Ter. A2i-soi GARANTIERT UNUNTERBROCHENE BRENNDAUER 30 STUNDEN Sil Gymnasium, kommt 1823 an die Universität nach Wien, wird 1828 Dr. pliil. Nach erfolgter Taufe wird er Staatsbeamter und ziemlich schnell Direktor des Hauptzollamtes in Wien. 1847 wird er Regierungsrat und kommt als zweiter Direktor zun Generaldirektion der Eisenbahnen. 1848 gibt er im Auftrag der Regierung die „Konstitutionelle Donau-Zeitung" heraus, die die Aufeabe hat. während der Revolutionsmonate für das alte System Begeisterung zu erwecken. Scheinbar aber hatte Hock mit seiner Taufe die jüdische Begabung zum Journalismus verloren, denn trotz kräftiger finanzieller Unterstützung von Seiten der Regierung ging die Zeitung bald ein. 1849 kommt Hock ins Handelsministerium. 1856 wird er Sektionschef im Finanzministerium. Hier entwickelt er eine überaus nützliche Tätigkeit. Die Gründung der Handels- und Gewerbekammem und die Abfassung des diesbezüglichen Gesetzentwurfes ist sein Werk. Er schließt verschiedene ZoUverträge ab und vertritt Oesterreich auf den Zollkonferenzen von Dresden, Frankfurt und Wien. Er ist vielfach literarisch tätig. Als junger Mann von 24 Jahren redigiert er schon die Wochenschrift „Der Jugendfreund", später schreibt er vor allem philosophische und wirtschaftspolitische Artikel. Für seine großen Verdienste erhielt er viele Orden, wird in den Freiherrnstand erhoben, wird Geheimrat und Mitglied des Herrenhauses, 1865 Mitglied des Staatsrates. Er stirbt am 2. Jänner 1869. (Fortsetzung folgt.) BehSrdl. autor. Hauseradmiaistratioii f ADOLF KRALLj IV., Schleif mahlgasse 11 j Telephon B 29-1-48 ■ empfiehlt sich zur Ober- : nähme von Verwaltungen j Erstklassige Referenzen : Wahrheiten warn Jage Granaten in eine jüdische Schule! In einer jüdisch-orthodoxen Privatschule in Frankfurt a. M. wurde am 5. September ein aufsehenerregender Fund gemacht. Man entdeckte eine mit Pulver gefüllte explosionsfähige 7,5-Zentimeter-Feldgranate. Ob ein ernsthaftes Attentat oder nur eine Drohung beabsichtigt war, weiß man nicht. Die Granate wurde während der schulfreien Zeit im Hausflur niedergelegt Die Polizei ist fieberhaft bemüht, die Sache aufzuklären. Auch in der Zeit der letzten Wahlen hatte man in einer jüdischen Schule einen ähnlichen Fund gemacht. Palästinensische Gerechtigkeit. Die hebräische Presse Palästinas gibt ihrer Empörung darüber Ausdruck, daß der Polizeioffizier aus Hebron Ibrahim Jorjura, der während der Massakers in Hebron im August 1929 eine eigentümliche Rolle gespielt hat, nunmehr befördert und zum Leiter der Polizei in dem großen Jerusalemer jüdischen Stadtviertel Machne-Jehuda ernannt wurde. Woldemaras wegen Pogrom-Anstiftung belangt Der litauische Generalstaatsanwalt hat beschlossen, den früheren Diktator Woldemaras wegen Anstiftung zum Judenpogrom in Slabodka im August 1929 zur Verantwortung zu ziehen. „Selbst wenn Dreyfus unschuldig gewesen wäre.." Hitlers Hauptorgan „Völkischer Beobachter" protestiert gegen die Vorführung des Dreyfus-Films in Berlin mit diesen Worten: „Wir stehen heute nicht an zu erklären; selbst wenn er (Dreyfus) ganz unschuldig gewesen wäre und die Methoden seiner Gegner unsaubere gewesen wären — daß französische Generäle einen Juden aus dem Generalstab hinaushaben wollten, war noch ein Rest wertvollen Stolzes, der heute restlos verschwunden ist." Amtliche Rltualmordlegende. Wie erinnerlich, wurde Kriminalkommissär Tenholt, der in dem Magdeburger Fall Haas eine eigentümliche Rolle spielte und die antisemitische Atmosphäre zur Erleichterung der Verfolgung von Rudolf Haas durch seine Untersuchungsmethoden geschaffen hat. nach Gelsenkirchen strafversetzt. Dort sind jetzt neue und sehr erhebliche Beschwerden wegen feiner merkwürdigen kriminalistischen Methoden gegen ihn erhoben worden. In einem Beleidigungsprozeß, der sich an einen Preßartikel anschloß, wurden — nach der Berliner Zeitung „Montag-Morgen" — außerordentlich schwerwiegende Beschuldigungen gegen ihn erhoben und der Wahrheitsbeweis gegen Tenholt als im wesentlichen gelungen angenommen. Unter anderem schrieb Tenholt in einem Aktenvermerk: In bezug auf ein Mordvertahren. daß ein Beseitigungsmord vorliegen müsse, da „weder Raubmord, noch'Lustmoird. noch Ritualmord" in Frage kommen. Die Breslauer „Jüdische Zeitung" bemerkt zu diesem Fall: „Die Tatsache, daß preußische Kriminalbeamte in einem offiziellen Aktenstück die Möglichkeit eines Ritualmordes erörtern, gehört mit zu dem Unglaublichsten, was wir in der letzten Zeit erlebten. Wir sind der Meinung, daß das Innenministerium, dem die Kriminalpolizei untersteht, hier schleunigst nach dem Rechten sehen und sich mit Herrn Tenholt beschäftigen sollte. Unseres Erachtens kann Herr Tenholt — wenn die Meldung zutrifft — nach den Vorgängen in Magdeburg und Gelsenkirchen unmöglich weiter als Kriminal- und Polizeibeamter beschäftigt werden" UNION DEUTSCHÖSTERREICHISCHER JUDEN. Ortsgruppe Floridsdorf. zu der am Montag, den 15. September, halb 8 Uhr abends im Cafe-Restaurant „Goldener Engel" XXL, Am Spitz 3 stattfindenden Ortsgruppen-Versammlung Dr. Ernst Feldsberg spricht über Die politische Lage der Juden in Oesterreich. Anschließend Diskussion und Delegiertenwahlen. Gäste, auch Damen willkommen! F. d. Ortsgruppe XXI der „Union" Der Obmann Dr. Julius Grünwald. UNION DEUTSCHÖSTERREICHISCHER JUDEN. ___Ortsgruppe VI/VII. Elnladuntt Donnerstag, den 18. September. 8 Uhr, abends findet im * Saal des Cafe Mariahilf. VI.. Mariahilferstraße 89 a eine VERSAMMLUNG der ..Union"-Ortsgruppe VI/VII statt. Referenten: Dr. Karl Steiner: Die „Union" als Abwehr- und Gesinnungsverein. Dr. Max Lenk: Die Lehre der deutschen Wahlen. Anschließend Diskussion und Delegiertenwahlen. Echt^Perserteg^ durchwegs günstige Gelegenheitskäufe, werden mit ganz kleinem Nutzen im WIEDNER HÖBELHEIM Inh. JULIUS GÖTZt Handig. bedd. Sacbv. u. ScbMzmeltUr IV.,SCHLEIFM0HLOASSIta TELEPHON B 24-1-62 billigst abgegeben; daselbst sind auch elegante Schlaf- und Speisezimmer, Herrenzimmer, teils neu, teils gebraucht, zu verkaufen.