Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 37 (12.9.1930)
- Date
- 1930-09-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT als Entschädigungen für zu entlassende Lehrer und Beamte (das nennt sich Aufbau!), 2000 (!) Pfund für religiöse Angelegenheiten (für Propaganda und Verwaltung des Keren H a j e s s o d sollen 38.000 Pfund ausgegeben werden, ein empörendes Mißverhältnis), 8500 Pfund für besondere Ausgaben und Reserven. Für sozialkulturelle, wirtschaftliche und Immigrationsangelegenheiten sind 303.750 Pfund vorgesehen, also ungefähr die Hälfte des Budgets. Es findet sich wohl noch eine Post von 120.000 Pfund als Zusatzbudget für landwirtschaftliche Kolonisation; dieser Betrag darf aber erst im zweiten Halbjahr zur Auszahlung kommen. Sollten bis dahin die durchschnittlichen monatlichen Eingänge nicht die Höhe von 55.000 Pfund erreicht haben, so sind an allen Ausgaben, die es irgend zulassen, entsprechende Kürzungen vorzunehmen. Auf keinen Fall dürfen neue Schulden aufgenommen werden. Der vielen Ziffern kurzer Sinn ist der: es ist wenig Geld da — insbesondere Amerika' hat versagt — und dieses wenige soll in der denkbar merkwürdigsten Weise verausgabt werden: für Schulden, Verwaltungs- und Repräsentationsspesen und Reserven die eine Hälfte, für wirkliche Aufbauarbeiten (bei denen aber sanitäre, also eigentlich die englische Regierung angehende eingeschlossen sind) die andere Hälfte. So will man Staat machen! I Luden Wolf. | •Die hervorragende Rolle, die dieser jüngst verstorbene, wahrhaft edle und bedeutende Jude im politischen, sozialen und auch kulturellen Leben des englischen und des Judentums der Welt gespielt hat, wurde in diesen Blättern bereits gewürdigt Es wäre aber eine Unterlassung, seiner wissenschaftlich-literarischen Tätigkeit nicht zu gedenken. Lucien Wolf fand trotz der ungemein schwer auf ihm lastenden Arbeit für das Wohl des jüdischen Volkes in der ganzen Welt Zeit, sich in Literatur und Geschichte des Judentums ernst zu versenken; nicht nur Umgang mit jüdischen Gelehrten zu suchen und zu pflegen, sondern auch selbständig zu arbeiten. Sein Werk über „Menasse b e n Israel" ist ein ausgezeichnetes Buch. Es ist bekannt, daß über diesen interessanten Rabbi von Amsterdam, der mit Cromwell über die Zulassung der Juden nach England verhandelte und mit den größten Gelehrten seiner Zeit in enger Fühlung stand, Vieles und Gutes geschrieben worden ist Es sind ihm einige Monographien gewidmet. Wolfs Buch bleibt aber trotzdem höchst wertvoll. Es standen ihm ganz besondere Quellen zur Verfügung. Das englisch geschriebene Buch ist ebenso elegant wie gründlich geschrieben und fand allgemeine Anerkennung. In den Jahren der Entstehung des Pamphlets „Protokolle der Weisen von Zion" hat L. Wolf in einer Reihe von Publikationen in hervorragenden Blättern Londons energisch Stellung genommen und diese erbärmliche und gefährliche Fälschung öffentlich gebrandmarkt und an den Pranger gestellt Das muß ihm unvergessen bleiben; es gehört mit zu den großen Verdiensten, die er sich überall da erworben hat, wo Gefahr für die öffentliche Rechtstellung und das soziale Wohl der Juden drohte. Dr. Feuchtwanä. M. N a v a i 11 e s, der französische Delegierte und Vorsitzende der interstaatlichen Konferenz für Flüchtlingsfragen, gedachte bei Eröffnung der Genfer Tagung in. warmen Worten des hingeschiedenen Lucien Wolf. Lucien Wolf war von dem Beratenden Komitee für Flüchtlingsfragen beim Völkerbund als einer von sechs Experten ausersehen worden, der von den verschiedenen Regierungen beschickten intersitaatlichen Konferenz beizuwohnen und eine Expertise zu geben. KULTUR DES TISCHES Stossen. Ein Mitglied des Kabinetts Betlüen, der Wohlfahrtsminister Prälat Vass ist gestorben und an seinem Sarge trauern auch in aufrichtigem Schmerze die — ungarischen Juden. Dieser Priester, der zehn Jahre das Amt eines Ministers bekleidete, hat niemals ein Wort für die Antisemiten gesprochen, aber hundert Reden gehalten, in denen er seinen Sympathien für die Juden Ausdruck gab und die Lehre der Nächstenliebe ohne Unterschied der Konfession verkündete. Dieser Prälat verleugnete niemals die hohen Pflichten, die ihm sein Priesterkleid auferlegte, und die Juden konnten nur bedauern, daß er zwar häufig als Vertreter Bethlens fungierte und nicht umgekehrt der Ministerpräsident als der Vertreter des Wohlfahrtsministers auftrat. * * * Also es ist richtig: Herr Otto Rothstock tritt jetzt als Herausgeber einer Wochenschrift vor die Oeffentiichkeit, die ihn schon in einer ganz anderen Tätigkeit kennen gelernt hat. Die erste Nummer von „Rothstocks Wochenschrift für Politik" ist bereits erschienen, mit der der Herausgeber nicht etwa einen Ersatz für „Bettauers Wochenschrift'? bieten will, der er seinerzeit sozusagen das Lebenslicht ausgeblasen. Herr Rothstock will in seiner Wochenschrift für seine hakenkreuzlerischen Ideale kämpfen, die nichts mit Erotik zu schaffen haben. Das kurze Curriculum vitae Rothstocks lautet nach der „Reichspost": „. . . Nachdem er den Pornographen Bettauer erschossen, wurde Rothstock wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen, in die Anstalt am Steinhof überführt und von dort nach einiger Zeit alsgeheät ^entlassen." Das interessante Detail, daß Herr Otto Rothstock von seinem Verteidiger Herrn Dr. Walter Riehl bis zur Verhandlung als zielbewußter, verehrungswürdiger Idealist verherrlicht worden war, übergeht die „Reichspost", aber es stimmt, daß Herr Dr. Riehl schließlich im Interesse seines Klienten es vorzog, vor den Richtern dessen Unzurechnungsfähigkeit mit dem ganzen Aufwand seiner Beredsamkeit herauszustreichen. Und dieser auch vor den Geschworenen akzeptierten, später geheilten Unzurechnungsfähigkeit haben wir jetzt die neueste „Wochenschrift für Politik" zu verdanken. * * fr- Wenn ich mein Gewissen prüfe, muß ich allerdings gestehen, daß neben den so überzeugenden und erfolgreichen Bemühungen Doktor Riehls auch der Schreiber dieser Zeilen vielleicht einigen Anteil an dem Entstehen der Rothstockschen Wochenschrift hat Ich darf von den Lesern meiner „Glossen" wirklich nicht erwarten, daß sie sich nach Jahren noch genau an ihren Inhalt erinnern. Aber ich erinnere mich, als ob ich es gestern geschrieben hätte, daß, als in hakenkreuzlerischen Blättern Aufrufe erschienen, etwas für HÜSte Seit vielen Jahren das anerkannt beste ~£ Jahrzeitlicht B3*ynö!M Man achte auf die ges. gesch. Marke „Hyglen. Königslicht" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhirschengasse 3 Telephon R 33-1-87 SILBERBESTECK VON v OESTERREICHER WIEN I. WIPPLINGERSTRASSE 29 Rothstocks Zukunft zu tun, ich in einer „Glosse" mir den Vorschlag erlaubte, man möge ihm ein Plätzchen bei einem antisemitischen Blatte einräumen. Ob Herr Rothstock schreiben kann, wußte ich nicht, aber weithin knallende Proben seines ganz ungewöhnlichen Interesses für die Journalistik hatte er schon gegeben. Vielleicht ist meine Anregung auf einen fruchtbaren Boden gefallen und Herr Rothstock tritt nun selbst als Herausgeber und Chef eines Blattes vor die Oeffentiichkeit. » * * Was im Lande der Dichter und Denker möglich ist! Ein Herr Loepelmann, der zu seiner Entschuldigung nicht einmal vorbringen kann, daß er ein Analphabet ist, denn er erscheint mit dem Titel eines „Studienrats" geschmückt vor Gericht, wurde von dem früheren Minister Grzezinski auf Ehrenbeleidigung geklagt. Der Studienrat hatte den Minister zwar einen „lächerlichen Bonzen" und einen „Judenbastard" genannt, wurde aber doch mit drei Stimmen gegen zwei freigesprochen. Die Mehrheit der Richter hatte nämlich auch in der Bezeichnung „Judenbastard", in der vielleicht jeder Schustergeselle eine offenkundige blutige Beschimpfung erblicken würde, nur eine „objektive Feststellung" erkannt. Es verlautet, daß die höheren Instanzen sich mit der Angelegenheit noch beschäftigen werden. Wie die „objektiven Feststellungen" über die Mentalität der Richter, die den Freispruch ermöglichten, ausfallen werden, kann man sich leicht vorstellen. Aber ist es denkbar, daß diese nicht wie „offenkundige Beleidigungen" klingen werden? * * * Man hat dem thüringischen Unterrichtsrninister Dr. Fr ick einmal Unrecht getan. Er hat wirklich und wahrhaftig eine Dissertationsschrift verfaßt, sie ist nur nicht — gedruckt worden. Der Herr Minister Frick kann auf die Ehre, eine auch der Veröffentlichung würdige Doktorarbeit geliefert zu haben, verzichten. Solche Arbeiten erscheinen jährlich unzählige. Er aber steht als Unterrichtsmiinister einzig in allen Staaten Europas da durch seine im Druck erschienenen, für den Gebrauch in den Volksschulen berechneten Gebete, deren unverhülMfe Tendenz es ist, den Kindern schon das Gift des Hasses gegen Andersgläubige einzuflößen. * # Ä Die Blätter melden aus Moskau, daß in Wologda eine Universität zur Bekämpfung der Religion eröffnet wurde, die aus drei Abteilungen besteht. 1. Kampf gegen die römisch-katholische .Kirche, 2. Kampf gegen die griechisch-orthodoxe Kirche, 3. Kampf gegen das Judentum. Man sieht, daß in Sowjet-Rußland doch eine gewisse Gleichberechtigung für die Bekenner der verschiedenen Religionen statuiert ist Auch der Kampf gegen das Judentum wird nicht — wie in manchen nichtrussischen Universitäten — von einem besonderen rassentheoretischen Standpunkt aus geführt. - Ego.