Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 37 (12.9.1930)
- Date
- 1930-09-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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hingen in Ruhe verlaufen werden» hielt -er auch sein Wort. So war es bis zur Wahl des Professor Cuza. Diese meine Taktik wurde nun durch zwei Vorfälle unterbrochen. Die Verhaftung Codreanus und der Hereinfall (!) Tazlaoanus, als. er versuchte, mit Codreanu im Gefängnis in Verbindung zu kommen. Ich habe Tazlaoanu nicht aus dem Grunde entlassen, weil er mit Codreanu Fühlung suchte. Ichhatteihn doch selbst zu Codreanu geschickt. Aber er hätte dies auf gesetzlichem Wege tun sollen, nachdem die Untersuchung beendet war. Ich gebe zu, daß ich Komplice der Antisemiten war, aber dies tat ich nur zum Wohle der jüdischen Bevölkerung dieses Landes, deren aufrichtiger Freund ich bin. Die jüdische Bevölkerung dieses Landes weiß gar nicht, welch wannen Verteidiger sie in mir hat Wenn man mich als Antisemiten verschreit, tut man mir großes Unrecht" Dieses sensationelle Gespräch ist bisher bemerkenswerter Weise unwidersprochen geblieben, ebenso unwidersprochen wie die bekannte seinerzeitige Erklärung des gleichen Innenministers Vaida-Voevod gegenüber einem amerikanischen Journalisten: „Wenn die Juden der ganzen Welt Rumänien Kredite gewähren, werden sich Ausschreitungen gegen- Juden in Rumänien nicht mehr ereignen." In dasselbe Horn stieß dieser Tage das in französischer Sprache erscheinende offizielle Organ der rumänischen Regierung „La Nation Romaine". Es veröffentlichte einen Artikel, in welchem zu den. letzten antisemitischen Ausschreitungen Stellung genommen wird. Nachdem festgestellt wird, daß sich die Juden in Rumänien aller Rechte erfreuen, wird zugegeben, daß in der letzten Zeit Ausschreitungen antisemitischen Charakters vorgekommen seien. Als Ursache dieser Ausschreitungen wird die Tatsache angegeben, daß die Bauern nicht genügend Geld besitzen, um den Boden zu bearbeiten, den sie bei der Expropriierung erhatten .haben. Wenn größere Kapitalien ins Land kommen sollten und sich dadurch die Lage der Landbevölkerung bessert, werden antisemitische Ausschreitungen unmöglich sein. Das also ist die Kalkulation: aus Freundschaft für die Juden unterstützt man die Antisemiten, da sollen die Juden auch die Freundschaft haben, die rumänische Regierung zu unterstützen. Man hält in Rumänien die Juden anscheinend für sehr dumm oder — charakterlos. R. D. Der „Judenstaat" — erledigt. Unser Freund Robert Stricker hat aus der Berliner zionistischen Schule geplaudert. Er hat von dort die Brandrede mit nach Hause gebracht, die sein großer Lehrer W e i z m a n n gegen ihn Wegen seines „Judenstaats'-Ungestüms gehalten hat. Der so arg abgekanzelte Stricker fühlt Sich durch diese geharnischte Rede absolut nicht betroffen, im Gegenteil, er hat die Belehrung mit Genugtuung zur Kenntnis genommen und verkündet jetzt — natürlich nur um Stimmung zu machen — mit Freuden urbi et orbi die Absage Weizmanns an den „Judenstaat". „Triumphierend" weiß er zu melden, daß Weizmänn ihm,' dem vom „Judenstaat" so Begeisterten die Worte ins Gesicht geschleudert hat: „Nie wird es einen Judenstaat geben! Im Nebel der Kriegsjahre und der ersten Nachkriegsjahre haben Balfour, Lloyd George und ich an den Judenstaat geglaubt Damals habe ich gesagt: .Palästina soll so jüdisch werden, wie England englisch!' Die Nebel sind verflogen. Ich sehe klar und habe den Glauben an den Judenstaat verloren! Er wird nie sein. Im Mandat steht: »Nationalheim i n Palästina, nicht Palästina als Nationalheim!' Das ist kein Judenstaat Vom Judenstaate zu reden ist nur gefährlich. Ich glaube nicht an den Judenstaat!" Wahrlich, das ist eine Abfuhr, die sich sehen lassen darf und mit der man eigentlich nicht, wie Stricker es nun tut, Staat machen kann. Es ist aber mehr als eine parlamentarische Entgegnung. Weizmanns Rede beinhaltet eine klare und eindeutige Ablehnung jener Idee, mit der die Zionisten seit mehr als einem Jahrzehnt operieren, der Uto- .pie, daß in Palästina jemals die Juden als Staatsvolk leben und dort Machtvollkommenheiten besitzen werden, wie sie eben einem Staatsvolke zukommen. An all das glaubt Weizmann, der Führer der zionistischen Weltorganisation nicht. Kann man entschiedener die weitere Agitation für einen Gedanken verwerfen, dessen Unmöglichkeit von uns so oft schon bewiesen wurde und an den jetzt nur mehr blau-weiße Fanatiker glauben können? Woran glaubt nun Weizmann doch? Er hat auch das mit aller Deutlichkeit, die ihn vor den radikalen Utopisten auszeichnet, gesagt. Er denkt nicht an Palästina a 1 s Nationalheim, sondern an ein Nationalheim in Palästina, genauer, an ein autonomes jüdisches Gemeinwesen. Was heißt das? Wir österreichische Juden kennen auch so ein autonomes Gemeinwesen, unsere altehrwürdige Kultusgemeinde. Diese Körperschaft genießt seit dem Jahre 1867 vollkommene Autonomie, sie darf alle in ihren Aufgabenkreis fallende Obliegenheiten aus eigener Machtvollkommenheit erledigen, ohne — außer im Falle der Ungesetzlichkeit — einen Einspruch dagegen von staatlicher Seite gewärtigen . zu müssen. Die jüdische Gemeinschaft in Palästina würde sich , nach Weizmanns Programm ebenso -selbständig verwalten dürfen, nie aber Palästina selbst beherrschen können. Das mag für jüdischnationale Idealisten eine gewaltige Enttäuschung sein, aber es ist eben Um und Auf der Politik, mit den gegebenen Tatsachen zu rechnen. Die entscheidendste dieser Tatsachen, an die die Zionisten bisher so gerne vergessen haben, ist das arabische Problem. R u p p i h, der Leiter der. Kolonisation, hat es in Berlin klipp und klar ausgesprochen': „Wir müssen bedenken, daß bei dem natürlichen Geburtenüberschuß der Araber wir bei einer Einwanderung von 30.000 pro Jahr, die gar nicht so leicht durchzuführen ist vielleicht in 30 Jahren eine Million Juden haben werden, dann sind aber die Araber bereits anderthalb Millionen." Glaubt man da noch immer an den „Judenstaat", an den Staat, in dem die Juden als M a j orität die Herrschaft innehaben sollen? Nur Verblendete können weiter von diesem Phantom träumen — oder Verblender. die Irregeführten weiter davon träumen lassen. „Wir haben ein Recht und die Araber haben ein Recht - Beide Völker sind gleichberechtigte staatsbildende Elemente. So müssen wir zusammenarbeiten", hat Weizmann in Berlin erklärt, leider zu spät erklärt, denn die Araber, denen so viele Jahre ihr Anrecht auf Palästina abgesprochen wurde, sind nun erbittert und antworten im Organ ihrer Exekutive „Feiestin": „Palästina ist ein arabisches Land, wir fordern einen arabischen, nicht aber einen jüdischarabischen Staat Die Zionisten müßten sich damit abfinden, wenn sie nicht eine Niederlage erleben wollen." Wie da die Schwierigkeiten der nahen und ferneren Zukunft überbrückt werden können, ist eine gewaltige Frage, deren Lösung nur mit Verständigungswillen auf beiden Seiten, insbesondere der zionistischen, gefunden wird werden können. Weizmann besitzt anscheinend diesen Optimismus und daß er trotz seiner entschiedenen Absage an den „Judenstaat" de- und -wehmütig von seinen Mannen gebeten wurde, zu bleiben, und geblieben ist, ohne von seinem ablehnenden Standpunkt abgehen zu müssen, das erfüllt auch uns, die wir seit Jahr und Tag die Verwerflichkeit dieser „Judenstaats"-Propaganda betonten, mit Genugtuung. So auf ein reines Kolonisationswerk für eine autonome Gemeinschaft reduziert, wird der Aufbau vielleicht doch möglich. * * * Auf solche reine Kolonisationspläne war auch die in der Vorwoche zu Ende gegangene Berliner Tagung des Administrative Committee der Jewish Agency abgestimmt. Es waren &&*n£4de & liefern ihr nahrhaftes Fett zur Kunerolerzeugung. Vom Pressen der Früchte angefangen bis zum Verpacken des gebrauchsfertigen Kunerols steht die ganze Herstellung unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Matfersburg. Kunerol kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen verwendet werden. 7UNER0L 100% REINES KOKOSNUSSFETT keine himmelstürmenden „Staatsprojekte", die da von Zionisten und Nichtzionisten gemeinsam beraten wurden, und der Optimismus, der in den Reden von W a r b u r g und Weizmann bezüglich der Durchführungsmöglichkeit des Mandats durchklang, war durch Umstände bedingt, die absolut nicht als Rechtfertigung der „Staatsidee" gelten können. Zunächst fand, wie bekannt, die Session im Anschluß an die Tagung des zionistischen Aktionskomitees statt, auf der die oben besprochene Rede Weizmanns eine gefährlich scheinende „Regierungskrise" ausgelöst hat. Die Hoffnungen, die der Nichtzionist Warburg ausgesprochen, dienten also zur Stützung der bedrohten Position des Zionisten Weizmanns, wie ja überhaupt eine gewisse Uebereinstimmung dieser beiden Antipoden zu konstatieren ist. Das wirkte auf sämtliche sonst gegnerisch gesinnten Teilnehmer der Beratung wohltuend. Mit keinem Worte wurde der „Judenstaat" erwähnt und auch die politische Resolution dieses wichtigsten Komitees der gemeinsamen jüdischen Körperschaft für den Wiederaufbau sprach nicht von diesem Irrwahne einiger .Politiker". So weit wäre alles in Ordnung gewesen, aber die Männer aus aller Welt, die da friedlich am grünen Tisch saßen, waren nicht gekommen, um nur schöne Reden zu halten, sondern sie mußten auch mit dem Bleistift rechnen. Und da ergab sich ein arges Manko. Schulden, Schulden, nichts als Schulden! Die erweiterte Jewish Agency trägt die schwere, erdrückende Last der großen finanziellen Verpflichtungen, die die zionistische Organisation früher eingegangen ist. Man wird sich erinnern, daß in Zürich beschlossen wurde, ungefähr 26 bis 27 Pn> zent zur Deckung dieser Schulden zu verwenden. Die Ausführung dieses Beschlusses ist infolge der ganz schlechten Eingänge des laufenden Jahres zunichte geworden und im neuen Budget der Agency von 665.000 Pfund ist als größte Post 145.000 Pfund Schuldentilgung angesetzt worden. Ein Viertel des mühselig aufgestellten Voranschlages dient also wieder der Deckung zionistischer Schulden! Die anderen Posten dieses Budgets sind ebenso interessant. Zunächst ist der Voranschlag überhaupt im Wege des Feilschens entstanden. Der Vertreter der Nichtzionisten in der Exekutive der Agency, Dr. Senator, hat unter Berücksichtigung aller widrigen Umstände für das nächste Jahr ein Budget von 400.000 Pfund vorgelegt. Demgegenüber hat die zionistische Exekutive 890.000 Pfund beantragt und das zionistische Aktionskomitee für 832.000 Pfund entschieden. Das Administrative-Committee der Jewish Agency hat aber nur 665.000 Pfund beschlossen. Von diesen 665.000 Pfund entfallen, wie erwähnt, 145.000 Pfund auf Schuldentilgung, 81.750 Pfund auf Verwaltungs- und Repräsentationsspesen (Palästina-Exekutive, Londoner Exekutive, Sitzungen der Agency, Keren Hajessod), 4000 Pfund