Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 37 (12.9.1930)
- Date
- 1930-09-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Der Hohe Rat hat gesprochen . .wm Die Vermutung, daß die Auseinandersetzung zwischen -England und der Mandatskommission unterüen Genfer grünen Tisch fallen werde, hat sich als unberechtigt erwiesen. Die hohen Ratsherren sind viel zu sehr auf ihr politisches Ansehen bedacht, als daß sie sich dem Vorwurf der Geheimdiplomatie aussetzen würden. Da kennen sie schon jandere Wege, um der durch eine unerquickliche Kontroverse bedingten Schmälerung ihres Prestiges zu begegnen. Wozu gibt es denn eigene Vorverhandlungen, in denen man alle Streitpunkte klären kann? Auch diesmal ist es in dreitägigen Berätungen der hervorragenden Kunst der Genfer Allgewaltigen gelungen, ein Kompromiß zwischen den divergierenden Auffassungen zu finden. Und so ist die erwartete Sensation ausgeblieben. Ohne den Bericht der Mandatskommission, der bekanntlich eine scharfe Anklage gegen die englische Verwaltung enthält, gerade abzuschwächen, unterstreicht der vom Ratsberidüerstatter P r o c o p e vorgebrachte neunseitige Bericht des Völkerbundrates die großen Schwierigkeiten der englischen Regierung bei der Erfüllung ihrer Aufgaben in Palästina. Ja, die Mandatskommission entschuldigt sich beinahe bei der britischen Regierung, daß sie es gewagt hat, an deren Palästinapolitik Kritik zu üben; darin dürfe man nicht einen Eingriff der Kommission in die Zuständigkeit der Mandatsmacht, sondern nur einen Beitrag zur Lösung des sehr schwierigen Problems erblicken. Die Herren bekamen also anscheinend, durch Englands grollende Antwort eingeschüchtert, Angst vor ihrem eigenen „Mut". Sie ersuchten England nur höflichst, „zur Wiederherstellung des Friedeins in Palästina Maßnahmen gemäß den Vorschlägen und Anregungen der Mandatskommission zu verfügen". Und das mächtige England erklärte sich.durch seinen Außenminister fi e n d e r s o n mit dieser. Entschkeßüng einverstanden. Diese Großmütigkeit ist leicht zu verstehen. Der ganz verwässerte Bericht des Völkerbundrates, der schließlich zur einstimmigen Annahme gelangte, stellt einen Sieg der englischen Regierung über die Mandatskommission dar, deren kritische Einwände im Rate selbst vollkommen unberücksichtigt blieben. Sogar die gerügte Beschränkung der Einwanderung wurde im Ratsberichte mit der der Beruhigung der Juden dienenden Bemerkung abgetan, daß diese Verfügung nur eine zeitweilige sei. Dafür machte England für seine künftige Palästinapolitik einen Einwand, der beachtet werden sollte. Die Mandatsmacht, sagte Heoderson in seiner längeren Erklärung, werde den Frieden im Lande nicht herstellen können, wenn nicht beide Elemente der Bevölkerung Palästinas ihr dabei hellen. Iii UFA-TON-KINO Wien II., T ab oritraBi Telephon R 41-2-41 8 Der Schuß im Tonfilm-Atelier Ein „Ufa" Sprech- und Tonfilm Produktions-Regie: Alfred Zeisler Hauptdarsteller: Gerda Maurus, Harry Frank Ernst Stahl-Nachbaur, Alfred Beierle Beginn der Vorstellungen: 7,6, 748 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr- Das ist eine deutliche Sprache. England kann darnach jederzeit dem Lande seine Sympathien entziehen, wenn Juden und Araber ihre Haßpolitik fortsetzen. Da gilt es auf jüdischer Seite Einkehr in zwölfter Stunde! Rumänischer Philosemitismus. Von unserem rumänischen Korrespondenten. : nerren-raao-sciineiderei \ WSXWi BRAUNER £ \ Wien II., Praterstraße Nr. 21 ► < Gegründet 1900 Telephon R 41-6-64 empfiehlt sidi zur Anfertigung eleganter Herren-Garderoben Orig. englische Stoffe Erstklassige Ausführung stets lagernd Massige Preise 3 **" zahlangs-Erlelchteronäen In Rumänien ist die äußere Ruhe wiederhergestellt. Die äußere wohlgemerkt, denn abgesehen von kleineren Ueberfallen auf Juden, wie z. B. anläßlich der Freilassung der cuzistischen Führer Dani 1 a und Totu, die im Eisenbahnzug einen jüdischen Kaufmann blutig mißhandelt haben, ohne daß das Eisenbahnpersonal einschritt, ereignen sich jetzt im allgemeinen wenige antisemitische Ausschreitungen. So weit könnte man also zufrieden sein. Aber im Innern des Landes tobt ein Sturm, der seinesgleichen sucht. Es ist ein Sturm der Entrüstung über den ganz unglaublichen Zynismus der Regierung, die nunmehr ganz offen zugibt, mit den Antisemiten gemeinsame Sache gemacht zu haben. Sie begründet: diese Kumpanei in-einer Weise, die sicherlich originell genannt werden darf, wenn sie auch gewiß abstoßend sein mag. Aus Freundschaft für die Juden hat man sich herbeigelassen, den Cuzisten die Hand zu reichen! Das klingt unglaublich, aber wer die folgenden Auszüge aus einem im „A d e- .verul" wiedergegebenen Gespräch einer ungenannt sein wollenden Persönlichkeit mit dem Innenminister Vaida-Voevod Kulturwelt unmöglich wäre: daß ein Innenminister, der sich seiner Beziehungen zu den antisemitischen Anarchisten, Mord- und Brandstiftern rühmt und diese Verbindung mit Philosemitismus erklärt, über diese unerhörte Heuchelei nicht stürzt. Der Innenminister sagte in diesem Gespräch, daß die antisemitische Bewegung noch unter den Liberalen begonnen habe. Als er (Vaida-Voevod) an die Regierung kam, beschloß er, diese Bewegung auf gütlichem Wege aus der Welt zu schaffen. Er setzte sich daher mit Corneliu Zelea Codreanuin Verbindung und ersuchte ihn, seine antisemitischen Ideen und judenfeindlichen Manifestationen aufzugeben. Die Persönlichkeit fragte den Innenminister, warum er sich gerade mit Corneliu Codreanu in Verbindung gesetzt habe, mit dem Mörder.des Jassyer Polizeipräfekten Manciu. Darauf antwortete der Innenminister: Manciu war ein Sadist Hätte Codreanu ihn nicht erschossen, dann würde Manciu den Codreanu beiseite geschafft haben. Der Innenminister fuhr dann fort: „Ich ersuchte Codreanu, daß er die antisemitische Organisation auflöse und eine andere schaffe. Codreanu befolgte meinen Rat und gründete die Organisation der „Eisernen Garde". So oft mir Codreanu TfTTTfWyiWTTyTTTTTTTyTTTTTTTTTTTTt "est, der wird für möglich halten, was in aller versprach, daß Demonstrationen oder Versamm- Feuilleton Chassidismus, Christentum, Pantheismus. Von S. Taubes. Der Chassidismus ist Mode geworden. Er ist zum Gegenstand des allgemeinen Interesses emporgerückt Durch Interpretation, Uebersetzung und Nachbildung chassidischer Legende und Ueberlieferung ist er bei Juden und Nichtjuden populär und gangbare Münze geworden. Es scheint daß der Zeitgeist den Gedankengängen und der Lebensauffassung des Chassidismus geneigt ist und ihm entgegenkommt. Wenn man aber diesem Geist unserer Zeit einigermaßen mißtrauisch gegenübersteht dann wird solches Wohlwollen eher Verdacht erregen. In der Tat ergibt sich bei einer Prüfung der Gesichtspunkte, unter welchen die Lebensauffassung des Chassidismus von den heutigen Interpreten einer breiten Oeffentlichkeit vermittelt wird, daß jene Popularität insbesondere auch zwei Umständen zu verdanken ist, die leider mit dem Geist in engem Zusammenhang stehen. Einerseits ist nämlich ein Liebäugeln mit christlichen Religionsanschauungen unverkennbar; anderseits schlägt die angebliche Entdeckung „pantheistischer Elemente" in der chassidischen Lehre eine freundliche Brücke zu den naturwissenschaftlich und naturphilosophisch orientierten Geistern Europas, die in der überwiegenden Mehrzahl sind, und — der Chassidismus ist en vogue. Dem gegenüber erscheint es daher unumgänglich notwendig, die prinzipiellen Unterschiede, die den Chassidismus vom Christentum und vom Pantheismus himmelweit entfernen, eindeutig und scharf zu formulieren, die grundsätzliche Verschiedenheit chassidischer Gesetzesauffassung von christlich gefärbter, chassidischen Glaubens an die Allgegenwärt Gottes im All von pantheistischer Philosophie über Gott als das Weltall oder die Natur, ein für allemal festzustellen. Dabei wird man wohl am besten mit der Konstatierung beginnen, daß der Chassidismus überhaupt keine Lehre, geschweige denn irgendeine neue Lehre bedeute. Der Chassidismus ist nur eine besondere Lebensform, er ist ein neuer Weg zum alten Ziel. Historisch tritt er als eine Reaktion gegen das zum Formelwesen erstarrte Judentum auf, als eine heilsame Medizin gegen weltflüchtige und asketische Neigungen des rabbinischen Judentums, also recht eigentlich gegen katholizisiierende Tendenzen innerhalb desselben. Während das Christentum das Gesetz ganz allgemein für überwunden hält steht der Baal-Schern nicht an, ausdrücklich zu erklären*): „Es ist wahr, daß ich mich an die Vorschrift des Schulchan-Aruch gebunden halte und nicht nur an die Vorschrift sondern auch an jedes Tüpfelchen. Aber das Eine merke Dir: der Mensch steht viel höher als der Schulchan-Aruch . . . ." Dies ist natürlich als eine von der christlichen grundsätzlich verschiedene Auffassung anzusehen. Es wird danach das Leben des Menschen nur von der Form einigermaßen unabhängiger gemacht Ein reicher Inhalt ein stürmischer innerlicher Impuls, der zwingende gute Trieb der Seele kann unter Umständen die äußere Form der Gesetzlichkeit durchbrechen. Nie und nimmer aber wird dadurch das Gesetz, das ewige, aufgehoben. Denn das Gesetz ist für den; Chassid wie für jeden anderen Juden die göttlich geoffenbarte ewige Lehre, der zufolge das Leben des Menschen nach Inhalt und Form bestimmt und wodurch dasselbe für Gott geheiligt wird. Wenn also vom Baal-Schem erzählt wird, er habe, um eine jüdische Seele zu retten, den Sabbath entweiht so bleibt dabei die Tatsache der Gesetzesentweihung bestehen. Der Baal-Schem erklärt daher selbst**): „Ja, ich habe den Sabbath entweiht dafür aber eine Seele vom Verfall bewahrt" Aber die Heiligkeit des Sabbat an sich bleibt dabei unangetastet *) Aus Chajim Blochs: „Priester der Liebe", Amalthea-Verlag, Wien. **) Ch. Bloch, 1. c. Während sich also das Christentum an die Gnade Gottes wendet und vermeint, daß durch das Walten der Gnade das Gesetz überflüssig geworden sei, wendet sich der Chassidismus wohl auch an die Gnade Gottes, aber in der Hoffnung, daß Gott in seiner unendlichen Güte begangene Gesetzesübertretungen vergeben werde. Hierbei ergibt sich folgende, scheinbar widerspruchsvolle, im Grunde aber psychologisch einleuchtende Erscheinung. Der Katholizismus, das zur Praxis verwirklichte Christentum, scheinbar frei und losgelöst von den Fesseln des Gesetzes, erreicht seine „sublimste Blüte" im Mönchstum, dieser härtesten Form der Askese, die den Körper, die Materie am liebsten ganz aus den Bereichen des Lebens verbannen möchte. Ohne eine bindende Verpflichtung an das geoffenbarte Gesetz, übertrumpft das Mönchswesen noch alle erdenkliche Gesetzlichkeit und führt zu einer absurden Formalisierung des Lebens. Wohingegen der Chassidismus, unverbrüchlich an das Gesetz gebunden und voll Vertrauen auf seine einstige Verwirklichung, durch die Erhebung und Heiligung des Körpers gerade eine besondere Wertschätzung der Materie, also auch der Form, zum Ausdruck bringt Der Chassidismus gibt dem Körper, was des Körpers ist und der Seele, was ihr gehört Noch mehr: während ein Chassid seinem Körper wohltut tut er es auch seiner Seele und umgekehrt Es ist die absolute Heiligung des ganzen Menschen, die der Chassidismus anstrebt, während der Katholizismus den Dualismus von Leib und Seele bis zur Unerträglichkeit verschärft hat Mit einem Worte, der Chassidismus bejaht den Körper, der Katholizismus negiert ihn. Der Chassidismus wird durch Frohsinn, Temperament Tanz und Lebensfreude charakterisiert der ideale Katholizismus durch Weltflucht Die hier durchgeführten Gedankengänge mögen wohl genügen, um alle jene, die sich den unerschöpflichen Quell chassidischer Legenden zu ihrem Arbeitsstoff erwählt, haben, vor weiteren Verwechslungen mit christlichen Religionsanschauungen abzuhalten und sie vor oberflächlichen, aber um so gefährlicheren Parallelismen (die sich vielleicht irgendwo in der Theorie auftreiben ließen) zu verwarnen. (Fortsetzung folgt)