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Die Wahrheit · 1930-09-12 · Heft 37 (12.9.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 37 (12.9.1930)
Date
1930-09-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreidiisdber Juden" f:y A und den {-y } Ämtlidien Verlautbarungen der >-/ Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien _Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16_ XLVI. Jahrgang _ Wien 12. September 1930 Nummer 37 Politische Vertretung der Juden. Die deutschen Reichstagswahlen und die herannahenden politischen Wahlen in Oesterreich rücken wieder die Frage in den Vordergrund, welche Stellung die Juden bei den bevorstehenden Wahlen in die parlamentarischen Vertretungskörper zu beziehen .haben. Wir sehnen nichts mehr als den Zeitpunkt herbei, in dem eine solche Fragestellung überflüssig sein wird, jenen Zeitpunkt, in dem demagogische Schlagworte und mittelalterliche Vorurteile ihre .verdummende und irreführende Wirkung verloren haben werden. Vorläufig sind wir noch lange nicht so weit, wir müssen vielmehr die — allerdings nicht für uns Juden — beschämende Tatsache feststellen, daß den Hauptbewegungspunkt im deutschen Wahlkampfe die Judenfrage bildet und daß auch in unseren österreichischen Landen das politische Leben von dieser Frage beherrscht wird. Wir stehen nicht einer einheitlichen antijüdischen Front gegenüber. Aus jedem politischen Lager schallt uns ein anderer Kampfruf entgegen: Nieder mit den jüdischen Finanzmagnaten, nieder mit den jüdischen liidustrierittern, nieder mit den jüdischen Marxisten und Bolschewiken, nieder mit der jüdischen Presse, nieder, mit den Unterwühlern und_Zersetzern der christlich-deutschen Kultur und Sitte, nieder mit den fremdrassigen Schädlingen im arischen Volke! Eine oberflächliche Beurteilung dieser Sachlage könnte zu dem Schlüsse verleiten, diesen getrennt marschierenden Gegnern eine einheitliche jüdische Kampffront in Form einer eigenen politischen Partei gegenüberzustellen. Nichts wäre verhängnisvoller und verfehlter als ein dahin zielender Versuch, der übrigens vergeblich bleiben müßte. Vergeblich schon deshalb, weil die jüdische Bevölkerung Deutschlands und Oesterreichs in wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und weltanschaulich-politischer Hinsicht viel zu stark gegliedert ist, als daß es — selbst wenn es erwünscht wäre — gelingen könnte, sie unter einen Hut zu Jbringen. Schon ein derartiges Beginnen brächte frisches Wasser auf die Mühlen der Antisemiten. Nichts wäre diesen Herrschaften erwünschter, als wenn wir uns samt und sonders zum Nationaljudentum bekennen würden. Dies gäbe ihnen die willkommene Gelegenheit, die Juden als fremde Nation zu behandeln und sie unter Ausnahmsgesetze zu stellen. Die bisherige Landespolitik unserer Zionisten ist ein warnendes Beispiel. Wir dürfen unseren antisemitischen Gegnern nicht auf den Leim gehen, die uns zu einem Fremdvolk im Staate stempeln wollen. Wir dürfen ihnen auch nicht die geringste Handhabe dazu bieten dadurch, daß wir unter welcher Flagge auch immer als eine gesonderte politische Gruppe werbend bei allgemeinen politischen Wahlen auftreten. Welchen praktischen Wert hätte übrigens die Kandidatur einer besonderen jüdischen Partei? Welchen zahlenmäßigen Einfluß im Parlamente hätten schon zwei oder drei Mandatare einer jüdischen Partei? Müßten_sie, um judenfeindliche Gesetze zu verhindern, um Ungesetzlichkeiten der Verwaltungsbehörden mit Erfolg zu bekämpfen, nicht Anlehnung und Unterstützung bei der einen oder anderen Partei suchen, die, auf dem Boden der Verfassung stehend, auch willens ist, eine ungleichmäßige und ungerechte Behandlung ihrer jüdischen Mitbürger abzuwehren? Und würde die eine oder andere Partei, die heute schon mit Rücksicht darauf, daß sie auch Juden zu ihren Wählern zählt, gelegentlich für diese in die Bresche tritt, dann die gewünschte Unterstützung unter Berufung auf die selbständige jüdische Vertretung nicht leichter ablehnen können? Und welches Programm sollte eine selbständige jüdische Partei aufstellen, um die Interessen und Bedürfnisse der wirtschaftlich und politisch nun einmal so mannigfach geschichteten jüdischen Bevölkerung zu vertreten? Eine vollkommene Unmöglichkeit. Eine Partei, die nur oder vorwiegend den Wünschen einer Schichte der jüdischen Bevölkerung des Staates — sei es nun in politischer, wirtschaftlicher (oder nationaler) Beziehung — Rechnung tragen wollte, würde sich zu Unrecht die Bezeichnung „jüdischePartei" beilegen. Wir Juden Mittel- und Westeuropas, mit unseren Heimatländern, deren Kultur und Wirtschaft aufs innigste verwachsen, wollen und werden — unter dem Druck der infolge der allgemeinen Wirtschaftskrise nun wieder mächtig anschwellenden antisiemitischen Bewegung — nicht in den Fehler verfallen, uns von unseren Mitbürgern abzusondern, selbst Sehe,'idemauern zwischen ihnen und uns aufzurichte n. In dieser Zeit der Wirtschaftsnot und des allgemeinen Elends ist es erst recht unsere Staatsbürgerpflicht, Seite an Seite mit unseren Mitbürgern, jeder an seinem Platze, mitzuarbeiten zur Wiedergesundung unseres Heimatlandes. Der jüdische Kaufmann oder Industrielle, der jüdische Gewerbetreibende und Handelsvertreter, der jüdische. Arzt oder Anwalt, der jüdische Angestellte oder Arbeiter, sie alle haben die gleichen wirtschaftlichen Interessen wie ihre christlichen Kollegen. Dem Buchstaben nach verfassungsgemäß sind sie alle, ob Jude oder Christ, vor ,dem Gesetze gleich. Die Wirklichkeit ist anders: täglich und stündlich erleiden wir Juden gesellschaftliche Zurücksetzung und ökonomische Benachteiligung. Den aus geschäftlichem Neid, D ü nk e 1 und Vorurteil geborenen, praktisch betätigten Antisemitismus könnte auch die Wirksamkeit einer eigenen jüdischen Partei nicht aus der Welt schaffen, dagegen wird wohl eher unablässige, zähe Aufklärungsarbeit und politische Klugheit Hilfe bringen. Wir verstehen es wohl, daß auch wir Juden unter den gegenwärtigen Verhältnissen uns bei politischen Wahlen vornehmlich von unseren wirtschaftlichen Interessen leiten lassen, doch nie und nimmer sollte sich das beschämende Schauspiel wiederholen, daß jüdische Wähler einer Partei ihre Stimme geben, die sie nicht als gleichberechtigte Mitglieder in ihre Reihen aufnehmen könnte, irgendeiner Partei, und stünde sie ihnen wirtschaftlich noch so nahe, die unsere Gleichberechtigung anzutasten sucht, die unseren gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Boykott predigt oder betätigt. Keine jüdische Stimme einer Partei, die nicht offen und ehrlich erklärt, bis ins kleinste Detail für die gleiche Behandlung der jüdischen Bevölkerung einzutreten, die nicht offen und rückhaltslos ihren unbeugsamen Willen kundgibt, jede unterschiedliche Wertung von Juden abzulehnen! Dr. Max Lenk. Bruno Weil von Nationalsozialisten schwer bedroht Die DeutscheStaatspartei hielt dieser Tage in den Berolina-Festsälen in der Berliner Schönhauserallee eine Wahlversammlung' ab, die außerordentlich stark besucht war. Trotz der Anwesenheit zahlreicher Nationalsozialisten im Saale, die lärmende Zwischenrufe, besonders während der Rede des Kandidaten der Staatspartei Dr. Bruno Weil, machten, konnte die Versammlung gut zu Ende geführt werden. Die Polizei mußte aber mehrere Nationalsozialisten aus dem Saale entfernen, darunter einige, die mit dem Messer in der Hand Drohungen ausstießen. Als dann Dr. Bruno Weil nach Schluß der Versammlung den Saal verließ, wurde er von Nationalsozialisten umringt, die antisemitische Rufe ausstießen. Dr. Weil wollte die Rufer feststellen, da wurde er auch schon persönlich attackiert. Er warf einen der Angreifer an die Wand, damit wurde die Situation für ihn sehr bedrohlich, indem nun die ganze Truppe auf ihn eindrang und ihn direkt am Leben bedrohte. Im letzten Augenblick eilte Schutzpolizei herbei und befreite Dr. Weil aus seiner gefährlichen Lage. Die nächste Nummer der „Wahrheit" erscheint als Feiertags - Doppelnaramer Nonfag» den 22. September Vergessen Sie nicht die Bestellung der Neujahrsgratulationen!

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