Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 36 (5.9.1930)
- Date
- 1930-09-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Zentrum und Juden frage. In einem Gespräch mit dem Vorsitzeden der Berliner Zentrumsorganisation, Rektor Kellermann, äußerte sich dieser eingehend über die Stellung der deutschen Zentrumspartei zu den gegen die deutschen Juden gerichteten Angriffen. Herr Kellermann betonte nachdrücklich, daß esfürdasZentrum eine Judenfrage weder im Rassensinne noch sonst gäbe. Das Zentrum stehe auf dem Standpunkte der völligen staatsbürgerlichen und kulturellen Gleichberechtigung der Juden und erkenne keine irgendwie geartete Benachteiligung der deutschen Juden im politischen Leben Deutschlands an. Herr Kellermann bezog sich auf die ausgezeichneten Darlegungen des früheren Reichskanzlers Marx, der das Vorhandensein einer Judenfrage, soweit das Zentrum in Frage komme, entschieden verneinte. Das Zentrum sei schon immer eine Staatspartei gewesen, die alle Glieder des deutschen Volkes umfassen wolle und die durchaus und in jeder Beziehung für die völlige Gleichberechtigung auch der jüdischen Staatsbürger eintrete. Herr Kellermann hat beobachten können, daß schon bei früheren Wahlen Juden in vielen Bezirken die Zentrumslisten gewählt haben, in einigen Berliner Wahlbezirken sei das besonders stark in Erscheinung getreten. Schon das Gebot der N ä c h s t e n 1 i e b e sei für das Zentrum entscheidend, jeder Judenhetze mit Nachdruck entgegenzutreten. Dazu kommen sehr vielfach persönliche Beziehungen zwischen den katholischen und jüdischen Deutschen, die dazu beitragen, die Berührungspunkte zu verstärken. Auch könne das Zentrum nicht vergessen, daß es in früheren Zeiten sehr viele Nachteile der Minderheit in Kauf nehmen mußte, und diese Erinnerung schärfe sein Gefühl für die Lage der jüdischen Minderheit in Deutschland. Das Zentrum sei entschlossen, aus Gründen •der Toleranz und der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung alle Angriffe gegen Juden abzuwehren, und diese Einstellung sei für die Zentrumspolitiker keine Theorie, sondern! Praxis des täglichen politischen Lebens. Herr Kellermann wies darauf hin, daß im Rheinland, Westfalen und in Süddeutschland sehr viele Juden der Zentrumspartei angehören. Das Gespräch hinterließ den Eindruck, daß in der Tat die katholische Zentrumspartei in ihren Reihen Antisemitismus nicht kennt und daß auch weiterhin die Zuversicht berechtigt ist, daß das Zentrum mit sich gleichbleibender Entschlossenheit den Antisemitismus in Deutschland bekämpfen wird. Berliner Blättermeldungen zufolge soll der Präsident der Berliner Jüdischen Gemeinde, der Zionist Georg Kareski, für die kommenden Reichstagswahlen auf der Berliner Zentrumsliste kandidieren. Diese Nominierung eines Juden bei einer katholischen Partei wird sicherlich gerade in Oesterreich, wo eine solche Verbindung einfach unmöglich wäre, Sensation erregen. Es ist wohl anzunehmen, daß bei der Auswahl des Herrn Kareski weniger — oder wahrscheinlich gar nicht — der Zionist ins Auge gefaßt wurde, als der Führer der Berliner religiösen Gemeinde, den die stets tolerant gewesene Zentrumspartei ihren nicht unbeträchtlichen jüdischen Wählern präsentiert. Allerdings ist diese Kandidatur eine ziemlich aussichtslose, denn Herr Kareski ist im Berliner Wahlkreis an zehnter Stelle aufgestellt. Der Anteil der Juden an der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung Wiens. Von Immanuel Rubin. III. Die bedeutendsten jüdischen Persönlichkeiten des Vormärz. (Fortsetzung.) Die erste schriftstellerisch tätige Jüdin, die uns in Wien begegnet, ist Regine Trohberg, eine Schwester der schon erwähnten Marianne Saaling. Sie war eine Tochter des Berliner Hofjuweliers Jakob Salomon und eine Tante eines der größten deutschen Dichter — Paul Heyses. dessen Mutter gleichfalls eine geborene SaJamon, war. Regina (Rebekka) Trohberg wurde am 4. Oktober 1782 in Berlin geboren, heiratete 1801 einen Herrn Friedländer, ließ sich aber bald scheiden. 1813 kommt sie nach Wien; wo säe nunmehr dauernden Aufenthalt nimmt. Sie spielt durch eine lange Reihe von Jahren in der vornehmen Gesellschaft Wiens eine Rolle, namentlich im Hause des Grafen Tries. Gentz erwähnt Frau Trohberg sehr häufig in seinen Tagebüchern als Gast bei Veranstaltungen in den großen Salons. Sie beginnt erat ziemlich spät zu schreiben, ist aber überaus fruchtbar. Sie ist eine gewandte, sehr produktive Schriftstellerin, verfaßte Lustspiele, Schauspiele, Gedichte, ist aber vor allem eine talentvolle Erzählerin. Ihre Romane waren sehr gut. sind aber natürlich heute längst 'überlebt. Sie war auch eine eifrige Mitarbeiterin der Wiener belletristischen Zeitungen. Einzig allein das Buch „Gedankenfreiheit auf dem Pfad des Lebens", welches das Ergebnis ihres Lebens in philosophischen Axiomen umfaßt, verdient noch heute Beachtung. Nach der. Revolution hört man von der Regina Trohberg sehr wenig. Sie dürfte um 1860 gestorben sein. Ein Mitglied der berühmten Prager Familie Jeitteles ist pillllllllllllllllllllllllllllllll H VORNEHME FAMILIEN PENSION M | vormals Dr. GRÜNBERG | 1AM SEMMERING | HOCHSTRASSE 43 (BEI HOTEL PANHANS; |j || Mäßige Preise (Zimmer mit Pension von S 12.— §1 jaufw.)/Kaffeehaus und Tanzgelegenheit im Hause / j§§ jj Besitzer: ECKSTEIN / Tel. SemmeringNr. Ii j| Ü Fließendes Warm- und Kallwasser |p ü In jedem Zimmer LEBENSVERSICHERUNGS-GESELLSCHAFT PHdNII WIEN. 1. BEZIRK. RIEMERGASSE 2 Versicbernngsbestand per Mittte 1930 ........- 24S0 Millionen Schilling Prämien- und Zinseneinnahmen im Jahre 1929 ....... 125 „ „ Garantien»ttel per Ende 1929 300 , Auszahlungen an die Versicherten im Jahre 1929 ...... 307» » Er starb 1843 in Wien. 1857 starb seine Frau Fanny, die ihr ganzes bedeutendes Vermögen der Kultusgemeinde vermachte. Es gab auch in Wien eine ganze Reihe bedeutender jüdischer Musiker. Ignaz Moscheies ist auch heute noch nicht in Vergessenheit geraten. Er wurde im Jahre 1794 in Prag geboren. Schon sehr früh verriet er musikalisches Talent. Als kleiner Junge kam er aufs Konservatorium in Prag, wo er 1806 mit großem Erfolg zum ersten Mal auftritt. 1808 kommt er nach Wien, um seine Studien zu vollenden. Noch im selben Jahre, am 8. August, gibt er im Burgtheater in einem Zwischenakt sein erstes öffentliches Konzert mit derart großem Erfolg, daß er „bald der Zentralpunkt des Wiener Konzertlebens und ein Liebling des Wiener musikalischen Publikums wurde". (Wurzbach.) Mit Beethoven stand er in herzlichem Verkehr und bearbeitete unter dessen Leitung den „Fidelio"' im Klavierauszug. 1816—20 führten ihn Kunstreisen durch Deutschland, Holland, Frankreich und England. Ueberall errang er rauschenden Beifall. Der Enthusiasmus war besonders in London so groß, daß er beschloß, dort seinen ständigen Wohnsitz zu nehmen. 1824 übersiedelte er nach London, wo er nun die philharmonischen Konzerte leitet und besonders sehr viel Propaganda für die deutsche Musik wie Beethoven. Mendelsohn und Weber macht. 1846 geht er nach Leipzig ans Konservatorium. Er starb 1870 als Direktor des Leipziger Konservatoriums. Ein anderer Musiker, der aber lange nicht so berühmt wurde, ist Julius Benedikt. der aus Deutschland 1823 nach Wien kam und bis 1825 Musikdirektor am Kärtnertortheater war, das der heutigen Staatsoper entspricht. Später wird er der Begleiter der damals weltberühmten Sängerin Jenny Lind auf ihren Konzertreisen und schließlich 1838 Orchesterdirigent in London, wo er 1885 starb. Er war mit Karl Maria v. Weber sehr beferundet und ebenso wie Moscheles ein eifriges Mitglied des „Ludlam". (Fortsetzung folgt.) Ignaz Jeitteles. Er wurde 1783 in Prag geboren, hatte eine sehr sorgfältige Erziehung, absolvierte das Piaristengymnasium in Prag, studierte an der dortigen Hochschule Jus. A. G. Meißner lenkte aber seine Neigung auf die Literatur und vor allem auf ästhetische Studien. 1811 muß er das Studium aufgeben und nach Wien gehen, wo er Gesellchaiter eines Großhandlungshauses wurde. Als Kaufmann hat er große Erfolge, so daß er bald wieder Zeit für literarische und wissenschaftliche Betätigung hatte. Er war vor allem journalistisch ißüg. Wurzbach stellt fest, daß „seine Journalartikel voll Klarheit, Scharfsinn und Verständlichkeit in jenen Zeit einen wahren Schmuck der Journale bildete." Seine literarischen Arbeiten erschienen im „Wienen literarischen Anzeiger", in den „Annalen der österreichischen Literatur", im „Morgenblatt" u. a. Zeitschriften. Sein Hauptwerk ist das „Aesthetische Lexikon"/ das 1835—37 herauskam. Es ist auf diesem Gebiet das beste Buch seiner Zeit und erregt großes Aufsehen.. Auf Grund dieses Werkes wird ep 1839 Ehrendoktor der Universität Jena. CastelJi nennt Jeitelles einen „tiefen Denker" und im „Oesterr. Parness" wird Jeitteles eine „kritische Autorität genannt, die viel Wissen, aber noch mehr Scharfsinn besitzt." Jeitelles spielte in den literarischen Kreisen Wiens eine große Rolle und war ein führendes Mitglied der „Ludlamshöhle", der sehr viele Juden angehörten, wie der berühmte Musiken Moscheies. Saphir, Sichrovsky, der spätere Generalsekretär der Nordbahn, die Großhändler Biedermann und andere. Die „Ludlamshöhle" war eine literarische Tischgesellschaft, der die führenden Schriftsteller Wiens angehörten und alle jene, die sich gerne unterhalten wollten. Jeder durchreisende Fremde war Gast im „Ludlam", wo alles, was im geistigen Leben Wiens eine Rolle spielte, ständig versammelt war. Die Juden taten sich hier sehr hervor und waren auch gerne gesehen. Vom Antisemitismus war damals in den gebildeten Bürgerkreisen nichts zu merken. Jeitteles und Saphir gaben die Zeitung des „Ludlam" heraus. Joseph Biedermann ließ auf eigene Kosten das Lokal des „Ludlam" vergrößern. Der „Ludlam" umgab sich mit allen möglichen Geheimnissen und es war daher kein Wunder, daß er bald der Polizei verdächtig wurde, obwohl er vollkommen harmlos war. Am 26. April 1826 wurde er polizeilich aufgehoben. Selbstverständlich ergab die Untersuchung nicht das geringste und die ganze Angelegenheit wurde eine der größten Blamagen der Wiener Polizei. Jeitelles trat auch überall für die Verbesserung der Lage den Juden ein. redigierte von 1806 an die jüdische Zeitung „SuJamith". Ein Zentralkomitee der Föderation ungarischer Juden gegründet. In einer von prominenten Vertretern der ungarischen Juden in Budapest am 29. August abgehaltenen Versammlung wurde beschlossen, die Beziehungen der ungarischen Juden mit der Judenheit in den anderen Ländern, die in der Zeit seit dem Kriege nicht aufrecht erhalten wurden, wieder zu pflegen, und zu diesem Zweck ein Zentralkomitee der Föderation ungarischer Juden zu bilden, in dem alle Organisationen der ungarischen Judenheit vertreten sein sollen. Baron K o h n e r, der Präsident des Landeskomitees ungarischer jüdischer Gemeinden, führte in seiner Ansprache in der Qründungsversammlung aus, es sei der Zweck der neuen Organisation, die Beziehungen zu der Judenheit in anderen Ländern zum Nutzen des Judentums im allgemeinen und zum Besten der kulturellen und sozialen jüdischen Institutionen Ungarns auszuwerten. In der Versammlung wurde beschlossen, daß Baron Kohner, Dr. Joseph Veszi (Mitglied des ungarischen Herrenhauses und Chefredakteuer des „Pester Lloyd"), die jüdischen Deputierten Paul S a n d o r und Geza D e s z i und der Präsident der Budapester jüdischen Gemeinde, Hofrat Stern, mit den Vertretern der ausländischen jüdischen Organisationen in Verbindung treten sollen, um sie über Leistungen und Interessen der ungarischen Judenheit aufzuklären. Wichtige Neuerscheinung! s I-mna1 2 n unserem Verlage erscheint soeben: | MACHSOR (Festgebete für die hohen Feiertage) S mit vollständigem ungekürztem Text, mit einer nenen Uebersetzung von Prof. Dr. Jakob B r o n n e r, Wien. 2 Diese neue Uebersetzung zeichnet sich vor allen anderen, O bisher vorhandenen durch ibien modernen Stil und ihre Klarheit aus. Der Name des Uebersetzers bürgt g> für deren Zuverlässigkeit nnd Gründlichkeit. Sowohl O der hebräische als auch der deutsche Test (Latein- J schritt) ist in klarer, schöner Type ant vorzüglichem Sholzfreien Papier .gedruckt nnd sorgfältigst korrigiert. Der Nach sor eignet sich auch vorzüglich für Geschenk- 2 zwecke nnd -soll in keinem jüdischen Hanse fehlen 1 Preis in 2 Leinenbänden S 7.— 2 «4 •s 10-- „ 4 Lnxusbänden ■ S 14.— 2 Zu beziehen durch die : Verlagsbuchhandlung M. Salzmann Wien II., Grolle Schiffgasse Nr. 4 2 Telephon R 27-6-71 österr. Postsparkassen-Kon'o B 81-671