Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 36 (5.9.1930)
- Date
- 1930-09-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Zionismus and Antisemitismus. In jüngster Zeit haben deutsche zionistische Organisationen in öffentlichen Veranstaltungen zur deutschen Judenfrage Stellung genommen und Aussprachen bewirkt, die in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert sind- So vernahm man in Berlin — laut „Ita" — folgende Auslassungen des Herrn Dr. K a n o w i t z über die Wirkung des Antisemitismus auf die Juden. Er untersuchte die Frage, ■was der Antisemitismus aus dem Juden selbst mache. „Der Antisemitismus kann ihre Sicherheit zerstören und irreparablen Schaden in der jüdischen Seele anrichten. Während die Juden im Grunde früher gegen ihn immun waren, bekam er. seitdem er mildere Formen annahm, Gewalt über sie. Der Jude fühlt sich ihm gegenüber hilflos, weil er ihn nicht zu deuten vermag. Aus falscher Deutung heraus kam es bei den Juden zu einer Psychose des Verfolgungswahnes. Zugleich aber führte man einen Kampf gegen sich selbst: Abbau war die Parole; der „jüdische Antisemitismus" bekämpfte die sogenannten schlechten Eigenschaften der Juden, jeder suchte sein Heil in der Vereinzelung. Man suchte den Antisemitismus als ein Mißverständnis aufzuklären und führte einen Kampf ums Recht als sittliche Pflicht wie man heute ganz ähnlich für die Seele Deutschlands kämpft Die Juden hatten die Wertmaßstäbe der Umwelt anerkannt und es trat ein Verfall der jüdischen Persönlichkeit ein. Der Zionismus erklärte den Antisemitismus als einen Spezialfall des Völkerhasses. Damit verlor der Antisemitismus für die Zionisten an Wichtigkeit Neuerdings hat man ihn als einen Sonderfall der Gruppenfeindschaft überhaupt erklärt. Auch auf der Seite der Antisemiten selbst beginnt diese Einsicht zu dämmern. Nur sekundäre Begründungen dienen zur Gewissensberuhigung der Antisemiten. Die Juden leugnen gerne, selbst Opfer des Antisemitismus geworden zu sein, und rücken von dem besonders gehaßten Teile ab- Statt als Gruppe zu leben und dadurch den Haß leichter zu ertragen, versucht man, die jüdische Gruppe zu zerstören. Der Zionismus gab den Juden wieder ein Heimatsgefühl, so daß sie den Angriff leichter ertragen konnten." Herr Dr. Kanowüz meint also, daß der Jude sich den Antisemitismus nicht zu deuten vermag. Würden sich die Juden aber alle so verhalten, wie der Referent es wünscht dann würde die Deutung des Antisemitismus nicht mehr ganz so schwer fallen. Würden die Juden nur als Gruppe für sich leben, dann gäbe es keine trefflichere Bestätigung der antisemitischen Ideologie, die diese Ausscheidung des Judentums aus dem Volksganzen zum A und O ihrer Argumentation macht „Statt als Gruppe zu leben und dadurch den Haß leichter zu tragen..." Es ist gewiß sehr schön, dem alten ßprichwort nachzuleben und geteilten Schmerz als halben Schmerz zu fühlen. Aber das Wichtigere ist gar nicht einmal, die Unbilden bequemer zu tragen, DAS SILBER VON OESTERREICHER Künstlerische Handarbeit aus eigener Werkstatt. Formvollendet in jedem Stück und jeder Einzelheit — Geschenke von unvergänglichem Wert. t WIPPLINGE RS TRASSE 29 als vielmehr, so zu leben, daß der Haß der Mitwelt immer weniger Berechtigung erhält. Das ist ein viel hochgemuteres Streben- Es ist ein Irrtum, zu glauben, wir „rücken von dem gehaßten Teile ab." Im Gegenteil, wir bekennen uns mit um so größerem Stolz zu der gefährdeten Sache, und dabei kann es nur nützen, wenn uns die verblendeten Angriffe Gelegenheit geben, die eigene Persönlichkeit kritisch zu durchforschen, ob nicht vielleicht irgendwo ein Bruchteil der Mängel sich finde. Ein Verkriechen vor dieser Aufgabe der Selbsterkenntnis liegt wohl eher auf Seiten derer, die als Antwort auf die judengegnerische Offensive mannhaft erklärten: Ich spiele nicht mehr mit! Es mag bei dieser Gelegenheit scharf betont werden; daß die Wirkungen des Antisemitismus auf jeden Fall andere sind, als unsere zionistischen Glaubensbrüder sich das vorstellen. Es entbehrt nicht des komischen Reizes, wenn überhaupt zur Zeit im zionistischen Lager die Antisemitenfrage nicht als ganz modern empfunden wird. „Gegen die Schande des Antisemitismus haben nicht wir zu kämpfen, sondern das deutsche Volk", heißt es in GOBELINS nach Gemälden berühmter indischer Maler erzeugt Atelier ZAHRADNIK Wien V.« Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon ü 40-9-17 einer Rede von Nachtun Goldmann über das Thema „Der jüdische Akademiker in Deutschland". Die Sache geht uns also nichts an. Es erinnert an jenen Mann im Lustspiel, der ein paar Ohrfeigen bekam, merkte daß sein Angreifer sich in der Person geirrt hat und .nonchalant erklärte: „Sie werden lachen, ich bin das gar nicht!" Aber hier wird die Clownerie schon zur Tragödie. Die nationalsozialistische Gefahr, die das deutsche Judentum täglich schwerer bedroht kennt keine Unterschiede in ihrer Wirkungsrichtung. Als Menschen wie als Juden wünschen wir unseren Glaubensbrüdern im zionistischen Lager, daß ihnen die Augen rechtzeitig aufgehen, bevor sie ihnen gründlich übergehen!. Der erste Weltkongreß der Schomre Schabbos. Nach kaum zweijährigem Bestände des W e 11verbandes für Sabbatschutz Schomre Schabbos ist es gelungen, Vertreter der ganzen jüdischen Welt zum ersten Sabbat-Weltkongreß in Berlin zu vereinigen. Seit vielen Wochen stand! die deutsche Judenheit im Zeichen der Vorbereitung des Berliner Kongresses, der unter dem Vorsitz des Präsidenten des Weltverbandes, Seminardozent Dr. Samuel Grünberg, am 24. August vormittags in der Singakademie in Berlin einen, grandiosen Auftakt fand. Etwa 250 Delegierte der jüdischen Gemeinden, Gemeindeverbände und Organisationen aus aller Welt hatten sich in Berlin eingefunden; die Wiener Kultusgemeinde war durch f.........................................................•.■•-■•■--•-'^ j BehSrdl. antor. Häuseradmipistration 1 i ADOLF KRALL! [ IV., Schleffmühlgasse 11! i Telephon B 2S-1-46 i | empfiehlt sich zur Ober- ■ : nähme von Verwaltungen i | Erstklassige Referenzen | *•■•«■«•••■■■••■•* Herrn Kultusvorsteher Viktor Bauminger vertreten. Die dleutschen Staatsbehörden, die schon seit längerer Zeit auf die Bestrebungen des Weltverbandes für Sabbatschutz aufmerksam geworden sind und dieselben mit Interesse verfolgen, haben dieses Interesse anläßlich der Kundgebung in besonders eindringlicher Weise an den Tag gelegt. Die Reichsregierung, die Preußische Staatsregierung, die Stadt Berlin und verschiedene sozialpolitische Gremien hatten ihre besonderen Vertreter zur Tagung entsandt Besonders imposant war der Eindruck, der von den hervorragendsten geistigen Führern der zeitgenössischen Judenheit geweckt worden ist Selten waren in den letzten Jahrzehnten eine so große Zahl jüdischer religiöser Führer an einer Stelle versammelt. Man sah unter den Delegierten Rabbiner der größten Gemeinden, weltberühmte religiöse jüdische Gelehrte, Führer von großen jüdischen Gemeinden u. a. m- Der erste Weltkongreß des Weltverbandes der Schomre Schabbos ging nach dreitägiger Dauer am Dienstag, den 26. August, am späten Abend, zu Ende. Der Kongreß schritt nach Annahme der Statuten und der Entschließungen zur Wahl des Präsidiums und des Zentralkomitees. Zum Präsidenten des Weltverbandes wurde der bisherige vorläufige Präsident. Herr Seminardozent Dr. Samuel Grünbeng, gewählt. Zu Vizepräsidenten wurden gewählt Dr. Paul S u 1 z b e rger und Dr. Emil Hirsch. Es wurde ein vieigh'edriges Zentralkomitee gewählt, dem jüdische religiöse Führer aus allen auf dem Kongreß vertreten gewesenen Ländern angehören. Mit einer Ansprach des Präsidenten Doktor Grünberg schloß der Kongreß. Von den angenommenen Resolutionen sind zu erwähnen: Resolution zur Ka.lenderreform: Der In Berlin vom 24.—26. August 1930 tagende „Weltkongreß für Sabbatschutz hat sich mit der geplanten Kalenderreform eingehend beschäftigt Von der Erkenntnis getragen, daß die Heiligung des siebenten Wochentages im let der Weltkongreß den Appell an die gesamte "KulturgötUionen Schöpfungswerk unlöslich verankert Ist, rlchwelt, im besonderen an alle Instanzen, die sich mit einer Abänderung des Kalenders befassen, diese in einer Weise durchzuführen, durch die die Unverrückbarkeit des Sabbats gewährleistet wird. Unerträgliche Seelennot müßte für die gesamte Judenheit die Folge sein, wenn der Kalender durch Einsetzung eines Blankotages einen beweglichen Sabbat vorsähe. Resolution zur Frage der Fünf-Tage-Arbeitswoche: Nach Anhörung der amerikanischen Referenten zur Frage der Fünf-Tage-Arbeitswoche beauftragt den Kongreß das Präsidium, dafür einzutreten, daß überall da, wo der Gedanke der Fünf-Tage-Arbeitswoche verwirklicht wird, der jüdische Sabbat einer der beiden Wochen-Ruhetage sein soll. Resolution betreffend Sonntagsruhegesetzg e b u n g: Der Kongreß erblickt in den Beschränkungen, die auf die jüdische Erwerbsfreiheit durch die Sonntagsruhegesetzgebung gelegt sind, eine Beeinträchtigung der •^Religionsfreiheit und richtet an die Regierungen der Well den Appell, ihren, den Sabbat beobachtenden jüdischen Bürgern gegenüber die Strenge der gesetzlichen Bestimmungen der Sonntagsruhe zu mildern. Sozialwirtschaftliche Entschließungen: Der Weltkongreß weist die jüdischen öffentlichen Institutionen darauf hin, daß sie in erster Reihe in der Lage und dazu berufen sind, durch Anstellung von sabbathaltenden Beamten die Idee der Sabbatheiligung zu stärken Der Weltkongreß erwartet von allen selbst den Sabbat beobachtenden Unternehmern, daß sie dazu beitragen, Schomre Schabbos Existenzmöglichkeiten zu gewähren. Der Weltkongreß appelliert gleichzeitig an die Inhaber anderer Betriebe, sabbatfreie Stellen zu schaffen. Die Versammlung beschließt einen dringenden Appel an alle Organisationen, deren Haupt- und Nebenziele die Berufsumschichtung der Judenheit ist. zu richten, bei ihrer Arbeit die Interessen der Schomre Schabbos zu berücksichtigen. Der Kongreß beschließt die Einsetzung eines ständigen, aus Männern der Wirtschaft zusammengesetzte» Wirtschaftsausschusses, der am Orte des Präsidiums seinen Sitz hat Der Ausschuß ernennt in den verschiedenen Ländern korrespondierende Mitglieder, die territoriale Wirtschaftsausschüsse zu bilden haben. Zum Aufgabenkreis des Wirtschaftsausschusses gehört die Prüfung und Bearbeitung aller Vorschläge, die geeignet sind, Schemiras Schabboth zu ermöglichen. Hierzu gehört insbesondere: 1. Schaffung von Genossenschaften (korporative) auf dem Gebiet von Produktion, Konsum, Kredit und Siedlung. 2. Propagierung von Be- Tufsschichtung jüdischer Menschen und . deren Vorbereitung zu olcnen. Berufen, die Beobachtung des Sabbat möglich machen. Handwerk und Landwirtschaft sowie Hausindustrie sind dabei besonders zu berücksichtigen. 3. Einflußnahme auf staatliche und kommunale Instanzen zur Beseitigung sabbathindernder Bestimmungen (Sonntagsruhe, Verlegung der Lohnzahlungstage, Messen und Märkte). Der Kongreß bevollmächtigt die zentrale Wirtschaftskommission, sogleich nach ihrem Zusammentritt sich an den Vorarbeiten zur Gründung einer Garantlebank zu beteilen, unter der Bedingung, daß die unparteiische Leitung und Verwaltung der Bank gewährleistet ist. Resolutionen der sozialpädagogischen Kommission: 1". Das Präsidium des Weltverbandes für Sabbatschutz Schomre Schabbos wird gebeten, eine pädagogische Kommission einzusetzen, deren Aufgabe es ist, die mit Schemirath Schabbos zusammenhängenden Fragen der Schule zu lösen. Alles gesetzgeberische Material soll gesammelt und den Landesorganisationen zur Verfügung gestellt werden. Die Landesorganisationen werden gebeten, alle Anregungen an die Pädagogische Kornmission des Weltverbandes zu leiten.