Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 36 (5.9.1930)
- Date
- 1930-09-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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tiven autonomen Gemeinwesens, eines jüdischen Nationalheims, vorschweben muß, arg betroffen. Die Folgen dieser Kursschwenkung blieben nicht aus; es entstand eine „Regierungskrise", die aber — wie so oft — bald behoben worden ist. Denn .ohne Weizmann, darüber ist man sich ganz klar, geht es überhaupt nicht. Ueber den Ausbruch der Krise wäre folgendes zu berichten: Im Namen des Misrachi gab Rabbi E r o d t (Polen) die Erklärung ab, daß sich die Misrachi-Fraktion mit der Auffassung des Präsidenten Weizmann über den Judenstaat nicht einverstanden erklären könne und deshalb ihre Mitglieder aus der Zionistischen Exekutive zurückziehe, daß der Misrachi aber bereit ist, auch weiterhin mit dem Präsidenten Dr. Weizmann und der Exekutive loyal zusammenzuarbeiten. Die Erklärung wirkte sensationell und man hatte sofort den Eindruck, daß nunmehr eine Führerkrise ausgebrochen sei: Es kam hinzu, daß Herr Josei C o w e n (England) einen Antrag formulierte, der ungefähr lautet: Das Aktions-Comitee der Zionistischen Organisation rückt ab von der Auffassung des Präsidenten. Die Lage wurde dadurch verschärft, daß, während die allgemeinen Zionisten Deutschlands sich mit Dr. Weizmann solidarisch erklärten, ein Teil der allgemeinen Zionisten aus dem Auslande sich mit Weizmanns Erklärung hinsichtlich des Judenstaates nicht ganz identifizieren konnte und dem Wunsche nach einer neuen Formulierung Ausdruck gab. Die Sitzung wurde abgebrochen und die einzelnen Fraktionen traten zu Beratungen zusammen. Nach Wiederaufnahme der Sitzung gab Dr. Weizmann eine Erklärung ab, die ungefähr besagte, er wolle sich in die Erörterung des Wortes Judenstaat, das überhaupt einen undefinierbaren, schemenhaften Begriff deckt, nicht einlassen. Für ihn bleibe als nächstes Ziel der Bewegung bestehen: Die Schaffung eines konstruktiven, entwicklungsfähigen, autonomen Gemeinwesens. Diesem Ziele müsse man nach Kräften zustreben. Wenn erst 500.000 Juden in Palästina leben, dann werde eine so starke jüdische Gemeinschaft auf die Millionen Juden der ganzen Welt eine stärkere Anziehungskraft ausüben und die Entwicklung werde mit kräftigeren Schritten weitergehen. Es folgten Erklärungen der Radikalen und der Revisionisten, daß sie für den Antrag Joseph Cowen stimmen werden, während die Vertreter der Arbeiterparteien erklärten, daß sie an der Erörterung über „Judenstaat" überhaupt kein Interesse hätten. Der Misrachi und die allgemeinen Zionisten zogen sich zurück, um über ihre Stellungnahme zu der neuen Erklärung des Präsidenten Weizmann zu beraten. Nach Wiederaufnahme der Plenarsitzung gab Rabbi Brodt im Namen des Misrachi eine Erklärung ab, die ungefähr dahin lautete, daß Misrachi die Erklärung Dr. Weizmanns zur Kenntnis nehme in dem Sinne, daß das erstrebte konstruktive Werk das jüdische Volk auf den Weg zum Jud'enstaat führen werde. Präsident Dr Weizmann erhob sich sofort und führte aus, die Deutung des Misrachi entspreche nicht seiner Auffassung, und da er glaube, daß er die Mehrheit nicht hinter sich hat, wolle er nicht mehr der politische Führer der Bewegung sein. Er sei aber bereit, provisorisch die politischen Geschäfte weiterzuführen. Wenn aber das Aktions- Comitee in der Lage sei, eine neue Führerschaft zu beschließen, so sei er bereit, schon jetzt zurückzutreten. Nach Abgabe dieser Erklärung verließ Dr Weizmann den Sitzungssaal. Diese Erklärung des Präsidenten wirkte auf das Haus konsternierend. Schließlich wurde mit 24 gegen 2 (Grünbaum und — natürlich — Stricker) Stimmen der Beschluß angenommen, Dr. Weizmann zu ersuchen, die Führerschaft definitiv zu behalten. Es wird also nicht so heiß gegessen als gekocht. Wie zu erwarten war, hat sich doch noch eine Lösung gefunden, Weizmann hat der an ihn ergangenen demütigen Aufforderung Folge geleistet und — bleibt. Damit hat auch sein ablehnender Standpunkt gegenüber dem „Judenstaat" gesiegt. * * Im Anschluß an die Tagung des Aktions- Komitees, beziehungsweise noch während der durch die „Regierungskrise" bedingten Schlußberatungen, begann am 29. August im Logenhaus zu Berlin die Tagung des Administrative Committee der Jewish Agency, auf die wir noch zurückkommen werden. Anwesend waren die Mitglieder des zionistischen Aktions-Komitees, die als solche den zionistischen Teil des Administrative Committee bilden, und mehrere führenden Juden aus den verschiedenen Ländern, die den nichtzionistischen Teil des Committee bildeten oder als Gäste den Verhandlungen beiwohnten. Man sah die Herren Max M. W a r b u r g, Judge Julian W. Mac k, Chaim Nachman Bialik, Dr. Bernhard Kahn, Prof. H e x t e r, Prof. Hermann Struck u. a. m. Felix W a r b u r g und Prof. Weizmann hielten bedeutsame Reden, über die eine äußerst lebhafte Debatte erfolgte. Auch wichtige Beschlüsse wurden gefaßt, deren Besprechung wir uns ebenfalls vorbehalten. «■••»■•«■»•■•■*■■' I Luden Wolf. Am 26. August wurde Luden Wolf, der verstorbene englisch-jüdische Führer und Sekretär des Joint Foreign-Committee des Board of Deputies, unter großer Teilnahme aller führenden englisch-jüdischen Kreise in London zu Grabe getragen. In seiner Trauerrede sagte Dajan Lazarus: Ein großer repräsentativer Jude ist von uns genommen worden und wir werden seinen Einfluß vermissen. Aber verloren gehen wird dieser Einiluß nicht. Luden Wolf war ein Helfer und Anreger; sein Idealismus, sein starker Sinn für soziale Verpflichtung, seine Liebe zum Judentum, seine Einsicht und die Ermutigung, die er allen jenen angedeihen ließ, die sich um historische Studien bemühten, werden weiter wirken und unsere jungen Menschen dazu anregen, das Werk fortzusetzen. In diesem Sinne ist das Leben Luden Wolfs mit seinem körperlichen Tode nicht abgeschlossen. Der Bestattung wohnten unter anderen bei: Doktor Claude G. Montefiore für die Anglo Jewish Association, O. E. d'Avigdor Goldsmid, Präsident des Jewish Board of Deputies, Gustave Tuck, für. die jüdisch-historische Gesellschaft Englands, Elkan N. Adler, Morris Myer als Vertreter der englischen zionistischen Föderation, in Vertretung der Zionistischen Weltexekutive Hodeß, Professor Leon Roth in Vertretung der Hebräischen Universität in Jerusalem, Rabbi Dr. Daiches, Dr. Jochelmart von NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TABORSTRASSE Nr. 30a TEL R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN 1 REICHE AUSWAHL IN HEBRBIKA UND JUDAIKA In englischer und französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.— KEINE BANDGEBÜHR 1 TÄGLICHER UMTAUSCH I der Förderation jüdischer Hilfsorganisationen, in Vertretung des ORT Dr. Mowshowitch und viele andere Persönlichkeiten der Londoner jüdischen Gesellschaft und des öffentlichen Lebens. Zu einer großartigen Kundgebung gestaltete sich die Trauerfeier in der West London Synagoge of British Jews, bei der Dr. Claude G. Montefiore eine Gedenkrede hielt. Lucien Wolf war, so führte er aus, eine Persönlichkeit ganz eigener Prägung und es wird sehr schwer, die durch seinen Tod entstandene Lücke zu schließen, einen Menschen zu linden, der in so besonderer Weise in seiner Persönlichkeit Charakter. Kenntnisse, Begabung und Kraft vereinigte, wie der Verstorbene. Wir müssen versuchen, sein Werk, so gut es geht, in seinem Geiste fortzusetzen, und seiner Blickweite, dem Reichtum seiner Vision, seiner Geduld, kurz mit seiner „Sophrosyne". wenn der Gebrauch dieses unübersetzbaren griechischen Wortes gestattet ist. Im ersten Teil" seiner Rede schilderte Montefiore. wie der Verstorbene von Anfang an für das Wohl der osteuropäischen Juden wirkte und wie er, der Historiker, neben seiner allgemeinen Arbeit, stets Zeit fand, um an zahlreichen jüdischen Komitees mitzuarbeiten, bis er schließlich diese Arbeit zu seiner Lebensaufgabe machte. Redner schilderte dann die Arbeit Wolfs für die völkerrechtliche Sicherung der Minderheitenverträge und die bis in die letzte Zeit fortgesetzte Arbeit des Verstorbenen zum Wohl der Juden in Ost- und Südosteurona. In einer Sondersitzung des Board of Deputies of British Jews unter dem Vorsitz von d'Avigdan Goldsmid würdigten Leonard Montefiore und Morris Myer Bedeutung und Verdienste des Verstorbenen. In einer von der Versammlung stehend angehörten und bestätigten Resolution kommt die Trauer über den Tod Lucien Wolfs zum Ausdruck, der nicht nur den Juden in aller Welt, sondern auch den nichtjüdischen bedrängten Minoritäten, heimatlosen Flüchtlingen und den durch den Krieg staatenlos Gewordenen unschätzbare und anerkannte Dienste geleistet hat. Der» Board erhielt Beileidskundgebungen vom Komitee amerikanischer Juden, vom Britischen Königlichen Institut für internationale Fragen, vom" rumänischen Gesandten in Großbritannien im Namen des Ministerpräsidenten Maniu, vom Internationalen) Wände- UFA-TON-KINO Win II., Tabortlral Telephon R 41-2-41 a Der Schuß Im Tonfilm-Atelier Ein „Ufa" Sprech- und Tonfilm Produktions-Regie: Alfred Z e i s 1 er Hauptdarsteller: Gerda Maurus, Harry Frank, Ernst Stahl-Nachbaur, Alfred Beierle Beginn der Vorstellungen: '/a6, '/fl und 9 Uhr An Sonn, and Feiertagen ab 4 Uhr rungs-Amt in Genf, zahlreichen jüdischen Gemeinschaften in aller Welt und den Außenministern vieler Länder, beziehungsweise ihren Regierungen, terner von dem Direktor der Minoritätenabteilung beim Völkerbund und zahlreichen anderen öffentlichen Körperschaften und bedeutenden Persönlichkeiten. * * :je Lucien Wolfs letzte Arbeit. Am 24. August, einen Tag nach Lucien Wolfs Tod, erschien im Rahmen des Jahresberichtes des Board of Deputies der britischen Juden der Bericht des von Lucien Wolf geleiteten Joint Foreign Committee für das Jahr 1929. Es heißt darin: Das Jahr 1929 ist, neben einer merklichen Verschlechterung der Lage der Juden in Rußland und in Polen — der politischen Lage in Rußland und! det wirtschaftlichen in Polen — und neben den turbulenten Aeußerungen des Antisemitismus an den. Universitäten Mittel-, Ost- und Südosteuropas, durch die Ereignisse in Palästina überschattet gewesen, durch welche die öffentliche Meinung der ganzen Welt außerordentlich erregt worden ist. Der Bericht schildert dann in großen Zügen die Unruhen und ihre Wirkung, und erinnert an die zusammen mit anderen Körperschaften vom Joint Foreign Committee unternommenen Schritte bei der englischen Regierung. In Europa hat das Komitee im Laufe des Jahres 1929 seine Tätigkeit hauptsächlich auf Rußland und Polen konzentriert. Eine Abschwächung der antireligiösen, besonders gegen die religiöse Erziehung gerichteten Maßnahmen in S o w j e t r u ß 1 a n d ist im Berichtsjahr nicht zu verzeichnen gewesen. Besonderen Umständen zufolge wirken sich diese Unterdrückungsmaßnahmen, obwohl ihnen eine solche Tendenz nicht anhaftet, besonders schwer gegen die jüdische Religionsgemeinschaft aus. Seit 1923 war das Komitee bemüht, teils direkt, teils durch Vermittlung der britischen Regierung, die religiöse Lage der Juden in Sowjetrußland zu erleichtem. Eine Bemühung in dieser Richtung erfolgte neuerdings im Oktober 1929. gleich nach Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen zwischen England und Rußland. Neben den religiösen Schwierigkeiten sind durch die Kollektivierungsbestimmungen auch gewisse Schwierigkeiten für die Einrichtung neuer landwirtschaftlicher Kolonien und Gefahren für die alten entstanden. In Polen hat die fortschreitende Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Juden diese in eine neue Krise hineingeführt. Noch immer in den Städten zusammengedrängt, und seit Jahren an der Grenze den Solvenz, werden die Juden von jeder Depression im Wirtschaftsleben der polnischen Republik hart betroffen. Die verringerte Kaufkraft der bäuerlichen Schichten und die Verringerung der bisher von der amerikanischen Judenheit gewährten finanziellen Unterstützung hat die Schicht der Kleinhändler dem Ruin ausgeliefert. Die konstruktive Hilfsarbeit der Joint ICA-Foundation durch Darlehenskassen und andere Kreditinstitutionen hat sehr bemerkenswerte Erleichterungen der Lage gebracht doch besteht Uebereinstimmung darüber, daß die Hilfsmaßnahmen durch Auswanderung großen Maßstabes ergänzt werden müssen. Nun sind aber gerade in diesem Augenblick die Möglichkeiten für osteuropäische Auswanderer neu beschränkt worden. Das Komitee hat daher gemeinsam mit ICA und HICEM Schritte unternommen, um die neuen Einwanderungsbeschränkungen in Südafrikazu modifizieren. Die Bemühungen waren aber erfolglos. u n g a r n. in den vergangenen Jahren ein schwarzer Fleck in der Karte der europäischen Judenheit. hat im Berichtsjahre ein erfreulicheres Bild gezeigt und war den größten Teil des Jahres über ruhig. Studentenunruhen im Herbst sind mit starker Hand unterdrückt woden. In Ungarn wurde der Entschluß zur Erleichterung der Numerus-Clausus-Bestimmungen ersichtlich, und der ungarische Unterrichtsminister Graf Klebelsberg ließ m emer bemerkenswerten Rede klar erkennen, daß er m Zukunft mit einer gegen die Juden gehässigen Gesetzgebung nichts zu tun haben wolle. In R u m ä nie n haben sich die auf die Regierung Maniu gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt. Nicht nur. daß den konstitutionellen Beschwerden der Juden nicht stattgegeben wurde, sind auch in den neu erlassenen Gesetzen, die die Juden indirekt betreffen, — wie das Gesetz üben die religiösen Gemeinschaften und das Gesetz über Kooperativen — wieder Sonderbestimmungen gegen die Juden enthalten. Das Joint Foreign Committee hat jede Gelegenheit wahrgenommen, um den Leitern der rumänischen Regierung seine Anschauungen vorzutragen und hat verschiedene Zusicherungen erhalten. In einer Hinsicht sind diese Zusicherungen sehr bestimmt. Ein neues Staatsbürgerschaftsgesetz ist in Vorbereitung, durch welches das skandalöse Problem der Staatenlosen in den annektierten Provinzen gelöst werden soll. DeT Text des Gesetzes ist noch nicht veröffentlicht worden, doch hat das Komitee die Versicherung erhalten, daß es den vom Komitee vorgetragenen Gesichtpunkten voll Rechnung tragen wird.