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Die Wahrheit · 1930-08-29 · Heft 35 (29.8.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 35 (29.8.1930)
Date
1930-08-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Was geht in Genf vor? Die 60. Session des Völkerbundrates,' in der die Pal.ästinaf rage zur Behandlung kommen soll, steht vor der Türe. Man weiß, daß in dieser Session, die am 8. September beginnen wird, die Beratung über den Palästina-Bericht der Mandatskommission des Völkerbundes erfolgen soll. Diese Kommission hat bekanntlich eine im Juni d. J. stattgehabte außerordentliche Tagung den Angelegenheiten Palästinas im Zusammenhange mit den Unruhen im August 1929 gewidmet Sie befaßte sich damals eingehend mit dem Berichte der englischen Untersuchungs- «kommission und mit dem darauf bezüglichen Memorandum der Jewish Agency, die beide in der .^Wahrheit" seinerzeit ausführlich wiedergegeben waren. Das Ergebnis der Verhandlungen, deren Tendenz am besten aus der Erklärung des Vertreters der englischen Mandatarmacht, des britischen Unterstaatssekretärs für die Kolonien, Dr- Drummond Shiels ersichtlich ist, der da sagte: „Die Juden der Welt müssen wissen, daß die Mandatannacht die Errichtung eines jüdischen Heimes in Palästina, nicht aber eines jüdischen Staates übernommen hat", ist ein eben veröffentlichter Bericht der ständigen Mandatskommission, der eine scharfe Kritik an der englischen Palästina- Politik "beinhaltet. Es wird darin erklärt, daß beim Ausbruch der Unruhen, für deren Entstehen Englands durch die Ereignisse überraschte Verwaltung die Verantwortung zugeschrieben wird, der Polizeischu.tz vollkommen ungenügend war, daß die Verwaltung viele UnterlassungenundFehler begangen habe und das Palästinamandat von England nicht richtig gehandhabt worden sei. Namentlich wird England das FehlenjederPolitik zur ökonomischen Annäherung der beiden Elemente der Bevölkerung vorgeworfen. Aber England war auch nicht faul. Es antwortete auf die Feststellung der Mandatskommission mit „Bemerkungen", die trotz wiederholter Ankündigung auch erst am 25. August veröffentlicht worden sind und die . in einem sehr scharfen, ja unfreundlichen Ton gehalten sind. So wird in diesen „Bemerkungen" insbesondere darüber geklagt, daß die Mandatskommission in gewissen Punkten den Ausführungen in dem Memorandum der Jewish Agency mehr Glauben geschenkt hat, als den Feststellungen der britischen Regierung als Mandatarmacht. Gegen die Mandatskommission wird dafür der Vorwurf erhoben, daß sie den im Bericht der Shaw-Kommission enthaltenen Schlußfolgerungen eine nicht genügende Erwägung gezollt hat, obwohl die britische Regierung einem großen Teil dieser Schlußfolgerungen zugestimmt hat Die englische Regierung erklärt gegenüber der, wie sie sagt ernsthaften und schweren Kritik, nach der Unterlassungssünden der Palästinaverwaltung die unmittelbare Ursache der Unruhen waren, sie sei über diesen Vorwurf sehr überrascht Es wird von ihr festgestellt daß der Mandatarmacht nicht die Aufgabe auferlegt wurde, das Jüdische Nationalheim zu errichten; diese Aufgabe fällt eigentlich — den Juden zu. * * * Wie oben erwähnt, ist die Veröffentlichung des Berichtes der ständigen Mandatskommission, sowie die der „Bemerkungen" der englischen Regierung*) erst am 25. August erfolgt. Für die Verzögerung der englischen Publizierung war ein besonders „triftiger" Grund maßgebend. Es hat sich — angeblich — für die bloß 24 Seiten umfassende Schrift in Genf keine Druckerei gefunden. Wer lacht da nicht? Sind die Genfer Druckereibesitzer wirklich so geschäftsuntüchtig, daß sie einen Auftrag der hohen britischen Regierung refüsieren, oder ist in der Völkerbundstadt kein englischer Setzer aufzutreiben? Nein, die Ausrede ist allzu fadenscheinig. Denn jetzt da der Palästinabericht der Mandatskommission samt den „Bemerkungen" der englischen Regierung zu diesem Bericht dem Völkerbundrat unterbreitet werden soll, setzt sich — gleichsam in zwölfter Stunde — das Sekretariat des Völkerbundes dafür ein, daß die im Bericht der Mandatskommission enthaltene sehr scharfe Kritik gegen die britische Regierung als Mandatarmacht Palästinas, sowie die in womöglich noch schärferem Tone gehaltene Erwiderung der englischen Regierung von der öffentlichen Diskussion abgesetzt werden. Innerhalb des Völkerbundssekretariats befürchtet man aus einem Fortbestehen oder der Verschärfung des Konfliktes zwischen der britischen Regierung und der Mandatskommission, einen Verlust des Prestiges des Völkerbundes und eine Minderung der Autorität der Mandatskommission, namentlich wenn diese Gegensätze in der öffentlichen Sitzung des Völkerbundsrates zur Austragung gelangen. Es scheint, daß auch auf Seiten der britischen Regierung keine Neigung besteht, die Palästina-Frage in diesem Stadium zur öffentlichen Diskussion zu stellen, weil für alle Fälle — ob die britische Regierung oder die Mandatskommission mit ihrer Auffassung beim Völkerbund durchdringt — das Ansehen der Mandatarmacht durch Bloßlegung mancher „Ungeschicklichkeiten" und angreifbarer Methoden der britischen Kolonialverwaltung Einbuße erleiden könnte. Die oftmalige Verschiebung der bereits mehrmals angekündigten Veröffentlichung des Berichtes der Mandatskommission und der Erwiderung der englischen Regierung erhärtet die in Genfer Kreisen zum Ausdruck gebrachte Meinung, daß die englische Regierung Anstrengungen macht, eine zu große Publizität der Sache und eine für sie peinliche Diskussion über das Thema Palästina "iu der bevorstehenden Sitzung des Völkerbundsrates zu vermeiden. In Genf ist man darüber unterrichtet, daß hohe Beamte des Völkerbundes sich persönlich zu Besuche der einzelnen Mitglieder der Mandatskommission in verschiedene Länder begaben, um mit diesen Verhandlungen über Beilegung des Konfliktes zu pflegen. Der Direktor der Mandatssektion des Völkerbundes K a t a s t i n i weilt in Helsingfors und verhandelt mit dem finnischen Mitglied der Mandatskommission Procope, der die Berichterstat- ^aaaaaBaaaaBaaaBaaaBaaaaaaaBBaaBBaaMaaaaaaBaBaaaBBaaaaaeBaaBBaaeaaaaeari j Behfirdl. autor. Häuseradministration j i ADO L F KRALL! | IV., Schleifmtihlgasse 11 [ * Telephon B 29-1-46 : empfiehlt sich zur Überj | nähme von Verwaltungen \ : Erstklassige Referenzen : GOBELINS nach Gemälden berühmter jüdischer Haler erzeugt Atelier ZAHRADNIK Wien V., Anzengrubtrgasie Nr. 30 Telephon U 40-9-17 verschwinden werden, enthalten nicht nur eine Rechtfertigung Englands über das, was gewesen, sondern auch eine Ankündigung dessen, was die Mandatarmacht in Zukunft im Heiligen Lande zum Heile der — Araber zu unternehmen gedenkt. Die stets gut informierte Londoner Zeitung „Manchester Guardian" .will wissen, daß die britische Regierung in kurzem den zweiten Teil ihrer „Bemerkungen" übermitteln wird,. in welchem ein konstruktives Programm für die zukünftige Verwaltung des Mandates enthalten sein wird. Es verlautet, daß dieses Dokument jene Vorschläge beinhalten wird, die der High Commissioner Sir John Chancellor nach der Rückkehr von seinem Urlaub nach Palästina den Arabern machen wird. Wie erinnerlich, haben die Mitglieder der arabischen Delegation in der letzten Sitzung der arabischen Exekutive solche Vorschläge angekündigt Der Sekretär des palästinensisch-arabischen Kongresses teilte damals mit, England werde den Arabern eine Legislative Asseinbly (Gesetzgebende Versammlung) anbieten, der die Araber zustimmen können, ohne ihre übrigen Kardinalforderungen, wie z. B. solche auf Errichtung einer völligen Selbstregierung, und auf Aufgabe des Plans des jüdischen Nationalheims aufgeben zu müssen. Also doch Parlament! 80 Prozent der palästinensischen Bevölkerung entfallen auf die Araber, 20 Prozent auf die Juden. Die Zusammensetzung des künftigen palästinensischen Parlaments ist bei diesem Verhältnis der Bewohner wohl vorauszusehen. Und es nimmt daher nicht Wunder, daß die vorherrschende Ansicht in Palästina gemäß einer Umfrage des JTA.-Vertreters die ist: Die Araber werden zunächst ein ihnen von der Regierung gemachtes Angebot, einen Legislative Council zu schaffen, ablehnen; wenn aber die Regierung fest bleibt und erklärt, daß dieses Angebot ein Maximum dessen enthält, was sie zu gewähren in der Lage ist, werden die Araber dem Legislative Council zustimmen. *) Wir kommen auf beide wichtige Dokumente noch ausführlich zurück. D. Red. tung über den Palästina-Bericht vor dem Völkerbundsrat übernommen hat, darüber, wie der Konflikt zwischen Mandatskommission und Mandatarmacht am besten durch intime Aussprache, ohne daß die Diskussion über die bestehenden Gegensätze bei der öffentlichen Tagung des Völkerbundsrats aufgeworfen werden, aus der Welt geschafft werden könne. So also wird in Genf „hohe Politik" gemacht. Die Mandatskommission beschäftigt sich — ein Jahr nach den blutigen Unruhen — endlich mit diesem „unangenehmen" Gegenstande, kritisiert heftig die englische Regierung, der sie die bittersten Vorwürfe wegen ihrer verfehlten Palästina-Politik macht, die „unschuldige" englische Regierung antwortet gereizt, und die ganze Erörterung, auf die die jüdische Welt mit Spannung wartet, soll mit einer „intimen Aussprache" enden. Die unselige Geheimdiplomatie, die vor dem Weltkrieg ihre Triumpfe feierte und dieses Völkermorden auf dem Gewissen hat, feiert beim Völkerbund, der beglückenden Krönung der Friedensverträge, fröhliche Urständ. Und auf diesen Völkerbund setzen die Jüdischnationalen alle ihre Hoffnungen. Merken sie denn noch immer nicht, daß den hohen Ratsherren Palästina — mögen sie jetzt auch noch so „wohlwollend" sein — Hekuba ist, daß ihnen wichtiger als eine peinliche Diskussion über dieses leidige Thema die Wahrung ihres Prestiges erscheint. Wenn die neueste Genfer Verschleppungs- und Verschweigungstaktik den Zionisten nicht die Augen geöffnet hat, dann sind sie wirklich unbelehrbar. c „ * Noch eine Sache sollte den Zionisten ernst zu denken geben. Die „Bemerkungen" der englischen Regierung, von denen man jetzt wohl annehmen kann, daß sie überhaupt in der Versenkung, richtiger in den Londoner und Genfer Geheimarchiven „Man kann nicht das Leben aller Minister für Judenschutz opfern/' Eine Erklärung des rumänischen Gesandten in Washington. N e w Y o r k, 17. August (J. T. A.) Kurz nachdem der rumänische Gesandte in Washington, Herr Davila, die Abordnung des American Jewish Congress empfangen und ihr gegenüber (wie wir in der letzten Nummer berichteten) der Hoffnung Ausdruck gab, daß die rumänische Regierung endgültige energische Maßnahmen ergreifen werde, um den antijüdischen Unruhen ein Ende zu machen, besuchte der Vertreter der Jüdischen Telegräphenagentur den Gesandten, der sich ihm gegenüber wie folgt äußerte: Wir können nicht das Leben aller Mitglieder der rumänischen Regierung für den Schutz der Juden opfern, wo dieser Schutz bereits das Blut eines Mitgliedes der Regierung gekostet hat. (Der Gesandte spielte auf das antisemitische Attentat gegen den Unterstaatssekretär Anghelescu an.) Man kann, fuhr der Gesandte Herr Davila fort, von hier aus der rumänischen Regierung keine Ratschläge erteilen, ebensowenig wie das rumänische Volk der amerikanischen Regierung Ratschläge geben könnte. * * Mit dieser Aeußerung gab der Gesandte Herr Davila also zu verstehen, daß die Mitglieder der rumänischen Regierung aus Gründen der eigenen Sicherheit gegenüber möglichen Anschlägen seitens der Antisemiten die notwendigen Maßnahmen zum Schutze der Juden nicht treffen können, und daß die amerikanischen Juden nicht das Recht haben, zugunsten der verfolgten und bedrohten rumänischen Juden zu intervenieren. Man wird sich diese offenen Worte merken müssen, sie erklären vieles, was . in Rumänien geschieht.

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