Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 35 (29.8.1930)
- Date
- 1930-08-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DOC WAHRHEIT Seite i [ Luden Wolf. | Eine Hiobsbotschaft kommt aus London. Luden Wolf, der verdienstvolle Vorkämpfer für die jüdische Sache, ist nicht mehr. Ein Großer .in Israel ist heimgegangen, sein Andenken aber wird noch in spätesten jüdischen Generationen ein gesegnetes bleiben als das eines Mannes, der in kritischen Tagen immer dort zu finden war, wo es galt, an Juden verübtes Unrecht abzuwehren und jüdisches Elend zu lindern. Da war er, der hervorragende Generalsekretär des Joint Foreign Committee, mit Feuereifer tätig, bis zu seinem letzten Atemzuge war der 73jährige am Werke, das ein edles war und dem gesamten Judentum zum Segen gereichte. Groß ist deshalb allenthalben die Trauer ob dieses schweren Verlustes, insbesondere in jenen Kreisen, denen er gesinnungs- und zielgemäß nahestand und denen er — wie der „Union deutschösterreichischerJuden" — ein treuer Berater und hilfsbereiter Freund gewesen. Seine immense Bedeutung für die Weltjudenheit hat vor dreieinhalb Jahren — zu seinem 70. Geburtstage — ein Mann in unserem Blatte charakterisiert, der dem nun Dahingeschiedenen an Tatkraft und Wirksamkeit ähnlich war, Paul Nathan, der seinem Mitkämpfer im Tode vorangegangen. Was der deutsche Jude über den englischen damals schrieb, hat heute noch, da beide leider nicht mehr unter uns weilen, seine Gültigkeit Dem teuren Toten zum Gedenken sei deshalb die Würdigung hier wiedergegeben. Engländer, Jude, Politiker, Schriftsteller — das ist Lucien Wolf; aktiv, wie ein langes Leben hindurch, vorsichtig, klug und energisch; eine Gestalt gleich charakteristisch für englische Verhältnisse wie für das Judentum in England. Bis zum Rande der Neuzeit gab es Hofjuden; jüdische Menschen, die als Aerzte oder als wirtschaftliche Berater, sei es von Königen und Fürsten oder doch von mächtigen Persönlichkeiten, im Staate durch unmittelbare Einwirkung auf diese einzelnen Individuen für sich eine besondere, ganz eigenarige Stellung erworben hatten und diese Stelle alsdann benutzten — wenn sie Egoisten waren —, um für sich selbst Vorteile zu erringen, und wenn sie edel veranlagte Menschen waren, um die Lage der Gesamheit ihrer Glaubensgenossen, die noch von der mittelalterlichen Gesetzgebung und von den mittelalterlichen Vorurteilen eingeengt und bedrückt waren, zu erleichtern, zu verbessern, wenigstens für den Augenblick. Als die Schranken des barbarischen Mittelalters gefallen waren, verschwanden naturgemäß auch diese jüdischen Gestalten, die ein Erzeugnis unfreier Zeiten gewesen waren, und an ihre Stelle trat der jüdische Politiker, der jüdische Schriftsteller, der die allgemeine Politik seines Landes zu beeinflussen suchte, und der, soweit es nötig war, auch die öffentlichen Interessen seiner Glaubensgenossen verteidigte und für die völlig durchgeführte Gleichberechtigung der Juden kämpfte. Diesen Typus des neuzeitlichen jüdischen Schriftstellers und Politikers gibt es überall in der Welt, wo es Juden gibt, und eine der ausgezeichnetsten Einzelpersönlichkeiten dieser Art ist Lucien Wolf. Aus dem demütigen Hofjuden der Vergangenheit ist der weitblickende, aufrechte jüdische Politiker unserer Tage geworden, der den Z usammenhang erkannt hat zwischen der allgemeinen Gleichheit vor dem Gesetz und dem allgemeinen Fortschritt und Aufstieg der Gesamtheit der Menschen. In diese Kategorie von jüdischen Schriftstellern und Politikern gehört auch Lucien Wolf, ein englischer Politiker, der sein Land liebt und ein eifriger Jude ist, der gegen eine Versklavung der Juden in seinem Lande nicht zu kämpfen braucht und der daher die Summe seiner Kräfte der Hilfe für Juden in fremden, meist barbarischen oder doch halbbarbarischen Ländern zuzuwenden in der Lage ist. Lucien Wolf hat das ein langes Leben hindurch getan in engster Fühlung mit den politischen Kreisen seines Landes und, wo es nötig gewesen, in engster Fühlung mit seinen Glaubensgenossen im Ausland. Bei kontinentalen Antisemiten wird aus solchen Tatsachen die internationale Verknüpfung des Judentums hergeleitet. Gewiß, die besteht für alle humanitären Aufgaben und nur für diese — und solche Verknüpfung besteht natürlich auch für Katholiken und Protestanten und für alle Kulturmenschen, wenn irgendwo Teile der Menschheit von einem großen Unglück betroffen sind. Es gibt eine Solidarität der Kulturwelt — glücklicherweise — bei gewaltigen Schicksalsschlägen, die die Menschheit treffen; eine Institution für solche Aufgaben ist das Rote Kreuz; solche Institutionen haben Katholiken, Protestanten, Juden, und wenn solche humanitäre Hilfe der Menschen für Menschen, die über die Grenzen hinwegreicht, von den Antisemiten verdammt wird, um so schlimmer für die — Antisemiten, die freilich auch über die Grenzen hinweg sich zu organisieren suchen, gewiß nicht zu Zwecken des menschlichen Wohlbefindens, wohl aber zu Zwecken der Unterminierung allgemein menschlichen Zusammenwirkens. Teufelswerk und Himmelswerk durchziehen die gesamte Schöpfung. Zu den klugen, aufopfernden und erfolgreichen Mitarbeitern am Bau einer besseren Welt gehört auch Lucien Wolf; als einem Juden gehörte seine segensvolle Tätigkeit vor allem den Juden, aber nicht diesen allein. , „ * Vor einem Jahre hat Lucien Wolf mit seiner Gattin Wien besucht und nahm damals Gelegenheit, mit unserem Schriftleiter, dem Sekretär der „Union" Oskar Hirschfeld, längere Zeit zu konferieren. Das publizistische Ergebnis dieser Aussprache war ein Interview, das in unserem Blatte erschien und größte Sensation hervorrief. Lucien Wolf ist wegen seiner in diesem Interview geäußerten Ansichten über Nationalismus und Zionismus insbesondere in der „Stimme" stark angegriffen worden, die ihn, den mutigen Vorkämpfer für jüdische Interessen in aller Welt, einen — ,.L e i s e t r e t e r" nannte. So wenig kannten die Nationaljuden den Mann, der sein Herzblut für das geknechtete Judentum opferte, so wenig verstanden sie ihn, daß sie ihn begeiferten. Sicherlich, seine Auffassung über die Judenfrage war von ihrer nationalistischen grundverschieden, aber daß Gegnerschaft so sehr den Blick verdunkeln kann, ist bezeichnend. Wie Lucien Wolf über das Judenproblem dachte, das hat er unserem Schriftleiter in diesem Interview gesagt, dessen wichtigste Stellen wir im folgenden reproduzieren wollen: Wie ist die Lage der englischen Juden? Die Juden in England sind Engländer mosaischen Glaubens. Es gibt dort keinen Antisemitismus. Für die Engländer ist es eben nicht gentlemanlike, Antisemit zu sein. Selbst im Gegensatz zu Amerika ist die Lage der Juden in England sehr gut. In Amerika gibt es z. B. einen ziemlich ausgeprägten Antisemitismus an den Universitäten. England hat nur zirka 300.000 Juden. Wir haben in den letzten zwanzig Jahren eine Einwanderung gehabt, die aber jetzt ganz aufgehört hat, da jede Einwanderung nach England gesperrt ist. Früher war England immer das Asyl für alle Verfolgten. Die Absperrung hat aber nur ökonomische Gründe, insbesondere die große Arbeitslosigkeit. Wie stehen die englischen Juden zum jüdischen Nationalismus? Es gibt bei uns wenig jüdische Nationalisten, höchstens Zionisten. Bei uns berührt man jetzt das Thema jüdische Nationalität überhaupt nicht. Würde man darüber sprechen, würde man gleich Schwierigkeiten haben. So sind auch in meinem Komitee die Hälfte der Mitglieder Zionisten, aber wir sprechen über die strittige Frage nicht. Für die Palästina-Sache sind wir alle, aber nicht für die nationale Sache. Eine spezielle Judenfrage kennen wir nicht. Besitzen die Minderheitsverträge für die Juden Ost' europas Vorteile?*) Im allgemeinen haben die Minderheitsverträge sehr viel für die Juden Osteuropas geschaffen. Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß die Minderheitsverträge ihnen nichts nützen. Man vergleiche die Lage von heute mit der vor dem Krieg. Jetzt wo wir für die Verträge die Garantie des Völkerbundes besitzen, gibt es eine unsichtbare Kontrolle desselben. Man merkt nichts davon, aber sie ist da. Vor dem Kriege ha- *) Im Jahre 1919 vertrat Lucien Wolf die Anglo- Jewish Association auf der Versailler Konferenz und setzte sich als der Vorsitzende des Komitees der Jüdischen Delegationen mit teilweise gutem Erfolg für die Erreichung jüdischer Minderheitenrechte in Polen, Rumänien. Tschechoslowakei, Litauen. Lettland. Estland und Griechenland ein. In der späteren Zeit freilich nahm er in der Frage der Wahrung dieser Minderheitenrechte einen viel gemäßigteren Standpunkt ein. Er war es auch, der das Beratende Komitee de Völkerbundkommissärs für das Flüchtlingswesen begründete. mjüiciilsdus Königslicht Seit vielen Jahren das anerkannt beste irzil «n^-no»: Man achte auf die 9«s. gasen. Mark« „Hyglen. Königs llcM" und Mann Schub Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhlrschengaua Telephon R 33-1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt. ben wir beinahe dieselben Schutzbestimmungen im Berliner Vertrag gehabt, aber sie waren ganz wertlos und sehr beschränkt. So war der größte Teil der Juden Osteuropas ohne Schutz. Jetzt aber gibt es beinahe überall Friede. Natürlich hört man wohl viele Klagen, aber diese Klagen sind ökonomischer Art. Für die Juden ist es eben schwerer als für die anderen. Ihre wirtschaftliche Lage ist schlecht und sie leben noch dazu in den Städten. Kennen die Verträge „nationale" Minderheiten? Nationale Minderheiten gibt es nicht. Das ist eine Erfindung der Zionisten. Alle ihre diesbezüglichen Vorschläge bei den Friedenskonferenzen sind zurückgewiesen worden. Jetzt aber lesen sie aus den Verträgen etwas heraus, was nicht darin steht. Denn man kann in allen Verträgen nur diese Definition finden r „Staatsangehörige, die einer Minderheit nach Rasse, Sprache oder Religion angehören." N at i o n a 1 e Minderheiten sind in den Verträgen nicht anerkannt. Das würde auch für die Juden schlecht sein. Denn alle Staaten könnten sagen, sie haben in ihrer Mitte eine zweite Nationalität, und die Juden dementsprechend behandeln. Es ist ein Glück, daß dies nicht der Fall ist. Es gibt auch in den Archiven der Friedenskonferenzen einen Brief Clemenceausan Paderewski, darin wird ausdrücklich erklärt, daß die Verträge eine politisch s e p a r a t e Nationalität nicht anerkennen. Es ist sehr wichtig, daß das gut verstanden wird, da sehr viel Mißbrauch dabei getrieben wird. * * Lucien Wolf hat bis zu seinem Tode für die jüdische Sache gekämpft. Seine letzte Aktion war die Intervention des Joint Foreign Committee wegen der rumänischen Pogrome, über die wir unserer vorwöchigen Nummer berichteten. Wolf unterbreitete dem rumänischen Gesandten in London, T i t u I e s c u, ein Memorandum über die Judenverfolgungen in Rumänien. Im Begleitschreiben betonte Lucien Wolf, die Vorgänge im Lande erfüllen die englische Judenheit mit tiefer Besorgnis. Er verlangte, daß die Regierung endlich der aufreizenden Agitation ein Ende setze und sowohl die lokalen Behörden, wie die Regierung selbst die erforderlichen Schritte zur Wiederherstellung der Ordnung unternehme. Der Unterstaatssekretär des Ministerpräsidenten antwortete telegraphisch, die Lage hätte sich wegen der wirtschaftlichen Not verschärft. Wieder einmal versicherte die rumänische Regierung, daß die legalen Mittel vollkommen zur Wiederherstellung der Ordnung genügen. So ist Lucien Wolf mitten in aufreibendster Arbeit dahingegangen, zu früh, wie man trotz seines Alters sagen darf, wenn man seine überragenden Leistungen bis in die letzte Zeit ins Auge faßt. Wie ein Held auf dem Schlachtfeld ist er gefallen, ein jüdischer Held, dem Ruhm und Ehre geworden und dessen Andenken immerdar ein gesegnetes bleiben wird.