Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 35 (29.8.1930)
- Date
- 1930-08-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Organisationen ist, die den Kampf gegen den Nationalsozialismus aufgenommen und mit großer Entschiedenheit geführt hat, so daß es ihr bei dem letzten sächsischen Wahlkampf gelang, zwei Mandate für den Landtag zu erobern. Prinzipielle Auseinandersetzung mit Mahraun. Wie mir — fuhr Dr. Weil fort — der Hochmeister dieses Ordens, der gleichzeitig der außerparlamentarische Vorsitzende der neuen Staatspartei ist, Herr Mahraun, erklärt hat, ist die Zahl der Angehörigen seiner Vereinigung jetzt ebenso groß wie die eingeschriebene Mitgliederzahl der nationalsozialistischen Arbeiterpartei Herr Mahraun hat auf die von jüdischer Seite vielfach geäußerten Bedenken über seine Haltung zum Antisemitismus in einem Artikel seine programmatische Stellung festgelegt. Auch dort hat er erneut seine Abneigung gegen den Antisemitismus zum Ausdruck gebracht Insoweit haben seine schriftlichen Erklärungen, die er mir in noch weit präziserer und unterstrichener Form auch mündlich gemacht hat, bei den jüdischen Wählern Deutschlands beruhigend gewirkt, aber es bleibt die Tatsache besteben, daß Herr Mahraun und seine Gruppe im politischen Leben die Gleichberechtigung aller Staatsbürger vertreten, aber in ihrer bündischen logenmäßigen Organisation den Arierparagraphen aufgenommen haben. Herr Mahraun antwortet darauf, daß es doch auch jüdische Organisationen kultureller und anderer Art gebe. Bislang aber bildeten sich diese Sonder-Organisationen, und zwar sowohl auf christlicher wie auf jüdischer Seite, ausschließlich unter konfessioneller Stichmarke. Das Neue und Bedauerliche ist, daß auch in den Jungdeutschen Orden der Begriff des Rassemäßigen eingezogen ist, daß er also nicht eine christliche, sondern eine arische Organisation sein will. Die Aufteilung des deutschen Volkes nach verschiedener Rassenzugehörigkeit steht aber in Widerspruch nicht nur mit der geschriebenen Verfassung, sondern mit den Grundsätzen der modernen Staatspolitik überhaupt. Maßgebend für die Zugehörigkeit zu einer Nation und einem Volke können nicht nur objektive Merkmale wie Abstammung sein, sondern muß in erster Linie das Bewußtsein und der Wille, zur Nation und zum Volke zu gehören, bleiben. Wo ist die politische Heimat des bürgerlichen Juden? Herr Mahraun, dem ich auch dieses Grundsätzliche auseinandergesetzt habe, macht persönlich einen ausgezeichneten, offenen, ehrlichen Eindruck und ist ein Mann, der die Schwierigkeiten der vom Antisemitismus aufgeworfenen Fragen gern zu erkennen bereit ist. Ausschlaggebend für die Stellung der jüdischen Wähler aber muß meines Erachtens sein, daß er in absolut freimütiger Weise die große Gefahr betont, die dem deutschen Volke von dem Radikalismus des Nationalsozialismus droht, und daß er ein entschlossener und wertvoller Kämpfer gegen diese Partei zu sein bereit ist. Es wäre meines Erachtens falsch, wenn sich die deutschen Juden von der Mitarbeit an der Staatspartei von vornherein zurückziehen würden. Den bürgerlichen Juden bleibt dann eine politische Heimat überhaupt kaum mehr und die Abwanderung zur Sozialdemokratie stellt für sehr viele von ihnen eine Unmöglichkeit dar. Man sollte darum zum mindesten den Versuch machen, in der neuen Staatspartei mit allen Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten, um ihnen zunächst einmal Wert und Begriff vom deutschen Juden überhaupt beizubringen. Ich bin persönlich überzeugt, daß sie bereit sind, alle Vorurteile fallen zu lassen, wenn man ihnen beweist, daß es nur Vorurteile sind. Ein historisch wichtiger Zeitpunkt. Ich glaube, daß man den heutigen Zeitpunkt auch als einen für das deutsche Judentum historisch wichtigen betrachten muß. Die aus mystischen Romantikern und geschäftstüchtigen Radikalen zusammengesetzte Front der antisemitischen Parteien in Deutschland, in denen besonders die Jugend sehr stark vertreten war, hat gerade in den letzten Jahren und Monaten einen immer bedrohlicheren Charakter für das Judentum angenommen. Es ist wichtig, daß in diese Front zum ersten Male in der Nachkriegszeit Bresche gelegt worden und daß ein wichtiger Bestandteil aus ihr ausgeschieden ist. Das deutsche Judentum hat, das glaube ich sagen zu dürfen, die große Gefahr wohl erkannt, in der es sich zur Zeit befindet, es hofft, sie aus eigenem überwinden zu können, und rafft alle moralischen und materiellen Mittel zusammen, um den Antisemitismus niederzuwerfen. Freilich ist es auch klar, daß eiii völliges Abebben dieser Flut erst dann eintreten wird, wenn Deutschland außenpolitisch mehr sein Gleichgewicht gefunden hat, und wenn vor allem durch eine befriedigende wirtschaftliche Lage das ungeheure Heer der Arbeitslosen und der Unzufriedenen, die immer zum Radikalismus neigen werden, verringert sein wird. * * Ein jüdischer Reichstagswahlausschuß. Berlin, 21'. August (J. T. A.). Auf Veranlassung des Centrai-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens traten am Mittwoch, den 20. August, Vertreter des Herren-Mao-Schneiderei WILHELM BRAUNER Wien IL, Praterstraße Nr. 21 Gegründet 1900 Telephon R 41-6-64 empfiehlt sich zur Anfertigung eleganter Herren - Garderoben Erstklassige Ausführung Mässige Preise ► ► ► ► ► ► ► ► ► Orig. englische Stoffe stets lagernd zaMunäs-Erlelditernngei] i'VTTfWTyVTl'TTTVTVTTTVVTVTTTTTTTTV'ft Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten und der Großloge für Deutschland U. 0. B. B. zu einem Reichstags Wahlausschuß 1930 zusammen. Unter Vorsitz von Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, stellvertretendem Vorsitzenden des Centrai-Vereines, und unter Mitwirkung von Kurt Blumenfeld, Präsidenten der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, sowie in Anwesenheit des Vorsitzenden des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten Dr. Leo Löwenstein konstituierte sich der Ausschuß nach einem Referat des Syndikus des Central-Vereins Dr. Alfred W i e n e r, der zum Vorsitzenden des Ausschusses bestimmt wurde. Zu Geschäftsführern des Ausschusses wurden Dr. Alfred Hirschberg, Stellvertretender Syndikus des Central-Vereins, sowie ein Mitglied der Zionistischen Vereini-. gung, dessen Persönlichkeit noch nicht feststehe, bestellt. Der Zweck des Ausschusses besteht in der Erfüllung der Aufgaben, die zum Wohle der deutschen Juden von allen Organisationen gemeinsam erfüllt werden können. Insbesondere soll der Aus-, schuß finanzielle Mittel neben den Sammlungen der Organisationen beschaffen. Die im Ausschuß vertretenen Organisationen stimmen darin überein, daß es sich bei diesem Ausschuß um keinerlei Gesinnungskompromisse handelt und daß die eigene Tätigkeit der Organisationen durch die Existenz des Ausschusses in keiner Weise geändert werden soll. (Wird in Oesterreich die Stunde der Gefahr auch ein so großes Geschlecht finden?) HQMLRflb M ERRENHObE WIEN II., FRflTERSTR. TELEFON R 49-4-99 39 Feuilleton „Jüdische" Geographie in Oesterreich. Von Regierungsrat Dr. Emil Weinberg. In Oesterreich gibt es vier Ortsnamen, die als ersten Bestandteil sich des Wortes „Juden" bedienen: Judenburg, Judendorf-Straßengel, Judenau, Judenstein. Die ersten beiden Orte liegen in der Steiermark, und zwar liegt J u d e n b u r g an der Mur. Es ist eine Stadt mit 6000 Einwohnern im südwestlichen Teile des Landes, in ihr leben noch heute Juden. Judendorf-Straßengel liegt gleichfalls an der Mur und ist 8 km nördlich der Landeshauptstadt Graz gelegen. Ueber die Geschichte dieser beiden Orte äußert sich Karl W. G a wd o w s i, Direktor der steiermärkischen Landesbibliothek folgendermaßen: Die Stadt Judenburg ist römischen Ursprunges. Die Lage.an der so wichtigen Handelsstraße von Italien her im Vereine mit den hier mündenden uralten Straßenzügen über die Tauern und die Stubalpe drückten dem Orte wohl schon in der frühmittelalterlichen Zeit den Stempel eines wichtigen Handelsplatzes auf, der Judenburg im Mittelalter zum bedeutendsten Orte Steiermarks machte und der wohl vor dem 11. Jahrhunderte die Ansiedlung der „Kammerknechte", d. h. jüdischer Kaufleute begründete, nach welchen die Stadt noch heute ihren Namen hat. Schon in der ersten Urkunde (1074) tritt uns dieser Name als „Judenburch" so viel wie Burg der Juden entgegen. Eine ganze Reihe von wichtigen Privilegien, namentlich die Gnade Rudolfs von Habsburg hat Judenburg einen gewaltigen Aufschwung nehmen und zu einem der bedeutendsten österreichischen Stapelplätze des Mittelalters werden lassen. Aber nicht nur das Markt-, Maut- und Zollrecht, sondern auch ein eigenes Münzrecht erhielt die Stadt Auch Klöster und Stiftungen entstanden hier früh. Der erdrückende Reichtum der Juden und der unglaubliche Wucher, den einzelne von ihnen trieben, riefen in den Jahren 1312 und 1371 blutige Judenverfolgungen hervor, bis die Juden 1497 durch Kaiser Maximilian gänzlich aus dem Lande vertrieben wurden". (Die angeblichen Verfehlungen einzelner bildeten wie in ähnlichen Fällen den Grund zur Bestrafung und Plünderung einer ganzen jüdischen Gemeinde.) Ueber Judendorf-Straßengel berichtet der Genannte: „Judendorf verdankt seine Entstehung dem Umstände, daß es durchreisenden Juden als Station zwischen Wien und Graz diente. (Landesfürstliches Judenregal.) 1147 wurde die „Villa ad Judaeos" nebst den Dörfern Straßengel und Rötz dem Stifte Rain geschenkt. 1894 wurde dort eine Kuranstalt gegründet." Judenau liegt in Niederösterreich, südlich von Tulln an der Donau. Obwohl dieser Name bereits in einer Urkunde vom Jahre 1141 vorkommt, fehlt jede nachweisbare Erklärung seiner Entstehung. Man ist daher auf folgende zwei Annahmen angewiesen. Der Ort bildete eine Judenniederlassung, eine Art Ghetto von Tulln. Dagegen spricht seine etwas entfernte Lage von Tulln. Es ist aber auch möglich, daß es sich hier um einen Eigennamen, etwa Jutta (Judith), der Gattin eines ehemaligen Besitzers handelt und daß der Ort ursprünglich Juttaau oder Juttenau hieß. Ueber Judenstein bei Dorf Rinn, südlich von Hall in Tirol gibt Wagners Führer durch Nordtirol folgende Auskunft: „Im Walde, wo sich heute die Wallfahrtkirche Judenstein erhebt, verübten durchziehende Juden im Jahre 1462 an einem Knäblein, dem Änderte von Rinn, einen Ritualmord." (Es ist dies eine Feststellung von demselben Werte wie die damals üblichen Hexenverbrennungen und Geständnisse auf Grund von Folterungen.) Es gibt übrigens in der deutschen Sprache eine große Zahl von Wörtern, die mit dem Worte „Jude n" zusammengesetzt sind. Dazu gehören: 1. Pflanzen- und Baumnamen, wie Judenbart, Judenbaum, Judendorn oder Brustbeerbaum, Judenkirsche, Judenpappel. Einige dieser Namen dürften durch einen Vergleich der Blüten oder Früchte dieser Gewächse mit dem im Mittelalter den Juden vorgeschriebenen kegelförmigen, roten oder orangegelben Hut entstanden sein. 2. Judenafie, Judenhut, Judengasse, Judenviertel, Judeneid, ein den Juden im Mittelalter nach besonderem Zeremoniell vorgeschriebener Eid, der später durch die Verfassung des Norddeutschen Bundes abgeschafft wurde. Judenzopf, eine in Polen häufig vorkommende Haarkrankheit, die in Verfilzung der Haare besteht. Alle diese Bezeichnungen dürften mehr oder weniger auf die Mißachtung der Juden im allgemeinen and ihre bürgerliche mindere Rechtsstellung im Mittelalter zurückzuführen sein. 3. Judenfolie, d. i. Stanniol zum Belegen kleiner, sogenannter Judenspiegel. Judengold, ein Zinnsulfid. Judenkopfgroschen, ein meißnerischer und sächsischer Groschen aus dem 14.—16. Jahrhundert, geprägt mit einem bärtigen Kopf und spitzen Hut. Judenpech, Asphalt als Quellabsatz im Toten Meere, Judenporzellan, ein Erzeugnis der Berliner Porzellanmanufaktur, das jeder Jude vor seiner Verheiratung entsprechend seinem Vermögen kaufen mußte. Judenweihrauch oder flüssige Ambra aus Kleinasien. Judensteine, d. s. versteinerte Seeigel aus Kleinasien. Es sind also zumeist Industrieprodukte, die in irgend einem losen Zusammenhange mit den Juden stehen. In letzter Linie sind die angeführten Ausdrücke Erinnerungen an die Jahrhunderte alte Kultur- und Lebensgemeinschaft zwischen Juden und. Deutschen.