Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-08-29 · Heft 35 (29.8.1930) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 35 (29.8.1930)
Date
1930-08-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064180--18034-3083023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union deutschösterreicfaiscfaer Juden' und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Ktdtusgemeinde Wien u Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 29. August 1930 Nummer 35 Die deutsehen Juden und die Reichstagswahlen. Am 14. September finden die Wahlen zum deutschen Reichstag statt, deren Ausgang — im Hinblick auf die Erstarkung der radikalantisemitischen Front und der offenbaren Bereitschaft einiger bürgerlicher Parteien, mit den Nationalsozialisten gemeinsam eine Regierung zu bilden, — für das gesamte Deutschland, insbesondere aber für das deutsche Judentum, von schicksalhafter Bedeutung sein muß. Infolge der parteilichen Neu- und Umschichtungen herrscht in weiten Wählerkreisen ein Mangel an Orientierung; insbesondere ist die Unentschlossenheit innerhalb des deutschen Judentums groß. Um so interessanter ist — auch für Oesterreich — eine Beleuchtung der Situation, die dieser Tage Dr. Bruno Weil der J. T. A. gegeben hat, der mit der politischen Oeffentlichkeit in Deutschland in einem ständigen Kontakt steht und z. B. bei den Verhandlungen um die Gründung der Staatspartei, sowie bei den Besprechungen mit den Führern der Volksnationalen Reichsvereinigung hinsichtlich deren Stellung zum Judentum und zum Antisemitismus .hervorragend mitgewirkt hat. Dr. Bruno Weil, der stellvertretende Vorsitzende des „Central-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", bekannt durch sein vor einiger Zeit erschienenes Dreyfus-Buch und seine Berliner und Pariser Vorträge über dieses französische Justizdrama, kandidiert auf der Liste der „DeutschenStaatspartei"im Berliner Wahlkreis an dritter Stelle. Seine Kandidatur ist als eine durchaus aussichtsreiche zu betrachten, da Reichsfinanzminister Dietrich, der die Liste führt, die Wahl in seinem badischen Wahlkreis annehmen dürfte. Nachstehend geben wir die wichtigsten Ausführungen Weils wieder. Die Stellung der einzelnen Parteien zu Judentum und Antisemitismus. Die Reichstagswahlen 1930 — sagte Herr Dr. Bruno Weil — stehen im Zeichen eines außerordentlich stark gewordenen Antisemitismus. Das Interesse der Juden am Ausgang dieser Wahlen muß daher ein noch erheblich größeres sein als sonst. Der verlorene Krieg und die gerade in letzter Zeit sehr angespannte wirtschaftliche Lage sind die zum Teil gefühlsmäßige, zum Teil bewußt ausgenutzte Grundlage des modernen Antisemitismus. Die Begründung, die ihm gegeben wird, weicht von der der Vorkriegszeit ab. Damals suchte der Antisemitismus sich mit ethischen, moralischen, eventuell religiösen Gründen zu rechtfertigen; heute ist er völkisch und rassisch orientiert. Auf diesem Gebiete herrschen in Deutschland zur Zeit leider stark mystische und romantische Vorstellungen, die wissenschaftlich ganz ungenügend fundiert sind. Insbesondere die nationalsozialistische Lehre, die die gefährlichste Gegnerin des deutschen Judentums darstellt, versucht, Deutschland sozusagen rassenmäßig aufzuteilen und die Ueberlegenheit der von ihr so genannten nordischen Rasse darzutun. Diese ist weder mit der arischen noch mit der germanischen Rasse identisch, vielmehr werden von dieser „modernsten", insbesondere durch den von dem nationalsozialistischen Minister Frick nach Ein Gespräch mit Dr. Bruno Weil. der Thüringer Universität berufenen antisemitischen Rasseforscher Dr. Günther vertretenen Lehre auch die Bewohner Deutschlands, von den Juden ganz abgesehen, in zum mindesten fünf verschiedene Blutkreise zerlegt, von denen nur ein kleiner Teil zu der nordischen, der hochstehenden, allen anderen überlegenen Rasse gerechnet wird. Die Behauptung, einer völkisch oder rassisch überlegenen Gemeinschaft anzugehören, schmeichelt natürlich dem Instinkt der großen Masse und es ist der unbestreitbare Zulauf, den die Nationalsozialisten haben, nicht zum geringsten Teil dem Irrwahn ihrer Rasse-Lehre zuzuschreiben. Von derartigen Gedankengängen hatten sich bisher völlig frei gehalten die liberalen und demokratischen Elemente des deutschen Bürgertums, die ihre parlamentarische Vertretung, die ersten in der DeutschenVolkspartei, die zweiten in der Demokratischen Partei, gefunden hatten, ebenso das Zentrum und die beiden A rbeiterparteien, also Sozialdemokraten und Kommunisten. Leider hat die Deutsche Volkspartei sich aber in letzter Zeit von ihrer liberalen Tradition bedauerlich weit entfernt, indem sie sich in Thüringen in das gleiche Ministerium mit dem staatsfeindlichen nationalsozialistischen Minister Frick gesetzt hat, gegen den die Reichsregierung, insbesondere auch wegen seiner antisemitischen Haßgebete, einen erfolgreichen Kampf vor dem Staatsgerichtshof geführt hat. Die Volkspartei ist auch in Sachsen zu dem gleichen Experiment einer gemeinsamen Regierung mit den Nationalsozialisten bereit gewesen und das Projekt ist nur an dem Widerstand der Demokraten und der Volksnationalen Vereinigung gescheitert. Die Arbeiterparteien stehen den religiösenFragen, der Kommunismusganz radikal, dieSozialdemokratieeherindifferent, gegenüber, und die bei beiden Parteien vorhandenen Abgeordneten jüdischer Abstammung pflegen sich als konfessionslos oder Dissidenten zu bezeichnen. Diese Parteien bringen auch im allgemeinen für die spezifische Frage der Bekämpfung des Antisemitismus nur soweit Interesse auf, als ihre allgemeinen Parteigrundsätze, nicht aber die besonderen Forderungen des deutschen Judentums davon betroffen werden. Das Zentrum ist eine rein katholische Partei, das sich als solche immer gefühlt hat, das programmatisch und praktisch immer den Toleranz-Gedanken vertreten hat und ihn mit Rücksicht darauf, daß die Katholiken in Deutschland sich in der Minderheit befinden und nur ein Drittel der Bevölkerung zählen, immer vertreten wird. Das Zentrum hat auch, zumal im Rheinland und zum Teil in Schlesien, von jeher einen gewissen Stamm jüdischer Wähler gehabt. Aber es ist klar, daß es als ausgesprochen katholische Partei nicht die politische Heimat der großen Mehrzahl der deutschen luden sein kann. Infolgedessen hat, soweit es nicht aus Klassenbewußtsein für die Arbeiterparteien stimmt, das deutsche Judentum seit seiner Emanzipation seine politische Vertretung vornehmlich in den bürgerlichen liberalen und demokratischen Parteien gesehen. Die Elemente der Deutschen Staatspartei. Als nach der Revolution von 1918 die Parteien ihre bisherigen Namen änderten, wurde die alte nationalliberale zur deutschen Volkspartei und die frühere freisinnige Partei zur demokratischen. Gerade in der letzteren haben seit ihrer Gründung hervorragende Juden, wie Walter Rathenau, Preuss, der Urheber der gegenwärtigen Reichsverfassung, Theodor Wolff, Georg Bernhard und der soeben dahingeschiedene Ludwig Haas eine führende Stellung innegehabt. Diese Partei ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Sie war in Gefahr, zwischen den rein wirtschaftlichen Parteien wie der Sozialdemokratie, dem Kommunismus, der Wirtschaftspartei und den landwirtschaftlich orientierten Parteien der Rechten auf der einen und der konfessionellen Partei des Zentrums auf der anderen Seite erdrückt zu werden. Die Führer der Demokratie haben darum die Auflösung dieser Partei beschlossen und haben gemeinsam mit der Volksnationalen Vereinigung, einer Reihe von jungen Volksparteilern und christlichen Gewerkschaftlern eine neue Partei, die Deutsche Staatspartei, gegründet. Diese Gründung hat unter den Juden Deutschlands zunächst erhebliche Beunruhigung hervorgerufen, insbesondere, weil der nach den Demokraten wichtigste Bestandteil dieser neuen Partei die Volksnationale Vereinigung war, die zum großen Teil in personeller Union mit dem Jungdeutschen Orden steht, in dessen Satzungen die Bestimmung enthalten ist, daß nur deutschblütige (arische Menschen) in ihm Aufnahme finden können. Dieser Jungdeutsche Orden kommt wie die meisten derartigen bündischen Organisationen in Deutschland direkt vom Antisemitismus her, er hat sich aber nach anderer Richtung entwickelt als zum Beispiel die Nationalsozialisten. Während diese auf dem Gebiete der auswärtigen Politik den entschiedensten Kampf, und zwar nicht nur auf dem Wege des Friedens, gegen den Versailler Vertrag führen und sich ganz besonders als Gegner Frankreichs fühlen, hat der Jungdeutsche Orden schon sehr früh erkannt, daß eine chancenreiche deutsche Außenpolitik nur durch Aussöhnung mit Frankreich betrieben werden könne und daß eine Revidierung des Versailler Vertrages auf friedlichem Wege angestrebt werden müsse. Der Jungdeutsche Orden hat sich auch allmählich zur Anerkennung der Republik als Staatsiorm und ihrer Symbole durchgerungen. Ebenso behaupten seine Führer, daß er jetzt von antisemitischen Vorurteilen gänzlich frei sei. Es muß aber bemerkt werden, daß die neue Staatspartei nicht mit dem Jungdeutschen Orden, sondern mit der aus ihm hervorgegangenen Volksnationalen Vereinigung gegründet worden ist. Diese hat von Anfang an in ihren Statuten die völlige Gleichberechtigung aller Staatsbürger ausgesprochen und sie hat in zahlreichen Verlautbarungen sich immer wieder erneut zu diesem Standpunkt bekannt. Als ein besonderes Verdienst muß ihr gerade vom jüdischen Standpunkt aus angerechnet werden, daß sie die einzige der bündischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.