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Die Wahrheit · 1930-08-22 · Heft 34 (22.8.1930) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 34 (22.8.1930)
Date
1930-08-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DDE WAHRHEIT i> t-i ■ K :r I lit in •f \ il Ii if sä u - H > il «'3 $ ' 'h l I I l| Aber schon am 20. Oktober 1817 suchte er um die Aufnahme als Student der Theologie an, die ihm auch bald bewilligt wurde. Was ihn dazu bewog. seine glänzende Stellung aufzugeben, um Geistlicher zu werden, ist unbekannt. Es ist möglich, daß eine große Liebesenttäuschung, die er in dieser Zeit erlebte, den Ausschlag gab. Sicher ist. daß er stark unter dem Einfluß Clemens Maria Hofbauers stand. Gerade damals erlebte auch die katholische Kirche einen gewaltigen Aufschwung. Die religiösen Schwärmereien der Romantiker wirken auf sehr viele Menschen nachhaltend ein. Adam Müller, die Brüder Schlegel, Zacharias Werner, Klinkowström und viele andere werden katholisch. In Wien selbst wird eine große Anzahl von jungen Männern aus den besten Familien Priester. 1821, nach Beendigung seines Theologiestudiums, wird er als Direktor des Tierarzneiinstitutes enthoben und am 26. August 1821 zum Priester geweiht. Im November desselben Jahres tritt er dem Redemptoristenorden bei. Seinen ärztlichen Beruf und seine literarische Tätigkeit übt er auch fernerhin aus. Er dachte sich überhaupt seine geistliche Stellung viel freier, wurde aber im Laufe der Jahre vom Gegenteil belehrt. 1823 beginnt er das homöopathische Heilverfahren, das damals neu war, bei seinen Kranken anzuwenden und erzielt damit sehr gute Heilungen, was ihm nur neue Verehrer verschafft Uebrigens war es der jüdische Arzt Elias Altschul aus Prag, der die homöopathsiche Methode allgemein eingeführt hat. Seit 1848 las er über dieses Gebiet an der Prager Hochschule. 1827 hält er seine ersten Fastenpredigten, die ihn als glänzenden Redner bekanntmachen. 1830 schied er aus dem Redemptoristenorden aus, da seine Stellung als Arzt und Schriftsteller sich mit der strengen Disziplin des Ordens nicht vereinbaren ließ. Am 30. April 1830 wird er Kooperator in der Kirche Am Hof. Am 14. November 1831 wird er zweiter Domprediger zu St Stephan. Jetzt beginnt eigentlich erst die Periode seine Ruhmes. Seine Predigten in der Stephanskirche hatten einen unglaublichen Massenzuspruch. Das Publikum gehörte meist den höheren Ständen an und bestand hauptsächlich aus Männern. Die Damen des Hofes, die höchsten Würdenträger waren seine ständigen Zuhörer. Die deutsch-österreichische Literaturgeschichte von Nagel-Zeidler, die ich schon öfter angeführt habe und die an manchen Stellen ausgesprochen antisemitisch eingestellt ist nennt Veith den berühmtesten Kanzelprediger Wiens und schreibt, daß die geniale und faszinierende Persönlichkeit dieses Mannes alle ergriffen habe. Johannes von Hoffinger, ein katholischer Schriftsteller, stellt ihn überschätzend als Prediger über Fenelon, als Dichter über die Klassiker. Jedenfalls stellt Nagel-Zeidler fest: „Hofbauer, Veith, Brunner. das ist eine gewichtige Reihenfolge, bedeutsam für das literarische und politische Leben Wiens/' Auch der Antisemit Adolf Bartels hebt die große Bedeutung und den Einfluß Veiths hervor. Es ist also kein Wunder, daß er vom Publikum, das Rat und Hilfe von ihm erbitten wollte, überlaufen wurde. Um ungestört arbeiten zu können, hatte er in Wien ein eigenes Zimemr gemietet, das nur die besten Freunde kannten. Das angestrengte Leben als Priester, Arzt und Schriftsteller — Veith war ununterbrochen literarisch tätig — konnte er auf die Dauer nicht aushalten. Schon 1839 hatte er von Krankheit gequält um Pensionierung angesucht doch wird die Enthebung vom Amt erst 1844 bewilligt. Doch auch jetzt geht es ihm gesundheitlich nicht besser, da er sich nicht schont weiterhin sehr viel schreibt und überall, wo man ihn einlud, Predigten hält Allmählich stellen sich auch Ehrungen für seine mannigfachen Verdienste ein. Am 12. Dezember 1846 wird er Ehrendomherr der Metropolitankirche in Salzburg. Am 24. April 1848 Ehrendoktor der Prager theologischen Fakultät. Am 21. Oktober 1848 wird ihm von Sebastian Brunner ein Pokal überreicht, der von Wiener Geistlichen Veith für seine Verdienste um die Kirche gespendet wurde. Im Juni des Revolutionsjahres gründet er mit einigen anderen Männern den Katholikenverein und gibt die Zeitung „Aufwärts, ein Volksblatt für Glaube, Freiheit und Gesittung", heraus. 1849 wird er wegen seiner „Politischen Passionspredigten" von der liberalen Presse stark angegriffen. Es klingt fast wie eine Ironie, daß der Antisemit Sebastian Brunner eine Verteidigungsschrift für den getauften Juden Veith schreibt. Veith beginnt um diese Zeit vor allem in der katholischen Literaturbewegung eine große Rolle zu spielen. Er und Sebastian Brunner führen auch den Katholikenverein, Veith gilt für alle als der geistige Nachfolger Chemens Maria Hofbauers nächst Rauscher. Er verkörperte insbesonders die Tradition, die Hofbauersche Romantik (Nagel-Zeidler). Veith war aber ein großer Freigeist und infolge seiner religiösen Ansichten keineswegs bei den oberen Kirchenbehörden beliebt. Als die Bücher seines Freundes Günther auf den Index der verbotenen Bücher kamen, da kam auch er in eine sehr bedrohliche Situation, da er doch ganz im LEBENSVERSICHERUNGS-GESELLSCHAFT PHÖNIX WIEN, 1. BEZIRK, RIEMERGASSE 2 Versicherungsbestand per Mittte 1930......... 2450 Millionen Schilling Prämien- und Zinseneinnahmen im Jahre 1929 ...... 125 „ , Gatantiemittel per Ende 1929 300 „ „ Auszahlungen an die Versicherten im Jahre 1929 ...... 301/» „ Sinne Günthers sprach und schrieb. Veith wollte damals das Predigen ganz aufgeben, doch Kardinal Rauscher gestattete es nicht. 1863 spricht er aber zum letzten Mal öffentlich. Er wird immer kränklicher, verliert das Augenlicht gänzlich. Sein einziger Trost ist die Schriftstellerei. Es erscheinen in dieser Zeit bis zu seinem Tod eine ganze Reihe von Werken, hauptsächlich religiöser Natur, die mit Hilfe seiner Freunde, die ihn mit einer ungeheuren Fürsorge umgeben, herauskommen. Am 3. September 1875 feiert er sein fünfzigjähriges Priesterjubiläuni. Der Kaiser verleiht ihm das Komturkreuz des Franz-Josefs-Ördens, die Gemeinde Wien das Ehrenbürgerrecht. Von allen Seiten kommen Ehrungen. Nur Kardinal Rauscher, der oberste kirchliche Repräsentant Oesterreichs schweigt Er allein will die Verdienste Veiths übersehen, weil dieser getaufte Jude es wagte, freiere und modernere Ansichten zu haben. Am 6. November 1876 stirbt Veith nach langen und schweren körperlichen Leiden. Sein Tod war ein trauriges Ereignis für ganz Wien. Die Trauerfeier in der' Stephanskirche vereinigte alle bedeutenden Persönlichkeiten Wiens. Ueber Veiths Stellung zu den Juden ist eigentlich nur wenig zu sagen, da wir nicht viel darüber wissen. Seit seiner Taufe sind fast gar keine Aeußerungen von seiner Seite über seine früheren Glaubensgenossen bekannt Ein Schreiben vom 3. Juli 1834, das die Vertreter der Wiener Juden an ihn und seinen Bruder Elias, der Professor am Tierarzneiinstitut war, richten und in dem die Vertreter die Brüder daran erinnern, daß es nun Zeit sei, für ihren verstorbenen ältesten Bruder Josef, der Aktuar und Religionslehrer der Israeliten in Wien war, den versprochenen Grabstein zu errichten, beweist, daß er trotz der Taufe den Zusammenhang mit der Familie nicht aufgab. Auch wissen wir, daß er 1840 bei der Damaskus- Affäre vom Altar der Stephanskirche mit erhobenem Kreuz schwur, daß die Juden keinen Ritualmord kennen. Veith scheint also seinen alten Glauben nicht ganz vergessen zu haben. Glossen. Nun hat der Herr Rektor (Graf) Gleispach gewissermaßen doch Recht damit behalten, daß sein geplantes „Studentenrecht" die — segensreichsten Folgen haben werde. Oder soll man es etwa nicht für einen wahren Segen halten, daß das Opus des Herrn Rektors bereits einer Reihe der hervorragendsten Männer Anlaß gab, in weithin wirkenden Kundgebungen den Antisemitismus, der sich auch in dem neuen „Studentenrecht" offenbart, als eine bösartige, die Menschheit schändende Verirrung zu brandmarken? Ob der Herr Rektor Gleispach, der bisher versicherte, daß sein „Studentenrecht" nicht gegen die Juden gerichtet sei, vielleicht sogar derartige Kennzeichnungen des Antisemitismus provozieren wollte, wage ich allerdings nicht zu behaupten. * * * Den Stimmen erster Männer des deutschen Schrifttumes reiht sich nun auch die einer Frau an, deren Name von höchstem Glanz umstrahlt wird. Gabriele R e u t e r ist aber nicht nur eine berühmte Schriftstellerin, deren mächtiges Talent sich allgemeine Bewunderung und Verehrung errungen, sie steht auch anerkannt in der ersten Reihe edler Kämpfer für „Recht, Kultur und Freiheit". Nun, auch diese wahrhaft große deutsche Frau erklärt mutig, daß sie „den Antisemitismus, wie er sich in dem neuen Studentenrecht offenbart, für einen Unfug und eine Schmach unserer Zeit' hält. In einem stimmt sie den hakenkreuzlerischen Wortführern bei, die in Wort und Schrift unaufhörlich „die Verseuchung der deutschen VolksSeele" beklagen. Auch Gabriele Reuter konstatiert diese „Verseuchung", sie führt sie allerdings auf den Antisemitismus zurück, der mit seiner „fanatischen Hetze die Seelen-unserer Volksgenossen vergiftet". * * * In der „Dötz" rempelt ein hakenkreuzlerischer Jurist den Professor Kelsen, „den Fremden" an. Ob wohl Kelsen je den Namen seines Anremplers gehört hat? Vielleicht erscheint er ihm auch etwas fremd. * * V Einen Fall „beispielloser Frechheit und Arroganz jüdischer Schüler" hat der Bürgerschuldirektor in dem slowakischen Städtchen Alt-Lublau den Mitgliedern des Lehrkörpers in einer von antisemitischer Entrüstung durchglühten Kundgebung mitgeteilt. Nach einer von Masaryks freisinnigem Geiste beseelten Verordnung wird in der Bürger- Schuleinschreibungen im Dr. Krüger-Heim, Wien IL, Malzgasse 7. Telephon A 48-0-77. Internat — Halbinternat — Exteruat. Einschreibungen täglich von 9—12 und 3—5 Uhr exkl. Samstag und Sonntag, Volks¬ und Hauptschule für Mädchen mit Oeffcntlichkeitsrecht. Zweiklassige Frauengewerbeschule für Weißnähen und Kleidermachen mit Oeffentlichkeitsrecht. — Streng rituelle Kochkurse (Tages- und Abendkurse), die einzigen rituellen Kurse in Oesterreich. — Lehrerinnen- Seminar (Beth-Jacob) 1. Jahrgang. — Moderne Sprachschule, Deutsch, Französisch, Englisch (spezielle Kinderkurse). — Kunstgewerbliche Kurse in Vorbereitung. Streng ritueller Haushalt, mäßige Preise. schule, die auch von deutschen Kindern besucht wird, wöchentlich zweistündiger Deutsch-Unterricht erteilt. Das hinderte aber den Herrn Bürgerschuldirektor nicht, das Deutschsprechen der deutschen Kinder nicht nur in der Schule, sondern auch auf der Straße unter schärfste Strafe zu setzen. Den Lehrern teilte der Herr Direktor noch besonders mit, daß er bemerkt habe, „daß besonders Schüler jüdischer Konfession sich der beispiellosen Frechheit und Arroganz, untereinander deutsch zu sprechen," schuldig machen und daß er hierfür sie „und auch die anderen Schüler, die, falls sie ähnliches bemerken und nicht sofort melden, wegen Mittäterschaft bestrafen werde". Es scheint, daß die deutsch- und judenfeindlichen Gesinnungen des Herrn Direktors, vereint mit dem edlen Streben, das Denunziantentum aus nationalen und konfessionellen Motiven schon in der Schule züchten, doch nicht ungeteilte Begeisterung geweckt haben, denn der den Deutsch-Unterricht erteilende Lehrer an der Bürgerschule Alt-Lublau hat die Geschichte veröffentlicht. Das ist um so erfreulicher, als dieser Lehrer der Pfarrer Szanko ist, der bereit ist, mit seinem priesterlichen Eid die Wahrheit seiner Mitteilung zu besiegeln. * * * Im „Ostdeutschen Beobachter" mächt ein aufrichtiger Hakenkreuzler den liebenswürdigen Vorschlag, die Regierung möge dafür sorgen, daß im befreiten Rheinland „Kinder, deren Aussehen und Merkmale auf einen Vater negerischer, orientalischer oder vorderasiatischer Rasse schließen lassen, umgebracht werden, um zu verhindern, daß von neuem rassenschlechtes Blut in den Volkskörper eindringen". Der Vorschlag paßt ja nicht übel für ein hakenkreuzlerisches Blatt. Wäre es aber nicht doch vielleicht auch angezeigt, den Herren vom „Ostdeutschen Beobachter" auch noch einen ärztlichen Beobachter zu empfehlen? * * * „Vittorul" erhebt die Anklage gegen den Minister Vajda-Vojwod, er habe anfangs Juli aus dem Dispositionsfonds des Innenministeriums die antisemitischen Agitatoren unterstützt. Ja, warum sollen diese Pogromisten nicht Gelder aus dem Dispositionsfonds bekommen? Standen sie denn nicht auch zur Disposition des Herrn Ministers? * * * Der Polizeidirektor in Kischinew ist verhaftet worden. Es wurde ihm nachgewiesen, daß alle Polizeikommissäre, wenn sie ihr Amt behalten wollten, ihm monatlichen Tribut leisten mußten. Man sollte mit dem Herrn Polizeidirektor von Kischinew nicht allzu streng ins Gericht gehen. Er stammt aus der Zeit, in der man sich erinnert, daß der letzte Zar dem Polizeidirektor, der die Pogromisten in Kischinew zum Morden aneiferte, später mit einem hohen Orden auszeichnete. Da kann man schon wirklich in den Rechtsbegriffen wirr werden. * * * Wieder wurde eine Synagoge in Rumänien zerstört, die Thora, die doch allen Christen als die heilige Grundlage des Christentums gilt, in schändlicher Weise beschmutzt und zerfetzt. Sollte man nicht annehmen dürfen, daß die Priester in Rumänien nun auch schon die Notwendigkeit empfinden werden, in den Kirchen für den Schutz der Synagogen einzutreten? Ego. m i! Wichtige Neuerscheinung! 1 : : 3 t I -nrna 1 i In unserem Verlage erscheint soeben: 2 NACHSORi (Festgebete für die hohen Feiertage) mit vollständigem ungekürztem Text, mit einer neuen Uebersetzung von Prof. Dr. Jakob B r o n n e r, Wien. Diese neue Uebersetzung zeichnet sich vor allen anderen, bisher vorhandenen durch ihren modernen Stil und ihre Klarheit aus. Der Name des Uebersetzers bürgt für deren Zuverlässigkeit und Gründlichkeit. Sowohl der hebräisehe als auch der deutsche Text (Lateinschrift) ist in klarer, schöner Type auf vorzüglichem holzfreien Papier gedruckt und sorgfältigst korrigiert: Der Machsor eignet sich auch vorzüglich für Geschenkzwecke und soll in keinem jüdischen Hause fehlen! 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