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Die Wahrheit · 1930-08-22 · Heft 34 (22.8.1930) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 34 (22.8.1930)
Date
1930-08-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Hohe Politik . . . Palästinafragen auf der September-Session des Völkerbundrates. Die provisorische Tagesordnung für die 60. Session des Völkerbundrates, die am 5. September in Qeni beginnt, enthält die Beratung über den Palästina-Bericht der Mandatskommission, nicht aber über den Bericht der Klagemauer-Kommission. Der JTA-Vertreter erfährt, daß es dennoch nicht ausgeschlossen ist, daß die Behandlung dieser Frage nachträglich noch auf die Tagesordnung gesetzt wird. Möglich sei aber auch, daß die Frage während der 61. Session, die am 10. September beginnt und während der Völkerbund-Vollversammlung mit Unterbrechungen bis Ende September stattfinden wird, zur Behandlung kommt. Wie der J. T. A.-Vertreter aus zuverlässiger Quelle erfährt, ist die Antwort der britischen Regierung auf die Feststellungen der Mandatskommission des Völkerbundes in ihrem Palästina-Bericht in einem sehr scharfen, ja unfreundlichen Ton gehalten. Die „Bemerkungen" der Mandatarmacht enthalten eine Reihe Vorwürfe an die Adresse der Mandatskommission hinsichtlich ihrer Methoden, sowie eine scharfe Kritik an ihren Feststellungen, wie sie in einer solchen Form seitens einer Mandatarmacht bis jetzt noch nicht erhoben worden waren. Es wird angenommen, daß der am 5. September in Genf zusammentretende Vülkerbundsrat sich infolge dieses Angriffs der britischen Regierung auf die Mandatskommission eiJier schweren Situation gegenübergestellt sehen wird. Offizielle Anerkennung der erweiterten Jewish Agency. Prag, 15. August (J. T. A.). In einem Brief des C o 1 o n i a 1 Office an die zionistische Exekutive ist die offizielle Anerkennung der erweiterten Jewish Agency im Sinne des § 4 des Mandates erfolgt. In einem Interview mit einem Mitarbeiter der „Selbstwehr" teilte das Mitglied der Exekutive, Prof. Selig Brodetsky, hierüber folgendes mit: Wir haben in den letzten Tagen einen Brief bekommen, in welchem uns die formelle Anerkennung der erweiterten Jewish Agency durch die englische Regierung zur Kenntnis gebracht wird, und zwar genau in der Weise, wie sie seinerzeit in einem Briefe des Colonial Office an die Exekutive, der beim letzten Kongreß zur Verlesung gelangt ist, formuliert worden war. Dieses Schreiben hat den folgenden Wortlaut: „Im Falle der Auflösung der erweiterten Jewish Agency wird die britische Re gierung, nachdem ihr die Auflösung durch die Zionistische Organisation zur Kenntnis gebracht wurde, die Zionistische Organisation als Jewish Agency im Sinne des Artikels 4 des Mandates für Palästina anerkennen, vorausgesetzt, daß ihre Organisation und Verfassung zu dieser Zeit angemessen sind. Die Organisation soll in diesem Falle in allen Beziehungen als in den Stand zurückversetzt gelten, den sie vor der Erweiterung der Agency eingenommen hatte." (Die offizielle Anerkennung der erweiterten Jewish Agency hat aber lange — ein volles Jahr — auf sich warten lassen.) mHRiBffiuum Das anglückliche Borsdia. Zum zweiten Male obdachlos geworden. C1 u j (Klausenburg), 10. August. (J. T. A.) Aus Borscha trifft die Meldung ein, daß im Stadtwalde, in welchem die Zelte der jüdischen Familien, die durch den großen Brand vor einem Monat obdachlos wurden, untergebracht sind, ein Brand ausgebrochen war, der ungeheuren Schaden anrichtete, so daß die Abbrändler von Borscha nun abermals obdachlos geworden sind. Arbeiter aus der Umgebung beteiligten sich an der Löschung des Feuers. Die Behörden nehmen an. daß das Feuer gelegt wurde. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet. „Rettet 2000 Menschenleben!" Bukarest, 12. August (J. T. A.). Der von der Konferenz der jüdischen Organisationen Rumäniens gewählte „Allgemeine Rat der rumänischen Juden" veröffentlicht einen Appell an die Juden Rumäniens und des Auslands, den Juden von Borscha zu helfen. Der Aufruf lautet im wesentlichen: „In den schweren Tagen der Heimsuchung für das rumänische Judentum, als die Feinde Israels ein entsetzliches Attentat auf die Juden verübten, waren unsere Borschaer Brüder die ersten und schmerzlichsten Opfer. Nach wochenlangem Terror wurden sie in einer einzigen Nacht dem Unglücke preisgegeben. B Herrenood Dieieir nur Ia Qualitäten, nach Maß und fertig lagernd, eventuelle Zahlungserleichterungen bis zu 1 Jahr werden gewährt RESIDENZ COLUMBIA „MANNA" FABR. CHEMISCHER PRÄPARATE WIEN 31., TABORSTRASSE 22 TELEPHON R 40-6-14 GARANTIERT UNUNTERBROCHENE m BRENNDAUER 30 STUNDEN M Unholde in Menschengestalt haben 132 Wohnungen, 314 Gebäude vernichtet. Das Resultat dieses großen Unglückes ist, daß 213 jüdische Familien ohne Herd und ohne Obdach geblieben sind. 2100 Menschen kampieren auf Feldern und in dunklen Wäldern: nackt, hungernd und dürstend. Wo werden sie in den herannahenden regnerischen und nebeligen Herbsttagen ein schützendes Dach finden? Wer wird ihnen die Mittel zu einer Existenz schaffen? Die niedergebrannten Häuser der Unglücklichen von Borscha müssen wieder aufgebaut werden. Die Mittel zur Wiederaufrichtung ihrer Existenzen müssen beschafft werden. Wir dürfen unsere ruinierten Brüder von Borscha nicht der Verzweiflung preisgeben und sie dem Tode entgegengehen lassen! Unsere Feinde sollen sehen, daß die Judenschaft der ganzen Welt hinter den Betroffenen steht, und daß sie bereit ist, ihnen zu Hilfe zu kommen. Im Namen der rumänischen Judenschaft richten wir an die Juden der ganzen Welt den Ruf: Rettet 2000 Menschenleben!" In dem Manifest wird also ausdrücklich erklärt, daß die Niederbrennung der von Juden bewohnten Stadtteile das Werk verbrecherischer Hände ist Das Regierungsorgan „Dreptatea" greift die Unterzeichner des Aufrufs an, weil sie entgegen der offiziellen Darstellung von verbrecherischer Brandstiftung sprechen, wogegen „A d e v e r u I" erklärt, die Annahme der jüdischen m Deputierten sei durch die Umstände gerechtfertigt, die Regierung müßte sich endlich zu einer erneuten Untersuchung der Vorgänge in Borscha entschließen. Freundschaft mit den Juden. Bukarest, 13. August (J. T. A.) In Borscha fand unter dem Vorsitz des Priesters Gabriel Timusa eine Massenversammlung statt, die von mehr als 1000 Personen besucht war und in der in einer Resolution dem Wunsche Ausdruck gegeben wurde, mit den Juden in Freundschaft zu leben. Auch wurde die Forderung nach Rücktritt des Präfekten Juga ausgesprochen, dem die Schuld an der herrschenden Arbeitslosigkeit zugeschrieben wird. In dem Borscha benachbarten Poliana fand aber gleichzeitig eine Massenversammlung statt, in der antisemitische Agitatoren die Amtsenthebung des Leiters der Stadtverwaltung von Borscha, die Auflösung des Gemeinderates, die Zurückziehung der Gendarmerie und die Freilassung des Antisemiten Dumitrescu und der arideren im Zusammenhang mit den Ereignissen in Borscha verhafteten Cuzisten forderten. Der Präsident des Gerichtshofes zu Maramaros-Sziget erhielt einen anonymen Brief, in dem ihm gedroht wird, er würde gewaltsam beseitigt werden, wenn er die wegen der antisemitischen Umtriebe in Borscha verhafteten Aufrührer verurteilen sollte. Der Priester M o r a r i u. der berüchtigte antisemitische Agitator, hält in Borscha und Umgebung allabendlich Versammlungen ab, in denen gegen die Juden agitiert wird und antisemitische Resolutionen angenommen werden. Der Anteil der Juden an der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung Wiens. Von Immanuel Rubin. III. Die bedeutendsten jüdischen Literaten des Vormärz. t lEIDER-UNlON £WlENVLKasemena.6 TeLB202-15 Der erste Name, der uns überliefert wird, ist der des Benedikt David Arnstein. Er dürfte 1765 geboren sein. Sein Todesjahr steht nicht genau fest; doch wird er noch 1837 in den Büchern der jüdischen Gemeinde erwähnt. Er war ein Enkel Adam Isak Arnsteins, des Gründers der Familie, hat sich lange Jahre als Bankier betätigt, aber scheinbar nicht mit großem Erfolg: denn 1829 legt er seine Großhandlungsbefugnis nieder und zu gleicher Zeit bestätigen die Vertreter der Juden seine Erwerbs- und Vermögenslosigkeit und stellen test, daß er von seinen Verwandten erhalten wird. Als Dichter ist er heute kaum noch bekannt, und ich erwähne ihn eigentlich nur, weil er der erste jüdische Literat dieser Zeit ist. Er schrieb, von den lateinischen und griechischen Klassikern, aber auch von Schreyvogel und Kotzebue beeinflußt. Gedichte, Dramen und Lustspiele, die in verschiedenen Almanachen und als selbständige Werke erschienen sind. So 1782 „Eine jüdische Familienszene anläßlich der Erteilung des Toleranzpatentes", 1796 das Drama „Die Kleinodien". 1798 „Die Pflegetochter", 1800 die Komödie „Das Billett" u. a. m. Seine Schritten haben zu Lebzeiten des Dichters Aufmerksamkeit erregt. In seinem Haus versammelte er einen Zirkel von Literaten um sich wie Alxinger, Leon Schreyvogel .u. a. Ueber seine letzten Jahre fehlen uns leider nähere Angaben. Eine viel interessantere Persönlichkeit ist Lazarus Ben David aus Berlin, der von 1793 bis 1797 in Wien Kantvorlesungen hält. „Nagel-Zeidler" nennt diese Vorlesungen mehr „elegant" als „tief". Trotzdem wurden sie bald große Mode. Als die Polizei seine öffentlichen Vorträge untersagte, stellt ihm Graf Karl Borromäus Harrach, ein bekannter Arzt seiner Zeit, seinen großen Empfangssaal zur Verfügung, wo nun Lazarus ben David seine Vorlesungen hielt, bei denen die höchsten Gesellschaftskreise anwesend waren. Doch die Polizei fürchtete, daß die Bekanntschaft mit Kant für das Seelenheil der Wiener verderblich werden könne, und so mußte Lazarus ben David schließlich die Stadt auf Drängen der Polizei verlassen, obwohl man ihm nichts anderes nachsagen konnte, als daß er eben philosophische Vorlesungen hielt. Johann Emanuel Veith. Dieser Mann gehört wohl zu den interessantesten Persönlichkeiten des Vormärz. Seine Bedeutung für Wien, die vor allem auf kirchlichem Gebiet liegt, reicht bis tief ins vergangene Jahrhundert hinein. Als Jude spielt er keine besondere Rolle, aber ich erwähne ihn, um daran zu erinnern, daß zu den führenden Köpfen der Kirche in Wien zu dieser Zeit ein Jude gehört. Er wurde am 10. Juli 1787 in Kuttenplan in Böhmen als Sohn des Baruch Veith geboren, der wegen seiner Frömmigkeit und Redlichkeit in großem Ansehen stand. Der kleine Emanuel wurde ebenso wie seine zwei Brüder sehr religiös erzogen, lernte hebräisch und das alte Testament und als der Vater die bedingt einen Talmudisten aus ihm machen. Schließlich kommt er ans Gymnasium nach Prag. Dort studiert er 1807 auch Medizin. Im Spätherbst 1808 übersiedelt er dann nach Wien. Finanziell geht es ihm hier sehr schlecht, da er von seinen Eltern keine Unterstützung annehmen will. Er studiert auch Tierarzneikunde, wird 1811 auf Grund seiner guten Leistungen Pensionär des Tierarzneiinstitutes und kommt so über die ärgste Not hinweg. Am 27. November 1812 promoviert er. Während seiner Studienzeit ist er vielfach literarisch tätig und er wird bald, obwohl er in Wien ganz fremd war, durch sein dichterisches Talent bekannt. Er ist ein begabter Novellist und Lyriker, besonders gut aber als Satiriker und Epigrammatiker. Er gab mehrere Bände Erzählungen, Humoresken und Gedichte heraus und ist als Lyriker schon in seiner frühesten Wiener Zeit bekannt Er schrieb sehr schnell und die meisten Zeitungen und Almanache enthielten Gedichte und Novellen Veiths, die in der Regel großen Beifall fanden. So ist er zum Beispiel ein eifriger Mitarbeiter bei Castellis Taschenbüchern. Der Text zu der Oper „Der Augenarzt" von Gyroweti, die am 1. Oktober 1811 mit großem Erfolg in der Hofoper aufgeführt wurde, ist von Veith. wie auch ein Festspiel anläßlich der Heimkehr des Kaisers Franz, das am 15. Juni 1814 im Theater an der Wien zur Aufführung kam. Er scheint auch in dieser Zeit viel in den jüdischen Salons Wiens verkehrt zu haben; denn 1810 verfaßt er bei der Rückkehr des Bernhard von Eskeles aus Holland und Frankreich von einer für den Staat sehr wichtigen Transaktion ein Gedicht. Er schrieb ferner Gedichte an Fanny Arnstein und auch ein Festgesang für die Synagoge anläßlich der Ankunft des Kaisers Franz in Wien nach dem Sieg über die Franzosen hat Veith zum Autor. Er ist aber auch wissenschaftlich tätig. 1813 verfaßt er zwei botanische Werke, die bald als Lehrbücher für Kandidaten der Pharmazie vorgeschrieben werden. 1814 schreibt er einen „Grundriß der allgemeinen Pathologie und Therapie für angehende Tierärzte". 1815 stirbt der Direktor des Tierarzneiinstitutes und nun wird Veith dessen Vertreter. Am 4. Mai 1816 läßt er sich taufen und wird am 21. September 1816 provisorischer Direktor und erster Professor des Tierarzneiinstituts. Ob zwischen seiner Taufe und seiner Ernennung ein Zusammenhang besteht, läßt sich heute schwer nachweisen. Immerhin ist eine Verbindung nicht von der Hand zu weisen und es steht auch fest, daß man seinerzeit sehr lange mit der Ernennung eines neuen Direktors für die Anstalt zögerte und vielleicht die Taufe Veiths abwartete. Am 13. Juli 1813 wird er nun wirklicher Direktor und hat so mit kaum 32 Jahren eine überaus bedeutende und finanziell sehr gute Stellung. Er ist als Lehrer außerordentlich tüchtig und seine Vorlesungen sind derart gut besucht, daß sie auf der Universität abgehalten werden müssen, da das Tierarzneiinstitut keinen so großen Hörsaal besitzt Dabei betreibt Veith noch eine ausgedehnte ärztliche Praxis und ist ein sehr beliebter und gesuchter Arzt. Nagel-Zeidler nennt ihn auch einen „gefeierten große Begabung seines Sohnes erkannte, wollte er un- Arzt und Universitätsprofessor".

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