Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 34 (22.8.1930)
- Date
- 1930-08-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 f_________i_____ DIE WAHRHEIT DIE Jü- P'i" u ■4-3' {5 ff l| s $ f <: tli! i' i -1) ». » Ja rs* * pfe ■* & I ■r* «t H •5 '}! t Analyse der seelischen Zusammenhänge vorzunehmen, durch die hindurch der einzelne zu seinem politischen Ergebnis gekommen ist Aber eins müssen wir verlangen: dische Würde darf in Ziehung verletzt werden, jedes Anzeichen dafür, daß wir in unsere jukeiner Be- Vorläufig fehlt der Deutschen Staatspartei derartiges zu befürchten hätten. Gewiß wird es viele geben, denen die innere Veränderung, welche die Deutsche Staatspartei gegenüber der alten Demokratischen Partei aufweist, nicht gefällt. Sie werden ihre Folgerungen ziehen. Aber an dieser Stelle darf ausgesprochen werden, daß eine Veränderung in den uns betreffenden Fragen nicht eingetreten ist. Vom Standpunkt des Central -V ereins kann deshalb die DeutscheStaatsparteials „bedenke nfrei"bezeichnetwerden. Gewißwiderspricht vieles, was hier gesagt wird, der Gemütseinstellung einer -[großen Reihe unserer Freunde. Das wissen wir und das verstehen wir. Immer, wenn Altes überwunden wird und Neues geschaffen werden soll, gehen Gemütswerte verloren. Verfehlt aber ist es in der heutigen Zeit, in der sich alles wandelt und in der namentlich im staatlichen Leben alte Anschauungen fortgesetzt einen anderen Inhalt bekommen, sich von vornherein einer Schöpfung zu widersetzen, die von Menschen ausgeht, die guten Willens sind. Mögen auch die Wege, die viele in der Vergangenheit wandelten, uns nicht gefallen haben — warten wir weitere Taten ab! Ungesühnte Pogromhetze. (Von unserem rumänischen Korrespondenten.) Codreanu freigesprochen! Am Mittwoch, den 13. August, wurde nach zweitägiger Verhandlung das Urteil gegen den antisemitischen Agitator Zelea Codreanu, den Organisator der „Eisernen Garde", verkündet. Codreanu, der von sechs antisemitischen Advokaten verteidigt wurde, hatte sich wegen zweier Manifeste zu verantworten, in denen er das Attentat auf den UnterstaatssekretärAng h elescu verherrlicht und die Studenten zu anderen Attentaten und zur Vernichtung der Juden auffordert. Er war in allen Punkten geständig. Er erklärte: Ich bin der Autor dieser zwei Manifeste und übernehme die ganze Verantwortung für deren Inhalt. Das Urteil lautete auf Freispruch, da die Geschworenen mit zwei Stimmen Mehrheit die Frage der Schuld Codreanus verneinten. Der Staatsanwalt har Berufung eingelegt, so daß Codreanu vorläufig weiterhin in der Untersuchungshaft verbleibt Das Urteil hat im ganzen Lande ungeheure Bestürzung hervorgerufen. Diese Bestürzung ist leicht erklärlich, denn man hatte allgemein gehofft daß nunmehr doch energischer gegen die antisemitischen Mord- und Brandbuben - vorgegangen und insbesondere an ihrem glorreichen Führer: der so viel unschuldiges jüdisches Blut auf dem Gewissen hat, ein scharfes Exempel statuiert werden würde. Die Hoffnung hat sich nun als trügerisch erwiesen, die Pogromhetze ist ungesühnt geblieben, was weiter den nicht Wunder nehmen kann, der etwas genauer die rumänischen Mißverhältnisse durchschaut Immer klarer wird es dem objektiven Beurteiler der Lage, daß zwischen Regierung und den Antisemiten Zusammenhänge bestehen, die ganz unglaublich sind. Die Regierung mag noch so sehr gegenüber dem jetzt sehr interessierten Auslande betonen, daß die Ausschreitungen, gegen deren Urheber sie angeblich entschieden einschreite, nur ökonomische Gründe haben, der wahre Grund liegt tiefer, nur kann Um die schwer belastete Regierung nicht selbst aufzeigen. Wie ein Verlegenheitsgestammel mutet uns z. B. die Erklärung an, die sie dem Sekretär des "Londoner Joint Foreign Committee Lucien Wolf kürzlich abgegeben hat und in der es u. a. heißt: „Die antisemitischen Vorkommnisse in Rumänien sind das Werk einzelner Agitatoren, angeblich Studenten, wie Zelea Codreanu, Danulescu, Danila, Totu u. a. m., die von den Behörden scharf beobachtet werden. Länger als ein Jahr ist die Regierung nicht allzu scharf gegen diese Agitatoren vorgegangen, was gewisse befriedigende Resultate ergab, indem bis zur Wahl Cuzas in Roman die antisemitische Agitation in einem sehr kleinen Umfang geführt wurde. Letzthin aber hat sich infolge der wirtschaftlichen Notlage, der Entwertung landwirtschaftlicher Produkte, der hohen Zinssätze auf entliehenes Geld, die Agitation in gewissen ärmeren Teilen des Königreiches, wie Marmarosch und Bukowina, verschärft. Die Regierung ergriff dagegen drastische Maßnahmen. Der Belagerungszustand wurde von der Regierung als im Gegensatz zur Freiheit und zum Wohle des Landes stehend aufgehoben. Die jetzt geltenden legalen Methoden genügen vollauf, um die Tätigkeit einiger hemmungsloser Jugendlicher, deren Agitationen bei der großen Masse keinen Anklang finden, zu stoppen. Nur in sporadischen Fällen, wie in Borscha und Balaceana. haben infolge der wirtschaftlichen Notlage diese Agitationen Erfolge erzielt." Wahrlich, es ist-eine „drastische" Maßnahme, erst mit großem Applomb den „hemmungslosen Jugendlichen" Zelea Codreanu in Haft zu setzen und ihn dann einem gefügigen Geschworenengericht zu überstellen, das sich prompt mit — Freispruch aus der leidigen Affäre zieht. Wer ist schuld an diesem skandalösen Freispruch? Wir wissen es und ganz Rumänien weiß es. Hat doch am Tage des Freispruchs das Organ der Liberalen Partei „Viitorul" die folgende sensationell wirkende Mitteilung veröffentlicht: Uns wurde heute ein Dokument zugestellt das jeden Zweifel darüber beseitigt, daß der Innenminister Vaida Voevod den antisemitischen Agitator Corneliu Zelea CodreanudirektmitGeldunterstützt hat und ihm Instruktionen zugehen ließ, wie die Unruhen im Lande zu organisieren seien. Zum Schluß gibt der Minister Codreanu die Versicherung, daß ihm vor Gericht nichts passieren werde, er möge ruhig sich dem Gerichte stellen. „Viitorul" kündigt die Veröffentlichung des Wortlauts des Dokuments an. Schweigt da auch das Weltgewissen? Das Gewissen Rumäniens wird wohl durch solche Ungeheuerlichkeiten nicht weiter beunruhigt, man spricht nur immer wieder von der bevorstehenden Demission Vaidas. Das ist die einzige Reaktion auf die unglaubliche antisemitische Korruption, die in Rumänien an der Tagesordnung ist das ist die einzige Sühne für unschuldiges jüdisches Blut! Und so können die Antisemiten wirklich ungestört ihr verheerendes Schandwerk fortsetzen, so konnten sie in der Vorwoche in Marmaros-Sziget die Hauptsynagoge, die größte jüdische Synagoge Rumäniens, auf die die Gemeinde stolz war, in Brand stecken. Die jüdische Bürgerschaft eilte zur Rettung der Synagoge, als man aber in den Betraum eindrang, entdeckte man, daß die Thora-Lade erbrochen war, die Sifre Thora durcheinandergeworfen und angezündet worden waren. Man entdeckte weiter, d?ß die Synagoge an mehreren Stellen mitPetroleuin übergössen worden war und daß der Brand auch an mehreren Stellen gleichzeitig ausgebrochen war. Die ganze Nacht über dauerten die Anstrengungen zur Löschung des Brandes fort, aber erst gegen Morgen konnte der Brand eingedämmt werden, die Synagoge ist fast vollkommen eingeäschert. Während des Brandes spielten sich sehr bewegte Szenen ab, indem die Polizei sich bemühte, die Bürger, von denen sich mehrere in Lebensgefahr stürzten, um die Sifre Thora und die wertvollen Utensilien zu retten, von der brennenden Synagoge fernzuhalten. War da auch wie in Borscha, von wo katastrophale Nachrichten kommen*), ein *) Siehe die Meldungen über Borscha". „Das unglückliche GOBELINS nach Gemälden berühmter jüdischer Maler erzeugt Ate'lier ZAHRADNIK Wien V., Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon U 40-9-17 „unglücklicher Zufall" schuld gewesen, können auch hier fadenscheinige Ausflüchte das ruchlose Geschehen verdunkeln? Nein, die Regierung mag sogar den für den 15. August nach Kischinew einberufen gewesenen rumänischen Studentenkongreß verboten haben, ihrer „Energie" glaubt man nicht, solange sie nicht radikal in ihrer eigenen Mitte Ordnung macht und solange sie Pogromheiden ungestraft läßt Dagegen müssen die Juden in aller Welt entschieden protestieren, den jüdischen Führern Rumäniens aber, die trotz aller Gefahr uneinig wie ehedem sind, erwächst eine besondere Aufgabe. Sie haben die Pflicht, zusammenzustehen gegen den gemeinsamen Feind, der nicht nur sie bedroht, sondern auch Rumäniens Weltgeltung vernichtet. Das ist ihre jüdische und patriotische Sendung in diesen stürmischen Tagen. R. D. Die rumänischen Staatsbehörden und die „Eiserne Garde". Bukarest, 10. August (J. T. A.). „Dimineata" veröffentlicht den Text eines Telegrammes, das ein Führer der „Eisernen Garde" namens Tecuci an einen Führergenossen gerichtet hat. Das Telegramm hat folgenden Wortlaut: „Die Befehle meines Führers Codreanu werde ich im Wege des Obergespans Branzei an Dich weiterleiten." „Dimineata" nimmt es durch das Telegramm als erwiesen an, daß die staatliche Administration die Anarchie im Lande vorbereite, und fordert den Innenminister Vaida auf, eine Erklärung abzugeben. (Er wird sich hüten. D. Red.) American Jewish Congress und die Vorgänge in Rumänien. New York, 15. August (J. T A.). Eine Abordnung des American Jewish Congress unterbreitete dem rumänischen Gesandten in den Vereinigten Staaten, Herrn D a v i 1 a, ein Memorandum, in welchem wegen der andauernden antisemitischen Ausschreitungen in Rumänien Klage geführt und die rumänische Regierung ersucht wird, die antisemitischen Organisationen aufzulösen, die antisemitische Propaganda zu unterdrücken, die Schuldigen zu bestrafen und die jüdischen Opfer zu entschädigen, wie dies einer früheren Erklärung der rumänischen Regierung über ihre Entschlossenheit, die Sicherheit der jüdischen Bevölkerung des Landes zu garantieren, entsprechen würde. Der Gesandte Herr Davila erklärte gegenüber der Abordnung: Ich hoffe, daß die Regierung meines Landes definitive energische Maßnahmen ergreifen wird, um den antijüdischen Unruhen ein Ende zu setzen, und ich bin sicher, daß die antisemitische Agitation bald aufhören wird. (Die Botschaft hört man wohl, allein...) Eingesendet*) Mandatsniederlegnng Die Vorgänge in der letzten Vorstandssitzung des Tempelvereines „Aeschel Awrohom" (Pazmanitengasse) haben mich, der ich seit einer Reihe von Jahren im Vorstande als Kassier tätig war, sowie die gleichfalls unterzeichneten Vorstandskollegen veranlaßt, unsere Mandate mit heutigem Tage niederzulegen. Wien, 18. August 1930. Samuel Wechsler Wilhelm Drill Franz Engel *) Für den Inhalt dieser Rubrik Redaktion keine Verantwortung. übernimmt die