Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 34 (22.8.1930)
- Date
- 1930-08-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Zukunftstraum wirklich nur Produkt einer allzu üppigen Phantasie oder glaubt sich der Herr Gäuleiter, der diese Prophezeiung vor andächtigen Intelligenzlern zum besten gab, auf irgendwelche reale Tatsachen stützen zu können? Er pocht natürlich vor allem auf die Macht seiner Partei, deren Stärke (an Zahl, nicht an Ideen) tatsächlich nicht zu leugnen ist und am 14. September gewiß augenfällig in Erscheinung treten wird. Außerdem aber weiß er, wie es nun um Deutschland wirklich bestellt ist. Bei einflußreichen Staatsstellen, bei den rechtsbürgerlichen Parlamentsparteien, der Justiz, bis hinab zur Wirtschaft und Gesellschaft ist jetzt überall ein starker Antisemitismus bemerkbar. Weite Kreise des deutschen Volkes „denken" judenfeindlich, sind verhetzt und irregeführt. -Peinliches Aufsehen hat auch der Verzicht Hindenburgs auf eine Bestrafung des Berliner nationalsozialistischen Führers Göbbels ausgelöst, der denn auch prompt in zweiter Instanz von der ihm zur Last gelegten Beleidigung des Reichspräsidenten freigesprochen wurde. (Die beiden empfindlichen Geldstrafen, zu denen Herr Göbbels einige Tage später wegen Beleidigung der früheren Reichsregierung verurteilt wurde, wird er wohl angesichts des ersten „Sieges" leicht verschmerzt haben, zumal ja ohnehin viel Geld ' in den hakenkreuzlerischen Beutel getan wurde.) Wenn dieser Verzicht Hindenburgs, dessen bisherige Objektivität auch vom politischen Gegner anerkannt werden muß, auch wirklich nur, wie amtlich versichert wird, „aus rein menschlichen Erwägungen erfolgte", für Göbbels und die Seinen ist er ein Produkt jener Bestrebungen, die den greisen Reichspräsidenten für die Hitlerpartei zu gewinnen trachten. Also selbst bei Deutschlands Führer sehen wir jetzt den Judenhaß geschäftig, aber hoffentlich ohne Erfolg am trüben Werk. Und ebenso finden wir ihn bei den Parlamentsparteien der bürgerlichen Mitte tätig. Das katholische Z e n t r u m ist wohl nach wie vor seiner ruhmreichen Vergangenheit treu geblieben. Ueber die neue „Deutsche Staatspartei" wird man erst in Zukunft ein klares Bild gewinnen können, obwohl ihr entschiedenes Auftreten ihr schon jetzt die besten Hoffnungen gewährleistet. Bei der ersten Wählerversammlung zog der Führer der „Volksnationalen Reichsvereinigung", Mahraun, sehr scharf gegen die Nationalsozialisten zu Felde, die die Versammlung zu stören versuchten, und drohte ihnen sogar mit der Brutalität, die nötig sei, um mit den „Narren und Unvernünftigen des Radikalismas" fertig zu werden. Was aber rechts von den beiden genannten Mittelparteien steht, ist — antisemitisch verseucht Die Deutschnationalen offen, die „Deutsche Volkspartei" versteckt. Am 27. Juli, knapp nach Auflösung des Reichstags, hat der Chefredakteur des „Berliner Tageblatts", Theodor Wol f f, an den Vorsitzenden der „Deutschen Volkspartei", Dr. Scholz, die Frage gerichtet, wie er und seine Partei es im nächsten Reichstag mit dem Nationalsozialismus und seinen Anhängseln halten wollen. Das „Berliner Tageblatt" stellt nun zum zweiten Male fest, daß Dr. Scholz die Frage nicht beantwortet hat und nimmt an, daß eine Antwort nicht mehr erfolgen wird. Keine Antwort ist eben auch eine Antwort. Der „sicheren Nachricht", „Scholz hat, gemeinsam mit den Führern der anderen Rechtsparteien, in den Verhandlungen mit der Deutschen Staatspartei es abgelehnt, auf ein zukünftiges Zusammengehen mit den Nationalsozialisten zu verzichten", ist nicht widersprochen worden. Herr Scholz, fährt das „Berliner Tageblatt" fort, will seine Verbindung überall hin erhalten und keine Brücken abbrechen. Das Beispiel, das seine Parteigenossen in Thüringen gaben und geben und das sie in Sachsen zu geben ebenso entschlossen waren, schwebt ihm als reizvoller Zukunftstraum auch für das Reich vor. Er will nicht daran verzweifeln, die Nationalsozialisten zu fruchtbarer Aufbauarbeit zu „erziehen", mögen sie auch alle solche früheren Versuche mit lautem Spott beantwortet haben. Der sensationelle Artikel schließt mit den Worten: „Er (Scholz) will das Reich den Experimenten der Hakenkreuzler ausliefern." Diesen Experimenten ist heute sogar schon Deutschlands Justiz ausgeliefert. Vor einigen Tagen teilten die Blätter folgende zwei Vorfälle mit, die sich nacheinander an verschiedenen Orten abspielten. Im Amtsgericht von Hindenburg (Oberschlesien) wurde bei einer Verhandlung gegen einen Nationalsozialisten wegen Vergehens gegen das Republikschutzgesetz vom Verteidiger des Angeklagten der Antrag auf Ablehnung eines jüdische^ Beisitzers wegen Befangenheit gestellt mit der Begründung, daß in einem Verfahren gegen Antisemiten Juden wegen ihrer Fremdrassigkeit als Richter sich befangen fühlen müssen. Nach einer Beratung über diesen Antrag, zu der auch das, Amtsgericht Qleiwitz herangezogen wurde und die von 9 bis 3 Uhr dauerte, wurde der Beschluß verkündet, daß der Ablehnung stattgegeben wird. Vor einem Hamburger Gericht stellte ein nationalsozialistischer Angeklagter die Frage, ob sich unter den Sc hoffen „Jesuiten, Juden oder Freimaurer" befinden. Das Gericht unterbrach die Verhandlung und teilte nach der Wiederaufnahme mit, daß einer der Schöffen einen jüdischen Vater habe. Daraufhin lehnte der Angeklagte diesen Schöffen ab. Das Gericht gab dem ablehnenden Antrag Folge und vertagte die Verhandlung. Ein Richter ist nach der deutschen Strafprozeßordnung nur dann abzulehnen, wenn Be- ÜP DREYfUS der deulsdic Sprecho. Tonfilm Regie: Richard Oswald mit Fritz Kortner, Bassermann, Heinr. George, Oskar Homolka, Grete Moosheim u. a. II Uraufführung ab 23. August M im APOilO VI., GnmpendoriersiraOe 63 ■ fangenheit oder Voreingenommenheit offenkundig vorausgesetzt werden kann. Wodurch aber wird Befangenheit „offenkundig"? Ganz fraglos nicht durch die Rassenzugehörigkeit. Denn in diesem Falle könnte es dazu kommen, daß — um auf das Rassenbrevier der Nationalsozialisten zurückzugreifen — ein sogenannter „Oste" einen „westischen" Richter, ein Germane einen Richter romanischen Geblüts ablehnt. Daß Richter die lediglich provokatorische Fragestellung nach der Abstammung nicht glatt von der Hand wiesen, sondern sich von der selbstherrlichen Arroganz der Antisemiten überrumpeln ließen, ohne die juridisch notwendige Begründung offenkundiger Befangenheit zu verlangen, ist bezeichnend und beschämend zugleich. Gleich bezeichnend aber ist die schonungsvolle Behandlung der offenen antisemitischen Pogrompropaganda durch die deutschen Behörden. Im Zusammenhang mit den kommenden Parlamentswahlen hat nämlich die Hitlerpresse die antisemitische Hetze bedeutend verstärkt, ohne daß die Staatsanwaltschaft es für notwendig findet, gegen diese Volksverhetzer einzuschreiten. Wird man in Oesterreich beachten, welch ungeheure Gefahr in dem wahrscheinlichen Siege der deutschen Nationalsozialisten für den bisher von diesem Uebel verschont gebliebenen österreichischen Staat gelegen ist. Man sei auf der Hut! Schon spinnen sich da Fäden, die zu Fallstricken für die. österreichischen Juden werden können! —s—h—. Feuilleton Am Anfang. Der biblische Schöpfungsbericht ist — im Unterschiede von allen anderen — weder eine Vermengung der Weltentstehung mit der Geschichte einer göttlichen Dynastie, in der es von menschenartig gedachten Intrigen und Kämpfen, Siegen und Niederlagen, Wohl- und Freveltaten wimmelt noch ein Sinnbild der Antithese zwischen Gott und Welt, geschweige denn eines Kampfes zwischen Geist und Materie. Der im biblischen Schöpfungsbericht waltende Gott ist ein Gott, dessen imperativer Wille die einzige Ursache ist alles Werdens und Entstehens. Somit erwächst er zu einem überweltlichen, von Zeit und Raum unabhängigen, in der Folge geschichtslosen Wesen. Der menschliche Verstand aber, der von den unüberbrückbaren Grenzen der in der Natur herrschenden Logik abhängt, kann hier nur erfolglos um Begriffe kämpfen, die weit von dem ihm Erfaßbaren in der Ueberweltlichkeit schweben. So ist Gott auch unbegreiflich und als Gipfel der menschlichen Weisheit gilt das Geständnis der vollkommenen Unwissenheit über Gottes Wesen und Schaffen. Als Einziger und Ueberweltlicher braucht und hat Gott zur Absonderung von allen anderen Wesen weder eine Beschreibung noch einen Namen. Nur, da doch aüf irgend welche Weise gezeigt werden muß, daß von Ihm die Rede ist, wird Er hier mit „Elohim" bezeichnet, teils, weil durch diese Bezeichnung seine Allmacht bevorzugt wird, teils aber, weil eine Plunalkonstruktion weniger antropomorphistisch klingt und die einzig mögliche Darstellung als Geist („ruach") bekräftigt. Mit menschlichen Gedankenkategorien operierend, wenden Ihm Prädikate beigefügt, die einzelne Phasen des Werdeganges der menschlichen Tätigkeit schildern. Will man Gott seinen Willen äußern lassen, so läßt man Ihn sprechen („wajomar") soll das Schöpiungsgebiet als mit Gottes Absicht übereinstimmend erscheinen, läßt man Ihn es gut finden (vvajar ki tow"), will man das Wesen der Geschöpfe vom Gotte abhängig machen, so läßt man Ihn Namen erteilen („wajikra") wie einen mächtigen König, der mit der Benennung zugleich Posten und Stellen seinen Untertanen zuweist, will man auf Gottes Milde und Liebe hinweisen, so läßt man Ihn segnen, („wajeworech"). Damit aber kein Mißverständnis entsteht, wird der Mangel an entsprechendem Vomstellungsvermögen betont und durch das Wort „barah" ersetzt, das kein anderes Subjekt als Gott duldend, das spezifische, einzigartige, unübersetzbare Wesen des göttlichen Schaffens beinhalten soll. Die Creatio ex nihilo ist nicht der Begriff, den dieses Wort wiederspiegeln soll. Alles Entstehen beruht hier nämlich auf dem Hervorbringen aus dem bereits bestellenden Chaos^ auf deir Herausentwicklung aus seinem Rahmen. Auch will das Wunder mit diesem Worte nicht gemeint sein. Das Wunder besteht in der Entstehungsart, die ausnahmsweise die uns bekannten, in der Natur allgemein herrschenden, sonst unabwendbaren Gesetze bricht. Das Weltall schaffend, schuf aber erst Gott eben diese Gesetze. Das Wichtigste, was dieses Wort bevorzugen will, ist, daß Gottes Befehl ausnahmslos die ganze sichtbare Welt unterliegt, daß alle Geschöpfe durch Gott aus der Höhe von seiner Allmacht gehandhabt werden, daß laut seinem einzig maßgebenden Wunsch die Welt sich als Blüte vom Kelche des Chaos entfaltet. Es ist ein wüstes Durcheinander, wie uns dieses Chaos hier dargestellt wird. Aber die Erklärung seines Wesens oder gar die Schilderung seiner Form steht in selbstvemständlichem Gegensatze zu seinem — Begriff. Je unverständlicher seine Beschreibung, desto glücklicher seine Abbildung. Der Begriff des Chaos leidet und verträgt kein In-Ordnung-Setzen. Als Ding, in dem bereits die Weltelemente, zwar noch in rohem Zustande, ohne Ordnung und gegenseitige Abhängigkeit und Beeinflussung, aber doch schon vorhanden sind, ist es kein außerweltliches Wesen, keine Antithese des entstehenden Weltalls — es ist das Embryo, über dem Gottes Geist brütet. Daß letzten Endes auch das Chaos ein Werk Gottes ist, bemüht sich das stilistische Ineinandergreifen der beiden ersten Sätze des Schöpfungsberichtes zu erklären. Ist das Chaos ein Embryo, dann bildet das Erscheinen des Lichtes als erstes, sichtbares Zeichen der emporkommenden Welt den Geburtsmoment der — Weltordnung. Es dringt zwar nicht vom Firmament herunter als das von den Gestirnen verliehene Licht, es hat aber auch mit der Emanation der in Bewegung befindlichen Materie nichts zu tun. Es ist ein selbständiges Wesen, eine an und für sich bestehende kosmische Einheit, die die Zeitdauer dem anfangenden Tagesschöpfung bedingt. Denn nicht die Laufbahn der Gestirne, die übrigens erst am vierten Tage erscheinen, sondern das Licht als solches, vielmehr der Wechsel von Licht und Finsternis, von Tag und Nacht, bildet hiem die Grundlage der Zeitberechnung. In demselben Augenblicke, in welchem diese Größe entstand, verschwand schon das Chaos und so wurde mit dem ersten Schöpfungsakt gleichzeitig das erste Naturgesetz geregelt: Kataklismen sind Körner der Renaissance. Das Weltall („schamajim woarez") entsteht im Gewässer. Das chaotische Urwasser wird durch den Himmel in zwei Teile geteilt: in das obere und in das untere. Somit kann der Himmel ein Gewölbe bilden, er kann aber auch eine Fläche sein. Er kann aber keinen losen Luftmaum darstellen auch nicht aus einem glühenden Wasserstoff (schamajim esch + majim) bestehen. Die Luft wird in diesem Schöpfungsbericht nicht erwähnt, ein Wasserstoff, dazu in glühendem Zustande, wlürde sich kaum zur Teilung des Gewässers eignen. Der Himmel wird als dicht und stark genug angesehen, um an der äußeren Seite eine Unmasse vom himmlischen Meere zu ertragen und an der inneren, der Erde zugewandten Seite die Bahnen der unzählbaren Gestirne an sich anzuklammern. Die Erde kommt zum Vorschein durch die Ansammlung der sie im Chaos bedeckenden unteren Was-