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Die Wahrheit · 1930-08-22 · Heft 34 (22.8.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 34 (22.8.1930)
Date
1930-08-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag MnimiHiniinaiMitiimuiuDiniiiQOBOiiituiiiHniu mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden* und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 22. August 1930 Nummer 34 Ein Jahrestag . .. Noch sind die Tränen nicht getrocknet, die Väter, Mütter und Kinder im Heiligen Lande an den offenen Gräbern ihrer Lieben vergossen haben, die als Märtyrer während der Unruhen in Palästina getötet wurden, noch dampfen die Grabhügel vom jüdischen Blute, das unschuldig geflossen ist, und schon ist ein Jahr vergangen, seitdem zügellose, verhetzte Araberhorden wehrlose Judensiedlungen überfielen, 133 Juden töteten, ihr Hab und Gut vernichteten und Trauer über das gesamte Judentum brachten. Alle Juden der Welt gedenken in diesen Tagen bekümmerten Herzens der Opfer derMassakres, die vor Jahresfrist unsere Glaubensgenossen im Heiligen Lande erleben mußten. Ein Jahr ist vorüber und wir können nunmehr die Folgen dieser traurigen Ereignisse wenigstens teilweise übersehen. Bei ruhigeründ sachlicher Ueberlegung müssen wohl alle begreifen, daß nunmehr am Jahrestage die allgemeine Situation der Juden in Palästina hoch trauriger geworden ist, als sie es vor einem Jahre war. Der Jahrestag dieser Ereignisse, er ist nicht nur der Tag des Gedenkens, sondern sollte auch ein Tag der Einkehr allen denjenigen sein, die zur Erfüllung ihrer Ideale ihre Karten auf Englands Politik gesetzt haben. Der Krieg ist woM aus, aber der Kampf geht heftig weiter. 6000 Soldaten, englische Panzerwagen, Tanks und Flugzeuge sind zwar imstande, die Ruhe im Lande aufrechtzuerhalten, aber unversöhnt stehen sich Juden und Araber in Palästina gegenüber. Die Mörder und Räuber des Vorjahres sind straflos geblieben, nur drei Banditen wurden zum Tode verurteilt. Hingegen haben die Araber in diesem einen Jahr an Einfluß und Macht gewonnen. England mußte aus politischen Gründen den Forderungen der Araber entgegenkommen und sich damit in Gegensatz zu aUedem setzen, was die Juden im Weltkriege von B a 1 f o u r versprochen erhielten. Die Engländer versprachen einst den Arabern und Juden freie Hand und nun können sie dieses Versprechen nicht mehr einhalten. Araber und Juden wollen wissen, was England jetzt zu unternehmen gedenkt, um sein Versprechen einzulösen. Vor einigen Jahren hat der derzeitige Ministerpräsdent von Großbritannien Ramsay Mac Donald ungefähr folgende Richtlinien für die englische Politik als das einzig Richtige gesehen: Ein arabisch-jüdisches Abkommen wird es verhindern, daß Palästina der Schauplatz von Rassenkämpfen wird. Englands politisches Verhalten ist einfach. Die Engländer sollten als Freunde im Hintergrunde bleiben, sich vor Ungerechtigkeiten in acht nehmen, eher negative als positive Vorschriften machen und gute Dinge immer nur unter Mithilfe des Volkes selbst beginnen, und zwar nicht als Regierung, sondern als Privatleute aus freien Stücken. Dabei müßte sich England so streng wie möglich davor hüten, sich die Verantwortung für eine Regierung aufzubürden, die immer mehr und mehr Selbstregierung werden sollte. Die Politik des Premierministers wäre wohl richtig gewesen, wenn die Schaffung eines arabisch-jüdischen Abkommens möglich gewesen wäre. Alein gerade dieses Abkommen ist das Problem, das immer eine unverwirkfichte Idee bleiben wird. Religiöse, politische und soziale Gegensätze werden dauernd eine Verständigung zwischen Juden und Arabern verhindern. Nichts Gefährlicheres konnte der palästinensischen Judenheit zustoßen, als daß sich die Gegensätze zwischen Arabern und Juden an einem Gegenstande höchster religiöser Verehrung für jeden Islambekenner — dem Tempelbezirk in Jerusalem, zu dessen Westmauer der Klagemauerstreifen gehört, — entzündeten. Den Tempelbezirk auch nur antasten zu wollen, heißt, den sonst gleichgültigsten Fellachen sich zum Todfeinde zu machten, die Gegnerschaft der gesamten islamitischen Welt nrit einem Schlage hervorrufen. Die von England entsendete Kommission wird vielleicht rechtlich die Eigentumsverhältnisse an der Klagemauer festzustellen imstande sein, [ niemals aber wird sie den religiösen Konflikt zwischen Juden und Mohammedanern beseitigen'können. Eine Einigung zwischen Juden und Arabern in politischer Beziehung erscheint bei der nationalen Einstellung beider Teile in solche Ferne gerückt, daß an ehre Verwirklichung dieser schönen Idee bis auf weiteres nicht zu denken tst. Ein Nachgeben der Juden, ein Aufgeben der Balfour-Deklaration würde den Schwanengesang des Zionismus, eine Anerkennung der Balfour-Deklaration den Todesstoß für die arabisch-nationale Bewegung bedeuten, die jetzt fester zusammengeschweißt ist, denn je. Würden schon religiöse und politische Gegensätze genügen, um Juden und Araber unversöhnt zu lassen, so kommen in Palästina noch soziale Unterschiede hinzu, die zur Vergrößerung des Gegensatzes zwischen den beiden Völkern beitragen. Mac Donald hat die Politik Englands als die eines aus der Ferne zusehenden Privatmannes vor Jahren gekennzeichnet. England hat diese Politik nicht befolgen können, denn Juden und Araber, denen England die Verwirklichung ihrer nationalen Ideen zugesagt hatte, verlangten das positive Eingreifen Englands und England mußte zu den Ereignissen des Jahres 1929 Stellung nehmen, es mußte mit der immer stärker werdenden arabischen Freiheitsidee sich befreunden. Engand mußte, auf seine Vormachtstellung in Indien und Aegypten Rücksicht nehmend, in Palästina politisoh Farbe bekennen. Das Vertrauen der Juden in die Loyalität der englischen Verwaltung mußte schwinden. Die Einwanderung wurde gesperrt, der Bodenkauf den Juden erschwert und zu alledem den Arabern die Einberufung eines Parlamentes in Aussicht gestellt. 83% der Bevölkerung entfallen auf die Araber, 17% auf die Juden. Die Zusammensetzung des künftigen palästinensischen Parlamentes ist bei diesem Verhältnis der Bewohner wohl vorauszusehen. Ein hervorragender Zionist — Dr. Wolfgang W e i s 1 — hat vor einigen Tagen in einer Wiener Tageszeitung einen Artikel geschrieben, den er „Enttäuschungen in Palästina" betitelt. Ein Satz dieses Artikels aus berufener Feder führt uns die Tragik der jüdischen Bevölkerung in Palästina wohl am besten vor Augen: „Die Lage der Juden in Palästina ist heute schlechter als vor der Balfour-Deklaration.'4 Die traurige Lage der Judenschaft in Palästina, die Erinnerung an die Pogrome und an das jüdische Blut, das in Palästina so oft schon geflossen, das Schicksal der Juden, die in Palästina leben, und das Schicksal der Jugend, die ihr Heil noch immer in Palästina suchen will, sind wohl ernste Probleme, die das Judientum der Welt beschäftigen sollten. Man muß den Mut aufbringen, eine politische Idee zurückzustellen oder seine politische Ansicht zu ändern, wenn es gilt, der jüdischen Sache zu helfen. Das Blut jüdischer Märtyrer soll nicht umsonst geflossen sein. Es soll allen Juden die Pflicht auferlegen, ohne Haß und ohne Politik einzig und allein im Interesse der Gesamtheit das zu tun, was dem Judentum nützt, und ebenso geschlossen alles zu bekämpfen, was dem Judentum schadet. Wenn alle Juden diese Grundsätze auf das Banner einer geeinigten Judenschaft schreiben würden, so würden sie damit ein ewiges Licht zur Erinnerung an jene Juden entzündet haben, die für ihren Glauben und für ihre Ideen als Märtyrer gestorben sind. Dr. Ernst F e 1 d s b e r g. Was Österreich droht! (Von unserem deutschen Berichterstatter.) Das „Volk der Dichter und Denker" steht vor Neuwahlen. Man muß sich wirklich fragen, ob diese Bezeichnung, die einst auf die Deutschen geprägt wurde, noch immer ihre volle Gültigkeit hat. „Gedichtet" wird in diesem Wahlkampfe wohl viel — „gedacht" um so weniger. Ist es nicht kühnste „Dichtung", wenn ein Nationalsozialist in einer Wahlrede in Landsberg (Warthe) vor 800 Personen, Beamten, Akademikern und vielen Mittelständlern, ohne ausgelacht zu werden, versichert, daß die Nationalsozialisten am 14. September einen großen Wahlsieg erringen würden. Dann bekämen sie das Reichsinnen- und das Reichswehrministerium. Sie würden dann einen Parteitag in Berlin veranstalten, bei dem die Polizei sie zu schützen hätte und die Reichswehr vor ihren Führern in der Wilhelmstraße präsentieren müsse. Bei dieser Gelegenheit würden dann 500 ausgesuchte S. A.-Leute in den Reichstag geschickt; diese hätten ein Gesetz vorzulegen, wonach der Reichstag Adolf Hitler zum Reichskanzler mit Diktaturvollmacht ernennt. So käme man legal zur Macht. Wenn der Reichstag sich weigere, würde man erklären: ,Jhr habt Erfüllungspolitik getrieben, weil angeblich die Franzosen marschieren. Wenn ihr jetzt nicht erfüllt, dann marschiert die S A., die es ja viel näher hat als die Franzosen." Nach der Machtübernahme wird mit Reichswehr und Polizei regiert. Die S. A. wird auf dem Land und in den kleinen Städten eingesetzt, um dort die vielen demokratischen und jüdischen Misthaufen auszumisten. Phantasien eines Wahlredners, wird man sich sagen. Aber ist dieser nationalsozialistische

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