Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 33 (15.8.1930)
- Date
- 1930-08-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seue 5 Letzte Nachrichten aus Rumänien. Weitere Beunruhigung. Bukarest, 4. August (J. T. A.). Die Union rutnänischer Juden unterbreitete dem Staatssekretär im Innenministerium Victor C a d e r e eine Beschwerdeschrift, in der darauf hingewiesen wird, daß gegenwärtig in Cuvurlui, Alt-Rumänien, die antisemitische netze in einer gefährlichen Form überhand nimmt, ohne daß die Ortspolizei irgend etwas zur Bekämpfung der Hetze unternimmt. Cadere entsandte sofort den Siguranza- Inspektor Stefanescu nach Cuvurlui mit dem Auftrage, alle Maßnahmen zur Verhütung von Unruhen zu ergreifen und die Ortspolizei wegen ihrer Passivität gegenüber der antisemitischen Agitation zu maßregeln. Das Organ der Union rumänischer Juden „Cur i e r u I I s r a e 1 i t e" erhebt die schwere Anklage gegen die Regierung, daß sie bisher es unterlassen hat, Staatsbeamte zu maßregeln, die sich erwiesenermaßen in der antisemitischen Bewegung betätigten und Unruhen schürten Die Regierung, schreibt die Zeitung, verspricht den Juden Sicherheit und Schutz, aber was soll man von «inem solchen Versprechen halten, wenn bisher nicht ein einziger der in der antisemitischen Bewegung sich betätigenden StaatsbeamleneineStrafeerhielt. In Ry schkano wka, Bezirk Balti, wurde die jüdische Bevölkerung in Panik versetzt, als die antisemitischen Führer aus Balti, die Priester Rusu und Novitzki, eintrafen und die Bauernschaft zur Vernichtung der Juden aufforderten. Es trat Ruhe ein, als die Polizei •die beiden Agitatoren aus der Stadt verwies. Das antisemitische Organ „Universul" betreibt -weiter antisemitische Propaganda und behauptet, die JudenvonSuczawaraubendieBauernaus .und nehmen ihnen sogar ihre letzten Kleider für unbezahlte Schulden weg. Auch „Cuvintul" hetzt schan gegen die Juden. Die einflußreiche Zeitung „Dimineatza hingegen warnt das rumänische Volk vor dem Antisemitismus, der die jetzige Wirtschaftskrise verschuldet hat. Infolge der antisemitischen Unruhen, schreibt die Zeitung, werden die Auslandsbanken um die Sicherheit i h r e r Anleihen in Rumänien besorgt; denn Antisemitismus bedeutet Anarchie. Die Offiziere, Lehrer, Staatsbeamte, die darüber klagen, daß ihnen seit Monaten die Gehälter nicht ausgezahlt ■wurden, sollten sich, statt zu klagen, lieber zusammentun, um das Land von dem Antisemitismus zu reinigen. Das Land wird dann Kredite und sie die Gehälter bekommen. Bukarest, 6. August (J. T. A.). Die von der Regierung gegen die Behörden von Bereschti wegen Duldung der antisemitischen Exzesse eingeleitete Untersuchung ist nunmehr abgeschlossen. Es wurde festgestellt, daß die Ortsbehörden ihre Pflicht nicht getan haben; die schuldigen Beamten sollen alle ihres Amtes enthoben werden. Bukarest. 8. August (J. T. A.). Die rumänische Nachrichten-Agentur „Rador" verbreitet die folgende Mitteilung: Dem Innenministerium sind Informationen zugegangen, des Inhalts, daß ungeachtet der von der Regierung angeordneten scharfen Maßnahmen die antisemitische Agitation in vielen Städten der Bukowina fortdauert. Die Regierung hat deswegen spezielle Beamte in •die Bukowina entsandt, die die strikte Weisung erteilt haben, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um solchen Agitationen ein Ende zu bereiten. Das Innenministerium ermahnt alle Beamten, ihre Pflicht zu tun, und erklärt, daß jeder Beamte, der dieser Weisung nicht Folge leistet, seines Amtes enthoben werden soll. Die Zeitung „Adeverul" teilt mit, daß die antisemitische Bewegung nach einigen Tagen Ruhe wieder entfacht worden ist. Auf der Eisenbahnlinie Bukarest—Czernowitz werden die Passagiere von jungen Leuten mit Stöcken insultiert, in der Hauptstadt verteilen Huligans Druckschriften, die zu Aufruhr und Mord aufreizen. Die Zeitung fordert die Regierung zu einem vermehrten Aufwand von Energie gegen die Bewegung auf, damit diese •eines Tages sich nicht auch gegen die Staatsgewalt wendet. Brandstifter am Werk. M a r m aros-S z'i g et h, 12. August. Heute Nacht wurde die hiesige Synagoge, zugleich die g r ö ß t e Rumäniens überhaupt, in Brand gesteckt. Das.Feuer muß gelegt worden sein, denn bei den schwierigen Löscharbeiten war ganz merklich starker Petroleumgeruch zu spüren. Werden die antisemitischen Organisationen aufgelöst? Bukarest. 7. August (J.T.A.). Die rumänischen Zeitungen veröffentlichen die sensationelle Mitteilung, daß die Regierung beschlossen hat, die antisemitischen Studentenorganisationen „Eiserne Garde" und „Erzengel Michael" aufzulösen. Der Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur wandte sich an die zuständigen Stellen, um zu erfahren, ob diese Mitteilung richtig ist. Er wurde dahin informiert, daß die Regierung einen Beschluß, die antisemitischen Studentenorganisationen aufzulösen, bis jetzt noch nicht gefaßt hat, daß aber Justizminister Unian gemeinsam mit dem Staatssekretär des Innern Cadere eine Konferenz aller Chefs der politischen Polizei (Siguranza) einberufen hat, in der die Frage der Kleider sofort ■v ■ ■____.. ■ Herren- und Damenkleider nach Maß nnd fertig nur erstklassige Stoffe, bis 13 Monate Kredit Kleiderhaus Werter, Wien Xfl., Otlahrtngerstr. if Tei.A21.501 Auflösung der „Eisernen. Garde" und des »Erzengel Michael", Organisationen, die eine das öffentliche Leben störende Tätigkeit entfalten, erörtert worden ist Die Konferenz kam zu dem Schlüsse, daß beide Organisationen keine legale Erlaubnis für ihre Tätigkeit haben, es braucht also keines formalen Auflösungsbeschlusses, sondern es genügt, diese Organisationen als illegal zu erklären. Dieser Beschluß bedeutet soviel, daß die Regierung, wenn notwendig, jederzeit den Bestand dieser Organisationen als illegal erklären könne. Das Unterrichtsministerium veröffentlicht eine Bekanntmachung, wonach jeder Student, der an politischen Demonstrationen teilnimmt, aus der Universität ausgeschlossen wird. Helfen die Liberalen den Antisemiten? Bukarest, 7. August (J.T.A.). Es wurde festgestellt, daß das von Codreauu unterzeichnete antisemitische Manifest der „Eisernen Garde" in der Druckerei der Bukarester antisemitischen Tageszeitung „Universul" hergestellt worden ist, deren Chefredakteur Pope s c u dem letzten liberalen Kabinett Bratianu als Justizminister angehört hat Die Regierungspresse sieht hierin einen Beweis dafür, daß die Liberalen in der antisemitischen Bewegung ihre Hand im Spiele haben, um der nationalzaranistischen Regierung Maniu Schwierigkeiten zu bereiten. GOBELINS nach Gemälden berühmter jüdischer Halar erzaust Atelier ZAHRADNIK Wien V., Anzengruberflasse Nr. 30 Telephon U 40-9-17 Jüdis&elfkrentafeL Wien. Das Kuratorium der Frankfurter Uoethe-Preis-Stiftung hat beschlossen, dem Schöpfer der Psychoanalyse, dem berühmten Wiener Professor Siegmund Freud, den größten wissenschaftlichen und literarischen Preis Deutschlands, den mit 10.000 Mark dotierten Goethe- Preis, im Rahmen einer großen Feierlichkeit zu verleihen. Die bisherigen Träger des Goethe-Preises sind der Dichter Stephan George, der Theologe, Mediziner und Afrikaforscher Albert Schweitzer und der Kulturphilosoph Leopold Z i e g 1 e r. Man nimmt an, daß die Auszeichnung Prof. S. Freuds, der im 75. Lebensjahre steht und seine Ideen in rastloser, vierzigjähriger Arbeit schrittweise durchzusetzen gewußt hat, speziell mit Rücksicht auf seine letzten Werke, namentlich auf das Buch „Das Unbehagen der Kultur" erfolgt ist. — Prof. Freud, den die Wiener Fakultät lange übergehen zu können glaubte, findet also wenigstens im Auslande die ihm gebührende Anerkennung. Warschau. Dem gegenwärtig in Warschau weilenden polnischen Handelsattache iür Palästina und früheren jüdischen Deputierten Dr. Bernhard H a u s n e r wurde das Offizierskreuz des Ordens ,pclonia restituta" (wiedererstandenes Polen) verliehen. Das Handelsministerium veranstaltete zu Ehren Hausners einen Empfang, dem einige Mitglieder der Regierung und Vertreter der hohen Beamtenschaft aller Ministerien beiwohnten. Chikago. Der bekannte Chikagoer Philanthrop Solomon L. S u 1 z b e r g e r, ein Bruder von Cyrus Sulzberger, verstarb im Aller von 73 Jahren an Bord des Dampfers „Acquitania", wo er sich mit seiner Frau auf der Rückreise von Karlsbad befand. Solomon L. Sulzberger ist ein Onkel des Vizepräsidenten der „New York Times" und Schwiegersohns von Adolph S. Ochs, Arthur Hays Sulzberger. Mehr als 30 Jahre war der Verstorbene im jüdischen Wohlfahrtswerk Chikago* tätig. Er war Mitglied des Direktoriums der jüdischen Wohlfahrtsanstalten und Präsident des jüdischen Hilfsvereines von Chikago. Budapest. Dr. Emil Kecskemeti, Richter an der königl. Kurie (Oberster Gerichtshof) ist im 65. Lebensjahre gestorben. Er war ein glaubenstreuerJude. „Bürger zweiter Klasse." Die Juden in den polnischen Ostprovinzen. In dem Organ der polnischen Regierung „Gazeta Polska" veröffentlicht der Chef der Ostabfeilung im Innenministerium, Tadeusz Holubka, der zu dem engsten Kreise Marschall Pilsudskis gezählt wkd, einen bemerkenswerten Absatz über die Juden in den polnischen Ostprovinzen, in dem u. a. gesagt wird: „Meiner Ansicht nach haben die Juden in den Ostgebieten große Fortschritte in der Abschwächung ihres nationalen Separatismus und in der Vertiefung des polnischen Staatsgedankens gemacht Leider würdigen wir weder diese Erscheinung genug, noch auch die andere, daß die Juden in den größeren und kleineren Städten der Ostgebiete die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Russisch ist unter ihnen als Umgangssprache fast vollständig geschwunden. Die jüdische Jugend spricht untereinander polnisch oder JAHRZEIT- UCHTER Residenz — Columbia Garantiert ununterbrochene Brenndauer 30 Stunden ■»MANNA** Fabr. chemischer Präparate Wien II., Taborstrafle 22 — TeL R 40-6-14 jiddisch und hebräisch. Die polnische Presse, das polnische Buch und das polnische Theater werden immer populärer. Das bedeutet aber nicht daß die Juden sich assimilieren; das zeigt nur, daß die polnische Kultur bei ihnen gleichzeitig mit der eigenen — der jüdischen Kultur — immer mehr Verbreitung findet .... Wir iuhren eine zu primitive Politik gegenüber Juden der Ostgebiete. Wir verlangen von ihnen bloß Loyalität dem Staat gegenüber und diese Loyalität wird uns gewährt Und wenn auch der Kommunismus dort einen gewissen Einfluß hat, so beschränkt er sich bloß auf einen Teil der jüdischen Jugend. Diesem Eintluß muß entgegengetreten werden, aber nicht ausschließlich durch Unterdrückungsmaßnahmeu. Richtiger wäre es, sich der Strömungen innerhalb der jüdischen Bevölkerung zu bedienen." Holubka äußert sich nun über die zionistische und andere jüdischen Bewegungen in den Ostgebieten und schließt: „Die polnische Politik in den Ostgebieten müßte sich bemühen, uie Juden zu eine in aktiven Clement iür den polnischen Staat heranzubilden. Ohne Zweifel bedeutet das Gesetz über die Sonntagsruhe iür die Juden einen schweren Schlag. Der jüdische Handwerker kann nicht verstehen, warum man von ihm verlangt zweimal in der Woche zu feiern. In der Praxis führt das auch zum Bruch des Gesetzes über die Sonntagsruhe, und das ist sowohl für die Juden, wie für die Regierung nicht gut. Die jüdische Bevölkerung der Ostgebiete wird von der Wirtschaftskrise besonders schwer betroffen. Eine richtige Behandlung des jüdischen Steuerzahlers, Gewährung von Darlehen und Ermäßigungen würden sehr viel dazu beitragen können, die jüdische Bevölkerung iür die polnische Staatsidee zu gewinnen. Wir machen uns auch darin eines großen Fehlers schuldig, daß wir uns nicht bemühen, mit der jüdischen Intelligenz zusammenzuleben, unter der es eine große Zahl von Personen mit höherer Bildung giot. ts ist heute undenkbar, daß ein jüdischer Abiturient, der ein polnisches Staatsgymnasium besucht hat und die polnische Sprache ausgezeichnet beherrscht, einen Regieruogsposten, sei es auch nur als „Kanzelist", erhält oder in diesem oder jenem Regierungsamt angestellt wird. Das alles ruft bei den Juden eine tiefe Niedergeschlagenheit hervor und bringt sie zu der Ansicht, daß sie von der polnischen Gesellschaft als Menschen betrachtet werden, die irgendwie schlechter sind, als Bürger zweiter Klasse. Und doch handelt es sich darum, daß die Juden in den Ostgebieten nicht bloß passiv in ihrer Loyalität verharren, sondern warme Patrioten des polnischen Staates werden." —-——_ ■* Nietzsche und die Juden. Auszüge aus Nietzsches Schriften. Geamtnelt von Max Kozower. (Fortsetzung.) Band VII. Satz 52. Im jüdischen „Alien lestarnem , dem Buche von der göttlichen Gerechtigkeit, gibt es Menschen, Dinge und Reden in einem so großen Stile, daß das griechische und indische Schriftentum ihm nichts zur Seite zu stellen hat Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen ungeheuren Ueberbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war, und wird dabei über das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinseichen Europa, das durchaus gegen Asien den Fortschritt des Menschen" bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken haben. Der Geschmack am alten Testament ist ein Prüfstein in Hinsicht aui „Groß" und „Klein". Das neue Testament, eine Art Rokoko des Geschmacks in jedem Betrachte, mit dem alten Testamente zu einem Buche zusammengeleimt zu haben, als „Bibel", als „das Buch an sich": das ist vielleicht die größte «Verwegenheit und „Sünde wider den Geist", welche das literarische Europa auf dem Gewissen hat. Band IX. Absatz 75. Die jüdische Religion hat einen unsäglichen bchauder vor dem Tod; das Hauptziel ihrer Gebete, um langes Leben. (Im Sinne Nietzsches Lebensbejahung. Der Einsender.) Band IX. Absatz 76. Das Wohlergehen aut toten ist die jüdische Rehgionstendenz. Die christliche liegt im Leiden. Der Kontrast ist ungeheuer. Band IX. Absatz 77. Bei den Juden ein iNatioiiaijtutt. ein kämpfendes Volk mit einer Fahne: eine Sittlichkeitsrigorosität verkörpert. Strenge gegen sich selbst, imperativischer Gott (charakteristisch, daß er das Opiem des einzigen Sohnes verlangt). Tempeldiener, der auch verbeten kann, wird aufgenommen. Herren, die in einem westliche» Bezirke Wiens wohnen, bevorzugt. Offerte unter „A. B. 1930" an die Exp. d. Bl.