Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 33 (15.8.1930)
- Date
- 1930-08-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden betreuen konnte, wurde Haas dem Generalgouverneur vorgeschlagen und von ihm in die deutschpoJniscbe Verwaltung berufen. Ais deutscher Offizier und Verwaltangsbeamter hat er damit seinem Vaterlande ebenso genützt, wie er seinen Glaubensgenossen ein gerechter Anwalt war. Wenn es auch an Angriffen gegen ähn angesichts der parteimäßigen Zerrissenheit des innerjüdischen Lebens nicht fehlte*.) Als das alte Reich zusammenbrach, eilte Haas in die Heimat zurück. Hummel und er waren die Leute des Vertrauens der jungen. Gruppe, die von den Fronten zunuckströmten. Haas übernahm das Ministerium des Innern und zog in den badischen Landtag ein. Er wurde als Mitglied der neugegrün^ deten Demokratischen Partei auch Mitglied der Nationalversammlung und später des Reichstags. Er war bis vor wenigen Monaten der Vorsitzende der demokratischen Fraktion. Der unerwartet frühe Tod. der ihn von einer Krankheit erlöste, die den Rastlosen vollkommen aus jeder Tätigkeit entfernt hatte, hat hier eine Bresche geschlagen, die sich in kommenden deutschen Entwicklungskämpfen schmerzlich bemerkbarmachen wird. Er hat aus unserer Mitte einen Mann gerissen, der nicht nur dem Beruf, sondern der Berufung nach ein Anwalt des Rechts war, des deutschen Rechts und des Rechts der deutschen Juden auf ihr Deutschtum." „Unter Ablehnung zionistischer Anschauungen erblicke ich im deutsch enJudentume.eine historisch gewordene Gemeinschaft, die dem deutschen Volksganzen wertvolle Dienste leistet. Das deutsche Judentum darf nicht aus Gründen des Rechts und der Gerechtigkeit, sondern auf Grund seiner wertvollen wirtschafdichen Leistungen, die endliche Durchführung der Gleichberechtigung in der Praxis verlangen. Ehrenpflicht eines jeden deutschen Juden ist es, gerade im Hinblick auf die mannigfachen Kränkungen und Zurücksetzungen, jiicht nur die Zugehörigkeit zum Judentum e zu bewahren, sondern für seine Gleichberechtigung und soziale Hebung zu arbeiten." Das war Ludwig Haas' gelegentlich einmal festgelegte und stets beobachtete Einstellung zum Judenproblem, eine Einstellung, die als die einzig mögliche und zweckmäßige allen Nationalisten zum Trotz anerkannt werden muß. _ Der Anteil der Juden an der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung Wiens. Von Immanuel Rubin. IL Die Wiener Salons. (Fortsetzung.) Die Tochter der Fanny Arnstein Henriette, die sich 1802 mit Heinrich Pereira vermählte, der später zum Freiherrn ernannt wurde und die Erlaubnis zur Führung des Namens „Pereira-Arnstein" bekam, da die Familie des Barons Arnstein in männlicher Linie ausgestorben war, spielte eine ähnliche Rolle in der Gesellschaft, wie ihre Mutter, der sie an Schönheit und Bildung nicht nachstand. Das Haus Pereira-Arnstein wird gleichfalls ein geistiges und gesellschaftliches Zentrum Wiens, eine Tatsache, die sogar der Antisemit Adolf Bartels in seiner berüchtigten Literaturgeschichte erwähnen muß. Grillparzer, Karoline Pichler. Theodor Korner, aber auch Feldmarschall Radetzky werden als Gäste dieses Hauses genannt. Es ist ganz lustig zu lesen, wie sich die Wiener Adelskreise zur Heirat Henriettens mit einem Juden stellten. Wir dürfen ja nicht vergessen, daß Henriette, abgesehen von ihrer Schönheit, sehr reich, also eine besonders gute Partie war. Gentz schreibt am 27. August 1804 seinem Freund Brinkmann, „daß Henriette durch ihre Ehe mit einem Juden, wenn auch die Pereiras zu den vornehmsten Judenfamilien gehören, tief in der öffentlichen Meinung gesunken ist." *) Aus Warschau wird dem „Berliner Tageblatt" über diese Tätigkeit des Dahingegangenen geschrieben: Das Ableben des Reichstagsabgeordneten Dr. Haas hat in weiten Kreisen der polnischen Hauptstadt reges Mitgefühl hervorgerufen. Der Verstorbene war fast drei Jahre während der deutschen Besetzung am Generalgouvernement als Chef des schwierigen und wichtigen Dezernates „Angelegenheiten der jüdischen Re5 i gion s ge m e i n Schaf t" im Amte. In dieser Zeit leistete er dauernde Kulturarbeit, die er mit großem Takt durchführte: Aus seiner Initiative heraus entstand das Verwaltungsstatut für die Kultusgemeinden in Polen, die bis dahin nach Gewohnheitsrecht vielfach chaotisch administriert wurden. Diese Gemeindeverfassung ist noch heute gültig und von der polnischen Regierung als mustergültig anerkannt worden____ Haas hat nicht nur vom grünen Tisch aus gewirkt, sondern auch die Stätten größter Amraut der von ihm betreuten Bevölkerung aufgesucht und Not und Elend gelindert. Dem Schulwesen galt seine besondere Aufmerksamkeit. Er hatte gegen große Widerstände der damaligen obersten Verwaltungsbehörden zu kämpfen, die die Probleme seines Dezernats in allzu schneidiger Weise lösen und entwirren wollten. Er verstand, für deutsche Art auch im Kriege Sympathien zu erwecken. Gentz übertreibt vielleicht aber etwas wird bestimmt daran wahr sein; denn daß die jungen Adeligen über die gute Partie, die ihnen da entgangen war. böse waren, ist begreiflich. Der bedeutendste Salon nächst dem der Arnsteins war der der Baronin Eskeles. Sie war etwas später nach Wien gekommen als ihre Schwester Fanny und es gelang auch ihr bald, sich Ansehen zu verschaffen. Ihr Haus war keine Konkurrenz des Hauses Arnstein, sondern eine äußerst wertvolle Ergänzung. Wohl nahm hier die Hausfrau nicht jene überragende Stellung ein, aber was ich über die Pracht der Veranstaltungen und über die illustren Gäste des Hauses Arnstein gesagt habe, müßte ich an dieser Stelle trotzdem nur wiederholen. Gentz zählt uns in seinen Tagebüchern all die berühmten Leute auf, die bei Eskeles häufige Gäste waren. Von Metternich und Sedlnitzky angefangen, fehlt niemand. Baronin Eskeles starb 183b und ist gleichfalls am Währinger Friedhof begraben. Ein drittes großes Haus war das des Leopold Edden von Herz, eines Neffen des Barons Arnstein. Sein Name ist deswegen von Bedeutung, weü Herz lange Zeit den Bankier Metternichs war, der ihn auch gewaltig bevorzugte. Herz führte die englisch-österreichische Subsidiarauszählung in den Befreiungskriegen durch. Gewaltiges Aufsehen erregte es, daß Lord Wellington, als er zum Kongreß nach Wien kam, seinen ersten Besuch — bei Herz machte. Gentz, der auch anwesend war, nennt als Gäste, außer Wellington und Metternich, Lord Casuereagh, Lord Clancurthy, Fürst Taileyrand, Prinz Wenzel Liechtenstein u. a. Dorothea Schlegel, die Tochter Mendelsonns, empnug wanrend ihrer Anwesenheit in Wien alle geistigen Größen dieser Stadt in ihrem Haus. Ich habe schon im letzten Artikel erwähnt, daß nach dem Wiener Kongreß die Salons überhaupt an Bedeutung verlieren, aber allmählich erobern sie ihre alte Stellung und wiederum ist es ein jüdisches Haus, das an der Spitze steht. Josef, später Ritter von Wertheimer, der im sozialen Leben Wiens eine große Rolle spielt, öffnet sein Haus allen Einheimischen und Fremden. Grillparzer, Frankl, Lorm, Laube, feuchtersieben und viele, viele andere kommen oft und gerne. Nach der Revolution dauert es wohl eine Weile, bis normales Leben eintritt, aber dann taucht ein neuer Stern in Wien auf, Josefine von Wertheimstein, die ein würdiges Gegenstück zu Fanny war. Doch von der Nachrevolutionszeit in einem anderen Zusammenhang. Viele werden wohl den Namen Rothschild vermissen, da doch Baron Salomen Rothschild schon seit 1820 in Wien wohnte. Er führte aber kein so großes Haus; denn seine Frau und seine Tochter waren wenig in Wien. Dafür veranstaltete er glänzende Diners. Fünsän Melanie Metternich, die Gemahlin des Staatskanzlers, ist von seiner Küche ganz begeistert. Sie schreibt am 25. Jänner 1836 in ihr Tagebuch: „ich speiste um 5 Uhr bei unserem Freund Salomon Rothschild. Graf und Gräfin St. Anlaire, die Maitzahn, die alte Fürstin Maria Eszterhazy, die Fürstin Paul und Rosa, die Chorimsky, Sedlnitzky, Clemens (ihr Mann) und ich wohnten diesem Diner bei, das vortrefflich war. Rothschild hat einen berühmten französischen Koch, gS UFA-TON-KINO i W I n II., Tibenlrali S Telephon R 42-3-41 Die Spitzenleistung der Tonfilmknnst Das Med Oer Freiheit mit John Bol«s, dem Caruso des Tonfilms 5 nuilanen Harn nerslellawtSMMten. 8000 mtiwlrhendc Der Millionenfilm für die Millionen. Beginn der Vorstellungen: 7,6, »/48 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr und es waren natürlich für ihn seine kleinen Extraschüssel 11 neben die großen gestellt Seine Wohnung im „Römischen Kaiser" ist sehr hübsch und passend. Wertheimstein und Goldschmidt machten zum Teil die Honneurs. Rothschild besitzt eine prächtige Antiquitätensammlung, die er uns zeigte. Wir sahen auch die Kassa Rothschilds, ohne Zweifel der schönste Teil des Hauses. Sie enthält, gegenwärtig zwölf prächtige Millionen." Es gab noch eine ganze Reihe bedeutender jüdischer Salons in Wien. Doch es kommt mir nicht darauf an, jeden einzelnen Namen zu erwähnen, sondern nur mit Hilfe der wichtigsten Namen die Bedeutung dieser Häuser zu kennzeichnen. In einem später erscheinenden Buch werde ich jeden einzelnen Salon, der außer den schon erwähnten eine Rolle spielt, berücksichtigen. Ich glaube aber, daß bereits jetzt der bedeutende Anteil der jüdischen Salons an der Förderung des geistigen Lebens in Wien klar bewiesen ist. Die Juden ließen sich diese Förderung ,abcr auch viel Geld kosten. Der Polizeibericht, meldet am 15. Jänner 1812: „Schlegel wird von Baron Liebenberg fortdauernd mit großen Beträgen unterstützt." Fanny-Arnstein gehört zu den Gründern der Gesellschaft der Musikfreunde; ihr Gemälde ist noch heute dort zu sehen. Die Familie Liebenberg unterstützt den Maler Schnorr durch bedeutende Aufträge. Josef v. Henikstein ist als Förderer Beethovens bekannt. Henikstein selbst ist sehr musikalisch. Seine Hauskonzerte sind in Wien berühmt. Die Juden förderten aber nicht nur alle geistigen Bestrebungen, sondern begannen sich allmählich selbst "schriftstellerisch zu betätigen. Im nächsten Kapitel will ich nun die bedeutendsten Schriftsteller der Vormärzzeit würdigen. (Fortsetzung folgt.) Siegfried Wagners Kampf für Bayreuth. Mitten während der glanzvollen Bayreuther Festspiele ist Siegfried Wagner, der große Erbe Bayreuther Tradition, gestorben. Die künstlerische Leistung Siegfried Wagners zu werten, ist hier nicht der Ort, wenngleich Siegfried Wagner selbst gelegentlich in Briefen der Ansicht Ausdruck gab, daß die geringe Anerkennung, die sein musikalisches Schaffen in der Oeffentlichkeit gefunden hat, auf einem Vorurteil der „jüdischen" und der „demokratischen" Presse beruhte. Wie wenig gerechtfertigt diese Anschauung Siegfried Wagners war, zeigt ja am besten die Tatsache, daß zahlreiche Juden zu den Besuchern Bayreuths auch in einer Zeit gehörten, als Bayreuth stark unter völkischem Einfluß stand. Dieses völkische Bayreuth ist mit dem Hause Wahnfried in der Oeffentlichkeit zum Teil identifiziert worden. Siegfried Wagner hat gegen diese Anschauung seit Jahren gekämpft. Nach den Festspielen im Jahre 1924 wurde vom Hause Wagner aus der Wunsch nach einer politischen Entspannung laut Bei den Festspielen 1925 spielten die Dollarspende an Ludendorff, Hakenkreuze, die selbst das Haus Wahnfried beschmierten, häßliche judenfeindliche Lieder, die auf den Straßen verkauft und öffentlich gesungen wurden, der Festspielführer, der im Sinne einer politischen Streitschrift aufgezogen war, eine unerfreuliche Rolle. Um diese politische Entspannung herbeizuführen, vermittelte damals' der Impresario Siegfried Wagners, dessen Bekanntschaft mit Dr. Bruno Weil, dem stellvertretenden Vorsitzenden des „Central-Vereines", und nach längeren Verhandlungen schrieb Siegfried Wagner an Dr. Bruno Weil im Februar 1925 nachstehenden, für die Oeffentlichkeit bestimmten Brief: „Ich nehme gern Bezug auf die zwischen Herrn Michel und mir und die zwischen Ihnen und mir stattgehabten Besprechungen. Es liegt mir sehr am Herzen, daß die diesjährigen wie alle kommenden Festspiele in Bayreuth, losgelöst von jeder Tagespolitik, stattfinden, und daß sie im Geiste der Stifter lediglich dem hehren Zwecke der Kunst zu dienen bestimmt bleiben. Von meiner Seite ist alles geschehen, um sicherzustellen, daß die'Bayreuther Tage frei von jedem politischen Einschlag bleiben, und es wird jeder, welchen Glaubens und welcher Abstammung er auch sei, in Bayreuth willkommen sein, der dort Erbauung und Erhebung finden will. Niemand braucht besorgt zu sein, daß irgendwelche Vorfälle unangenehmer Art sich abspielen. Sagen Sie das all Ihren Freunden und verwenden Sie diese Erklärung in der Weise, die Ihnen geeignet erscheint, um die Anteilnahme all derjenigen, denen Bayreuth am Herzen liegt, zu erhöhen und erneut zu wecken. Gerade in den Zeiten der Not des deutschen Vaterlandes ist es erforderlich, daß alle gut gesinnten und wahrhaften Patrioten sich frei von kleinlichem Parteigeist in der Pflege der großen deutschen Kulturgüter zusammen finden." Siegfried Wagner hat, da die Gerüchte von der völkischen Einstellung des Hauses Wahnfried immer wieder auftauchten, noch häufig Gelegenheit gesucht, seine persönliche Vorurteilslosigkeit in der Presse aller Länder bekanntzugeben. So schrieb er am 19. Jänner 1926 in einem Brief an Dr. Weil: „Es wird das Gerücht verbreitet, daß der Bayreuther Bund der Deutschen Jugend, den Herr Otto Daube ins Leben gerufen hat und der im Sommer einige Aufführungen von zweien meiner Opern veranstaltet (in Weimar), antisemitische Tendenzen habe ... Ich teile Ihnen nun mit, daß kein Wort daran wahr ist. Herr Otto Daube, ein ruhiger, vernünftiger Mensch, weiß, daß er mir den schlimmsten Dienst tun würde, wenn er irgendwelche politischen Tendenzen verfolgt. Es liegt auch seiner Natur ganz fern, ich habe lange mit ihm über die Frage gesprochen, und er teilt vollständig meine Ansicht. Es ist doch wirklich bedauerlich, daß immer wieder gewühlt und gehetzt werden muß. Hält man mich denn für so verlogen, daß ich an einem Tage .so spreche und dann gleich darauf das Gegenteil tue?" Und noch am 20. Mai dieses Jahres schrieb Siegfried Wagner an Bruno Weil und bat ihn, einem Artikel im „Jewish Chronicle" entgegenzutreten, der die Behauptung aufstellte, daß Siegfried Wagner ein warmer Freund Hitlers sei. Siegfried Wagners Erben haben eine große künstlerische Aufgabe fortzusetzen. Hoffen wir, daß sie es in dem überparteilichen Geiste Siegfried Wagners tun werden.