Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-08-15 · Heft 33 (15.8.1930) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 33 (15.8.1930)
Date
1930-08-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064178--18018-3083005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

iTtmfi 1&&BBCX*X± Maarig* — —m '»: DIE WAHRHEIT Srifra terview: „Entgegen. allen Zeitungsnachrichten err kläre ich kategorisch, daß sich die nationalzaranistische Regierung des vollen Vertrauens derKrone erfreut und die Regierungsarbeit fortsetzen wird. Sie wird mit allen Mitteln Ruhe und Ordnung im Lande erhalten und die Sicherheit alier Bürger garantieren. Sie wird gegen verbrecherische Agenten und überhitzte Elemente einzuschreiten "wissen." Das Vertrauen der Krone wird wohl nicht gar so unerschüttert sein, wenn man es erst in Zeitungsinterviews „kategorisch" \pmämmääääAAAäääjkäAäAääääääää± feststellen muß; das Vertrauen des Auslandes aber wird so lange nicht wieder hergestellt sein, solange man nicht von wirklich energischen Maßnahmen der Regierung gegen die antisemitischen Mord- und Brandbuben hört, Maßnahmen, die nicht nur die momentane Pogrombewegung unterdrücken, sondern auch eine Gewähr für eine sichere Zukunft bieten. R. D. | Ludwig Haas. \ HerrenHaß-Scboelderel mmm braunes Wien II., Praterstraße Nr. 21 Gegründet 1900 Telephon R 41-6-64 empfiehlt sich zur Anfertigung eleganter Herren - Garderoben Orig. englische Stoffe Erstklassige Ausführung stets lagernd Massige Preise ZatilHOgs-erlelciiteranaen Das am 2. August in Karlsruhe erfolgte Ableben des deutschen demokratischen Führers Ludwig Haas, dessen wir in der „Jüdischen Ehrentafel" der letzten Nummer unseres Blattes gedachten, hat die republikanischen Kreise Deutschlands in schwerste Trauer versetzt. Sie alle, nicht nur. die ihm politisch Nahestehenden verlieren in ihm einen großen Mann, der sich unvergängliche Verdienste um das deutsche Vaterland erworben hat. Ihnen allen hat Reichsinnenminister Dr. Wirth, das führende Mitglied des katholischen Zentrums, aus dem Herzen gesprochen, als er „dem toten Freunde Ludwig Haas" in der „Vossischen Zeitung" einen warmen Nachruf widmete, in dem der deutsche Katholik von dem deutschen Juden sagte: Ludwig Haas war für den neuen Volksstaat nicht nur Mahner, Künder und Vorkämpfer, in seinem Herzen lagen auch die Qualitäten jener menschlichen Güte und Vorurteilslosigkeit, die in dem erbittertsten politischen Gegner noch den Menschen sahen. So war er allerzeit in den schweren Kämpfen der Nachkriegszeit der berufene Mann, nach links und rechts zu vermitteln. Darum dürfen mit uns das gesamte republikanische Deutschland und alle, die die Idee eines sozialen Staates aufrichtig im Herzen tragen, um den großen Patrioten trauern. Aber auch für die deutschen Juden ist Ludwig Haas viel zu früh dahingegangen. Wahrlich, sein Name gehört in die „Jüdische Ehrentafel" der Chronik jener bedeutenden Männer, in denen die Synthese zwischen heißer Vaterlandsliebe und treuer Anhänglichkeit an das Judentum sich herrlich vollzieht. Diese Synthese, oft und oft geleugnet von engstirnigen Nationalisten in beiden Lagern, sie besteht, sie hat in dem toten Ludwig Haas — wie in so vielen anderen ehrbewußten und guten .luden aller Länder — klassischen Ausdruck gefunden; darum wird auch sein Tod von unseren .lüdischnationalen — totgeschwiegen. . Ludwig Haas war als deutscher Jude im Centrai-Verein beheimatet, dessen Hauptvorstand er seit Jahren angehörte; Herkunft und Werdegang führten ihn mit Selbstverständlichkeit dorthin. Auch in den Jahren verantwortungsvoller politischer Arbeit in leitender Staatsstellung, in führender parlamentarischer Tätigkeit war er stets mit dem Central-Verein im Einklang. Um die Pole von Heimat und Volkstum kreiste Ludwig Haas' Denken beim Reden und Schreiben, wenn es für seine deutschen Glaubensbrüder geschah. Zu diesem Thema schrieb er in der Hauptversammlungsnummer des Centrai- Vereines am 25. März 1926: „Die Liebe zur HeimatisteinfachstesNaturgefühl... Wir verzweifeln nicht, wir wissen, daß in kranken Zeiten die jüdische Minderheit immer einen schweren Stand hatte. Wir verzweifeln aber auch deshalb nicht, weil Mut, Glaube und Treue uns eine Erbschaft vergangener Generationen ist." Der „Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat also mit dem so vorzeitig erfolgten Ableben des deutschen Juden Ludwig Haas einen schweren Verlust erlitten. Die „C. V.-Zeitung" widmet denn :;uch den Hauptteil ihrer letzten Nummer dem Andenken von Ludwig Haas. Männer wie Georg Bernhard, von Kardorff, Dr. Karl Schreiner, Dr. Rudolf Breitscheid geben ein prächtiges Charakterbild des verstorbenen republikanischen Führers. Der Nachruf Georg Bernhards, des bekannten deutschen Publizisten, sei hier vollinhaltlich wiedergegeben: . ..■■■■■■■■■■■■UMIIIIIUIIIIIMIIIII*UIINIIIIHW***>HIIIHIWHIU I Behördl. autor. Häuseradministration : i ADOLF KRALL! IV ■i Schleif mühlgasse 11 Telephon B 29-1-46 empfiehlt sich zur Übernahme von Verwaltungen Erstklassige Referenzen *¥TTT¥lFT7VTTlftif?MiffTtifFtfTffTVt „Mit Ludwig Haas hat das Deutschtum und gleichzeitig das Judentum einen seiner allerbesten Repräsentanten verloren. In kaum einem anderen war die Synthese von deutsch und jüdisch so echt und so vollkommen. Und nichts war natürlicher, als daß Ludwig Haas bei Ausbruch des Weltkrieges freiwillig zu den Fahnen eilte. Genau wie ein anderer Jude, der bis dahin ihm im politischen Kampf gegenüberstand, wie Ludwig Frank. Das Schicksal der beiden sollte so verschieden ausfallen! Frank fiel in den ersten Tagen, bei Baccarat von einem sinnlasen. Schuß in den Kopf getroffen. Haas kam heil durch die stürmischen Tage von Flandern. Was man wenige Monate vorher kaum für möglich gehalten, was selbst im Kriegsbeginn noch immerhin selten war: der Jude von den badischen Leibg.renadieren erhielt das Eiserne Kreuz I. Klasse und wurde Offizier. Später sind es viele geworden. Recht viele wurden es auch snäter nicht, weil selbst die Beispiele der Franks und Haas', die nach Tausenden zählten, manche Rassenschnüffler nicht belehren konnten. Und doch hat gerade Ludwig Haas dem Versöhnungsgedanken in dem Maße gedient wie kaum ein anderer. Dazu war er besonders geeignet um seiner Liebenswürdigkeit willen. Er war Hebenswürdig und liebenswert. Eine geschlossene männliche Persönlichkeit. Dabei weich, entgegenkommend, versöhnend und stets zur Versöhnung bereit. Er betonte sein Judentum, und wir anderen achteten seine deutsche Männlichkeit. Die Frontgeneration aller Parteien hat ihn als den Ihren betrachtet. Und in den wüstesten Scheltreden der extremen Nationalisten war immer noch etwas von Respekt vor dem tapferen Juden in deutscher Uniform zu spuren. Ganz als den Ihren betrachteten ihn die Kameraden vom Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Sie haben seinem Grabe die Ehrenwache gehalten. Sie haben ihm oit zugejubelt, wenn er in ihren Versammlungen sprach oder als Mitglied des Reichsausschusses bei den Vorbeimärschen im Kreise der Führer stand. Er trug dte Windjacke und die Reicbsbannermiitze nicht bloß als äußeren Schmuck. Ihm war es um die Verteidigung der Republik im Innern genau so ernst, wie ihm die Verteidigung des Vaterlandes in Flandern und in Frankreich eine heilige Sache gewesen war. In früher Jugend hatte sich Haas der Politik in die Arme geworfen. In der Umgebung der P a y e r. S o n n em a n n. Hausnva im und V e n e d e y war er politisch reif geworden. Als Stadtrat in Karlsruhe arbeitete er praktisch an der Ausgestaltung der demokratischen Ideale. Emsig agitatorisch tätig, überallhin willig lolgend. wohin man ihn rief, um für die freiheitliche bache zu kämpfen. Als nach der Okkupation Polens für die Verwaltung des Landes jemand gebraucht wurde, der nicht bloß mit Rat und Tat, sondern auch mit dem Herzen die Angelegenheiten der zahlreichen polnischen titelt „Das Leben Jesu nach jüdischen ..Quelle n" veröffentlicht. Dieses ist indes nur eine kleinere Forscherarbeit und will nichts anderes sein als Rohmaterial für andere große Arbeiten. Es verhält sich damit ähnlich wie mit den gewissen italienischen Erzählungen, aus welchen dann Shakespeare große Tragödien gestaltet hat Oder wie mit Julius von Seh'ossers Quellenstudien für die Kunstgeschichte. Bisher schöpfte man alles auf Jesus Bezughabende, von den wenigen viel bezweifelten Stellen in Josephus Flavius abgesehen, aus den vier Evangelien. Diese sind, wie allgemein bekannt und wie oben erwähnt, voneinander sehr abweichend, so zwar, daß man die ersten drei, die von Matthäus, Marcus, Lucas nur synoptisch, also gleichzeitig lesen kann. Allen gemeinsam ist aber, daß sie in Mystik gehüllt sind, derentwegen in neuerer Zeit wiederholt Zweifel auftauchten, ob Jesus überhaupt gelebt habe, wie das vor mehreren Jahren erschienene Buch Drews: „Hat Jesu gelebt?"' beweist, oder auch Georg Brandes' „Die Jesus-Sage ', der ihn mit dem Schweizer Nationalhelden Wilhelm Teil vergleicht, der ja auch nie existiert habe. Nun denn, nach Klausners Buch werden die Zweifel hinfort verstummen: durch seine große, geradezu epochale Arbeit wurde Jesu aus dem ihn umgebenden mystischen Nebel herausgehoben und als historische Persönlichkeit der Geschichte einverleibt. Vor etwa 40 Jahren war in Wien ein Bild des mssischen Künstlers Werestschagin ausgestellt, der Jesus "mit den Schmachtlocken dargestellt hatte. Es erregte hier unter der Geistlichkeit eine so große Entrüstung, daß es rasch zurückgezogen werden mußte. Der besonders taktvolle Klausner schildert Jesus zwar nicht als einen Pajesjuden, wohl aber rückt er ihn uns näher, indem er ihn gleichsam als einen chassidischen Wunderrabbi darstellt. Den Wesijuden sind diese Art Rabbinnen nur vom Hörensagen bekannt. Um so mehr aber unseren Glaubensgenossen im Osten. Als ich einst von Krakau wieder wegfahren wollte, war vor dem abgangsbereiten Zug ein Gewimmel von Kaftanleuten, „Was ist da los?" Ein Wunderrabbi ist im Begriffe abzureisen und seine zahlreichen Anhänger kamen, um sich von ihm zu .verabschieden. Jeder von ihnen, ob Greis oder Jüngling, drängte sich zum Wagen, um den verhältnismäßig noch jungen Mann, zu dem alle wie verklärt emporblickten, die Hand zu drücken. In diesem Moment wurde mir klar, daß es einen Jesus in Wirklichkeit gegeben haben mochte. Wenn diese Oehirnmenschen da, diese Rationalisten, diese haarscharfen Logiker, auch noch in unseren Zeiten zu einem anderen Menschen, wegen seines talmudischen Wissens, seiner Urteilskraft, seiner außergewöhnlichen Art der Schrittatislegung, seines Edelsinnes wegen, wie zu einem höheren Wesen emporblicken, warum sollte dies nicht auch vor 1900 Jahren möglich gewesen sein?! Wenn ich je bedauerte, daß mir der Talmud wie ein Buch mit sieben Siegeln verschlossen ist, so diesmal bei der Lektüre dieses Buches von Klausner. Denn gewährt es schon unsereinem einen großen Genuß, wie erst den Talmudkennern! Der Autor hat es sich wahrlich nicht leicht gemacht. Er hat zur Stützung seiner Argumentationen, oft sogar nur zur Erklärung unklarer Worte und Silben, die gesamte, kolossal umfangreiche einschlägige Literatur herangezogen, nicht nur das alte Testament, den Talmud und die Evangelien, sondern als moderner Gelehrter auch die griechischen und lateinischen Klassiker der Geschichtsschreibung, ferner deutsche, französische, englische und italienische Werke. Dieses tiefe Schürfen bei strenger, objektiver WissenscbaftHchkeit, dieses enorme Wissen und die bergkristallklare Sprache, worin es uns vermittelt wird, sie werden ganz besonders den christlichen Theologen imponieren, aber zweifellos auch den jüdischen Gelehrten gewaltigen Respekt einflößen. Und nun möchte ich nur einige wenige Stellen der hier besprochenen zwei Bücher miteinander vergleichen. So wdt dies bei zwei so heterogenen Geistesprodukten möglich und zulässig ist Bei Ludwig ist nicht gut motiviert, warum Jesus stets die größeren Städte mied, warum er in den letzten Tagen seines Lebens Todesahnungen hatte. Die Erklärung hierfür finden wir bei Klausner. Jesus mied die großen Plätze, weil er daselbst die Obrigkeit fürchtete, und er hatte Todesahnungen, weil ihm das Schicksal seines unmittelbaren stets vor Augen Vorgängers Johannes des Täufers schwebte. Dagegen sagt unserem Empfinden Ludwigs Erklärung Judas' Verrat mehr zu als die Klausnerische. Nach dem ersteren wollte Judas durch seinen Verrat den passiven Jesus zur Handlung drängen: er soll beweisen, daß er der Messias ist, daß ihm Gott in der höchsten Gefahr beisteht Nach Klausners Zeugnis entschloß sich Judas zum Verrat, als er erkannte, daß er einen falschen Messias vor sich habe, und nach dem Gebot „Du sollst das Böse aus deiner Mitte vernichten" fühlte er sich gleichsam verpflichtet, diesen „Betrüger" lier Obrigkeit auszuliefern. Auch in bezug auf Pilatus besteht zwischen den zwei Autoren ein diametraler Gegensatz. Bei Ludwig ergreift Pilatus die Partei Jesu; er tritt den Anklägern wiederholt entgegen und möchte Jesu am liebsten laufen lassen. Im übrigen schildert Ludwig den Pilatus mehr als eine indolente Natur. Ganz anders Klausner. Dieser meint, daß die jüdischen Priester Jesu zweifellos für einen Aufwiegler hielten, ohne seine besondere geistige Natur zu erkennen, und da wegen solcher Aufwiegler das Volk von Seiten Roms viel zu erdulden hatte, so hätten die Priester nur bona fide ihre Pflicht erfüllt, wenn sie durch Auslieferung Jesu das Volk vor der Rache des grausamen Pilatus schützen wollten, „der nur nach einem Vorwand suchte, um die Macht Roms und die Nichtigkeit der jüdischen Autonomie in allen politischen Angelegenheiten stets von Neuem darzittuit". Diese Erklärung belegt Klausner mit drei Stellen aus Josephus „Jüdischem Krieg". Schon diese wenigen Zitate geben eine Vorstellung von der Großartigkeit des Klausnerischen Buches. Kein Wunder, daß es trotz seiner Wissenschaitlichkeit, also seiner Bestimmung für einen engeren Leserkreis, schon mehrere Auflagen erlebte, die hebräische Urausgabe, deren vier, die englische bereits deren sieben, und es ist unschwer vorauszusagen, daß auch die deutsche und französische Ausgabe in zahlreichen Auflagen erscheinen werde. Freundschaftliche gri;S-.-rd Ihr Alt-Aussee, im Juli 1930. Thecdor Ehrenstein. >' \ M ' V % 4 £> i< H ' il V * f ■t I? .'I ■»;■ Hilf •*!'•. 1 'II. «'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.