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Die Wahrheit · 1930-08-15 · Heft 33 (15.8.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 33 (15.8.1930)
Date
1930-08-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEH Ruhe vor dem Sturm. (Von unserem rumänischen Korrespondenten.) In seinem letzten Berichte hat der Sonderberichterstatter der „Wahrheit" aufgezeigt, wie bedrohlich noch immer die Lage der so schwer geprüften rumänischen Juden trotz aller Sicherungsmaßnahmen der Regierung ist Er hat an Hand von Aeußerungen hervorragender rumänischer Politiker und Publizisten bewiesen, daß für den Herbst schon mit Rücksicht auf die Parlamentswahlen eine große antisemitische Kampagne geplant ist, die vielleicht alles bisher Dagewesene noch übertreffen wird. Vorderhand herrscht wohl im ganzen Lande Ruhe, aber man darf diesen Waffenstillstand getrost als „Ruhe vor dem Sturm" bezeichnen. Denn dieser Zustand der Ruhe ist nur ein momentaner, bedingt eben durch die Aktionen der Regierung, der man eine plötzlich erwachte, gewisse Energie nicht abstreiten kann. Sie tut jetzt wirklich alles, was in ihren — allerdings sehr schwachen — Kräften steht Sie hat eben große Schulden der Vergangenheit und Gegenwart gutzumachen, insbesondere der Innenminister Vaida-Voevod muß sich von schwerem Verdachte reinigen. Die angesehene Bukarester Tageszeitung „V i 11 o r u 1" erhebt gegen ihn, der jetzt auch das Außenministerium leitet, die furchtbare Anklage, daß er aus den Fonds des Außenministeriums bedeutende Geldsummen zur Unterstützung der antisemitischen Bewegung ausgebe. Bei jeder Gelegenheit, schreibt „Vittorul", verteile der Minister unter antisemitische Agitatoren, die ihn besuchen, größere Geldbeträge, damit sie die antisemitische Agitation intensiver betreiben können. Obwohl „Vittorul" das offizielle Organ der zur Regierung in Opposition stehenden liberalen Partei ist, auf die bekanntlich alle Schuld abgeschoben wird, wird die Meldung dieses Blattes in politischen Kreisen sehr ernst genommen. Die Zeitung „D i m ineatza" fordert den Minister auf, sich zu der Mitteilung des „Vittörul" präzise und eindeutig zu äußern. Ob Herr Vaida-Voevod das tun wird? Er wird sich hüten, denn die jetzt besonders regen Antisemiten sind noch immer stark genug, ihm das Leben so sauer wie möglich zu machen. Wohl sitzt Zelea Codream, der Führer der „Eisernen Garde", hinter Schloß und Riegel — die Verschiebung des gegen ihn und sieben seiner Anhänger für vergangenen Donnerstag anberaumten Prozesses hat große Enttäuschung hervorgerufen —, dafür ist der berüchtigte Professor Cuza wieder unermüdlich tätig; er bereist das ganze Land, um überall antisemitische Kongresse abzuhalten. Aus J a s s y, wo die von ihm geschaffene christliche Liga eine Konferenz abhielt, hat er ein Telegramm an König Carol gesandt, in dem gegen die Unterdrückung der antisemitischen Bewegung protestiert und Versammlungs-, sowie Aktionsfreiheit für die Antisemiten gefordert wird. In einer Resolution der christlichen Liga wird erklärt, daß das Land für die Liga ist Es wurde beschlossen, daß sich die Liga an den kommenden Parlamentsw'ah 1 en beteiligen und in allen Wahlbezirken eigene Kandidatenlisten aufstellen soll; durch einen gut organisierten Wahlfeldzug will die Liga die Macht im Parlament erobern. Der Empfänger dieses unerhörten Drohtelegrammes, König Carol, befindet sich wahrlich in keiner beneidenswerten Lage. Auf der einen Seite stürmt, wie man sieht, die Meute der Rassenantisemiten auf ihn ein, auf der anderen Seite erkennt er, daß eine weitere Duldung der Pogrome seinem Lande — insbesondere in der Achtung des für Rumänien jetzt besonders wichtigen Auslandes — uneinbringlichen Schaden verursachen würde. Dieses Ausland und — sagen wir es ruhig — die ausländischen Juden, die Innenminister Vaida-Voevod in direkt erpresserischer Weise um Kredithilfe angeschnorrt hat, sind nun sehr auf der Hut. Die Berichte über die furchtbaren Geschehnisse in dem Pogromland Rumänien haben das Weltgewissen erweckt Die Besuche von Vertretern angesehener ausländischer jüdischer Korporationen mehren sich und die dabei gesammelten Erfahrungen sind für Rumäniens Geltung sicherlich nicht vorteilhaft. Morris D. Waldman, der Sekretär des American Jewish Committee, der während der letzten zwei Monate zweimal in Rumänen geweilt eine Anzahl der von den letzten antisemitischen Exzessen betroffenen Orte persönlich besucht und eine grundlegende Prüfung der jüdischen Lage in Rumänien angestellt hat, gab z. B. gegenüber einem Vertreter der jüdischen Telegraphen-Agentur in Berlin eine Erklärung ab, die in der Feststellung gipfelte, daß die in der Presse erschienenen Berichte über antisemitische Exzesse in Rumänien durchaus nicht übertrieben seien, und daß die Regierung für die Exzesse veranwortlich ist, weil sie nicht rechtzeitig die antisemitische Agitation, aus der eine rapid um sich greifende Anarchie hervorwuchs, unterdrückt hat. Die Beobachtungen des Herrn Waldman sind nicht nur darum von Bedeutung, weil sie auf einer außerordentlich sorgfältigen Prüfung aller einschlägigen Tatsachen beruhen, sondern auch darum, weil er eine der bedeutendsten jüdischen Körperschaften in den Vereinigten Staaten, das American Jewish Committee, vertritt, dessen Präsident bekanntlich (als Nachfolger des verstorbenen. Louis M a r s h a 11) Herr Dr. Cyrus A d I e r ist und dem ferner bedeutende Repräsentanten des jüdischen Lebens in den Vereinigten Staaten, wie z. B. Julius Rosenwald, Felix M. Warburg, der Vizegouverneur von New York Colonel Herbert H.Lehman und Richter Abraham A. E1 k u s angehören. Das Statement des Herrn Morris D. Waldman besagt in seinem wichtigsten Teile: „Bei den Presseberichten über die antisemitischen Exzesse in Rumänien handelt es sich weder um Uebertretbungen, noch um Entstellungen. Die Exzesse waren zweifellos hervorgerufen und organisiert durch antisemitische Agitatoren, die in der Bauernschaft, obwohl diese normalerweise ihren jüdischen Nachbarn gegenüber freundlich eingestellt ist, infolge der agrarischen Depression einen fruchtbaren Boden für ihre Propaganda fanden. Ich bin überzeugt, daß diese Exzesse, die Rumäniens Prestige und Kredit ernstlich beeinträchtigen, sich nicht ereignet haben würden, hätte nicht die Regierung gewisse Studenten-Organisationen und sogenannte patriotische Kongresse unterstützt und hätte sie nicht gezögert, die illegale antisemitische Propaganda zu unterdrücken. Das Innenministerium, dem die Polizei untersteht, und das Kultus-undUnterrichtsministerium, das Studenten, Lehrer und Priester kontrolliert, tragen eine besondere Verantwortung. Die Ordnung ist gegenwärtig wieder hergestellt und die letzten energischen Maßnahmen der Regierung deuten darauf hin, daß die Regierung sich endlich vergegenwärtigt, daß die zahlreichen antijüdischen Manifestationen des letzten Jahres, die sie als sporadisch, geringfügig und harmlos anzusehen vorgab, rapid zu einer um sich greifenden Anarchie führten." Anarchie und Kreditschädigung, diese beiden Mißstände bedrohen also das Land des jungen Königs; da muß er eingreifen, soll seine Herrlichkeit nicht bald ein Ende haben. Schon hört man, daß König Carol den Ministerpräsidenten Maniu verantwortlich für weitere antisemitische Ausschreitungen gemacht habe. Maniu erklärte wohl in einem der Kiauseriburger Zeitung „Patria" gegebenen In- &tuilfcton Bächer über Jaden und von Juden. Lieber Herr H.! Binnen kurzem nehme ich wieder meine Berufstätigkeit auf, weshalb ich für diesmal nur noch zwei Bücher besprechen werde, und zwar die zwei neuesten Werke über Jesus; betitelt: „Der Menschensohn" von Emil Ludwig und „Jesus von Nazar e t h" von Josef Klausner. An einem und demselben Thema versuchen sich hier zwei verschieden geartete jüdische Geister, ein Literat, also ein Künstler und ein Forscher, also ein Gelehrter. Beide bieten schier Unübertreffliches und beide stellen alles auf diesem Gebiete bisher Hervorgebrachte in Schatten. Welche Sensation erweckte seinerzeit das „Leben Jesu" von Ernst Renan, von diesem Theologen und Professor am College de France, der Jesum nicht als überirdisches Wesen, sondern als Weltmenschen schildert, wie er wirklich mochte gelebt haben! Die Kühnheit selbst seine Liebe zur Maria von Magdala zu beschreiben, kostete ihn seine Professur. Aehnlich erging es dem deutsch-protestantischen Gelehrten David Friedrich Strauß, der in seinem „Leben J c s ir" die Evangelien so behandelt, als wären sie bloß den alttestamentlichen Vorstellungen vom Messias nachgedichtet worden. Nun erscheinen jetzt, einige Generationen später, wieder zwei Jesuswerke, eines davon wieder Produkt der Phantasie, das andere wieder Frucht mühsamer Forschung. Wie sehr aber hat sich seither das Blickfeld verschoben! Jetzt setzt sich der Forscher, unser Forscher, die Darstellung des historischen Jesus zum Ziel, während der Künstler, unser literarischer Künstler, Jesus Gestalt gleichsam greifbar, hauptsächlich aus den so mystisch gehaltenen, keine zeitliche Reihenfolge einhaltenden, voneinander vielfach abweichenden, oft sogar sich widersprechenden vier Evangelien selbst rekonstruiert! Da Kunst und Wissenschaft zwei verschiedene Kategorien sind, müssen wir jedes dieser zwei Werke für sich betrachten. Zunächst das Kunstwerk. Zwar hat der Autor selbst eine andere Meinung davon: seine Schrift soll, meint er in seiner Ansprache an den Leser, allen, die Jesus für eine erfundene Gestalt halten, dessen Realität und Menschlichkeit beweisen. Es hat gar nichts auf sich, daß dein Autor der Beweis der Wirklichkeit, der Geschichtlichkeit Jesu nicht gelungen ist. Selbst seine wunderbare Intuition oder die Gabe, in* die Dinge zu schauen, war dafür nicht zulänglich. Was ihm gelungen ist, das ist eine Gestalt, von der jeder Leser sagen wird, so kann, so muß der wahrs Jesus beschäffen gewesen sein! Denn geradezu seherisch ersinnt Ludwig, allerdings mit dichterischer Freiheit, die Situationen zu den vielen, gleichsam jedem Kinde geläufigen Aussprüchen, Sentenzen, Gleichnissen Jesu, nicht etwa eine Situation, zum Beispiel zur ganzen Bergpredigt (Matthäus-Evangelium, Kapt. 5, 6. 7). sondern zu jedem einzelnen Satz dieser Predigt, ebenso wie zu den in den anderen Evangelien angeführten Aussprüchen Jesu. Bei jedem derselben frug sich der Autor, was muß dem vorangegangen sei, was diesen Ausspruch bewirkt hat, und was muß darauf gefolgt sein. Durch die Gabe der Einfühlung, er nennt es in seiner Vorrede „Kenntnis menschlicher Konflikte und Hemmungen, Entschlüsse und Triebe" konnte er die Materie chronologisch so ordnen, daß daraus eine Art Biographie resultierte, obschon der Zeitraum vom Hervortreten Jesus aus dem Dunklen ins helle Tageslicht öffentlicher Wirksamkeit bis zu seinem Tod nur etwas über ein Jahr währte. Auf einzelne Details werde ich noch weiter unten zurückkommen. Hier will ich nur noch erwähnen, daß der Autor in dem Vorspiel „Jerusalem" und in den fünf Kapiteln „Berufung", „Botschaft". „Verdunklung", „Kampf". „Leiden" sechs grandiose Bilder entrollt, die literarisch auf keinem niedrigeren Niveau stehen, als die an verschiedenen Stellen eingefügten reprodutierten 15 einschlägigen Rembrandtschen Handzeichnungen auf künstlerischem Niveau stehen. Ueberauslebensvoll ist die Schilderung von Jesu Einzug in Jerusalem, die Vertreibung der Händler und Wechsler vom Tempelhof, packend das Verhör und tief ergreifend und erschütternd das Ende. „Der Menschensohn" ist zweifellos Ludwigs bestes Werk. Wenn seine übrigen Werke trotz ihrer Riesenauflagen schon längst vergessen sein werden, wird dieses bleiben und selbst die meistgelesenen Bücker der Gegenwart überdauern. Was der Verfasser des „Menschensohn" nicht vermochte und was auch noch niemand vor ihm konnte, das brachte Joseph Klausner mit seinem „J e s u s von N a z a r e t h zuwege, nämlich die Schilderung des historischen Jesus. Bisher klaffte in der Jesus- Literatur eine große Lücke. Alle jene Schriftsteller und Gelehrte, die sich mit diesem Gegenstande bisher befaßten, waren Christen und behandelten den Stoff von christlichem Standpunkte, obschon Jesus und seine Anhänger, dfe Aposteln, Juden waren und das ganze Milieu, worin er lebte und webte, jüdisch war. Nun zum erstenmal unternahm es ein jüdischer Forscher, Geschichtsprofessor an der hebräischen Universität in Palästina, daher ausgerüstet mit profundestem „judischen" Wissen, sich in die Materie zu vertiefen, um Jesu Wirken und Streben, Leben und Tod mit jüdischen Forscheraugen zu betrachten und zu schildern. Klausner sieht in ihm einen Lehrer (Rabbi), wie es deren in Palästina vor 19 Jahrhunderten viele gab. Die beste Quelle zur Erforschung von Menschen dieser Art ist der Talmud, der, wenn auch noch nicht ganz abgeschlossen, schon dazumal existierte. Nicht allein, daß im Talmud des Jesus wiederholt Erwähnung geschieht, ist dieses umfangreiche Geistesprodukt wohl die einzig© Stelle, wo die religiösen und geistigen Strömungen im damaligen Judentum am zuverlässigsten und erschöpfendsten zu erfassen sind, und eben vom Talmud nahm Klausners große Arbeit ihren Ausgangspunkt. Zwar, ganz originell ist diese Idee nicht, hat doch schon vor ihm unser Professor K r a u s s ein Buch b&-

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