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Die Wahrheit · 1930-08-15 · Heft 33 (15.8.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 33 (15.8.1930)
Date
1930-08-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische (Dockens ic tbahrhei Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden' und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 15. August 1930 Nummer 33 Schach dem Nationalismus! Am 10. August d. J. wurde in Prag die 4. Weltkonierenz der Union der Zionisten- Revisionisten eröffnet. Der Führer der Revisionisten Jabotinski hielt einen Vortrag über das Thema „Die Krise im Zionismus und die Aufgaben der zionistischen Bewegung". Wie aus den Blättermeldungen zu entnehmen ist, bezeichnete Jabotinski als das Ziel des Zionismus die Schaffung einer jüdischen Mehrheit in Palästina. Diese Forderung sei nicht Maximum, sondern nur das Minimum dessen, was der Zionismus mit allen Mitteln zu erreichen versuchen müsse. Fast gleichzeitig hören wir aber, daß auf der letzten Tagung der arabischen Exekutive ein Programm entwickelt wurde, das in den Worten gipfelte: „Mehr Zusammenarbeit mit den übrigen islamitischen Ländern auf panislamitischen Linien, ferner ein Pakt mit den christlichen Nationen gegen die Jude'n." Ein Mitglied der arabischen Exekutive forderte die sofortige Einberufung des 8. palästinensisch-arabischen Kongresses und führte hierfür als Argument ins Treffen, der 7. Kongreß habe die jetzige Exekutive gewählt und ihr den Auftrag gegeben, ein Parlament durchzusetzen. Darin habe die Exekutive versagt. Der 8. Kongreß müsse iordern, daß die N i c h t z u s a.m m e narbeit mit der englischen Regierung und der beharrliche Ungehorsam nach dem Muster der anderen Orientländer beschlossen und proklamiert werde. Auf der einen Seite fordern also Juden die Zurückdrängung der Araber, welche die überwiegende Majorität der Bevölkerung Palästinas bilden, auf eine Minderheit und auf der anderen Seite schließt sich diese arabische Volksmasse zusammen, um einen energischen Stoß gegen die Juden, die gegenwärtige Minderheit der Bevölkerung in Palästina zu unternehmen. Englands Politik, die im eigensten Interesse das Aufbauwerk in Palästina gefördert hat,1 wird von den Arabern offen bekämpft und die Araber werden aufgerufen, nach bewährtem indischen Muster, den Ungehorsam gegen die englische Regierung als eine heilige Sache zu proklamieren. Jeder Jude, der diese politischen Kämpfe in Palästina verfolgt, der sich mit den wirtschaftlichen Fragen dieses Landes ein wenig befaßt hat, muß wohl darüber nachdenken, in welche Situation die palästinensische Judenschaft gebracht wird, zu welchem Ende die politische Taktik der Zionisten einerseits und der Araber anderseits führen muß. Jüdische Mitglieder der vor kurzem in London stattgefundenen Konferenz der interparlamentarischen Union haben dem britischen Kolonienminister ein Memorandum überreicht, in dem es unter anderem heißt: „Die Unruhen im August 1929 bedeuteten für die Juden, die Vorfälle solcher Art unter der britischen Flagge niemals für möglich gehalten haben, einen schweren Schlag. Am allerwenigsten hätten wir Juden erwartet, daß Juden, die versuchten, ihre Familienangehörigen gegen Gewalt und Mordanschlag zu verteidigen, durch englische Behörden entwaffnet werden würden. Auch heute sind wir hinsichtlich der Lage der Juden in Palästina nicht beruhigt. Die jüdische Arbeitereinwanderung ist suspendiert worden, weitere Einschränkungen der jüdischen Tätigkeiten in Palästina sind angekündigt worden. Diese Handlungen haben in der gesamten jüdischen Welt einen Zustand der Ungewißheit und der Beunruhigung geschaffen, der dazu angetan ist, die jüdische Arbeit in Palästina ernstlich zu schädigen. Beiträge und weiteres Investierungskapital fließen natürlich nicht zu, wenn die Zukunft unserer Arbeit in Frage gestellt ist.'" Das Vertrauen, das die Zionisten in Englands Politik gesetzt hatten, ist erschüttert. Es muß sich allmählich die Erkenntnis durchringen, daß England zwar nicht antisemitisch eingestellt, aber praktisch an der Errichtung eines jüdischen Nationalheimes in Palästina nur insolange interessiert ist, als es seine Politik .im Orient als zweckdienlich erachtet. Niemals wird England der jüdischen Nationalpolitik zuliebe seine Vormachtstellung gefährden, niemals wird England der jüdischen Politik zuliebe den ohnedies bestehenden, aus den Freiheitsideen geborenen Haß der Araber gegen England weiter zu schüren versuchen. Ghandi und seine Anhänger wurden in die Kerker geworfen und doch mußte England, den Freiheitsbestrebungen der Inder Rechnung tragend, sich bereit erklären, mit Ghandi zu verhandeln, um ihm weitere Konzessionen zu machen. Die arabische Exekutive fordert die Schaffung eines Parlamentes in Palästina. England wird in irgendeiner Form es den Arabern ermöglichen müssen, an der Verwaltung Palästinas mittätig zu sein. Damit wird aber Hand in Hand eine Zurückdrängung der jüdischen Politik gehen müssen, da die Araber nie und nimmer zugeben werden, daß der Grund .und Boden, auf dem sie nunmehr einmal bodenständig geworden sindj ihnen genommen, daß sie selbst im Lande zurückgedrängt werden und einem Volke Platz machen, deren Ahnen vor fast 2000 Jahren vertrieben und über die Welt zerstreut wurden. Das Rad der Geschichte läßt sich die Wucht seiner Schwungkraft nicht durch willkürliche Eingriffe in die Speichen hemmen, es dreht sich vielmehr unaufhaltsam fort und so werden auch unsere Nationaljuden lernen müssen, daß man die Geschichte eines Landes nicht auf Kongressen maßgebend bestimmen könne. Während die Judenschaft Palästinas einen verzweifelten Kampf um ihre „rechtlich gesicherte1" Heimstätte führt, ringt die Judenschaft unseres großen Nachbarreiches mit einem gefährlichen Gegner, dem die nationalen Ideen eines Teiles der Judenschaft Oel sind, das in das lodernde Feuer des Antisemitismus gegossen wird. In diesen Tagen jährte sich zum elftenmale der Tag, an dem Deutschland seine Verfassung erhielt, die auf der Kraft des Volkes, auf den Ideen der Gleichheit und auf dem Streben nach innerem Frieden aufgebaut wurde. Stolz sollen wohl alle Juden sein, daß der Vater dieser Verfassung ein Jude — Dr. Hugo Preuß — war, der zur Zierde der gesamten Judenschaft der Welt diese Verfassung zu vertreten die Ehre hatte. Und diese Verfassung, iür die der Jude Rathenau gefallen ist, soll nun in den Grundfesten erschüttert werden. Nationalistische, von wildem Haß gegen alles Jüdische getragene Parteien haben die Absicht, die bevorstehenden Reichstagswahlen dazu zu benützen, um der deutschen Verfassung den Stempel ihrer Ideen aufzudrücken. Der Antisemitismus in Oesterreich hat in den letzten Monaten an Kraft gewonnen. Auch in Oesterreich wird bei den künftigen Wahlen sich jeder Jude besorgt fragen müssen, ob nicht jene Elemente an Macht gewinnen werden, die in ihrem Haß gegen alles Jüdische sich würdig an ihre deutschen Brüder reihen. Kann man es in diesen für uns Juden im Morgen- und im Abendlande so schweren Zeiten verantworten, durch nationalistische jüdische Bestrebungen mitgeholfen zu haben, die Lage der Juden zu verschlechtern? In zwölfter Stunde sollte doch im Herzen der jüdischen „Idealisten" die Erkenntnis dämmern, daß es gilt, zusammenzustehen im Kampfe gegen jene reaktionären Elemente, die in dem jüdischen Prügelknaben ihr bestes Propagandamittel zu finden hoffen. AlleJuden, diein Oesterreich nationalistische Separatpolitik betreiben, fördern den Rassen-Antisemitismus und helfen Gleispach und Konsorten bei ihren von mittelalterlichen Ideeu getragenen Anschlägen gegen die Errungenschaften der Demokrat i e. Dr. Ernst Feldsberg. Urphali begnadigt Jerusalem, 7. August. (I. T. A.) Die Palästinaregierung teilt in einen) am 7. August herausgegebenen Communique mit, daß der High Com missioner die Begnadigung des vom Jaffaer Gericht zum Tode verurteilten Juden Joseph Urphali ausgesprochen hat. Die Todesstrafe wurde in eine 10jährige Gefängnisstrafe umgewandelt. Das Jaffaer Gericht hat das Todesurteil gegen Joseph Urphali ausschließlich auf Grund von arabischen Zeugen ausgesprochen, die bekundeten, daß Urphali während der Augustunruhen gegen Araber mit einer Waffe aufgetreten ist. In einer später fortgeführten Untersuchung haben britische Polizisten Urphali stark entlastet, das Oberste Gericht hat sich trotzdem zu einer Kassierung des Urteils nicht entschließen können. Unter der palästinensischen Judenheit ist die Ueberzeugung von Urphalis Unschuld allgemein. Es sind Bestrebungen im Gange, eine Wiederaufnahme des Prozesses zu erreichen.

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