Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 32 (8.8.1930)
- Date
- 1930-08-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Ül£ WAHRHEIT Der Klagemauer-Konflikt — eine arabische Finte. London, 1. August. Die Jüdische Telegraphen-Agentur veröffentlicht einen Bericht des britischen Palästina-Komitees über den Klagemauerstreit. Darin wird die Frage aufgeworfen, woher denn das Geld für die umfangreiche arabische Propaganda stamme und Zweifel darüber geäußert, daß dieses Geld ausschließlich von den Moslims innerhalb und außerhalb Palästinas herrühre. Uebrigens war der Versuch, die Empfindungen der Moslims außerhalb Palästinas in Wallung zu bringen, nur zum Teil erfolgreich. Die Kundgebungen aus den mosiemitischen Ländern ließen allzu sehr die Mache und die Dirigierung von einer Zentralstelle aus erkennen. Die moslemischen Delegierten aus anderen Ländern waren enttäuscht, denn sie waren gekommen, um die Heiligen Stätten zu verteidigen, und nun mußten sie feststellen, daß diese fern jeder Gefahr und daher einer Verteidigung gar nicht bedürftig sind. Die arabischen Versuche, aus diesem rein religiösen Streitpunkte eine die ganze Mandatspolitik aufrührende politische Frage zu machen, enthüllen die wahren Ziele derarabischen Agitation. Der Streit wegen des Rechtes auf Gottesdienst vor der Klagemauer reicht in die Zeit vor dem Mandat zurück und hat mit dem Mandat nichts zu schaffen. Der Versuch der Araber, die Mandatsfrage in diesen Streit hineinzuziehen, ist (neben den vielen anderen Beweisen, die die Shaw-Kommission eigentümlicherweise ignoriert hat) ein Beweis mehr dafür, daß die Araber diesen Streit lediglich zu dem Zweck erneuert haben, um die Gefühle der Moslems gegen die Juden aufzustacheln und der Erfüllung des Mandates Schwierigkeiten in den Weg zu legen. ___ Die Unversöhnlichkeit der Araber. Der Bericht der Londoner arabischen Delegation. Jerusalem, 29. Juli, J. T. A. Die arabische Delegation, die bekanntlich vor einigen Monaten nach London gegangen war, um dort die arabische Sache zu vertreten, hat nun der arabischen Exekutive einen ausgearbeiteten Bericht übermittelt. In dem Bericht werden Ausmaß und Methoden der zionistischen Propaganda in Europa dargestellt und die Errichtungeinesarabischen politischen Büros in London gefordert. Der Bericht schließt wörtlich: Die Araber kennen ihre ernste Pflicht und schätzen die ungeheuren Gefahren richtig ein, die daraus entstehen, daß die britische Regierung ihre Politik fortsetzt. Aber die Nation wird nicht weiter mit verschränkten Armen ihrem Untergang zusehen, sondern alle gesetzlichen Machtmittel benutzen, um sich selbst zu schützen. Totenfeier für die hingerichteten Araber. Jerusalem, 28. Juli, J. T. A. Obwohl die Palästina-Regierung die Erlaubnis zur Abhaltung religiöser Feiern mit politischem Charakter am 40. Tag nach der Hinrichtung der drei Araber verweigert hat, erließ die arabische Exekutive einen Aufruf, in dem die Hingerichteten alsMärtyrerdargestellt werden, die Bcrüdfsiditigcn sie bei Ihren Einhänfen unsere Inserenten! wahrend des Sommeranfeiitnalfes ihrer rroo erhalten sie f onaa. Mittagn. ADenflüsdi streng ups zn DOrgertichen Preisen Ii., Praierstraße Nr. 33 (Neben dem Carl-Theater) EISEN & HÖNIGSBER SELCH WA RENFABRIK|ANTEN mit Lächeln auf den Lippen und glaubenerfülltem Herzen als Vorkämpfer für Freiheit und Unabhängigkeit, frei von jeder Schuld, in den Tod gegangen seien, als Opfer des Imperialismus, der Angriffe Landfremder und einer räuberischen Politik. Nach einer langen Sitzung am letzten Freitag beschloß die arabische Exekutive, die religiöse Feier in der Moschee von Acco als halbpolitische Gedenkfeier abzuhalten. In Safed verlief der Freitag ruhig. Die Polizei hatte umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Wird Joseph Urphali begnadigt'werden? Jerusalem, 1. August, J. T. A. Das Gericht zweiter Instanz hatte wohl das Todesurteil gegen Joseph Urphali bestätigt aber einen Gnadenakt empfohlen. Nachdem nun das Privy Council, die oberste Appelationsbehörde des britischen Reiches, die Berufung gegen dieses Urteil aus formalen Gründen abgelehnt hat, wird Sir Boyd Merriman an den High Commissioner, dem die letzte Entscheidung zusteht, ein Gnadengesuch richten. Die arabische Zeitung „El J am e a e 1 Arabia", die nach Rache ruft, schreibt: „Nachdem die Regierung drei unglückliche Araber hat hinrichten lassen, erfordert es die Gerechtigkeit, daß auch Urphali hingerichtet wird, leider der einzige von den jüdischen Mördern, der zum Tode verurteilt worden ist." Die Londoner Welttagung des Liberalen Judentums. Vom 19. bis 22. Juli versammelten sich zum zweiten Male in London Vertreter des liberalen Judentums aller Länder auf der Tagung der World Union for Progressive Judaism. Mit besonders starken Delegationen waren Amerika und Deutschland und die englischen Gastgeber selbst vertreten; andere Länder hatten nur einen oder mehrere Vertreter entsandt. Vier Tage hindurch wurden die Probleme erörtert, die das liberale Judentum der Welt vor allem interessieren: der Kampf gegen die religiöse Indifferenz vieler Kreise, vor allem der Jugend, und die Erneuerung des Judentums in Anpassung an modernes Denken und Empfinden. Auf der die Konferenz eröffnenden Sitzung überbrachte als Führer der deutschen Delegation Rechtsanwalt Heinrich Stern die Grüße des deutschen Liberalismus, der in der World Union ein sichtbares Symbol liberal-religiösen Einheitswillens erblickt. Obwohl im Weltverband die verschiedensten Richtungen miteinander arbeiten, gebe es doch trotz der Verschiedenheit des Weges eine Gemeinsamkeit des Zieles, die vor allem herausgearbeitet werden müsse. Wichtige Neuerscheinung! I -mnp I ä In unserem Verlage erscheint soeben: 1 MACH SO R g (Fastgebste für die hohen Feiertage) :mit vollständigen: ungekürztem Text, mit einer neuen Uebersetzung von Prot Dr. Jakob B r o n n e r, Wien. 2 Diese neue Uebersetzung zeichnet sieb vor allen anderen, S -bisher vorhandenen durch ihren modernen Stil und 9 ihre Klarheit aus. Der Name des Uebersetzers bürgt £ für deren Zuverlässigkeit und Gründlichkeit. Sowohl der hebräische als auch der deutsche Text (Latein- J schritt) ist in klarer, schöner Type auf vorzüglichem 0 holzfreien Papier gedruckt und sorgfältigst korrigiert. Der Machsör eignet sich auch vorzüglich für Geschenkzwecke und soll in keinem jüdischen Hause fehlen! Preis in 2 Leinenbänden S 7.— ,4 „ S 10.- „ 4 Lnxusbänden - - S 14«— Zn beziehen durch die Verlagsbuchhandlung JH. Salzmann S Wien II., Grefte Schiffgasse 'Nr. 4 Telephon R 27-6-71 W i t : : Nachdem auch Vertreter anderer Länder zu Worte gekommen waren, wurde eine Reihe grundlegender Referate über das Judentum und die Gottesidee im Lichte des modernen Denkens gehalten. Zum Höhepunkt der Veranstaltung wurde eine öffentliche Kundgebung, bei welcher der bekannte Schriftsteller Edmond Fleg (Paris) und der deutsche Nobelpreisträger Professor Richard Willstätter (München) besonderes Interesse fanden. Professor Willstätter fand begeisterte Zustimmung mit der Feststellung, die Menschheit empfinde viel zu wenig Reue über diesen Krieg, in dem es nur Besiegte gegeben habe. In den seschäitlichen Sitzungen wurden soziale Probleme, Fragen der Jugendarbeit und Liturgie, vor allem als brennendstes Problem die Bekämpfung der religiösen Indifferenz erörtert Als wichtigstes Ergebnis für die Praxis des Alltages ist eine Resolution hervorzuheben, welche die Konferenz auf Anregung des Weltverbandes jüdischer Frauen beschloß. Das Präsidium des Weltverbandes wurde neu gewählt; als Präsident wurde der um das Zustandekommen der Weltkonferenz so außerordentlich verdiente Dr. Claude G. Montefiore (London), als deutsche Vertreter wurden in das Präsidium Rechtsanwalt Heinrich Stern und Rabbiner Dr. Caesar S e 1 i g m a n n wiedergewählt. Die Konferenz fand ihren Abschluß in einer von Dr. Hugo Hofimann (Frankfurt a. M.) geleiteten Jugendtagung, in der der Vorsitzende selbst, Fräulein Hilde Lachmann-Mosse (Berlin) und Fräulein Betty Markus (Berlin) und mehrere ausländische Delegierte über die jüdisch-liberalen Jugendorganisationen der einzelnen Länder und über die religiöse Weltanschauung der Jugend berichteten. In der anschließenden Diskussion kam der Wille der versammelten Jugendvertreter nach Zusammenschluß der jüdisch-liberalen Jugendorganisationen aller Länder zur gegenseitigen Förderung und Unterstützung zum Ausdruck. Es wurde einstimmig beschlossen, das Präsidium des Weltverbandes zur Bildung einer jüdischliberalen Weltorganisation der Jugend aufzufordern. Die Konferenz hat bereits bestehende internationale Beziehungen vertieft, neue angeknüpft und allen Delegierten Anregungen und Belehrungen vermittelt Man mag zu der liberalen Richtung stehen, wie man will; jeder wird eine die Teilnahmslosigkeit bekämpiende Tätigkeit in den religiösen Fragen unserer Gemeinschaft nur begrüßen können. Glossen. i Man konnte mit wohlbegründetem Interesse in jüngster Zeit auf Aeußerungen hervorragender Männer über die völkische Rassentheorie hinweisen. Wen sollte es gleichgültig lassen, wenn ein Dr. Seipel vom wissenschaftlichen Standpunkte aus die Lehren der Rassenschnüffler in ihrer ganzen Nichtigkeit enthüllt, wenn ein Thomas Mann sein niederschmetterndes Urteil in die Worte kleidet, diese völkische Afterwissenschaft sei in ihren Konsequenzen „kulturwidrig und absurd"? Diesen so beachtenswerten Stimmen gesellten sich neuerdings zur bitteren Pein der hakenkreuzlerischen Studenten, die sich anmaßend als die Gleispach-Garde an der Wiener Universität aufspielen, bedeutende Männer des deutschen Schrifttumes, die für die Brandmarkung der völkischen Rassentheorie in ihrer Schärfe unverfälschte deutsche Worte finden. Hermann Hesse scheint die Absicht gehabt zu haben, als Ergänzung zu den Verdikten im Namen der Wissenschaft und der Kultur, sein Votum nur mit Rücksicht auf Vernunft und Menschlichkeit zu notieren. In seiner Zuschrift an die Wiener „Sonn- und Montagszeitung", erklärte er: „Als Freund von Vernunft und Menschlichkeit stehe ich der völkischen' Rassentheorie verständnislos und ablehnend entgegen." Das ist kurz gesagt. Aber schließlich enthält es doch nicht weniger, als auch vom Standpunkt der Wissenschaft und der Kultur aus über diese Sache zu sagen wäre. Da die hakeukreuzlerischen Gelehrten, vereint mit ihrer ignoranten Gefolgschaft, aus der Rassentheorie ein Politikum machen, dürften sie in Hermann Hesses Bekenntnis, gerade wegen seiner Kürze, das gegnerische Programm erblicken, dem mit einem Programm von der gleichen Prägnanz entgegengetreten werden muß. Jeder wird es ihnen glauben, wenn sie laut verkünden: „Wir verabscheuen die Rücksichten, die Hermann Hesse in Fragen der Rasse nimmt." Ein Märchen: In späteren Zeiten wird vielleicht ein Wiener Kulturhistoriker seinen erstaunten Zuhörern erzählen: Denkt euch, es war einmal eine Zeit, in der an einer deutschen Universität einer der berühmtesten Lehrer gelegentlich eines Jubiläums Ehren und Auszeichnungen aus allen Teilen der zivilisierten Welt erfuhr, wie sie noch wenigen deutschen Männern seiner Generation erfuhren. Und diese Ehren waren alle veT-