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Die Wahrheit · 1930-08-08 · Heft 32 (8.8.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 32 (8.8.1930)
Date
1930-08-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Das Wirken der Juden in der Oeffentlichkeit. Von Dr. Karl Steiner. Man kann wahrlich von uns Juden im allgemeinen nicht behaupten, daß wir allzu bescheiden sind. Es ist vielleicht geradezu ein Grundzug unseres Wesens, daß wir einen unwiderstehlichen Drang nach Betätigung und! Wirksamkeit haben. In uns schlummern mehr oder minder Energien, die frei werden wollen. Der Jude will hervortreten, sich aus der Masse erheben, sich auszeichnen, er besitzt die gewiß nicht tadelnswerte Eigenschaft brennenden Ehrgeizes. Auch Juden greifen vielfach in die Sphäre des Idealen. Dieser Charakterzug ist um so verständlicher und begreiflicher, als die Juden jahrhundertelang, eingesperrt im Dunkel des Ghetto, ab- und ausgeschlossen vom Lichte und Geiste der weiten Welt, ein eng begrenztes Leben führten. Aber selbst in den finsteren Zeiten des Mittelalters und der weiteren Unfreiheit der späteren Jahre gab es Juden, welche das lodernde Licht allgemeinen, nicht bloß eines auf das Studium der Heiligen Schrift und sonstiger jüdischer Werke gerichteten Wissens in sich einsogen und sich Kenntnisse und Fähigkeiten erwarben, die sie nicht allein über die Masse ihrer jüdischen Brüder, sondern auch über die Masse der sie umgebenden Völker erhoben. Schon damals gab es hervorragende jüdische Aerzte. die selbst an den katholischen Höfen der spanischen Könige als Leibärzte fungierten, gab es ausgezeichnete jüdische Finanzpolitiker, welche sich um die Ordnung der Finanzen ihres Landes bedeutende Verdienste erwarben. Nun gibt es Juden, die, eingesponnen in die mittelalterliche oder nur vormärzliche Gedankenwelt, predigen: Wir Juden sollen uns nicht besonders bemerkbar machen! Also nicht hervortreten aus der Masse, vielmehr unbemerkt in ihr verschwinden, schön im Dunkel bleiben, damit um Gottes Willen nur ja niemand mit dem Finger deutet: ..Seht, das ist ein Jude!" Nur kein Aufsehen erregen, sich still bescheiden, den Drang nach öffentlicher Wirksamkeit und Betätigung unterdrücken, damit die anderen nicht aufmerksam werden, daß wir Juden auch da sind. Womöglich dafür noch um Entschuldigung bitten! Hat ein solcher Standpunkt Berechtigung? Bedeutet er nicht ein vollständiges Verkennen unserer schwer erworbenen Rechte? Wir sind doch gleichberechtigte Staatsbürger. Der Satz: „Die Juden sollen im Hintergrund bleiben" gehört in den Katechismus der Judenfeinde, dürfte aber niemals von einem Juden ausgesprochen werden und noch weniger dürfte für eine solche Meinung, die von allen aufrechten Juden nicht heftig genug bekämpft werden kann, eine Anhängerschaft unter Juden gesucht werden. Hätte ein Einstein seine umstürzende Theorie nicht der Welt zur Kenntnis bringen sollen? Sollte ein Reinhardt, der gerade in den letzten Tagen im katholischen Salzburg rauschende Triumphe und vielfache Ehrungen einheimst, nicht seine eminente Theaterbegabung wirksam werden lassen? Sollten die vielen jüdischen Wissenschaftler und Forscher die wertvollen Ergebnisse ihrer Forscherarbeit der Welt nicht bekanntgegeben, nur weil sie Juden sind, weil ihr Hervortreten im Widerspruche stünde mit dem Rezepte, daß wir Juden schön bescheiden bleiben sollen. Das ist wahrlich das Rezept eines schlechten jüdischen Arztes. Nur eines müssen und dürfen wir im Interesse des Judentums vor allem in politischen Dingen verlangen, daß Juden nicht dort an exponierten Stellen stehen, wo ihre Tätigkeit nicht im Interesse des ganzen Volkes oder der ganzen Menschheit gelegen ist und wo ihr Wirken sich naturnotwendig gegen einzelne Schichten oder Klassen richten muß. Wo es aber gilt, der ganzen Menschheit zu dienen, im allgemeinen Interesse zu wirken, der weiten Welt etwas Großes, Erhabenes zu schenken, da müssen auch die Juden ungehindert hervortreten, sich über die Masse erheben, da heißt es beweisen, daß auch wir Juden großer Leistungen fähig sind. Wir beanspruchen unseren Platz an der Sonne und wir haben ein Recht darauf. Wir wollen nicht an der Wand gehen, wir wollen, um bei diesem Bilde zu bleiben, auch den Bürgersteig benützen. „Jaden — Unglück". Die „Union deu t s chös te rr eichischer Juden" hat am 14. November v. J. an die Bezirkshauprmannschaft Villach folgende Eingabe gerichtet: Inhaltlich einer in der jüdischen Wochenschrift Die Wahrheit", Nr. 36, vom Jahre 1929 erschienenen Notiz zeigt der Gasthof Matschnik in Rosenbach in den Karawanken aui der großen Stirnmauer eines Nebengebäudes mit Riesenbuchstaben die Aufschrift Juden—Unglück" Ueber und unter dieser Aufschrift sind drei karikierte Judenköpfe in Ueberlebensgröße aufge- Diese öffentliche Beschimpfung und Verhöhnung ist als eine nach Art. VIII. Abs. 1 a des Einführungsgesetzes zu den Verwaltungsverfahrensgesetzen vom 21. Juli 1925, B.-G.-B1. Nr. 275. strafbare Verwaltungsübertretung zu bezeichnen, und zwar nach mehrfacher Richtung. Denn dieses Verhalten „erregt Aergemis", zweifellos in erster Linie bei den Kurgästen mosaischer Konfession, -die nicht nur aus den Bundesländern in den am Wörthersee gelegenen Ortschaften Erholung suchen, sondern •die bei dem erfreulicherweise zum Vorteile des ganzen Bundes immer mehr zunehmenden internationalen Charakter dieser Sommerfrischenorte auch aus dem näheren und entfernteren Auslande herbeiströmen, um -die Naturschönheiten der Kärntner Seen zu genießen. Diese Aufschrift mit den zu derselben gehörigen Karikaturen „stört auch die öffentliche Ordnung". Denn es widerstreitet doch einer solchen, wenn an einem allgemein zugänglichen Orte Aufschriften angebracht werden, durch welche eine mehr oder weniger große Personenmehrheit, welche sich aus Bundesangehöngen un0 Angehörigen befreundeter Staaten — wir leben doch mit allen Staaten in Freundschaft — zusammensetzt, in ihren Gefühlen verletzt und in gemeiner, lügenhafter Weise verhöhnt, beschimpft und verleumdet wird. Der Tatbestand dieser Verwaltungsübertretung grenzt überdies nahezu an den dem § 302, Str.-G., zugrunde liegenden Sachverhalt Die Juden öffentlich durch eine weithin sichtbare Aufschrift als „Unglück" zu bezeichnen, kommt doch gewiß der Aufforderung, Aneiferung oder Verleitung „der Einwohner des Staates zu feindseligen Parteiungen gegeneinander" zumindestens sehr nahe. Wir bringen demnach den vorstehenden Tatbestand bei dieser gemäß §§ 26. 27, des Verwaltungsstrafgesetzes vom 21. Juli 1925. B.-G.-B1. Nr. 275. zuständigen Bezirkshauptmannschaft zur Anzeige. Diese Verwaltungsübertretung ist nach § 25 L c von Amts wegen zu verfolgen; wir haben demnach unsere Legitimation nicht nachzuweisen. Aeußersten Falles bedarf es eines solchen Nachweises für die Begründung unseres Ersuchens um unsere Verständigung von der Erledigung dieses Einschreitens; diese ist im § 2 unserer Statuten, lautend: Energische Verteidigung der verfassungsmäßigen Rechte der österreichischen Juden als vollberechtigte und gleichverpflichtete Bürger des Staates, begründet Demnach stellt der gefertigte Verein die ergebene Bitte: Die löbliche Bezirkshauptmannschaft wolle wegen der angezeigten Verwaltungsübertretung das Strafverfahren einleiten. Erst auf wiederholte Urgenzen hin — die letzte vom 25. Juli d. J. — hat sich das Amt der Kärntner Landesregierung in Bewegung gesetzt und am 31. Juli d. J. folgende Zuschrift an die „Union" gerichtet: Amt der Kärntner Landesregierung. Z. 7948/Präs. I. An die Union deutschösterreichischer Juden in WIEN IX., Berggasse 4. Das Amt der Kärnter Landesregierung beehrt sich, in Beantwortung Ihrer Anfrage vom 25. Juli 1. J. mitzuteilen, daß nach den über Ihre Anzeige gepflogenen Erhebungen die von Ihnen erwähnten Karikaturen aus Zeitungen ausgeschnitten und nicht am Nebengebäude von Matschnigs Gasthof, sondern gegenüber an einem Stadelgebäude, wo sich eine Anschlagtafel der nationalsozialistischen Partei befindet aufgeklebt waren. Da dem Amte der Landesregierung kein Nachweis darüber vorlag, daß die Zeitungen bei ihrem Erscheinen nach §§ 37 und 38 des Preßgesetzes beschlagnahmt worden waren und daher die weitere Verbreitung einzelner Teile derselben unstatthaft sei, war kein Anlaß zu einer weiteren Verfügung gegeben. Klagenfurt am 31. Juli 1930. Der Landeshauptmann. Im Auftrage (Unterschrift unleserlich.) Wir sind von dem Inhalte dieser Zuschrift nicht überrascht. Wir haben wirklich nicht erwartet, daß ausgerechnet die Kärntner NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TABORSTRASSE Nr. 20a TEL. R 43-1.58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN HEBRAIKA UNO JÜDAIKA in englischer und französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.— KEINE BANDGEBÜHR 1 TÄGLICHER UMTAUSCH! Landesregierung den Willen und den Mut aufbringen wird, gegen die unverschämten Gehässigkeiten ihrer lieben Nationalsozialisten energisch amtszuhandeln. Wir hätten aber erwartet, daß sie wenigstens den Mut zur Offenheit aufbringt und sich nicht hinter den Pressestaatsanwalt verschanzt, der gleich ihr an diesen Aufreizungen nichts auszusetzen hat und offenbar meint, es sei erst Sache der Polizei und der Staatsanwaltschaft, einzuschreiten, wenn die Juden — erschlagen werden. Letzte Nachrichten aus Rumänien. Maßnahmen der - rumänischen Regierung. Bukarest, 27. Juii (I. T.-A.). Infolge des fortgesetzten Kurssturzes rumänischer Wertpapiere, der mit den Unruhen in Zusammenhang gebracht wird, beschäftigte sich das rumänische Kabinett neuerdings in einer siebenstündigen Sitzung mit der Beratung und Beschlußfassung über Maßnahmen, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung zu trafen sind. Das Kabinett erteilte dem Innenminister Vaida-Voevod Vollmacht zur Unterdrückung aller Ausschreitungen unter Anwendung schärfster Mittel. Bukarest, 27. Juli (I. T.-A.). Der Bukarester jüdische Vizebürgermeister. Herr Jakob Fried mann, hatte heute vormittags mit dem Justizminister Grigore Junian eine Unterredung. Der Justizminister erklärte, daß an alle Gerichts- und Verwaltungsorgane des ganzen Reiches strenge Erlässe ergangen sind, jeden Versuch zur Störung der öffentlichen Ordnung mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu unterdrücken. Bukarest, 27. Juli (I. T.-A.). Zahlreiche in den letzten Tagen vorgenommene Verhaftungen von antisemitischen Agitatoren in der Provinz lassen erkennen, daß die Regierung in der Bekämpfung der antisemitischen Bewegung im ganzen Lande aktiver wird. Unter den Verhafteten befindet sich auch ein berüchtigter Antisemitenführer, der in einem Städtchen der Bukowina verhaftet wurde, als er unter den Bauern Flugzettel verteilte, die zur Einäscherung jüdischer Häuser und zur Plünderung jüdischen Eigentums aufforderten. Panikstimmung in Orhei. Bukarest, 28. Juli (I. T.-A.). Auf telephonische Anfrage erfuhr die 1. T.-A. von den führenden Juden der bessarabischen Stadt Orhei, in der sich der Antisemitenmord an dem Juden Schulim Landau ereignete, daß die Juden wegen der weiteren Entwicklung der Dinge in der Stadt Befürchtungen hegen. Alle Läden sind geschlossen und die Juden trauen sich nicht, sich in den Bazarstraßen sehen zu lassen. Der Mörder Landaus, der frühere Professor M a c e d o n, hat seine Tat vor einem ii b e rfüllten Bazar begangen. Bei seiner Verhaftung erklärte er vor den Untersuchungsbehörden mit Stolz, er . habe Landau erschossen, weil er die Juden hasse. Neue Brände in Rumänien. Bukarest, 28. Juli (I. T.-A.). Das ganze von Juden bewohnte Geschäftsviertel der Stadt Saskut in der Moldau ist niedergebrannt. Das Feuer zerstörte auch ein der rumänischen Akademie der Wissenschaften gehörendes Grundstück im Werte von einer Million Dollar, das der Akademie von dem jüdischen Bankier Jacques Elias gestiftet worden ist Die von der Feuersbrunst betroffenen Familien haben in der Zuckerfabrik von Saskut provisorische Unterkunft gefunden. Schuleinschreibungen im Dr. Krüger-Heim. Wien IL, Malzgasse 7, Telephon A 48-0-77. Internat — Halbinternat — Externat. Einschreibungen täglich von 9—12 und 3—5 Uhr excL Samstag und Sonntag. Volks¬ und Hauptschule für Mädchen mit Oeffentlichkeitsrecht. Zweiklassige Frauengewerbeschule für Weißnähen und Kleidermachen mit Oeffentlichkeitsrecht. — Streng rituelle Kochkurse (Tages- und Abendkurse), die einzigen rituellen Kurse in Oesterreich. — Lehrerinnen- Seminar (Betb-Jacob) 1. Jahrgang. — Moderne Sprachschule deutsch, französisch, englisch (spezielle Kinderkurse). — Kunstgewerbliche Kurse in Vorbereitung. Streng ritueller Haushalt, mäßige Preise.

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