Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 32 (8.8.1930)
- Date
- 1930-08-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT SU» ä unternehmen, eine einheitliche Front der Abwehrbewegung des deutschen Judentums zu schaffen. Zu diesem Zweck hat der Gemeindevorstand eine Konferenz einberufen, zu welcher die Zentralvorstände des Centrai- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und der Zionistischen Vereinigung für Deutschland gebeten wurden, Vertreter zu entsenden. Auf der Konferenz soll der Versuch gemacht werden, alle Kräfte des deutschen Judentums für den Kampf gegen die antisemitische Hochflut zusammenzufassen. Der Plan der „Zusammenfassung aller Kräfte des deutschen Judentums" an sich ist ja sehr zu begrüßen, doch ist es sehr fraglich, ob die Gemeindestube der richtige Platz für die Organisation dieses Abwehrkampfes ist und ob damit nicht der Gesamtheit der deutschen Judenschaft mehr geschadet als genützt wird. Es ist auch für uns österreichische Juden von hohem Interesse, die Ausführungen des Hauptvorstandsmitgliedes des Centrai-Vereines, Rechtsanwaltes Karl Löwenstein (Aachen) über dieses Problem zu hören. Wir entnehmen seinem dieser Tage in der „C. V.¬ Zeitung*' erschienenen Aufsatz über „Nationaljuden und Abwehrkampf" folgende Stellen: Der Antisemitismus ist nicht erst in den letzten jähren und Monaten entstanden. Er ist aber sichtbarer geworden. Wirtschaftsnot und Arbeitslosigkeit sowie der mangelnde Erfolg der Regierung, diese schwierige Lage zu meistern, haben der Bewegung einen solchen Auftrieb gegeben, daß niemand mehr ihre Gefahren übersehen kann. Wir wissen, daß die Notwendigkeit der Bekämpiung des Judenhasses schon längst bestanden hat, und sind durch die Ereignisse, so schwer sie uns alle treffen, nicht überrascht. Von zionistischer Seite hat man dagegen den Abwehrkampi immer bagateliisiert, als etwas Belangloses oder gar Minderwertiges hingestellt. Der Antisemitismus werde — so las man in zionistischen Zeitungen — von selbst aufhören, wenn das jüdische Leben „normalisiert" sei, wenn also das „jüdische Volk", der „Norm" entsprechend, wie andere Völker eine Heimat in Palästina habe und es den anderen Völkern als gleichberechtigt gegenübertrete. Sei das Ziel des Zionismus erreicht, die „Normalisierung" erfolgt, so sei die Judennot beseitigt. Heute sehen auch die Zionisten ein, daß wir auf die zionistische Lösung, die durch die Verhältnisse in Palästina in nebelhafte Ferne gerückt ist, nicht warten können. So führt die „Jüdische Rundschau" vom 20. Juni d. J. ans, daß der Zionismus auf die unerquickliche Situation des Antisemitismus eine Antwort gebe, deren Verwirklichung „lange Zeitläufte" beansprucht. „Man mag", so fährt sie fort, „die zionistische Lösung als unzureichend oder als ungenügend ansehen, sicher ist, daß keine bessere vorhanden ist. In der praktischen Arbeit aber, zum Zweck der Milderung der schlimmsten Begleiterscheinungen des Judenhasses, können diese letzten Ziele ausgeschaltet werden." Wir können uns über die Erkenntnis, die sich nunmehr in zionistischen Kreisen anbahnt, nur freuen; denn uns kommt es in der Hauptsache auf die praktische Arbeit im Abwehrkampf an und nicht auf utopische Theorien und nebelhafte Ziele. Sobald aber die Zionisten im Abwehrkampf an die praktische Arbeit gehen wollen, geraten sie in Verlegenheit, weil sie infolge der jahrzehntelangen Untätigkeit und Abstinenz vom Abwehrkampf keine Organisation besitzen, welche den Kampf übernehmen könnte; begreiflich, daß sie jetzt der neuen Aufgabe hilflos gegenüberstehen. Weil ihnen eine eigene Abwehrorganisation fehlt, wäre es für die Zionisten, welche die Abwehr wollen, wohl das gegebene, die berufene Abwehrorganisation, den C. V., zu unterstützen. Das wollen sie aber nicht aus Gegnerschaft gegen den C. V. Deshalb fordern sie, daß die Synagogengemeinden und die Landesverbände der Synagogengemeinden die Abwehrarbeit übernehmen, sich als Abwehrorganisation konstituieren sollen. Richtig ist nun, daß die Auffassung des C. V. sich in wesentlichen Punkten von der zionistischen unterscheidet ... Würde der Zionismus nur sagen, wir seien ein „besonderer Menschentyp", dann würde uns vielleicht nur noch die etwas stärkere Betonung von ihm trennen. Seine Argumentation geht aber weiter. Er sagt, weil wir ein besonderer Menschentyp seien, häiten wir kein Recht, uns zum deutschen Volkstum zu rechnen, sondern bildeten ein eigenes jüdischesVolk. Der Zionismus will aus den Unterschieden auch politische Konsequenzen ziehen. Er fordert für das jüdische Volk ein eigenes nationales Heim und — weil In Deutschland das Recht als „nationale Minderheit" nicht wohl geiördert werden kann — wenigstens die „Volksgemeinde" mit einer gewissen nationalen Autonomie. Demgemäß spricht er von den Juden als „Gästen" im deutschen „Wirtsvolk". Hier scheiden sich unsere Auffassungen. Wenn wir auch anerkennen, daß die Juden sich nicht nur durch die Religion, sondern auch durch die Abstammung vom Nichtjuden unterscheiden, so stehen wir doch auf dem Standpunkt, daL', wie es als Erster der bekannte Soziologe Franz Oppenheimer eingehend begründet hat, verschiedenartige Abstammung Gemeinsamkeit des Volkstums nicht ausschließt. "Denn es gibt andere Faktoren, andere Gruppierungen? welche die verschiedenen Volksteile viel schärfer trennen als die Abstammung. Hat nicht etwa der christliche Tuchfabrikant in Aachen mit dem jüdischen Berufskollegen viel mehr Berührungspunkte als mit dem oberbayerischen Bauern oder auch nur dem kommunistischen Arbeiter der gleichen Stadt? Verschiedenheit der Abstammung hindert uns nicht, uns dem deutschen Volke zuzuzählen, mit dem wir nicht nur das Staatsbürgertum teilen, mit dem uns auch Gemeinschaft der Sprache und Kultur und die Gemeinschaft des Schicksals im Wettstreit mit den anderen Völkern verbindet, das im gemeinschaftlichen Kriegserlebnis den stärksten Ausdruck gefunden hat. *■■■■■•■••■■■■■■■■•■■■■■■■•■■■■•«*•■«■■■■■■■■•»■•■■■••■«■««■■■■■■•■■■• I Behördl. aulor. Häuseradmiaistratioa £ I ADOLF KRALLi! IV., Schleifmühlgasse 11 1 : Talaphon B 39-1-4S ■ - empfiehlt sich zur Überj : nähme von Verwaltungen | | Erstklassige -Referenzen 5 ■ ''IMMItllHMIIIillltllllHlllllHlllllllllllHIIHIIIIilllMiH.....|f Daß die verschiedenartige Auffassung nicht ohne Einfluß auf die Ziele des Abwehrkampfes sein kann, ist selbsn. erständüch. Die „Jüdische Rundscha u" verkennt dies nicht. Als kürzlich an der W i c n e r ü n i v e r s i t ä t von Amts wegen die Bildung von;.S-t u d en t e n n a t i o n e n" gefordert und den jüdischen Studenten die Aufnahme in die deutsche Sudentennation verweigert wurde, fand die „Jüdische Rundschau" das ganz in der Ordnung. Sie schrieb am 16. April d. J.: „Wir stehen auf dem Standpunkt, daß die Juden ein Volkstum bilden und daij die jüdischen Studenten, wenn schon einmal Studentennationen an einer Universität stipuliert sind, zur jüdischen Nation gehören." In den Schlußausführungen, in denen sie die jüdischen Studenten, die sich als Deutsche fühlen, als „Assimilanten" bezeichnet, heißt es: ..Die Nichtanerkennung des deutschen Volkstums jüdischer Assimilanten ist eine Sache, die die deutschen Studenten selbst auszutragen haben. Indiesem Punktesind Wirdesinteressier t." Wir aber wollen uns unsere Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum nicht streitig machen lassen. Wir werden stets dafür kämpfen und können in dieser Frage nicht ..desinteressiert" beiseite stehen. Hier handelt es sich auch nicht um Differenzen taktischer Art, über die ehi Kompromiß möglich wäre, sondern um entscheidende grundsätzliche Fragen. Damit ist schon ein wesentlicher Punkt aufgedeckt, weshalb es u n m ö g 1-i c h ist, den S y n agogengemeinden die Durchführung des Abwehrkampfes zu übertragen..,Denn von welchem Standpunkt aus sollten sie ihn führen? Etwa vom C. V.-Standpunkt aus, indem sie für die Anerkennung unserer Zugehörigkeit zur deutschen Volksgemeinschaft eintreten? Das wäre vermutlich den Zionisten nicht recht. Wir aber würden einen Abwehrkampf nicht billigen, der unseren Anspruch auf unser Deutschtum preisgäbe. Ein Vorbeigehen an dieser Frage ist nicht möglieh; denn die Hauptfrage des Antisemitismus wie auch seiner Abwehr ist die Frage nach unserer Stellung im Deutschtum. Aber es sprechen noch zahlreiche andere Gründe gegen die Uebernahme des Abwehrkampfes durch die Synagogengemeinden. Unsere Syna- < <4 ■4 ■4 Herren-PloO-Scliiieiaeret : WlüHE&M BRAUNER l Erstklassige Ausfübmng Massive Preise *> ► Wien II., Praterstraße Nr. 21 Gegründet 1900 Telephon R 41-6-64 empfiehlt sich zur Anfertigung eleganter Herren - Garderoben Orig. englische Stoffe stt ts lagen id , ianiimqs-grteicnierBageB ^TTTTT'TTTVTl'ftflfltTfTTTttJFTTTTT^ gogengemeinden sind religiöse Körperschaften, nur als Religionsgesellschaften können sie nach der deutschen Reichsverfassung die Rechte einer öffentlichen Körperschaft genießen. Der Abwehrkampf ist aber eine politische Aufgabe; würden sich die Gemeinden zu Abwehrorganisationen ausbauen, würden sie — was die Zionisten bei der „Volksgemeinde" erstreben — politisiert werden, dann würden sie den Rechtsanspruch verlieren, als öffentliche Körperschaft zu gelten, sie würden nur noch als V e r e i n e anerkannt werden und z. B. auch das Steuerrecht verlieren, das die Grundlage ihrer Existenz ist. Man brauchte auch nur daran zu denken, .w i e wenig s i c ii mit dem Charakter einer religiösen Körperschaft der politische Kampf verträgt, Sie können sich nicht in die politische Arena hineinbegeben, uln.e^ ihre Stellung und ihr Ansehen einz:»i:ülle:!. Schließlich fehlt es aber auch den Syr.agogengenuinden an der Erfahrung für den politischen Kampf, die der C. V. in jahrzehntelanger Arbeit gesammelt hat. Wie sollen sie diese Arbeit neben ihren großen kulturellen und sozialen Aufgaben bewältigen? Denn mit einigen schönen Kundgebungen oder Protesten ist es nicht getan. Wer etwas vom Abwehrkampf kennt, wer ernstlich die Folgen durchdenkt, wird sofort den Gedanken, die Gemeinden mit dem Abwehrkampf zu belasten, ablehnen. / Gleispach — abgeblitzt! Ein bezeichnender Vorfall hat sich auf der Salzburger Pfingsttagung des „Vereines für das Deutschtum im Auslande" ereignet. Bei einer Morgenfeier, die einen festlichreligiösen Charakter trug, sollte unter anderen der Rektor der Wiener Universität Graf Gleispach, im Auftrag des Wiener Schulvereins die Schlußansprache halten. Der Vorstand des V. D. A. hatte in letzter Minute erfahren, daß Graf Gleispach geäußert habe, er werde in seiner Ansprache antisemitische Ausführungen machen. Die Tagungsleitung fragte sofort den Rektor, ob das stimme, der aber gab eine ausweichende Antwort. Daraufhin hat der Vorsitzende des V. D. A„ Freiherr von dem Bussche-Haddenhausen mit Absicht die Morgenfeier geschlossen, bevor Graf Gleispach das Wort ergreifen konnte. Der ehemalige demokratische Minister Dr. K ü 1 z, der programmäßig vorher sprach und von dem Zwischenfall wußte, hatte in seiner Ansprache die Bemerkung gemacht, der V. D. A. lehne jede Rassenschnüffelei ab. Külz wollte damit verhüten, daü etwaige antisemitische Aeußerungen des Grafen Gleispach dem V. D. A. zur Last gelegt werden. Herr Rektor Gleispach hat als Reisender in Rassenantisemitismus nicht viel Glück; nach Breslau, wo er so wenig Anklang fand, hat man ihm nun auch in Salzburg das Tor geschlossen. Er müßte sich wirklich um einen anderen Exportartikel umsehen. Vielleicht wird es ihm, auf den Lorbeeren seines rassenreinen Rektorates ausruhend, doch noch gelingen, als reiner Wissenschaftler die Erfolge zu erzielen, die ihm als Politiker sogar in deutschnational eingestellten Kreisen versagt blieben. Danksagung. Anläßlich der Vermählung unserer Kinder sind uns so viele ehrende und hocherfreuende Beweise der Sympathie, Zuneigung und Freundschaft zugekommen, daß wir außerstande sind, hierfür jedem einzelnen geziemend Dank zu sagen. Wir sprechen daher auf diesem Wege den weise der Sympathie. Zuneigung und Freundden und Bekannten unseren wärmsten und tiefgefühlten Dank aus. Wien, im Juli 1930. Paul Schwarzstein u. Frau.