Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 32 (8.8.1930)
- Date
- 1930-08-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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öeke 2 DIE WAHRHEIT „Der Antisemitismus", sagte der Minister, „verschärft sich in Rumänien immer dann bedrohlich, wenn das Land unter einer wirtschaftlichen Krise leidet, was gegenwärtig in besonders schwerer Form der Fall ist. Die Juden im Auslande könnten durch Unterstützung der rumänischen Anleihebemühungen zur Behebung der Wirtschaftskrise in Rumänien und damit auch zur Besserung der Lage der rumänischen Juden beitragen." Es verdient besonders vermerkt zu werden, daß dem erwähnten Vertreter der J. T. A., der unter strenger Telegrammzensur steht und dem sogar mit der Ausweisung gedroht wird, gestattet wurde, dieses an die Adresse des jüdischen Kapitals im Auslande gerichtete Telegramm abzusenden. Es ist bezeichnend, wie Herr Vaida seine „lieben Juden" einschätzt. Diese Sprache eines Ministers, die fast an den in einem anderen Milieu üblichen Ruf „Geld oder 's Leben!" erinnert, geht selbst der rumänischen Presse über die Hutschnur. So schreibt die einflußreiche unparteiische Zeitung „Dimineatza": „Die Worte des Ministers bedeuten faktisch: Wenn die ausländischen Juden uns Geld geben, dann werden wir Judenfreunde sein, geben sie uns aber keines, dann sind wir weiter Antisemiten und fahren fort, in Klausenburg Fenster einzuwerfen, in Borscha reuer zu legen und in Suszawa zu plündern. Und das sagt eine offizielle Persönlichkeit vom Range unseres Innenministers!" „Adeverul" sagt: „Vaidas Aeußerung kann nur so verstanden werden, als wollte er sagen, daß weitere antisemitische Ausschreitungen um den Preis ausländischen jüdischen Geldes abgestellt werden können." „Vittorul" stellt an Vaida die Frage: „Was soll das bedeuten? Dürfen wir die Schlußfolgerung ziehen, daß die Regierung einen wohlvorbereiteten Plan für antisemitische Agitation besitzt, um nun zu sagen: . Gebt uns Geld oder wir geben euch Antisemitismus!" Die rumänische Presse, soweit sie nicht im Solde des Antisemitismus steht, schämt sich ihres Ministers des Innern und sucht die Ehre Rumäniens zu retten. Für uns Juden aber sind diese deutlichen Worte dieses hohen Funktionärs eine Mahnung, dem Landfrieden nicht zu trauen. Soll es eine Verstärkung dieser Mahnung oder eine Unterstreichung der gleichzeitig einladenden und drohenden Ausführungen des Ministers bedeuten, wenn das dem König Carol nahestehende Blatt „CuventuI" einen Leitartikel des bekannten Politikers und Publizisten Panül S h e i k a r e veröffentlicht in dem dieser sagt: „Wir haben genaue Informationen darüber, daß antisemitische Ausschreitungen gewalttätiger Natur sich im Herbst wiederholen werden. Die Regierung muß rechtzeitig Vorbeugungsmaßregeln ergreifen, sonst werden die im Herbst zu erwartenden judenfeindlichen Unruhen zu einer Anarchie führen, die Minister Vaida auch mit Einsatz militärischer Kräfte nicht zu unterdrücken imstande sein wird." Caveant consules! Die jüdischen Führer seien auf der Hut! Mögen sie sich doch nicht von Versprechungen einlullen lassen, mögen sie ohne Unterschied der Parteirichtung ihrer Pflichten gedenken, deren Erfüllung sie erst würdig macht, Führer ihrer Glaubensgenossen sich nennen zu dürfen, mögen sie doch endlich hier und in anderen vom Rassenhaß verseuchten Ländern sich brüderlich die Hände. reichen, da es gilt die jüdische Gemeinschaft gegen den wieder mächtig anschwellenden Geschäfts- und Rassenantisemitismus zu schützen. M. L. Volk in Not! Das deutsche Volk steht vor schweren Entscheidungen. Der Reichstag ist aufgelöst, am 14. September finden die Neuwahlen statt. Mit banger Sorge blickt man der Zukunft entgegen, denn die politischen, finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich im Deutschen Reich in letzter Zeit in bedrohlicher Weise verschlechtert. Die große Arbeitslosigkeit vor allem bedingte eine Radikalisierung der Massen, aus der die beiden extremen Parteien — Kommunisten und Nationalsozialisten — reichlichen Profit zogen. Die Nationalsozialisten haben bei den jüngsten Landtagswahlen in Sachsen neuerlich bewiesen, daß ihre Saat auf fruchtbaren Boden gefallen ist, und schicken sich an, jetzt die Ernte zu halten. Die deutschen Juden sind um ihre gegenwärtige Stellung wahrlich nicht zu beneiden. Noch nie war die Situation für sie so schicksalsschwer wie jetzt. Die hakenkreuzlerische Propaganda ist vor allem gegen sie gerichtet, den deutschen Juden soll die Möglichkeit der Arbeit und Existenz im Deutschen Reiche genommen werden. Dieser großen Gefahr gilt es zu begegnen. Die deutschen Juden haben nie und nimmer sich selbständig am politischen Leben beteiligt, sie haben in kluger Erkenntnis, daß ein Vordrängen in dieser Hinsicht ihnen nur schaden, nie nützen könnte, sich bei allen gemäßigten Parteien ihren Fähigkeiten entsprechend teils als Anhänger, teils als Mitführer betätigt. Diese maßvolle Haltung hat ihnen die Achtung und Anerkennung weitester deutscher Kreise errungen, sie hat es bewirkt, daß sogar katholische Politiker den Juden Gerechtigkeit widerfahren ließen; es ist ja bekannt, daß das christliche Zentrumabsolut nicht antisemitisch eingestellt ist. Wir finden hier einen wohltuenden Gegensatz zu unseren österreichischen Verhältnissen. Wo gibt es bei uns den christlichsozial orientierten Politiker, der die Juden nicht wegen ihres im Parteiprogramm, aber nicht in der Wirklichkeit festgestellten „verderblichen Einflusses auf wirtschaftlichem und geistigem Gebiete" bekämpft? Wo finden wir aber auch bei unseren radikalen Jüdischnationaien den klugen Politiker, der so wie seine deutschen Gesinnungsgenossen sich sagen würde, daß die nationale Landespolitik einen immensen Schaden für die eigenen Glaubensbrüder beinhaltet? Wohl gibt es auch hierzulande hyperklug sein wollende jüdischnationale Führer, denen das Wohl der „Israeliten deutscher Nation" so ziemlich gleichgültig ist, die aber im Hinblick auf die kommenden allgemeinen politischen Wahlen ihre bisherige Landespolitik auf ein Nebengeleise zu schieben versuchen und "ihr österreichisch - patriotisch schlagendes Herz plötzlich entdecken; Vor Tische las man es anders. Es wäre kein Wunder, daß diese Herren, die sich in der palästinensischen Staatspolitik ein wenig zu sehr übernommen haben, nun an Magenverstimmung leiden. Wir wüßten eine gute Kur für sie: sich doch endlich der Pflichten gegenüber dem heute wieder so stark bedrohten gesamten Judentum zu besinnen, im Interesse der jüdischen Sache ein kleines Opfer an Eitelkeit zu bringen, das Trennende in der Stunde der Gefahr zurückzustellen, denn es brennt nicht nur in Palästina, sondern es lodern die Flammen des Rassenhasses in deutschen Landen und anderwärts. Aber die Herren sind zu solchen Opfern anscheinend nicht bereit, im Gegenteil, sie sind trotz allen Sturmeszeichen unbelehrbar. Welche überhebliche Kühnheit liegt darin, den heroischen Kampf der deutschen Juden gegen den jetzt im Deutschen Reiche mächtig anwachsenden Rassenantisemitismus lächerlich zu machen? Die prinzipielle Einstellung, von der aus dieser schwere Kampf seitens der überwiegenden Mehrheit der deutschen Juden geführt wird, paßt den radikalen Jüdischnationalen nicht. Sie können oder wollen es nicht verstehen, daß diese deutschen Juden, die seit Jahrhunderten im deutschen Vaterlande wurzeln und an dessen Kultur und Wirtschaft emsig mitarbeiten, sich mit dem Deutschtum verbunden fühlen und ihr volles Recht, als gleichberechtigte deutsche Staatsbürger behandelt zu werden, gegen Angriffe von welcher Seite immer, mannhaft verteidigen. Dafür werden sie, denen Judenleid in aller Welt stets nahe ging und die zu seiner Linderung unermüdlich beitrugen, von dem Organ der „demokratischen" Zionisten als „Israeliten deutscher Nation" abgefertigt. Welches Unverständnis wird aber auch damit bekundet, die jetzt im Deutschen Reiche vor sich gehenden Umgruppierungen und Neubildungen bei den Mittelparteien nur mit der Brille eines Wiener Jüdischnationalen zu betrachten. Gewiß, es ist für uns österreichische Juden ein Novum, daß sich eine Partei wie die demokratische, die einen starken jüdischen Anhang besitzt, mit einer Gruppe vereinigt, die überwiegend christlich-national eingestellt ist. Aber liegt es nicht im Interesse der Juden, wenn sich Männer zu einem entscheidenden'Kampfe gegen die mächtige Gefahr der Hitlerei bereit finden, die gerade aus jenen Schichten kommen, über die Hitler und die Seinen bisher ungehindert verfügten? Werden die deutschen Juden nicht besser fahren, wenn sie sich in eine Kampfreihe mit deutschen Christen stellen, selbst sogar solchen, die ehedem keine Judenfreunde waren, als nach österreichischem Rezept selbständig zu kandidieren und die Gegnerschaft aller herauszufordern? Die österreichischen Juden sollten so wie ihre deutschen Brüder endlich erkennen, welche Gefahren ihnen daraus erwachsen, daß sie die Zeichen der Zeit nicht begreifen. Ueberall ist der Rassenantisemitismus im Wachsen, die bisher bedeutungslos gewesenen österreichischen Nationalsozialisten erwarten sich von den Erfolgen ihrer deutschen Gesinnungsgenossen eine Stärkung ihres Einflusses, die sich vielleicht auch im Parlamente auswirken wird. Die immer noch wachsende wirtschaftliche Not in Industrie, Gewerbe und Handel bietet den antisemitischen Volksverführern die erwünschte Gelegenheit, zum Haß gegen die Juden, diese angeblichen Verderber des Volkes, aufzureizen. Glauben die Jüdischnationalen . wirklich noch immer, daß man den Rassenantisemitismus und dessen für die Juden gefährlichen Auswirkungen auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete mit Erfolg zu bekämpfen vermag, indem man die Juden unter den Schutz der Friedensverträge und eines nationalen Minderheitsgesetzes stellt, oder glauben sie heute noch wirklich, daß wir nach ihrem Programme so lange warten können, bis die Sicherung der nationalen Heimstätte in Palästina die gegenwärtige Judennot beseitigt? Die Politik der Nationaljuden — ungeeignet zum Abwehr kämpf gegen den Antisemitismus. Die nationaljüdischen Führer Deutschlands und Oesterreichs haben seit jeher das Heil des Judentums in der Aufrichtung des Nationalheims erblickt und den Tageskampf gegen die Auswüchse des ödesten Antisemitismus für nebensächlich erachtet und vernachlässigt. Sie sind ja so großzügig in ihren Idealen und Plänen! Die Nationaljuden Deutschlands scheinen nun aber angesichts des gewaltigen Anschwellens der antisemitischen Hochflut zur Ueberzeugung gekommen zu sein, daß es höchste Zeit sei, einen starken Damm gegen diese Flut aufzurichten. Sie verfügen allerdings, da sie immer „höheren" Zielen zugewendet waren, über keine Organisation, die geeignet wäre, diesen Abwehr- und Aufklärungskampf zu führen. Sie verfolgen mit Eifersucht die erfolgreiche Arbeit der mächtigen Organisation des „C e ntral-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und wollen diesem nunmehr nicht allein das Feld überlassen. So kommt es, daß der in seiner Mehrheit bekanntlich jüdischnationale Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde in seiner letzten Sitzung den einstimmigen Beschluß gefaßt hat, angesichts der schwierigen politischen und wirtschaftlichen Lage der deutschen Juden den Versuch zu *