Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 32 (8.8.1930)
- Date
- 1930-08-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Die IDahrheif » Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der Union deutschdsterreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 8. August 1930 Nummer 32 Judenpogrom in Rumänien, Nicht zum ersten Mal und leider auch nicht zum letzten Mal dienen Judenverfolgungen einer schwachen, hilflosen Regierung als Mittel dazu, um die wahren Ursachen des herrschenden Wirtschaftselends zu verschleiern, die Empörung der notleidenden Massen von den wahren Schuldtragenden abzulenken und den rohen Instinkten des Pöbels ein wohlfeiles Ventil zu öffnen. Die Geschichte der Judenverfolgungen aller Zeiten ist reich an solchen Beispielen, die den Leidensweg der Juden durch die Jahrtausende kennzeichnen. Aber noch selten sind die Zusammenhänge in so frivoler Nacktheit enthüllt, noch niemals haben die leitenden Männer eines Staates so offen die Karten ihres zynischen Spieles selbst aufgedeckt, wie diesmal in Rumänien. Es erscheint heute festgestellt, ja wird gar nicht geleugnet, daß Tazlaoanus, der Kabinettschef im Innenministerium, der oberste Leiter des Pogroms war. Herr Innenminister Vaida. der sich heute nicht genug tun kann an der Beruhigung der Juden im Inland und an der Beeinflussung der Juden im Ausland, spielt den Naiven, indem er sagt, er hätte wohl gewußt,.daß sein Kabinettschef Antisemit sei und enge Beziehungen zu antisemitischen Organisationen unterhalte, aber, so wagt er heuchlerisch jüdischen Deputationen gegenüber zu behaupten, er hätte angenommen, daß es gerade durch die Bestellung dieses antisemitischen Kabinettschefs der Regierung möglich sein werde, die antisemitischen Organisationen zu „pazifizieren", soll wohl heißen, von Gewalttätigkeiten abzuhalten, wenn es der hohen Regierung in den Kram paßt. Eine besondere Intimität scheint diesen ausgezeichneten Kabinettschef mit dem jetzt auf Staatskosten verpflegten heldenhaften Führer der „Eisernen Garde", Zelea Codreanu, dem Hetman der Mord- und Brandbuben, zu verbinden. Daß er ihm Gelder, selbstverständlich auch Staatsgelder, zur Veranstaltung der Judenhatz, zur Bezahlung der rumänischen hakenkreuzlerischen Studenten und zur notwendigen Alkoholisierung des Pöbels zur Verfügung stellte, war offenbar seine staatliche Funktion, von der der Herr Innenminister selbst samt der ganzen Regiejung als ahnungslose Engel nichts wußten. Er bewahrte aber auch über die Schwelle des Gefängnisses hinüber dem Vollstrecker seiner Mordpläne, dieser Blüte der nationalistischen Studentenjugend Rumäniens, seine Treue und versorgte ihn höchstpersönlich mit Geld, auf daß seine teure Gesundheit nicht Schaden leide. Aber auch die getreuen Anhänger Codreanus scheinen um ihren mit traurigem Ruhm bedeckten Führer, ihren unermüdlichen Geldversorger, besorgt zu sein, denn kaum daß die Anklage gegen ihn weg'en Verhetzung von Teilen d'er Bevölkerung gegen andere und wegen B edrohungseiner Gegner mitTod und Terror erhoben ist, richten sie Drohbriefe an Regierungsbeamte für den Fall, daß ihrem Codreanu auch nur ein Haar gekrümmt werde, wobei sie, mordgeübt, auch vor Ermordung politischer Gegner ihres Führers nicht zurückschrecken wollen. Judenverfolgung — eine Sanierungsaktion. (Von unserem Sonderberichterstatter.) Das schlechte Gewissen der rumänischen Regierung hielt sie davon ab, den Herrn Kabinettschef Tazlaoanus selbst hinter Schloß und Riegel zu setzen; sie begnügte sich mit d'er Verhängung eines zahmen Hausarrestes, denn mit einem solchen Mitwisser ist nicht zu spassen. Und vor allem zittert nun der neue König um sein junges Regime. Die Art, wie er sich selbst auf den Thron erhob, verpflichtet ihn, das weiß er genau, seinem Lande, das schon vor seinem Regierungsantritte in Finanz- und Wirtschaftsnöten sich befand, eine merkliche Besserung zu bringen. Auch vor den Grenzen Rumäniens hat der Niederbruch der europäischen Wirtschaft nicht Halt gemacht, wozu in diesem Lande noch besondere alteingefressene Uebelstände der Korruption und der Ausbeutung der unteren Schichten der Bevölkerung kommen. Wie in allen agrarischen Ländern, so mußte auch in Rumänien die Weltagrarkrise zur Verelendung der Bauernschaft führen. Und da war die Regierung Seiner Majestät so tollkühn oder so naiv zu glauben, daß man, wenn auch nur für eine kurze Zeit, mit der Veranstaltung eines Judenpogroms die Massen ablenken, sie ihr Elend und deren wahre Gründe vergessen machen könnte. Die Regierung hat ihrem König einen schlechten Dienst erwiesen: mag auch das Gewissen der Kulturwelt schlafen, mögen sich die hohen Herren in aller Welt auch durch Berichte über blutige Judenpogrome und Brandschatzung jüdischer Kleinbesitzer ihren Appetit nicht verderben lassen, die Gehirne der Börsen und Banken, die schlafen nicht, die wissen die Kreditwürdigkeit und Verläßlichkeit von Staaten und Regierungen, die sich derartiger mittelalterlicher Methoden zur Bekämpfung von Wirtschaftskrisen bedienen, richtig einzuschätzen, und der Notruf nach ausländischen Krediten mußte verhallen. Da entdeckte der junge König sein judenfreundlich schlagendes Herz und griff in die Speichen des Regierungswagens. Auch er macht nun aus seinem Herzen keine Mördergrube und läßt den Sektionschef im Innenministerium, Victor C a d e r e, der allgemein als die rechte Hand des Königs gilt, rückhaltslos aus der Schule schwatzen. Denn Cadere sagt in einem Interview, die Situation der Juden in Rumänien sei solange als ernst zu betrachten, als die allgemeine Wirtschaftsnot des Landes nicht behoben sei. Im ganzen Lande befinde sich die Bauernschaft in einem Zustand schrecklichen Elends und deren Unzufriedenheit werde von antisemitischen Agitatoren benützt, um judenfeindliche Ausbrüche in die Wege zu leiten. Diese Ausschreitungen seien aber nicht nur eine Gefahr für die Sicherheit der Juden, sondern eine Gefahr für das ganze Land. Auch das amtliche Untersuchungskomitee meldet über die Ausschreitungen in Borscha, daß diese eine Folge des Bauernelends seien und durch künstliche Agitationen verschuldet wurden. Die Demission des Innenministers Vaida hat wohl der König, da er dessen „gute" Absichten ja nicht verkannte, abgelehnt, ihn aber zu einer offiziellen Erklärung veranlaßt, die in fast lächerlich wirkendem, grellem Gegensatz zu seiner bisherigen heuchlerischen Vogel-Strauß-Politik steht. „J e t z t", sagt der Herr Innenminister, „jetzt bin ich entschlossen, die antisemitische Bewegung, die eine Gefahr für die Sicherheit der Juden bedeutet, zu unterdrücken und die Beteiligten strengstens zu bestrafen." Freilich versucht er noch, die Schuld auf Machenschaften der liberalen Partei zurückzuführen, während er noch vor kurzem die Brände in Borscha durch einen bloßen, ganz „unpolitischen Zufall" verursacht wissen wollte. Der für die Ruhe und Sicherheit der gesamten Bevölkerung des Landes verantwortliche Minister des Innern beeilt sich nun zu Beteuerungen und Versicherungen gegenüber jüdischen Deputationen und jüdischen führenden Persönlichkeiten, die sicherlich auch besser daran getan hätten, statt jetzt nachträglich, vielleicht sogar katzenbuckelnd diese gleißnerischen Zusicherungen und Versprechungen anzuhören und sich als Mittel zum Zweck herzugeben, rechtzeitig, sich der besonderen Pflichten ihrer Stellung bewußt, im Interesse und Dienste der jüdischen Gemeinschaft laut und deutlich die Stimme warnend zu erheben, ihren Einfluß im In- und Auslande geltend zu machen und alle Vorkehrungen für den Schutz ihrer schon seit langem bedrohten jüdischen Mitbürger zu treffen. Die jüdische Welt konnte aber aus dem Munde des Ministers vernehmen, daß er mit seinen jetzigen Besänftigungsworten ein der rumänischen Regierung viel wichtigeres Ziel im Auge habe als die Sicherung von Leben und Eigentum der rumänischen Juden. Es handelt sich ihm, nach seinen eigenen Worten, um nichts anderes als einen Loskauf der Juden. Man hält es kaum für möglich, daß der Minister eines europäischen Kulturstaates Worte spricht wie die, die er gegenüber dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur in dessen dreistündiger Audienz gebrauchte. An unsere Abonnenten! Infolge des im Buchdruckergewerbe herrschenden Konfliktes ist das Erscheinen aller periodischen Zeitschriften, somit auch unseres Organs, in Frage gestellt. Wir bitten unsere Abonnenten, diese notgedrungene Unterbrechung freundlichst entschuldigen zu wollen. Die Redaktion der „Wahrheit".