Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 31 (1.8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064176--18003-3082988- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seltr 0 DIE WAHRHEIT Aus diesem Bericht kann man einige Schlüsse Ziehen. Erstens, daß so manche unserer Glaubensgenossen noch immer dumm genug sind, in antisemitischen Orten „Erholung" zu suchen, bzw. in solchen Orten, die die bekannte judenfeindliche Gesinnung ihrer teutschen Bevölkerung nicht offen und mutig zu bekunden wagen. Weiters ist die furchtbare Verzweiflung charakteristisch, die die Mehrheit der Gemeindegewaltigen wegen der Fremdenflucht befallen hat, und schließlich mag es als ein bezeichnendes Sympton beginnender Einsicht gelten, daß sogar ein gi oßdeutscher Gemeinderat — in wohltuendem Gegensatz zu dem Nationalsozialisten, der in seiner Hetzrede von „Judenbengeln" und „Saujuden" sprach, — das Vorgehen gegen die Juden als „Taktlosigkeit" bezeichnete. Wahrlich, ein Sommer des Mißvergnügens. _ O.H. Der „Reichspost" ins Stammbuch. Professor Dr. Hans Kelsen, der bedeutende Staatsrechtlehrer Oesterreichs und Autor der «rsten Verfassung des österreichischen Republik, hat bekanntlich, um aus der Atmosphäre des Antisemitismus, die gegenwärtig an der Wiener Universität herrscht, herauszukommen, die an mn ergangene Berufung der Kölner Universität angenommen. Prof. Kelsen hat seinen Entschluß auch nicht geändert, als ihm in den letzten Tagen eine Adresse, die die besten wissenschaftlichen Namen Oesterreichs trug, überreicht wurde, um ihn zum Verbleiben in Wien zu überreden. Zu seiner Berufung an die Kölner Universität nahm die „Kölnische Volkszeitung", das bekannte rheinische Zentrumsblatt, in eigenartiger Weise Stellung. Sie schrieb in ihrer Abendausgabe vom 14. Juli! .....ist es nicht unverständlich, und wirkt es nicht befremdend, wenn man jetzt hört, daß Oberbürgermeister Dr. Adenauer für die in diesen Tagen erfolgte Berufung von Kelsen. Wien, sich tatkräftig eingesetzt habe? Ist dem Oberbürgermeister nicht bekannt, daß die Universität Köln bereits mit Dozenten jüdischen Bekenntnisses überbesetzt ist; eine Tatsache, die auch in Professorenkreisen aus sachlichen Gründen starken Widerspruch findet?" Dieser Satz gab dem Centrai-Verein- Landesverband Rheinland linksrheinisch (Köln) die Veranlassung zu einem Schreiben an die „Kölnische Volkszeitung", in dem es u. a. heißt: „Wir verkennen Ihre Absicht nicht, katholischen Gelehrten das Wort zu reden, aber wir glauben, daß diese Bemühungen nicht in einer Form betätigt zu werden brauchen, die Angehörige einer anderen ' Konfession kränken muß. Wohin soll es führen, wenn die Bewertung Gelehrter vom Standpunkt der Religionszugehörigkeit erfolgen würde? Wir glauben, daß der Förderung der Wissenschaft nur dadurch gedient werden kann, daß hur die Eesten ihr dienstbar gemacht werden, und wir müssen eine Auffassung ablehnen, - nach welcher das religiöse Bekenntnis ein ausschlaggebender Faktor sehr könnte. Kelsen ist zwar Jude, aber er ist -deutscher Rechtslehrer, ebenso wie die in Köln wirkenden Dozenten jüdischen Glaubens deutsche Gelehite sind." Die „Kölnische Volkszeitung" hat daraufhin an den Bundesvorstand eine Antwort erteilt in der sie jedes judenfeindliche Motiv energisch ablehnt. Sie schreibt u. a.: „Wir bitten Sie, aus dieser Haltung der „Kölnischen Volkszeitung", die sich in einem einzelnen Falle gegen einen der jüdischen Konfession angehörenden Gelehrten richtet, doch nicht, wie es in einigen Zeitungen geschehen ist, den Schluß auf Antisemitismus und antisemitische Stellung ziehen zu wollen. Der Antisemitismus liegt uns, wie Sie wohl ■ wissen, durchaus fern und wir sind auch weit davon entfernt, unsere Argumente in einem einzelnen Falle aus dem Antisemitismus und aus antisemitischer Gesinnung zu nehmen... Daß dabei die Berufung Kelsens, dessen Stellung ja in Wien anders beurteilt wird als hier, mit hineinspielt. war nur Zufall." Es ist zu hoffen, daß dieser wenig erfreuliche Zwischenfall damit erledigt ist, unserer christlichsozialen „Reichspost" aber sei das von uns durch Fettdruck hervorgehobene Bekenntnis ihres fbeinischen Schwesterorgans angelegentlich zur ■Aufnahme ins Stammbuch empfohlen. Bcrfldfsiditigen Sie Dei ihren Einhauten unsere Inserenten! (t Bad isdil Pension „Wanka an der Esplanade und Kaltenbachstraße 19 Zwei Minuten zum Kurkonzert Ruhige staubfreie Lage Beste Küche Leitung und Aufsicht Adolf Glatter, Wien VI., Schmalzhofgasse 12 Hurort Gleldienherg Streng orlhodcx "RP3 Bold Bcstauralien Drelftanm Neu renoviert. Kalt- und Warmwasser Pensionspreise S 9—10 täglich ror Knlfosbeamte 20% ErmfiOiaonig Um zahlreichen Zuspruch billet Welss-Clsen Wahrheiten vom Sa£e Rassentheorie. Zutreffend äußert sich über die Unsinnigkeit dieser Irrlehre in einem Buch über den Geist der englischen Politik der Universitätsprofessor K a ntorowiez in Kiel wie folgt: „Die Rassentheorie, soweit sie die Grenzen der physischen Anthropologie überschreitet, ist bisher Phantastik oder ga r Vol ksbe tr ug zu m Zwe ck d er Völkerhetze!" Sir Herbert Samuel Vizekönig von Indien? Wie die Jüdische Telegrap.ien-Agentur aus englischen parlamentarischen Kreisen erfährt, soll den britische Ministerpräsident Mac Donald mit Sir Herbert Samuel wegen seiner eventuellen Ernennung zum Vizekönig von Indienals Nachfolgen1 Lord Irvins Fühlung genommen haben. Die Amtszeit des gegenwärtigen Vizekönigs voa Indien, Lord Irvin, läuft Anfang nächsten Jahres ab. Es wird allgemein angenommen, daß der frühere High Commissioner für Palästina gemn Gelegenheit nehmen würde, die nächsten Jahre im Osten zu verbringen, der auf ihn immer eine starke Anziehungskraft ausgeübt habe. Im Falle der Ernennung Sir Herbert Samuels wird dieser der zweite Jude in diesem hohen Staatsamt sein. Seine Freunde und Kollegen im Unterhaus sagen, er sei einer der wenigen Staatsmänner, die imstande sein würden, die hohe Leistung Lord Readings wähnend dessen Amtstätigkeit in Indien zu erreichen. Antisemitische Propaganda in Argentinien. Auf den Anschlagbrettern des von Juden bewohnten Stadtteiles von Buenos Aires erschienen dieser Tage antisemitische Anschläge, in denen die Vertreibung, der Juden aus Amgentinien gefordert wird und die Juden für die Existenz des Mädchenhandel-.; im Lande verantwortlich gemacht werden. „Die Juden haben die Ehre der argentinischen Frauen verletzt; sie respektieren die argentinischen Gesetze nicht; die Juden sollten an unseren Schulen und Universitäten nicht geduldet und aus dem Lande vertrieben werden." Die Anschläge sind mit der Unterschrift ,5 ö h n e des Volkes" gezeichnet. Es handelt sich Wichliga Neuerscheinung! t! In unserem Verlage erscheint soeben: -itfntD MACH SO R für die liehen Feierlage) ungekürztem Text, mit einer neuen (Festgebete mit vollständigem Ueberseteung von Prof. Dr. Jakob B'r o n n e r, Wien. Diese nene Uebersetzung zeichnet sieb vor allen anderen, bisher vorhandenen durch ihren modernen Stil nnd ihre Klarheit aus. Der Name des Uebersetzers bürgt für deren Zuverlässigkeit und Gründlichkeit. Sowohl der hebräische als auch der deutsche Text (Lateinschrift) ist in klarer, schöner Type auf vorzüglichem holzfreien Papier gedruckt und sorgfältigst korrigiert. Der Hachsor eignet sich auch vorzüglich für Geschenkzwecke und soll in keinem jüdischen Hause fehlen 1 Preis in 2 Leinenbänden S 7.— ,4 ,. - - S 10.- , 4 Luxnsbänden S 14.— Zu beziehen in allen hebräischen Buchhandlungen sowie in der Magsbuihandliing Hendl Salzmann Wien II., Grefte Schiffgasse Nr. 4 Telephon R 27-6*71 um eine mysteriöse Organisarion, die mit einem antisemitischen Studentengruppe in Zusammenhang gebracht wird, welche vor einigen Wochen ein Plakat mit der Losung: „Er schlagt die Juden" angebracht hat. Der unabhängige sozialistische Abgeordnete B e z h i> n s k i; selbst ein Jude, hat eine polizeiliche Untersuchung des Ursprungs der Anschläge und Bestrafung der Schuldigen gefordert. Während alle arideren. Zeitungen von Buenos Aires den Zwischenfall stillschweigend übergehen, erhebt die sozialistische Zeitung „La Vanguardia" in ihrem Leitartikel ■ scharfen Protest. Die Juden von Buenos Aires sind wegen des Erscheinens der Anschläge nicht übermäßig beunnüiigt. Sie haben volles Vertrauen zu dem demokratischen Geisl des argentinischen Volkes und zn fler Wirksamkeit der argentinischen Gesetze. Die deutschen Dreyfus-Akten unauffindbar. Nach einem Vortrag des Berliner Rechtsanwaltes Dr. Bruno Weil in Paris hat die Französische Liga für Menschenrechte auf parlamentarischem Wege die Publikation aller bisher noch nicht bekanntgewordenen Dreyfus-Akten gefordert. Gleichzeitig hat sich Dr. Weil mit dem deutschen Reichswehrministerium wegen dei Veröffentlichung der auf den Fall Dreyfus bezüglichen preußischen. Generalstabsakten in Verbindung gesetzt. Dr. Weil erhielt soeben die Antwort, die Akten seien im Reichswehrministerium trotz Nachfrage bei den verschiedensten Ressorts unauffindbar. Die Nachforschungen würden fortgesetzt werden* doch sei es nicht ausgeschlossen, daß die Akten in der Revolutionszeit in V e r I u s t" g e r a te n seien. Antischächtbeweguug in der Tschechoslowakei. Vor kurzem ist zwischen der Kultusgemeinde Pilsen und der Genossenschaft der Fleischer und Selcher in Pilsen ein Streit wegen der Viehschlachtung ausgebrochen, da die Kultusgemeinde dagegen Verwahrung einlegte, daß der rituellen Schlachtung aui dem städtischen Schlachthofe Pilsens Schwierigkeiten in den Weg gestellt werden. Die Sache kam bis vor den Obersten Verwaltungsgerichtshof, der zugunsten der Pilsener Kultusgemeinde entschied. Nunmehr hat aber der Ausschuß der Fleischergenossenschaft einen Beschluß gefaßt, durch den er seinen Mitgliedern die Beteiligung an der rituellen Schlachtung und an allen Vorbereitungen zu einer solchen verbietet. Erst nach dem rituellen Schnitt dürfen Genossenschaftsmitglieder Schlachtarbeit verrichten. Begründet wird diese Entschließung iamit, daß die Kos che rschlachtur. g veraltet ist, daß bei der Schlachtung die Tiere sehr l; i d e n und daß alle Genossenschafisbeamten auf dem Schlachthofe Mitglieder des Tierscliutzvcreines seien, so daß man sie nicht zwingen könne, gegen ihre Ueberzeugune zu handeln. Agudas Jisroel und Kalenderreform. Der stellvertretende polnische Außenminister Ur. W y s o c k i empfing am 20. Juli oino Delesatioi» der Agudas Jisroel, bestehend aus dem Präsidenten des Zentralrates der Agudas Jisroel, Rabbiner Lewin und dem ehemaligen Senator Mendelsohn, die ihm den Standpunkt der jüdischen Orthodoxie gegen die geplante, die Stabilität des Sabbath bedrohende Kalenderreform, darlegte. Dr. Wysocki versicherte, daß der polnische Delegierte beim Völkerbund, Sokal, den Standpunkt der orthodoxen Juden gegen die Kalenderreiorm vertreten wird. *^ Franz Ferdinand und die Juden. In einem der letzten Hefte der „Revue de Paris" ist ein Artikel des Botschaftsrates Grafen Sforza über Erzherzog Franz Ferdinand erschienen, der in seiner Knappt heit — er umfaßt kaum ein Dutzend Seiten — die größte Beachtung verdient. In dieser Studie wird auf den zwiespältigen, ungeheuer verschlossenen Charakter Franz Ferdinands hingewiesen, der auch aus seiner Einstellung zur Judenfrage hervorgeht. Graf Sforza sagt darüber: „Daß Franz Ferdinand die Los von Rom-Bewegung auf das heftigste bekämpfte, ist selbstverständlich. Er mochte die Juden nicht, zeigte dies mehr, als es seiner Stellung gut gewesen wäre, aber er hatte in seinem Haß" nichts von dijr alten katholischen Intoleranz, aus der das Ghetto und die Autodafes stiegen. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß es vor allem das Assimilationsvermögen war, das er an den Juden besonders verabscheute und das ihnen in Budapest zu verschiedenen Machtstellungen verhalf. Wenn es in Budapest Pogrome gegeben hätte, ich glaube, er hätte die Juden weit weniger gehaßt..." Ein Denkmal für Professor von Bäsch. Am 17. August wild in Marienbad aus Anlaß des 25. Todestages des Leibarztes Kaiser Maximilians von Mexiko, Professor von Bäsch, ein Denkmal, eine Widmung des Dresdner Professors Struboll-Harkort, eines Schülers Bäsch', enthüllt Professor von Bäsch, der Entdecker der klinischen Blutdruckmessung, die später ebenfalls durch einen jüdischen Mediziner, Pell er, den Erfinder des Pellerometers, verbessert wurde, ist 1837 in Prag geboren, ging nach Beendigung seiner Studien mit Kaisen Maximilian als dessen Leibarzt nach Mexiko, kehrte nach dessen tragischem Ende nach Wien zurück und praktizierte in jedem Sommer in Marienbad. Er starjbi am 5. April 1905. „ ». . '"- -"J v - - - »■■ -r , ^j^H^.o.jy.vr.-^T.-a g.^«^-^-,«J^«»im.»^Mr^e.«»iet»<«fcj