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Die Wahrheit · 1930-08-01 · Heft 31 (1.8.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 31 (1.8.1930)
Date
1930-08-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TABORSTRASSE Nr. 20a TEL R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN I REICHE AUSWAHL IN HEBRftlKA UND JUDAIKA in englischer und französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.— KEINE BANDGEBÜHR! TÄGLICHER UMTAUSCH! tung hatte eine Durchführungsverordnung erlassen, die auch bei der Frage nach der „Nationalität" nur die Erhebung von feststellbaren Tatsachen und nicht die Neugierde nach einem politischen Bekenntnis bezweckt. Die Regierungsverordnung bestimmt nämlich, daß die Nationalität in der Regel nach der Muttersprache verzeichnet wir<L Die Volkszählung ist also bei der Frage nach der Nationalität nicht darauf neugierig, zu welcher politischen Nationalität oder Nationalitätenpolitik sich die gezählte Person bekennt, sondern sie tyill den Tatsachen gemäß ausschließlich wissen, welche seihe Muttersprache Ist Ausnahmen gelten nur in abnormen und seltenen Fällen, wo die gezahlte Person ihre „Muttersprache" nicht spricht. Nur eine einzige Ausnahme kennt die Verordnung außer den genannten abnormen Fällen, nämlich — die Juden. „Die Judeu allerdings" — sagt die Verordnung — „dürfen sich stets zur jüdischen Nationalität bekennen." Dies ist unseres Wissens die erste Ausnahmebestimmung iür Juden in der Gesetzgebung der Tschechoslowakischen Republik. Es soll auch nicht verschwiegen werden: Wir danken sie Juden, jüdischen Natiöhalpolitikern. Diese Bestimmung will sagen, daß die Juden — immer vorausgesetzt: wenn sie wol- Das Gesetz von 1492 nicht mehr in Kraft. Der gegenwärtige spanische Außenminister Herzog von Alba und Berwick gewährte der Jüdischen Telegraphen-Agentur während seines Aufenthaltes in London ein Interview, in dem er sich insbesondere über die Frage der gegenwärtigen Gültigkeit des gegen die Juden in Spanien im Jahre 1492 erlassenen Vertreibungsediktes äußerte. Die Frage ist durch eine vor kurzem erfolgte Aktion des Präsidenten der Jüdischen Völkerbundsliga in Bulgarien, Doktor Me zan, angeregt worden, der an den Präsidenten 4er Internationalen Union der Völkerbundligen die Bitte richtete, anläßlich der in Madrid abzuhaltenden Jahreskonferenz der Union festzustellen, ob er und andere jüdische Delegierte an der Tagung teilnehmen können, da seines Wissens das Edikt von 1492 nie rückgängig gemacht worden ist. Herzog Alba beantwortete die an ihn gestellte Frage mit der Gegenfrage, ob das gegen die Juden in England verfügte Vertreibungsedikt von 1290 je zurückgenommen worden ist. Eine Regierung setzt Gesetze und Erlässe, die im Laufe von Jahrhunderten erlassen worden sind, nicht einzeln außer Kraft. Durch die jetzt in Spanien geltende Verfassung sind alle vor dem Jahre 1800 in Spanien gültig gewesenen Gesetze, also auch •das Edikt von 1492, automatisch außer Kraft gesetzt. Die Lage der jetzt in Spanien lebenden Juden ist genau die gleiche wie die aller anderen Bewohner des Landes, gleichgültig, ob sie spanische Bürger oder Ausländer sind. Als spanische Bürger genießen die Juden die gleichen Rechte wie die anderen spanischen (Staatsbürger, als Ausländer die gleichen Rechte wie die nichtjüdischen in Spanien lebenden Ausländer. Die spanische Staatsbürgerschaft können die Juden in gleicher Weise wie alle anderen erwerben. Es gibt auch bereits eine Anzahl von Juden, welche die spanische Staatsbürgerschaft «rworben haben, und ich selbst kannte persönlich «inen von ihnen, Senor Bauer, der Mitglied des spanischen Parlaments geworden ist. Ich persönlich — sagte der Herzog Alba — bin der Meinung, daß die Vertreibung der Juden aus Spanien ein Fehler war. Aber die Juden sind nicht das einzige Volk, das zu jener Zeit aus Spanien vertrieben worden ist. Auch die Mauren sind damals vertrieben worden, obwohl •diese Maßnahme auf sehr starke Gegnerschaft stieß. Juden und Mauren waren beide fleißige Bevölkerungsschichten, und so wie die Großgrundbesitzer in den Mauren eine sehr nützliche Schicht von landwirtschaftlichen Pächtern fanden, so wußten auch die maßgebenden Handelskreise den Wert der Juden einzuschätzen und sie machten die größten Anstrengungen, um den Beschluß der Inquisition zu mildern. Die Inquisition war keineswegs, wie weithin angenommen wird, das" Instrument der katholischen Kirche, die mit dieser Graulen — die Rubrik „Nationalität" auf dem Fragebogen nicht nur gleich der übrigen Bevölkerung nach ihrer Muttersprache allein, sondern auch nach ihrem oder üinen. von irgendwelchen nationalistischen Minderheitspolitikern aufgeschwatzten jüdisch-nationalen politischen Bekenntnis ausfüllen können. Den nationalistischen jüdischen Politikern genügt es in ihrem politischen Weitblick durchaus nicht, wenn die Juden üire Zugehörigkeit zum Judentum in der Rubrik „Glaubensbekenntnis" als Jüdisch" statistisch erfassen lassen. Sie wollen das Recht auf ihre Politik von der erfundenen „jüdischen Minderheitsnationalität" auch auf die Gefahr hin zum Ausdruck gebracht wissen, daß in der Gesetzgebung der Tschechoslowakischen Republik Sondergesetze für jüdische Nationalisten inauguriert werden. Eine andere Frage ist es, ob die Juden der Tschechoslowakei den „Nationalisten" ihrer Minderheitspolitik zuliebeden Gefallen erweisen und von diesem schönen Geschenk Gebrauch machen sollen. c Ist es verwegen, zu hoffen, daß die große Masse der tschechoslowakischen Judenheit klugen Verstand und gesunden Sinn genug haben wird, sich vom Danaergeschenk eines solchen „Ausnahmsgesetzes nicht beirren zu lassen? samkeit durchaus nicht immer einverstanden war. Die spanische Inquisition war eine Einrichtung des spanischen königlichen Regimes zur Herstellung der religiösen Einheit im Lande, weil man damals annahm, daß es ohnef religiöse Einheit keine Einheit der Bevölkerung und keine Autorität der Krone gäbe. Gegen eine starke Opposition setzten Ferdinand und Isabellä ihren Willen durch und Juden und Mauren wurden aus Spanien vertrieben. Das sind aber alles Fragen einer längst vergangenen Geschichte, die jetzt neu aufzurühren nichts Gutes bewirken würde. Die Loyalität der Sepjiardim. — Keine Aussicht für Massenrückwanderuug. Herzog Alba ging dann auf Fragen der Gegenwart ein und sagte: Die spanische Regierung kennt die noch heute anhaltende Loyalität und innere Neigung für Spanien und die spanische Sprache bei hunderttäusenderi von Abkömmlingen spanischer Juden in nichtspanischen Ländern. Die spanische Regierung hat es schon vor Jahren unternommen, enge und rege kulturelle Beziehungen mit diesen Sephardim in verschiedenen Teilen der Welt aufzunehmen, und trägt zur Unterhaltung ihrer Erziehungsinstitutionen, besonders in Marokko, bei. Wir wissen, wie diese Juden über die spanische Periode der jüdischen Kultur denken, die in Wahrheit ein ruhmvolles Blatt in der Geschichte füllt. Es gibt noch eine große Anzahl von Juden in Marokko, z. B. in Tetuan, die noch immer spanische Staatsbürger sind, und in einer gewissen Zahl kommen auch Juden aus Marokko nach Spanien und siedeln sich dort an. Die Zahl ist nicht sehr groß, das hat aber seinen Grund darin, daß Spanien ein armes Land ist und daß es für einwandernde Juden daher keine großen Möglichkeiten bietet. - Das bringt uns zu der Frage, ob eine große Rückwanderung spanischer Juden nach Spanien wahrscheinlich ist In Spanien gibt es Arbeitslosigkeit; natürlich nicht in einem solchen Ausmaß wie hier in England, Spanien ist ein industriell nicht so hoch entwickeltes Land wie England, aber die Einwanderung in ein Land muß sich immer nach den ökonomischen Bedürfnissen des Landes und seiner Absorptionsfähigkeit richten. Ich glaube nicht, daß die plötzliche Ankunft von hunderttausend sephardischen Juden auf einer Arche Noah in England . durch die Bevölkerung geradezu begrüßt werden würde, und in Spanien liegen die Dinge in dieser Hinsicht nicht anders als in irgend einem anderen Lande. Insoweit es jedoch wirtschaftliche Möglichkeiten im Lande gibt, sind die Juden als Einwanderer in Spanien ebenso willkommen wie irgend wer sonst und können einer sehr liberalen Behandlung gemäß den Gesetzen des Landes sicher ' sein. Die Frage einer Rückwanderung der sephardischen Juden nach Spanien ist in weitem Umfang von ökonomischen .und anderen Erwägungen delikater Natur abhängig und es scheint, was immer in Zukunft geschehen mag, für eine Masseneinwanderung nach Spanien geringe Aussichten zu geben. Das Problem ist allerdings eines von vielen, die jetzt Gegenstand der Untersuchung durch die spanische Regierung sind. Glossen. In der vorigen Nummer wurde an dieser Stelle auf die gründliche Abfuhr hingewiesen, die Dr. S e i p e 1 in einer wissenschaftlichen Studie den Rassenschnüfflern zuteil werden ließ. Es mag selbst einem so bedeutenden Mann wie Doktor Seipel Befriedigung gewähren, wenn ein Thomas Mann gerade in diesen Tagen Ansichten über die völkische Rassentheorie äußert, die ein vernichtendes Urteil über diese Afterwissenschaft enthalten. In einem Schreiben Thomas Manns an den Chefredakteur der „Wiener Sonn- und Montagszeitung" ist unter anderem zu lesen: „Die völkische Rassentheorie und -forschung halte ich für die bedenklichste und unsicherste Art von Wissenschaft, bestimmt von Rassensentiments, die in ihren Konsequenzen kulturwidrig und absurd sind." Man kann sich lebhaft vorstellen, daß das intensivste Studium der völkischen Rassentheoretiker in der nächsten Zeit den Stammbäumen — Dr. Seipels und Thomas Manns gewidmet sein wird. * * ¥ An dem vor einigen Tagen in Breslau stattgefundenen 13. „Deutschon Studentontag'' nahmen wie die „Dötz" berichtet, zumeist völkische Stu-I denten teil. „Aber bedauerlich und leider beinahe! bezeichnend war der schlechte Besuch aus Professorenkreisen. Als einziger Rektor war Professor Graf Gleispach erschienen." Man darf es dem Blatt aufs Wort glauben, daß die in ihrer Mehrheit hakenkreuzlerische Studentenschaft den Rektor Gleispach mit Ovationen überhäufte. Aber dürfte es nicht selbst der Herr Graf als ein erdrückendes Lob empfunden haben, wenn ihn die „Dötz" zu einer Art Unikum stempelt, indem sie buchstäblich behauptet: „Stolz bücken sie alle zu dem Manne auf, der an deutschen Hochschulen leider vereinzelt dasteht." Wie immer man über Gleispach denken mag: ein Unikum ist er leider nicht. * * * Die Vertreter des Arierparagraphen, der die reine Bergluft mit den Bazillen des Antisemitismus verseuchen soll, wollen nicht auf Unterstützungen verzichten, die aus den öffentlichen Steuergeldern stammen, an denen auch die Juden partizipieren. Vielleicht findet man nächstens schon bei den antisemitischen Schutzhütten als Aufschrift die prinzipielle Forderung: „Juden unerwünscht! Nur Subventionen!" * * * Ein Dialog. — „Jetzt habe ich mir in einem renommierten Geschäft die komplette Ausrüstung besorgt, morgen geht* s auf die Berge ..." „Aber Mensch, das Wichtigste haben Sie vergessen! Das Geschäft kann Ihnen doch keinen Stammbaum Ihrer Familie liefern, der für alle Fälle und auch für alle Unfälle genügt." * * * In einer aus der Feder eines bekannten Antisemiten geflossenen Studie hat sich ein Druckfehler eingeschlichen. Da war nämlich zu lesen: „Für unsere wissenschaftlichen Feststellungen ist namentlich die Kropfform von großer Bedeutung." Wirklich ein netter, ein interessanter Druckfehler. * * * Ungarische Blätter melden, daß die Behörden neuerlich ihre Aufmerksamkeit dem Straffall der Ermordung Somogyis^und-Bacsos zuwenden. Von »»■WMMfltlllllMMlinillt<WM«*MMWIiWlllllltWIMM"'"'"'"""W»M"WM Gleichberechtigung der Juden in Spanien.

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