Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 31 (1.8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Obwohl eine von der Regierung angeordnete Untersuchung die Entstehung des Feuers auf einen Zuiall zurückiührte, wird in der führenden Presse der ganzen Bukowina die Behauptung aufrechterhalten, daß das Feuer ein "Werk der antisemitischen Agitatoren war. Es sind Beweise dafür beigebracht worden, daß das Feuer an drei verschiedenen Stellen gleichzeitg entstand, daß viele Gebäude vorher mit Petroleum und Benzin begossen worden sind und daß, als die Feuerwehren Wasser zur Löschung des Feuers entnehmen wollten, die Brunnen mit Steinen verstopft vorgefunden wurden. Angesichts dieser Behauptungen hat die Regierung eine neuerliche Untersuchung angeordnet. Was indessen die Wahrheit übei den Ausbruch des Feuerr. sein möge, so üteht außer jeder Frage, daß sowohl die Regierung, als aveh die lokalen Behörden nichts unternommen haben, bis es zu spät war, Ereignisse zu verhindern, die eine grauenhafte Katastrophe für die jüdische Bevölkerung der südlichen Bukowina darstellten. Dies wird nicht nur von der Rtgierungsopposition, sondern auch von ihren eigenen Anhängern im Parlament behauptet Die letzten aus Czernöwitz eingelaufenen Nachrichten besagen, daß die Regierung die lokale Gendarmerie beträchtlich verstärkt und einige der Polizeipräfekten des Amts enthoben hat, von denen man annimmt, daß sie für die Unruhen verantwortlich sind. Die letzten Nachrichten aus Rumänien klingen beruhigend, seit Anfang der vergangenen Woche ist es zu keinen neuen Zwischenfällen gekommen*). Es ist zu hoffen, daß die antijüdische Agitation streng unterdrückt wird. In der Aussprache über diesen Bericht im Rahmen des Board of Deputies wurde das Joint Foreign Committee angegriffen, indem behauptet wurde, seine Zuschriften an die rumänische Regierung seien zu milde und es seien stärkere Maßnahmen nötig. Percy Cohen wies auf den erschreckenden Kontrast hin zwischen dem Bericht des Komitees über die feierliche Versicherung des Königs und der Minister von Rumänien und den in der zweiten Hälfte des Berichts enthaltenen Feststellungen des Komitees über die rumänischen Exzesse. Er fragte, ob seit Abfassung des Berichtes von der rumänischen Regierung irgend welche Versicherungen eingetroffen seien. Lucien Wolf antwortete, daß noch vor Versendung des Berichts, am 18. d. M., Versicherungen gegeben worden sind, die als befriedigend anzusehen seien. Die Informationen lauten dahin, daß seitens der rumänischen Behörden alle Vorkehrungen getroffen worden sind, die Ausschreitungen zu unterdrücken. Die Ordnung in der Bukowina sei wiederhergestellt. _ . „ Es wurde beschlossen, der rumänischen Regierung die Beunruhigung des Komitees wegen der Häufung antisemitischei Exzesse, besonders in der südiclen Bukowina, mitzuteilen und die Hoffnung auszusprechen, daß die betroffenen Juden in angemessener Weise entschädigt werden. - v) Am 23. Juli gab es aber in Jassy wieder antisemitische Ausschreitungen. Die Demonstranten marschierten erst geschlossen auf den Straßen, bildeten dann kleinere Gruppen, die sich über Auslagen und Fensten jüdischer Stadtbewohner hermachten und zahlreiche Juden verprügelten. Schließlich verhaftete die Gendarmerie zwanzig Missetäter. Alle gaben in ihrem Verhör an, daß sie auf Weisung Codreanus und seiner Bevollmächtigten gehandelt haben. CSiehe übrigens unsere Nachrichten über den „Brandherd Rumänien".).____ Unter anderem zitiert da der Autor, allerdings unkontrolliert, aus dem Zusammenhang gerissene AeuLie rungen prominenter Persönlichkeiten früherer Zeiten über uns Juden, aus einer Zeit, wo wir noch in Ghetti eingepfercht warnen. Auf welche Leistungen aber in Kunst und Wissenschaft, in Industrie, Handel und Verkehr können wir seither hinweisen, insbesondere heute können wit überall stolz und aufrechten Hauptes emhergehen: un seine Gleichwertigkeit m'ut jedem Kulturvolke ist zur Evidenz erwiesen. Wie man Leistungen anerkennt, auch wenn üie von Juden oder Judenstämmlingen herrühren, die sich aber zum allgemeinen! Wohl ökonomisch auswirken, das sehen wir jetzt an den Ehningen Max Reinhardts in Salzburg, in der Stadt ues i,Eiseinen Besen". Neben Belehrung und Genuß gibt uns das Werk York-Steiners in seimsn geschichtlichen Ausführungen, ganz unabsichtlich vielleicht auch einen Fingerzeig. Er iührt aus. wie die Deutschen, die Polen uns erst dann zu bedrücken und zu verfolgen begannen, als sie selbst schon den Commerz von den Juden erlernt hatten. Auch Treitschke gibt das ganz offen zu, wenn er in seiner Politik bemerkt, daß die Juden in deutschen Landen des Mittelalters überflüssig wurden, als die Deutschen von ihnen den Geldverkehr erlernt hatten. Aus der Geschichte soll man lernen. Wollen die Araber in Palästina mit uns nicht vielleicht ebenso verfahren? Wer weiß, ob es nicht ratsam und politisch geboten wäre, ehe wir weitere Gelder in Palästina investieren, uns für die Zukunft der Kolonien wohlfundierte Sicherheiten zu verschaffen? Seit den August-Ereignissen des Vanjahres habe ich immer die Empfindung, als ob die Araber es jetzt nur auf den Raub dessen abgesehen hätten, was Juden in den letzten drei Jahrzehnten dort geschaffen. Ehe ich meine diesmaligen Betrachtungen schließe, will ich von den zahlreichen besprechenswerten anderen Bücheam kurz noch eines Werkes Erwähnung tun, und zwar_ der „Griechischen Plastik" von Prof. Dr. cmanuel L ö \v y. in zwei Bändchen (1 Text- und 1 Tafelband), 4. Auflage (1. Auflage schon 1911, Preis S .6.—). Nur wer die Kunstgeschichts-Literatur einigermaßen kennt, kann beurteilen, wie gediegen dieses Werkchen ist. Gegenüber dem langatmigen, oft schwulsögen, in die Kunstwerke alles Mögliche und Unmögliche hineindächtenden Darlegungen anderer Kunsthisto- Der Bericht des Komitees über Völkerbund, Ungarn und Kalenderreform. Völkerbund: Das Komitee hat seine Vorkehrungen im Zusammenhang mit denjenigen Fragen jüdischen Interesses erwogen, die voraussichtlich bei der September -Völkerbund -Tagung zur Behandlung kommen. Es sind das die Fragen des Minoritäten-Verfahrens, der Staatenlosigkeit, der administrativen Zukunft der Kommission für Flüchtlinge, ferner die Frage der Reorganisation der Konferenz iür den Wanderschutz und die Frage der Kalenderreform. Hinsichtlich des Minoritäten-Verfahrens wurde beschlossen, das auf diese Frage bezügliche Memorandum, das dem britischen Außenminister im August 1929 durch das Komitee überreicht wurde, in einer neuen und revidierten Ausgabe zu veröffentlichen. Neben uem Joint Foreign Com m i 11 e e werden während der Tagung der Völkerbuniversammlung auch der H iIisve r ei n der Deutschen Juden, das American Jewish Commi 11 ee und die Jewish Co 1 o uisa tio n Association in Genf vertreten sein. Ungarn: Der Sekretär des Komitees Lucien V/ oli berichtete, daß er mit dem ungarischen Ministerpiäsidenten Graien Bethlen während seines jüngsten tiesuch in London eine Unterredung hatte, die einen sehr freundschaftlichen Charakter trug. Die Unterredung fand auf Anregung der Budapester jüdischen Gemeinde statt, die versicherte, daß sie seitens des Grafen Bethlen möglich sein wird, und ihre Meinung zum Ausdruck brachte, daß eine solche Unterredung als Zeichen der Wiederherstellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Ungarn und der westlichen Judenh e i t eine günstige Wirkung haben wird. In diesem Sinne wurde das Gespräch auch von der ungarischen Presse interpretiert, die nach Informationen der offizelleu Telegraphen-Agentur Mitteilungen über das Gespräch veröffentlichte. Kalenderreform: Der Vorsitzende des Komitees berichtete über einen Besuch, den ihm der Chief Rabbi gemeinsam mit Rabbiner Dr. Lewenstein aus Zürich in Vertretung des internationalen rabbinischen Komitees iür Kalenderreiorm abstatteten. Sie erbaten die Unterstützung des Board of Deputies und der Anglo Jewish Association durch Bereitstellung von Unterschriften unter ein jüdisches Gesuch an den Völkerbund gegen die geplante Einschaltung von blanken Tagen in den Kalender. Ein solcher Kalender würde cie Folge der Wochentage stören md sich für Einhaltum: des jüdischen Sabbath katastrtphai auswirken. Das Komitee hat beschlossen, von den leitenden Körperschaften zu erbitten, daß sie entsprechende Resolutionen zur Unterstützung des rabbinischen Komitees fassen und weitere Maßnahmen zum Schutze der jüdischen Interessen, soweit sie iür notwendig beiunden werden, den Präsidenten überlassen mögen. »■■■•■■*■■«■■■■■■■■! ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■•■amiw Behördl. aator. HäuseradmiRistration ADOLF KRALL IV., Schleifmühlgasse 11 Telephon R 29-1-48 empfiehlt sich zur Übernahme von Verwaltungen Erstklassige Referenzen riker, finden wir hier eine gedrängt kurze, trotzdem klare und anschauliche Vortragsweise. Aui 137 Seiten kleinen Formats werden 297 Bilder erklärt. In der Propyläen-Kunstgeschichte füllt die griechische Plastik nahezu einen ganzen Lexikon-Band. An Anschaulichkeit düritc l-öwy kaum einer der Forscher, die nebtn ihm Karl Wochimann in seiner großen Kunstgeschichte anführt, übertreffen: an Schönheit und Gedrängtheit überzeugender Dsrstellungsweise wird ihn aber kaum einör erreichen. Zur Illustration möchte ich nur folgende Stellen zitieren; aus dem Kapitel „Skopas und Praxiteles" (S. 68): „Was zunächst an diesen Köpfen (140—142) auffällt, ist der starke Ausdruck von Leidenschaft, sei es die Hitze des Kampfes oder der Schmerz des Unterliegens. Dieser Ausdi-uck ist mit kräftigen Mitteln! gewonnen. Der Kopf gewaltsam nach rückwärts geneigt, das Gesicht nach oben. Der heftig atmende Mund halb geöffnet, so daß die ofere Zahnreihe sichtbar) wird. Ueber der Nasenwurzel die lebhaft bewegte Stirn sich verwölbend. Besonders betont ist das Auge: in tiefer Höhle, der Augapfel vom scharf abgeschnittenen oberen Lide beschattet, der innere Winkel tief eingearbeitet, während der äußere fast verdeckt wird durch einen darüber gelagerten Hautwulst, dies alles verleiht dem Auge In hohem Grade den Ausdruck von Erregung." (S. 69.) „Ein neues tritt uns hier entgegen: das Pathos. Die Kunst des fünften vorhergehenden Jahnhunderts, sowohl die der Rede als die statuarische, kennt nur den Ausdruck der dauernden seelischen Eigenschaften, des Ethos. Ethische Wesen sind Götter, die Phidias geschaffen, wie die tragischen Gestalten eines Aeschylos und Sophokles. Aben ein neues Thema schlägt Eurrpides, der große Neuerer, an. Er dringt in die Tiefen des menschlichen Herzens, prüft und durchforscht es, enthüllt es uns in feinen Stürmen. Kämpfen und Leidenschaften, mit einem Wort, Euripides führt in die griechische Kunst das Pathos ein. Das geschieht um die Wende des fünften Jahrhunderts in der Dichtung, der Kunst, welche nach der Art ihrer Mittel der Plastik vorangeht: in dieser sehen wir es zum erstenmal in den Schöpfungen des Skopas." Und ein solcher Könner, wie dieser Prof. Doktor Emanuei Löwy, ist an dar Wiener Universität kaltgestellt Ist das nicht ein neuerlicher Beweis für den trostlosen Niedergang der Wiener Universität? Herzlichst grüßend Ihn Theodor Ehrenstein. Alt-Aussee, im Juli 1930. : Der ren-Maft-sehn elftere! 1 mmm brbüner Wien IL, Praterstraße Nr. 21 Gegründet 1900 Telephon R 41- 6-64 empfiehlt sich zur Anfertigung eleganter Herren - Garderoben Orig. englische Stoffe stt ts lagernd Erstklassige Ausführung Massige Preise ► *■ ► ► » ► ► ► r labliings-lrlelclitcraniteD *m ^TTfTTJVgVTlf fffttTTJTmWTTOTTjfc Die „Nationalität" bei der Volkszählung in der Tschechoslowakei. in der „J ü d i- Civis Judäus schreibt sehen Presi.e": Am 1. Dezember dieses Jahres wird die Bevölkerung der Tschechoslowakischen Republik abermals, und zwar zum zweitenmal seit dem Bestände des tschechoslowakischen Staates, gezählt werden. Vor einiger Zeit wurde die Regierungsverordnung herausgegeben, welche die Durchführungsbestimmungen für diese Volkszählung enthält. Man sollte denken, die Volkszählung sei eine administrative Maßnahme für statistische Zwecke und hat nur deinographische Bedeutung fernab von jeder Parteipolitik und jedem politischen Kalkül. Das Zählblatt wird jedem Einwohner nach Recht und Ordnung zugestellt; es ist ein Fragebogen, der nach bestem Wissen und Gewissen w a ii r ii e i t s g e m ä ß ausgefüllt werden soll, wie es das Gesetz erfordert. Die Politik beschäftigt sich mit der Frage, wie die Dinge der bürgerlichen Zusammengehörigkeit und des Gemeinschaftslebens gestaltet sein sollen oder sollten. Die Statistik, deren technisches Zählinstrument die Volkszählung lediglich ist, stellt die Dinge fest, w i e s i e s i n d. Sie gleicht einer Uhr, die die Stunden pünktlich anzeigt, unbekümmert darum, ob es uns recht ist oder nicht. Ein Uhrwerk, dessen Zeiger je nach den Interessen und dem Wunsche seines Besitzers hin- und zurückgeschoben wird, taugt ..auf Kapores", wie man bei uns Juden zu sagen pilegt. Das statistische Zentralamt der Republik gab sich — das muß anerkannt werden — in seinen Vorarbeiten redlich Mühe, das Datenmaterial der bevorstehenden Volkszählung jeder Beeinflussung durch politische Interessen oder Wünsche zu entziehen, und stellte einen erweiterten Fragebogen zusammen, wie er den Anforderungen einer auf wissenschaftlich einwandfreie Daten sich stützenden Sozialökonomie und Soziologie entspricht. Nach seinen und seines Auftraggebers, des Staates, Intentionen sollte die Volkszählung die Fragen nach Geschlecht, Alter, Familienstand, körperliche und geistige Beschaffenheit, Staats- und Heimatzugehörigkeit, Wohn- und Lebensverhältnisse der Bevölkerung u. dgl. verläßlich beantworten. Dazu gehört dann auch das Glaubensbekenntnis und natürlich die — Nationalität. Dabei wird offenbar voraussresetzt, daß es dermaleinst, nach hundert Jahren vielleicht, der gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeit sämtlicher modernen Soziologen, Nationalökonomen, Philosophen, Dichter und Politiker gelingen wird, allgemein gültig und exakt festzustellen, worin diese „Nationalität" eigentlich besteht, wie man ihr Gesicht erkennt und von anderen unterscheidet. Vorderhand ist die „Nationalität" der Bevölkerung die einzige Frage des statistischen Zählblattes, bei der unsere lieben Politiker in die Arbeit der Volkszählung — hineinpfuschten. Sie möchten aus der Rubrik ..Nationalität" aui dem Fragebogen anstatt der demographischen Erhebung einer Tatsache am liebsten eine Frage hochpolitischen Bekenntnisses machen, um dann später die gewonnenen Daten für ihre politischen Zwecke und Ziele weidlich auszunützen. Die Bevölkerung des Staates sollte — wenn es nach dem Wunsche der Nationalitätenpolitiker ginge — auf solche Weise i m Wege der Volkszählung unbewußt und ungewollt zum politischen Stimmvieh in der Nationalitätenpolitik werden. Glücklicherweise haben die Leiter des statistischen Zentralamtes und die Regierung die löbliche Absicht erkannt und diesem Uebel wirksam vorzubeugen gewußt. Die Regie-