Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 31 (1.8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Brandherd Ein Kommunique des Ministerrates. Bukarest, 24. Juli (J.T.A.). Ueber die bereits gemeldete, unter Vorsitz des Ministerpräsidenten M a n i u stattgefundene Sitzung des Ministerrates, der sich mit der Beschlußfassung über Maßnahmen im Zusammenhange mit den Exzessen in Rumänien beschäftigte, wurde das folgende offizielle Kommunique verbreitet: Der Ministerrat nahm die Ausführungen des Innenministers Vaidä über die letzten Vorfälle antisemitischen Charakters entgegen und ordnete die strengsten Maßnahmen gegen die Ruhestörer an. Es werden Strafen verhängt und das Marzescugesetz (ein Ausnahmegesetz gegen Aufruhr und aufrührerische Propaganda) voll und ganz in Anwendung gebracht werden. Die Regierung wird es für keinen Fall dulden, daß solche Ereignisse noch vorkommen. Die Rune und Ordnung muß um jeden Preis aufrecht erhalten werden, dies mögen alle wissen, die die Machinationen gewisser Drahtzieher ausnützen wollen. — Ueber die Einzelheiten der gefaßten Beschlüsse erfährt die Jüdische Telegraphen-Agentur, daß beschlossen wurde, von den in B o r s c h a wegen antisemitischer Terrorakte Inhaftierten den verhafteten Priester und dessen Frau in Haft zu belassen, während die zugleich mit ihnen verhafteten Bauern freigelassen werden sollen. Nach einer offiziellen Kundmachung des Justizministeriums hat der Justizminister an. die Staatsanwälte der Provinz telegraphische Instruktionen ergehen lassen, schärfste Maßnahmen gegen die Ruhestörer und die Regierungsbeamten, die an den Unruhen beteiligt waren, zu ergreifen. Die Behörden sind entschlossen, Kriegsrecht durch königliche Verordnung zu verhängen, falls sich die geltenden Gesetze zur Herstellung und Erhaltung von Ruhe und Ordnung als nicht ausreichend erweisen sollten. König Carols Antwort an die Union rumänischer Juden. Bukarest, 24. Juli (J.T.A.). Auf das vom Präsidenten der Union der rumänischen Juden, Dr. F i 1 d e r m a n n, an König Carol wegen der antisemitischen Ausschreitungen gerichtete Telegramm antwortete der König, daß er an den Vorgängen lebhaft interessiert und über alles unterrichtet ist, was im Lande vor sich geht. Die jüdische Bevölkerung kann der Unterstützung des Königs gewiß sein, der alle Söhne des Landes zu brüderlicher Zusammenarbeit aufgerufen hat ffeuitteton Bücher überJuden und von Juden. , in. Lieber Herr H.! Das Buch „Die Kunst als Jude zu leben" (Minderheit verpflichtet) von Heinrich York- Steiner zu besprechen, erübrigt sich, denn es ist schon längst allgemein bekannt, obgleich es erst vor zwei Jahren erschienen ist. nicht nur bekannt, sondern auch sehr geschätzt. Denn nur ein Politiker konnte ein solch grandioses Werk schreiben, ein Vielwisser und zugleich scharfer Denker, ein schon über alle Leidenschaften erhabener und abgeklärter Geist, ein durch und durch jüdisch fühlender Mensch, dennoch aber moderner Europäer! Im Vorwort meint der Autor, das Buch sei kein Kompendium, «n Text nennt er es bescheiden ein Handbuch, ich aber meine, daß es den Wissensextrakt eines Lexikons enthält, versteht sich, eines jüdischen Lexikons! Eine Lebensarbeit ist, was da auf 655 Seiten, in 20 Kapiteln gegliedert, niedergeschrieben ist Die Fülle der Gedanken, die sonnenklare Argumentation, die erlesene Sprache machen die Lektüre dieses Buches zu einer überaus genußreichen. Der mit großer Klugheit gewählte Ober- und Untertitel sichert ihm viele Leser, wohl auch aus christlichen Kreisen, was von nicht zu unterschätzender Bedeutung wäre, denn endlich würden diese von einem ihrem Geschmack sicher zusagenden, vornehm-bescheidenen Schriftsteller in leicht faßlicher Form etwas Authentisches erfahren über jüdisches Wesen, jüdisches Geschick und jüdisches Leid seit 2000 Jahren. Es wäre sehn zu Wünschen, wenn von dem Buch nicht aHein französische und englische, sondern auch ungarische, rumänische und polnische Uebersetzungen erscheinen, allen voran aber eine billige Volksausgabe. (Die berüchtigten „Onundlagen des 19. Jahrhunderts" von Houston Ste wart Chamber- 1 al n wurden am meisten durch ihre billige Volksausgabe verbreitet) Rumänien. Codreanu verhaftet. Bukarest, 25. Juli (J.T.A.) Die rumänische Regierung hat sich nunmehr entschlossen, ernste Maßnahmen gegen den Führer der „Eisernen Garde", Ze 1 ea Codreanu, zu unternehmen. Codreanu gilt als der Anstifter der letzten antisemitischen Ausschreitungen und ist auch in die Attentatsaffäre gegen den Staatssekretär Anghelescu verwickelt. Codreanu, der bereits vor einigen Tagen vom Untersuchungsrichter vernommen worden ist; war über die ihm drohende Gefahr unterrichtet und vor zwei Tagen spurlos aus Bukarest verschwunden. Die Polizei erließ nun einen Steckbrief und es gelang, Codreanu am 25. Juli morgens in J a s s y zu ermitteln und festzunehmen. Er wird nach Bukarest transportiert und dort wegen seiner aufreizenden Tätigkeit vor Gericht gestellt werden. In Bukarest werden noch anderweitige Verhaftungen vorgenommen, namentlich in antisemitischen Studentenkreisen, wo neue Attentate gegen Politiker und Journalisten, besonders gegen die Chefredakteure der Zeitungen „Adeverul" und „Lupta", geplant worden waren. Aus der Bukowina wird gemeldet, daß die dortigen Juden die Behörden zu ihrem Schutz um Entsendung stärkerer Gendarmerieaufgebote ersucht haben. Ein antisemitischer Professor ermordet einen Juden. Bukarest, 28. Juli (J. T. A.) Die Bukarester Tageszeitung „Adeverul" bringt eine telegraphische Meldung aus O r h e i, daß dori der bekannte antisemitische Professor Macedon einen Juden namens Schulim Landau durch fünf Revolverschüsse ermordet hat. Der schwerverletzte Jude wurde in hoffnungslosem Zustand ins Spital überführt. Der Mörder wurde verhaftet. Die Behörden haben eine Untersuchung eingeleitet. Gegen die cuzistischen Exzesse. Czernowitz, 21. Juli (J.T.A.). Vor einigen Tagen fand im Justizpalais eine a u ß e r o r d-e n tli cii-«^-s G e neral v« r s am mlungdes Advokatenbarreaus unter Vorsitz des Dekans Univ.- Prof. Radulescu statt. Als erster sprach der Dekan Dr. Radulescu, der in seiner Rede nachwies, daß der Cuzismus nicht als politische Partei gewertet werden kann; denn in den elementarsten Punkten des Programms verstößt der Cuzismus gegen die Verfassung des Landes und gegen die Ich zolle also dem Autor meine vollste, uneingeschränkte Bewunderung und bin sicher, mich da in sehr zahlreicher Gesellschaft Gleichurteiiender zu befinden. Ich hätte nur einen Wunsch, daß nämlich in einer neuen Auflage das Kapitel 12: „Sind die Juden ein Handelsvolk?" eine Erweiterung oder noch besser eine Zweiteilung erfahre, und zwar zwecks Beantwortung der Frage: Sind die Juden im allgemeinen nützliche oder schädliche Volksgenossen? Ich gebe ohne weiteres zu. daß die jetzige Fassung dieses Kapitels unerläßlich notwendig war. In einem Buch, worin alle auf Juden bezughabenden Fragen vom höchsten Gesichtspunkte aus besprochen werden, müßte eine Auseinandersetzung mit Werner Sombart erfolgen, der über Juden vor Jahren ein dickleibiges Buch: „Die Juden und das Wirtschaftsleben" veröffentiichte, worin er uns Juden den Kapitalismus und dessen Folgeerscheinungen in die Schuhe schiebt. IndeB, die Frage nach der Urheberschaft des Kapitalismus ist heute vielleicht schon eine wenig interessante Doktorfrage. Die Welt hat heute andere Sorgen. Im Vordergründe steht die große Frage der Arbeitslosen, dieses sich immer tiefer einfressende Krebsgeschwür in den wirtschaftlichen Organismen. Dabei sind nicht einmal die Riesensummen so sehr entscheidend, die diese Fürsorge kostet, als vielmehr der mit der Arbeitslosigkeit solch großer Menschenmassen zusammenhängende, schon bedenklich steigende allgemeine Konsumrückgang, nicht nur bei Lebensmitteln, sondern auch bei sonstigen Bedürfnissen (Theater, Sommerfrischen usw.). Die hellsten Köpfe Europas und Amerikas beschäftigt die Lösung dieser hochernsten Frage, der man coute que coute beikommen muß, um ärgstes zu verhüten. Wie hängt dies nun mit den Juden zusammen? Sehr einfach. Die Hakenkreuzler aller Orten werden nicht müde, uns immer und überall als sittliche und wirtschaftliche Schädlinge hinzustellen. Nach ihrem großen Erfolg in Sachsen wird das im jetzigen Wahlkampf geradezu ihr Losungswort sein. Ehemals nur ein Schlagwort gegen die über einen Riesenahhang verfügenden jüdischen Führer den Sozialdemokratie, wird das heute bei der großen wirtschaftäichen Not in Deutschland auch von sonst nüchtern Denkenden willig geglaubt — um sich alsbald in Rumänien und in Polen als Pogrom auszuwirken! Deshalb wäre es nötig in einem Werk wie dem von York-Steiner endlich einmal unsere wirtschaftlichen Leistungen ziffernmäßig aufzuzeigen, auf jene Unternehmung internationalen Verträge. Eine Partei, die „Tod und Vertreibung der Juden" fordert, kann nicht ernst genommen werden und kann nie regierungsfähig sein. Die Regierung hat viel verschuldet, indem sie die Gesetze und speziell die Lex Marzescu (die jetzt benützt werden soll. D. Red.) nicht anwandte, die besagt, daß zu bestrafen sei, der nur den Versuch unternimmt, Ausschreitungen zu propagieren. Der Redner verlas eine Resolution, in der u. a. gefordert wird, die Regierung möge die Lex Marzescu und speziell den Artikel 15 des Gesetzes anwenden, der besagt, daß Beamte, die an Ausschreitungen teilnehmen, sofort zu suspendieren und zu bestrafen sind. Redner schlägt vor, diese Resolution an sämtliche Advokatenkammern des Landes zu senden und sie dem König und der Regierung zu unterbreiten.. Vom Joint Foreign Committee. Lucien Wolf über die Lage in Rumänien. In dem von Lucien Wolf am 20. Juli überreichten Bericht des Joint Foreign Committee an den Board of Deputies werden die Vorgänge in Rumänien behandelt. Es wird darin ausgeführt: Den Erklärungen König Carols und des Ministerpräsidenten Maniu, den antisemitschen Strömungen im Lande zu wehren, folgten bedauerlicherweise in den südlichen Distrikten der Bukowina auf Grund einer organisierten antisemitischen Agitation Ausschreitungen gegen Juden. Die Bukowina befindet sich in einer sehr ernsten landwirtschaftlichen Krise und die Cuzisten des alten Königreichs haben das Elend und die Unzufriedenheit der Bauernschaft zum Anlaß genominen, in diese Provinz Emissäre zu entsenden, die zu antijüdischen Ausschreitungen aufreizen sollten. Anfangs Juni begann eine Anzahl von Cuzisten aus Jassy gemeinsam mit einem oder zwei ansässigen Agitatoren, Versammlungen in der Stadt Borscha, in der südlichen Bukowina, abzuhalten. Diese Versammlungen hatten zur Folge, daß die Bauern gegen die Juden aufgehetzt und Angriffe auf die jüdischen Häuser von Tag zu Tag häufiger wurden. Die jüdischen Häuser wurden des Nachts insgesamt mit dem Hakenkreuzzeichen bezeichnet, damit die Bauern es vermeiden, christliche Häuser anzugreifen. Die Bewegung breitete sich über andere Städte der Südbukowina aus, besonders Kimpolung, Warna, Balaceana und Suczawa, und anfangs Juli befand sich die Judenschaft der Provinz in einem Zustand des Schreckens. Die lokalen Behörden verhielten sich, wie berichtet wird, fast vollständig passiv, und von der Regierung aus ist nichts saschehen, um sie zur Erfüllung ihrer Pflicht anzuhalten, oder ihnen zureichende Mittel zur Wiederstellung von Gesetz und Ordnung zur Verfügung zu stellen. Die Bewegung erreichte ihren Höhepunkt am 4. Juli, an welchem Tage in Borscha ein Feuer ausbrach, das im Laufe von zwei Stunden 132 Wohnhäuser, 111 Schuppen und Ställe und 88 Nebengebäude, deren Eigentümer fast in allen Fällen Juden wären, vernichtete. Dadurch kämen 252 jüdische Familien, insgesamt ungefähr 2000 Seelen, um ihr Obdach und in einen Zustand absoluten Elends. gen hinzuweisen, die ihr Entstehen nur dem Wagemut, der Initiative, dem Unternehmungsgeist der Juden verdanken und die nur durch ihre Findigkeit ihre Rührigkeit, ihren Fleiß und Ausdauer aufrechterhalten werden, Unternehmungen, in welchen tausende und abertauseude Angestellte und Arbeiter, größtenteils Christen ihre Existenz finden. Es genügt nicht, das nur so summarisch zu erwähnen, eine größere Anzahl solcher Unternehmungen, gleichviel ob von Juden oder getauften Juden gegründet oder geleitet, miüßte unter Angabe der Zahl der Angestellten und Arbeiter einzeln angeführt werdeit. zum Beispiel von Rathenau, nicht seine Bücher, wohl aber die Menge der bei der Internat Elektr. Ges. in Berlin beschäftigten Arbeiter, in Wien die Fabrik von Kremenetzky oder auch die Ankerbrotfabrik, die Hellersche Fabrik, oder der landwirtschaftliche Großbetrieb der Brüder Low in Niederösterreich, den selbst landwirtschaftliche Kapazitäten geradezu als eine Musterwirtschaft werten, deren Produkte bei allen landwirtschaftlichen Ausstellungen! mit ersten Preisen beteilt werden. Diese wenigen Beispiele genügen dafür, was ich meine. Selbstredend miüßte diese Materie sorgfältigst und mit allergenauesten Daten zusammengestellt werden. Ein anderes Problem der Gegenwart, sind die Staatsfinanzen und die damit zusammenhängenden Abgaben. Daß wir Juden mehr Steuern zahlen, als unserem Bevölkerangsanteil entsprechen würde, bestätigt selbst dem von Frick zum thüringischen Universiräts-Pröfessor bestellte Dr. Hans Günther im Anhang: Rassenkunde des jüdischen Volkes, seiner schon in mehreren Auflagen erschienenen „Rassenkunde des deutschen Volkes". En waU damit beweisen, daß wir im Wirischaftsleben die besseren Positionen an uns zu bringen wußten. Daß dies aber, selbst wenn es wahr wäre, nur durch unsere, auch den anderen Volksgenossen nMtzenden Fähigkeiten (siehe oben) möglich gewesen wäre, erwähnt Günther allerdings nicht. Um so mehr müßte all dies, namentlich in einer Zeit, wo" alles auf ökonomisches Denken eingestellt ist in einem Buch, wie das von York-Steiner. besonders besprochen werden. Anderseits müßte ein so gehässiges, schon in zahllosen Auflagen erschienenes Büch, wie das "vom Anäsemitett-HäuptBng Frisch „Handbuch den- Judenfrage" zumindest mit wenigen Worten abgetan werden.