Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-07-25 · Heft 30 (25.7.1930) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 30 (25.7.1930)
Date
1930-07-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064175--17994-3082978
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite o DIE WAHRHEIT Wahrheiten vom Jage Der Palästina-Bericht der Mandatskommission. Im englischen Unterhaus fragte der frühere Staatssekretär für die Kolonien Amery den Ministerpräsidenten, ob der Palästina-Bericht der Permanenten Mandatskommission in Form eines Weißbuches der englischen Regierung zugänglich gemacht werden könnte. Der Ministerpräsident verneinte die Frage. Es handle sich um ein v e r t r a uliches Dokument, das dem Völkerbund von der Permanenten Mandatskommission, die rein beratende Funktionen hat, unterbreitet worden ist Er sei dahin unterrichtet worden, daß eine Veröffentlichung des Berichtes unangemessenwäre, solange dierBerichtvom Völkerbundrat nicht veröffentlicht worden ist. Seinen Informationen', nach wird dies nicht vor Abschluß der September-Session des Völkerbundrates geschehen. (Damit erledigen sich alle von zionistischen Zeitungen auf Grund angeblich authentischer englischer Informationen geäußerten Mutmaßungen über den Inhalt des Berichtes. Die Redaktion.) Mac Mahons Unabhängigkeitsversprechen an die Araber von Balfour bestätigt! „New York World" berichtet aus Genf, dem Völkerbund sei vom syrisch-palästinensischen Kongreß die photographische Kopie einer im Namen Lord Balfours an den Sh'erifen Hussein schriftlich gegebenen Zusicherungzugegangen, in der das den Arabern von Mac Mahon gegebene Unabhängigkeitsversprechen bestätigt wird. Das Dokument ist vom 8. Februar 1918 datiert. Das Original befindet sich in Händen des Jerusalemer Großmufti, der es vom Sherifen Hussein erhalten hat Die arabische Delegation in London habe den Inhalt des Schriftstückes dem Kolonienminister Lord Passfield und dem Ministerpräsidenten Mac Donald gezeigt. Das Schriftstück ist vom britischen Vertreter im Jeddah, Colonel Pabst, gezeichnet der zur Uebermittiung des Schreibens an den Sherifen im Namen des britischen Außenministers beauftragt war. Das Schriftstück stellt eine Antwort an den Sherifen dar, der 1918 auf die türkische Propaganda-Behauptung hingewiesen hatte, daß die Alliierten eine Aufteilung der arabischen Länder untereinander planen. „Sanfte Verniinftigkeit" gegenüber der britischen Regierung. Die dem Kolonialamt nahestehende englische Wochenschrift „Near East and India" schreibt In dem Leitartikel ihrer letzten Nummer: Der Erfolg des jüdischen Nationalheims ist in weitem Ausmaße abhängig von der Zusammenarbeit zwischen Judenheit und britischer Regierung. Diese Zusammenarbeit wird durch nichts so sehr behindert wie dadurch, daß man fortgesetzt einen, wenn auch ungeladenen Revolver gegen den Kopf der englischen Regierung gerichtet hält Würde man die gegenwärtige Taktik gegenüber Großbritannien im Jahre 1917 angewandt haben, dann würde es keine Balfour-Deklaration geben. Wenn es je nötig war, zu „sanfter Vernünftigkeit" zurückzukehren, dann ist jetzt der Zeitpunkt gekommen. Die Umstände erfordern im Interesse des jüdischen Nationalheims eine sorgfältige zusammenfassende Prüfung der Angelegenheit in Palästina. Um eine jüdische Stadtverwaltung in Palästina. In Jerusalem hat sich aus Vertretern aller jüdischen Wohnviertel der Stadt eine Vereinigung mit der Bezeichnung „Hatoschaw" (Der Bürger) gebildet Die Vereinigung hat den Schutz der jüdischen Interessen in Jerusalem zum Zwecke, die seit dem Rücktritt der jüdischen Mitglieder des Stadtrates unvertreten sind. Es wurde beschlossen, gesetzliche Schritte zu unternehmen, um die Errichtung einer gesonderten jüdischen Stadtverwaltung in Jerusalem zu erwirken, in der Art, wie es neben der Stadtverwaltung von Jaffa die gesonderte Stadtverwaltung Tel Aviv gibt Der neue Chefsekretär der Palästina-Regierung. Das englische Kolonialamt teilt mit daß Mark Aitchison Young, Colonial Secretary in Sierra Leone, als Nachfolger von Ii. C. Luke zum Chefsekretär der Palästina-Regierung ernannt worden ist Neue Zwischenfälle an der Klagemauer. Der an der Klagemauer stationierte arabische Polizist verhinderte am vergangenen Sabbath- Ausgang die Entzündung der Hawdalah- Kerzen. Dieses Einschreiten wurde mit Beschwerden der anwohnenden marokkanischen Moslems motiviert die sich darüber beklagten, daß die Juden am Platz vor der Mauer Wein trinken. Das Trinken von Wein ist ein Bestandteil der Hawdalah-Zeremonie, die . bisher ohne jede Störung bei der Klagemauer verrichtet werden konnte. Jernsalemer jüdische Polizeikandidaten abgewiesen. Von 26 jungen Juden, die sich um Aufnahme in die palästinensische Polizei bewarben, wurden 23 mit der Begründung abgewiesen, daß ihr Gesundheitszustand den geforderten Bedingungen nicht entspreche. Diese Tatsache erregt deshalb Verwunderung, weil es sich bei den betreffenden Kandidaten um ausgesucht kräftige Menschen handelte. Bombenfund in Jerusalem. In einem Hause der Jerusalemer Altstadt wurden, in einem Wasserbehälter verborgen, zwei Bomben entdeckt Der arabische Hausbesitzer wurde verhaftet. Die Steuerlast in Palästina. Der Jerusalemer „Dawar" kommentiert die von der Regierung veröffentlichten Zahlen über die Einkünfte der transjordanischen Regierung, die bei einer Bevölkerung von 300.000 Einwohnern 258.000 Pfund betragen. Die britische und die Palästina-Regierung haben weitere 70.000 Pfund zum transjordanischen Budget beigetragen. „Dawar" stellt fest daß demgegenüber Palästina die Mehrkosten für die Erhaltung der englischen Truppen in Palästina bezahlen muß. Während auf den Kopf des Bewohners von Transjordanien nicht ganz ein Pfund für Steuerbeiträge kommt, zahlen die Bewohner Palästinas im Jahresdurchschnitt drei Pfund pro Kopf. Der Redaktionsstab des „Doar Hayom" streikt Der Redaktionsstab der in Jerusalem erscheinenden revisionistischen Tageszeitung „Doar Hayom" ist dieser Tage in den Streik getreten. Damit hat eine Auseinandersetzung ihren Gipfel erreicht die vor einigen Wochen anläßlich des gegen die Zeitung verhängten Regier ungs verbot es ihren Anfang genommen hat und in Meinungsverschiedenheiten zwischen den Besitzern der Zeitung, der Gesellschaft „Hassolel" und den die redaktionelle Kontrolle ausübenden Zionisten- Revisionisten begründet ist (Chefredakteur des „Doar Hayom" ist Wladimir Jakobinsky). Die Revisionisten behaupten, daß der Verlag das zwischen Revisionisten und Herausgebern getroffene Abkommen zu brechen beabsichtige. Hingegen teilt der Vorsitzende der Gesellschaft „Hassolel", Salomon White, der Jüdischen Telegraphen-Agentur mit daß die Ursache des Streikes die sei, daß die revisionistische Organisation dem Redaktionsstab einen Teil seines Gehaltes nicht ausgezahlt habe. Infolge von Meinungsverschiedenheiten über Fragen der Politik, des Programms und der Organisation hat vor 14 Tagen der geschäftsführende Herausgeber des „Doar Hayom", ben Chorin, resigniert. Frick gegen den Entscheid des Staatsgerichtshofes. Auf einer Vertreterversammlung des Thüringer Gautages der Nationalsozialisten erklärte Frick zu der Frage der Schulgebete, es sei lächerlich, daß solche Kleinigkeiten dem Staatsgerichtshof zur Entscheidung übergeben würden Mit den Gebeten seien keinerlei Angriffe gegen Juden oder Marxisten beabsichtigt, sondern lediglich die sittliche Erneuerung des Volkes (?). Trotz der Ablehnung kämen die Gebete freiwillig weit über Thüringen hinaus zur Anwendung. Wie der „Völkische Beobachter" aus Weimar meldet stehe Minister Frick auf dem Standpunkt daß der Entscheid des Staatsgerichtshofes in Sachen der thüringischen Schulgebete verfassungwidrig sei. Deshalb gedenke Frick nicht den Vorschlag der Freiheitsgebete amtlich zurückzuziehen, sondern werde sich darauf beschränken, den Entscheid im Gesetzblatt bekanntzugeben. — Von Seiten des Reichsinnenministeriums wird zu der Entscheidung des Staatsgerichtshofes über die thüringischen Schulgebete darauf hingewiesen, daß der thüringische Staatsminister Baum in seinem Brief vom 24. Mai an den Reichsinnenminister die Erklärung abgegeben hat das gesamte Staatsministerium werde sich dem Spruch des verfassungsmäßigen Gerichtshofes fügen. Es sei demnach kein Zweifel, daß die Empfehlung der Schulgebete zurückgezogen werden müsse. Amerikanische Judenprobleme. Bei zwei Tagungen von amerikanischen Bnei- Brith-Distrikten, die in diesen Tagen stattfanden, wurde auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die den amerikanischen Juden durch die Verschärfung ihrer wirtschaftlichen Ausnahmestellung erwachsen. Die unterschiedliche Behandlung von Juden in wirtschaftlichen Fragen in Amerika sei das schwerste Problem, das heute den amerikanischen Juden aufgegeben ist In der Konvention eines Bnei Brith-Distriktes sagte Judge J. M. Golden, daß sich in den letzten zehn Jahren in wachsendem Maße Boykott gegen die in großen Bank- und Handelshäusern Beschäftigung suchenden Juden bemerkbar macht Judge Golden schlägt vor, daß die neugegründete Abwehrkommission der Bnei Brith wissenschaftliche Untersuchungen über die Entwicklung dieser Frage in allen ihren Phasen unternehmen solle und ruft andere jüdische Körperschaften auf, mit Bnei Brith an diesen Untersuchungen zusammenzuarbeiten. In der gleichen Bnei-Brith-Convention schilderte H. L. Cohen die inneren Schwierigkeiten des amerikanischen Judentums. Er führte aus, daß das amerikanische Judentum nun die wichtige Kraftquelle für das Judentum der ganzen Welt geworden sei und bedauerte in diesem Zusammenhang die starken Gegensätze zwischen den drei jüdisch-religiösen Lagern in Amerika, dem orthodoxen, konservativen und dem Reform-Judentum. Es müsse etwas unternommen werden, um diese Lager trotz Anschauungsverschiedenheit zu gemeinsamer Arbeit zu bringen. Wir können nicht länger für die Fortentwicklung des religiösen Judentums auf Rußland oder Polen warten. Wir müssen in unseren eigenen Reihen vorwärts kommen, und um dieses zu erreichen, müssen wir den scharfen Kampf unter uns abstellen. Cohen schlug die Einsetzung einer Kommission vor, mit der Aufgabe, diese Frage zu studieren und die Grundlagen dafür zu schaffen, daß drei Zentralkörperschaften der entsprechenden religiösen Anschauungsgruppen gebildet werden, deren jede die ihr untergeordneten Gemeinden zu führen und zu kontrollieren hätte. Der Vorschlag wurde angenommen. Trauung. Am 8. d. M. fand in Bad Homburg v. d. H. die Trauung des Fräuleins Sabine Eidinger, Tochter des bekannten Philantropen und Großindustriellen Nathan Eidinger, mit Herrn Dr. Jacques Grünberg, der aus den berühmten Patrizierf amilien Grünberg -Ha 1p e r n stammt, statt. Herr Nathan E i d i n g e r, der sich wegen seiner Wohltätigkeit in weitesten Kreisen allgemeiner Achtung erfreut, hat aus diesem Anlasse in den Räumen des Vereines „Seudath Schabos" ein Festmahl veranstaltet an welchem mehr als 300 arme Glaubensbrüder mit einem reichlichen Mittagessen sowie mit Geldspenden bedacht wurden. Während der Festmahlzeit hielt der Präsident des Vereines, Herr Kommerzialrat Max Markus, eine herzliche Ansprache, in der er — ebenso wie die anderen Redner — die großen charitativen Verdienste des Brautvaters würdigte und sein unermüdliches edles Wirken für die jüdischen Armen pries. Die Freunde des Hauses Eidinger sowie des Beamten des Büros hatten sich vollzählig zu der erhebenden Feier eingefunden. Professor Ludwig Stein Am 15. Juli verstarb in Salzburg nach einer Operation Professor Ludwig Stein. Ludwig Stein, eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Berliner Gesellschaft ist 71 Jahre alt geworden. Seine wissenschaftliche Tätigkeit ist außerordentlich rege und vielseitig gewesen. Die Tatsache, daß er viele Sprachen beherrschte, erleichtert es ihm, mit den philosophischen Richtungen aller Kulturvölker engste Fühlung zu halten. Die von ihm herausgegebene Zeitschrift „Nord und Süd" gestaltete er zu einer politischen Monatsschrift ersten Ranges. Die größten Gelehrten auf den verschiedensten Gebieten, vor allem aber fast alle Staatsmänner der Welt, waren seine Mitarbeiter. Diese internationalen Beziehungen ermöglichen es ihm, auch in Berlin einen gesellschaftlichen Mittelpunkt der politischen Welt zu bilden. In seinem Hause kamen die Berliner Politiker und Diplomaten fast mit jedem hervorragenden Politiker des Auslandes zusammen, der Berlin besuchte. Während des Krieges hatte Stein gemeinsam mit Stresemann die Mittwochgesellschaft gegründet, einen intimen Zirkel, der sich in jeder Woche versammelte, um die Kriegsereignisse vertraulich zu besprechen. Die Gesellschaft umfaßte zunächst nur einen ganz kleinen Kreis auserlesener Persönlichkeiten, der sich allmählich zu einer stattlichen Gemeinde erweiterte, weil alle Ministerien und Aemter bei ihren Beratungen zugegen sein wollten. In der Mittwochgesellschaft haben auch nach dem Kriege alle hervorragenden Akteure der deutschen und der ausländischen Politik durch ihre Vorträge Gelegenheit zu angeregten Diskussionen gegeben. Eine besondere Liebe hatte Ludwig Stein zur Journalistik. Hier war es nicht das Gebiet der hohen Politik, das ihn besonders reizte, sondern vielmehr! die Gesellschaftsplauderei, und es war unmöglich, sich irgendeine gesellschaftliche Veranstaltung in Berlin — öffentliche oder private — zu denken, bei der Ludwig Stein nicht zugegen war. In scheinbar unverwüstlicher Frische bewegte er sich noch bis zu seiner Abreise in diesem gesellschaftlichen Milieu. Niemand hat geahnt, daß die Urlaubsreise, die er so jugendlich und zukunftsfroh antrat, Üür ihn den Abschied vom Leben bringen sollte. Ludwig Stein^ auch unter seinem Pseudonym Diplomaticus bekannt. Philosoph und Soziologe, ist im Jahre 1859 in Erdö-Benye in Ungarn geboren. 1881 bis 1883 war er in Berlin als Rabbiner tätig, wurde 1886 Priwatdozent 1889 ordentlicher Professor für Philosophie am Züricher Polytechnikum, 1890 an der Universität Bern und wirkte von 1911 bis 1924 als Dozent am der Humboldt-Akademie Berlin. In seinen philosophischen und soziologischen Arbeiten entwickelte Stein eine religiös- und sozial-ethisch fundierte optimistische Welt- und Lebensanschauung. Aus seinen Werken sind zu nennen: „Friedrich Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren", „Versuch einer Kultur-Philosophie", „Die soziale Frage im Lichte der Philosophie". „Philosophische Strömungen der Gegenwart", „Welt-Bürgertum, Nationalstaat und internationale Verständigung", „Gegen Spengler", „Evolution and Optimism" u. a. Ferner veröffentlichte er eine Reihe von Schriften zur allgemeinen Geschichte der Philosophie, und zwar „Psychologie der Stoa", „Erkenntnis der Stoa", „Leibnitz und Spinoza" u. a. m., wie auch zur Geschichte den jüdischen Religionsphilosophie und Monographien über jüdische Denker „Die Willensfreiheit bei den jüdischen Philosophen des Mittelalters", „Die Juden in der Philosophie der Gegenwart". Professor Stein war Herausgeber des „Archivs für die Geschichte der Philosophie", des „Archivs für systematische Philosophie", den „Berliner Studien zur Philosophie", dann der „Bibliothek der Philosophie" und der von ihm geleiteten Zeitschrift „Nord und Süd".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.