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Die Wahrheit · 1930-07-25 · Heft 30 (25.7.1930) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 30 (25.7.1930)
Date
1930-07-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 das jedes freie Wort unterdrückte und dem Spitzelwesen Tür und Tor öffnete. Trotzdem stand das Haus allen auch weiterhin offen. Qentz berichtet uns von verschiedenen Veranstaltungen, bei denen er (nach 1816) mit Metternich. Sedlnitzky. dem Fürsten Dietrichstein, den Fürsten Pallfy und Esterhazy und vielen anderen als Gast bei Arnsteins war. Am 8. Juni 1818 starb Fanny Arnstein, „die Recamier. die Stall" Wiens, wie sie von ihren Bewunderern genannt wurde. „Welch ein Verlust für ganz Wien" schreibt Dorothea Schlegel von Rom aus ihrem Mann, als sie die Todesnachricht erhielt. Es war auch ein Verlust iür ganz Wien. Ueberall kannte man und verehrte man sie in den höchsten Kreisen wie in den untersten Schichten der Bevölkerung. Ihre glänzenden Gaben sowie ihr Wohltätigkeitssinn machten sie zum Gegenstand allgemeiner Bewunderung und Huldigung. So ruht sie nun. „die durch ein halbes Jahrhundert hindurch in lautloser Weise die Aufgabe erfüllte, Kunst und Literatur und feine Sitten zu fördern" (Wurzbach) am Währinger jüdischen Friedhof an der Seite ihres Gatten, der ihr viele Jahre später im Tod folgte. Ihr Name aber ist unvergessen und wird es auch bleiben. (Fortsetzung folgt.) Qtossen. Dr. Seipel hat in seiner 1915 erschienenen, vom Donner der Kanonen übertönten Schrift „Nation und Staat" die Rassentheorie gründlich ad absurdum geführt. In der ausgezeichneten Arbeit wird der Standpunkt des Katholiken, des Priesters und des unbefangenen — Gelehrten vertreten. Man kann sich aber lebhaft vorstellen, wie überzeugend die Ausführungen Dr. Seipels gegenwärtig auf die hakenkreuzlerisch gesinnten Kreise der Wiener Universität wirken müßten, denen bekanntlich die Lehren des Evangeliums ebenso teuer sind, wie die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung. * * Als Nachfolger Kelsens wird Professor Adamovich genannt. Dem Manne werden neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten auch ausgezeichnete Verbindungen nachgesagt. Er war sogar Mitglied einer — katholischen Studentenverbindung. * » In der „Wiener Sonn- und Montagszeitung" rechnet ein Mitglied der österreichischen Hocharistokratie, gestützt auf die authentischen Daten des Qothaschen Almanach, dem gewesenen Rektor, Hofrat (Graf) Wenzel G1 e i s p a c h, nach, daß in seinen Adern kaum 25 Prozent deutsches Blut fließt. Dem Herrn Hofrat (Graf) Gleispach ist wirklich zu gratulieren, daß sein neues „Studentenrecht", das bekanntlich „die Rassenreinheit an der Wiener Universität verbürgt", nicht schon vor Jahrzehnten von einem der unverfälscht deutschen großen Vorgänger Gleispachs ins Leben gerufen wurde. * * :■: Artur (Graf) Polzer-Hoditz führt in seinem von Hohn und Spott gegen die Rassenschnüffler erfüllten Artikel unter anderem aus, der Hohenstaufe Kaiser Friedrich II. hätte wegen seines Urgroßvaters aus dem jüdischen Geschlechte der Pierleoni nicht die nötige Rassenreinheit aufweisen können, um nach der Lex Gleispach Aufnahme in die „Deutsche Studentenschaft" der Wiener Universität zu finden. Polzer-Hoditz knüpft an diese Feststellung besorgt die Frage, „ob sich Kaiser Friedrich Barbarossa die Ungelegenheit bereitet hätte, sich därob im Grabe umzudrehen?" Es ist schwer, mit Bestimmtheit anzugeben, wie sich Kaiser Friedrich Barbarossa im Grabe zur Lex Gleispach verhalten hätte; eher könnte man vielleicht erraten, wie er sich bei Lebzeiten über sie geäußert hätte. * * :•: Anläßlich des Todes Schildkrauts wird daran erinnert, daß das Engagement des hervorragenden Künstlers für das Burgtheater seinerzeit an dem Widerspruche des Direktors Millenkovich scheiterte. Ueber die Gründe dieser Ablehnung gehen jedoch die Meinungen auseinander. Die einen nur Ia Qualitäten, nach Maß und fertig lagernd, eventuelle Zahlungserleichterungen bis zu 1 Jahr werden gewährt 1EIDER-UNK» £WIENVLKiserner»a.6 TeLB202:13 sagen, Millenkovich sah in Schildkraut nur einen „kleinen Juden", während andere behaupten, Schildkraut erkannte in Millenkovich nur einen „großen Antisemiten". * * * In Prerau wurde kürzlich eine Bande 15 bis 19 Jahre alter Burschen, die man beim Zerstören des jüdischen Friedhofes erwischte, zu mehrmonatlichen Gefängnisstrafen verurteilt. Es ist höchst anerkennenswert, daß die „Dötz" sich bei dieser Gelegenheit es versagte, wieder der Vermutung Ausdruck zu verleihen, daß die nicht eruierten Schänder jüdischer Friedhöfe in Deutschland Juden waren. * ~ * * Man staunt darüber, daß die Frage, wer ein historisches Recht auf die Klagemauer, den Ueberrest vom Tempel in Jerusalem habe, die Juden oder die Araber, erst Gegenstand einer öffentlichen Verhandlung werden konnte. Welche Torheit, gerade hier eine Ungeheuerlichkeit zu erkennen, während man es schon selbstverständlich findet, daß man angeblich im Namen Gottes gegen das Volk hetzt, dem man den Glauben an diesen — Gott verdankt! * * * „Vitorul", das offizielle Blatt der liberalen Partei in Rumänien, beschuldigt offen den Innenminister Vajda, er sei der Hauptregisseur des Lupenyer Blutbades, er habe überhaupt antisemitische Organisationen unterstützt, die sogar oft ihre Sitzungen im Innenministerium abhalten konnten. Sollte die Beschuldigung auf Richtigkeit GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHl ■«■■■MBMBaMamMIMMM WIEN IX., MUMMAS» NR. 1» PlUALIi XVIII., WÄMRIN<MRSTRJISSa 9T Tttepboa Nr. A 17-349 an« A 18-9-34 Lieferant für Hallanstaltw» AbteilungenfürKoscherfieisch iMrtw Aufsteht 4 m ahm. ■•■•» KaKwgea Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen beruhen, dann begreift man, wie großartig, durch keinerlei Zwischenfälle gestört, die Dispositionen bei Verfolgung der Juden klappten. Nicht überall verfügt eine Regierung über ein so ausgezeichnet diszipliniertes Beamtenheer. * :$ Ein Dialog. „Haben Sie gelesen, wieder waren es Studenten, die in Rumänien an der Spitze der Exzedenten gegen die Juden marschierten?" „Ach, das habe ich seit Jahr und Tag unzähligemal gelesen. Aber ich habe noch nie gelesen, daß man diese verbrecherischen Strolche exemplarisch bestraft hätte." Ego. „Altes und Neues Testament" So lautete die Ueberschrift eines Aufsatzes von Robert Boßhart in der Monatsschrift „Der Türmer". Wenn auch der .Verfasser offensichtlich bemüht ist, in der Stellungnahme zur Judtenfrage Gerechtigkeit und Menschlichkeit walten zu lassen, so verharrt er dennoch — bei völliger Unkenntnis des jüdischen Schrifttums — in den alten schwer ausrottbaren Vorurteilen gegen das Judentum. Wir begegnen hier wieder den alten, so oft widerlegten Irrtümern, wie daß die alttestamentllche Welt etwas Uneriöstes, Starres an sich habe, daß über dem Leben des alttestamentlichen Menschen das Oesetz Dadlsdil Pension „Wanka" an der Esplanade und Kaltenbachstraße 19 Zwei Minuten zum Kurkonzert Ruhige staubfreie Lage Beste Küche Leitung und Aufsicht Adolf Glatter, Wien VL. Schmalzhofgasse 12 stehe (siehe dagegen 3. B. M. IS, 5: Beobachtet meine Gesetze und meine Rechtsvorschriften; wer sie übt, wird durch sie leben. Das heißt, die Vorschriften wirken lebenerhaltend und lebenfördernd■!), das dem Menschen verbietet, das Böse zu tun, abler ihn nicht lehre, das Gute zu tun, und dann würde die gute Tat durch Aussicht auf Lohn ihres tiefsten Sinnes beraubt. (Siehe dagegen den ethischen Mischna- Traktat Pirke Abot 1, 3: Seid nicht den Knechten gleich, die dem Meister in der Absicht dienen, Lohn zu empfangen. Die Ehrfurcht von Gott sei über euch!) Wir wollen uns nicht in eine weitere Polemik mit dem Verfasser einlassen, sondern ihm empfehlen, sich in die unlängst erschienene Schrift des Leipziger Privatdozenten Dr. Paul F i e b i g zu vertiefen: „Der Talmud, seine Entstehung, sein Wesen, sein Inhalt unter besonderer Berücksichtigung für die neutestamentliche Wissenschaft" (Leipzig 1929). Dieser Gelehrte kennt die Outellen des Judentums und kann es daher vorurteilslos würdigen. Der erwähnte Aufsatz hat nur insofern besonderes Interesse für uns, weil er im Gegensatz zu der rechtsstehenden Presse gegen diejenigen Front macht, die das Alte Testament in hetzerischer Absicht bekämpfen. „Für den christlichen Menschen freilich", meint der Verfasser, „sollte die Stufe des Gesetzes Voraussetzung sein, Grundlage, auf der er den Tempel der Liebe errichtet, darin die Freiheit wohnt" Das ist auch unser sehnlichster Wunsch, denn das Gebot der Liebe steht ja im Mittelpunkt der jüdischen Religion. Sehr wahr bemerkt der Verfasser weiter: „Es ist offensichtliche Torheit und zeugt von wenig Selbsterkenntnis, wenn Menschen das Gesetz aus dem Leben schaffen und das Alte Testament verneinen wollen." (Vom Verfasser gesperrt!) Und weiter: „Das Gesetz ist doch nicht die Ursache der menschlichen Greueltaten, die da geschildert sind. Vielleicht ist das gerade das Großartige des Alten Testaments, daß es mit wahrhaft monumentaler Kraft das Wesen der Welt in seiner ganzen Unerlöstheit und Nichtigkeit erfaßt. Glauben wir denn, unsere Welt böte gegenüber dieser Schilderung ieün wesentlich anderes Bild dar?" — Der Veriasser wendet sich dann gegen das Wort von der „Verjudung" des Christentums. Hier geben unsere Wege auseinander, wenn er sagt: „Es gibt getaufte Christen, die wahrlich verjudet sind, und es gibt Juden, die Christus in der Seele erlebt haben." „Verjudet" ist nach ihm „der, der im Haß lebt." Wir verwahren uns dagegen, daß der Begriff „Jude" Haß inhaeriert. Es ist gehässig, so etwas zu behaupten. Und wenn juden „Christus erlebt haben", so können wir das nur so interpretieren, daß sie edeldenkende Menschen sind, die doch auch wohl unter den Juden anzutreffen sind. Wir sind nach dem Lessingjahr: Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch? Nach dem Verfasser gibt es „nur eine wirkliche Lösung der Judenfrage: Wir selber müssen Christen werden!"--„So sollten wir nicht auf jene hören, die im Namen Christi uns den Haß lehren! Es sind falsche Propheten. Allen Menschen aber, die die Wahrheit suchen und sich einem Führer anvertrauen wollen, sei eines gesagt: Wenn hinter den Worten eines Menschen nicht ein streng wahrhaftiger Charakter steht, der sie deckt, wenn aus ihnen nicht eine unbedingt reine Gesinnung spricht, dann sind diese Worte auch nicht wahr. Und klingen sie noch so fromm oder scheinbar weise: Die Wahrheit spricht nur der Mensch, de r s i e 1 e b t." Wir sehen, daß der Verfasser die Psychologie des Judenhasses genau kennt. Dr. M. Spanier, Magdeburg.

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