Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 30 (25.7.1930)
- Date
- 1930-07-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Meyer von der Anstellung kein persönlicher Vorteil, sondern im Gegenteil eine Verringerung seiner Einkünfte in Aussicht stand! Trotzdem hat dieser Angehörige einer nach völkischer Ansicht — siehe die Lehre des von Herrn Frick angestellten Rasse- Professors Günther! — dem unausrottbaren Materialismus verfallenen Rasse aus Kränkung über seine Ablehnung Selbstmord verübt! Diese Tragödie enthüllt mit schmerzender Schärfe das Schlachtfeld, auf dem das Hakenkreuz seine eigentlichen und gefährlichsten Siege erringt Aeußerlich hat der Nationalsozialismus den die religiöse Toleranz vertretenden Parteien Deutschlands nichts anzuhaben vermocht, denn diese haben bisher zahlenmäßig siegreich die Walstatt verlassen, da die Hitierianer, wie schon gesagt, nur den Rechtsparteien Mandate abgenommen haben. Nun ist es in der Weltgeschichte keine neue Erscheinung, daß ein Sieger von der Kultur des äußerlieh Besiegten innerlich unterjocht worden ist. Diese oft erprobte Tatsache hat bisher als eine Bürgschaft der Vorwärts- und Aufwärtsentwicklung des Menschengeschlechts gegolten. Denn meistens war es die höhere Geisteskultur, die den siegreichen Nutznießer größerer physischer Gewalt unterjochte. Trat irgendwo und irgendwann das Umgekehrte ein, dann verhüllte der Genius der Menschheit trauernd sein Haupt Denn dann handelte es sich um mehr als um eine Niederlage irgend einer menschlichen Gemeinschaft, eines Staates oder einer Gesellschaftsschicht Es war stets eine Katastrophe der Menschheit selbst. Wahlsiege der Nationalsozialisten bedeuten bei allem Schaden, den sie anrichten können, noch keine dauernde Kulturkatastrophe für Deutschland. Wohl aber wird man eine solche zu verzeichnen haben, wenn der zersetzende Geist des kulturwidrigen Hakenkreuzes auch jene innerlich vergiften kann, denen die Wahrung des Deutschen im edelsten Sinne obliegt Packelei in Jena. Der sattsam bekannte thüringische Hakenfcneuzminister Dr. Frick hat bekanntlich Herrn Dr. Günther, der sich als obskurster Rassenphantast bemerkbar gemacht hat, zum ordentlichen Professor an der Universität Jena ernannt Wegen dieses Eingriffes in die Universitätsautonomie protestierte das ProfessorenkoUeguim mit dem Rektor an> der Spitze und hinter ihm stand, was noch für Geistesfreiheit in Deutschland ist Jetzt haben die Herren mit dem Hakenkreuz gepackelt wie aus dem nachstehenden Bericht zu ersehen ist Weimar, 17. Juli (Wolff.) Nach einem soeben herausgegebenen Bericht ist es dem neuen Universitätskuurator, Staatsrat Doktor Herfurth, gelungen, die Differenzen, die aus der Berufung Doktor Günthers zum ordentlichen Professor an die Landesnniversität Jena zwischen dem Volksbildungsministerium und der Universität entstanden waren, zu beheben. Man hat sich beiderseits am eine Erklärung geeinigt die die Innehaltung des in der Hauptsatzung der Landesuniversität geordneten Berufungsverfahrens für die Zukunft gewährleistet Der Rektor hat das von ihm gegen den ersten Vorsitzenden des Allgemeinen Studentenausschusses aus Anlaß der Kundgebungen der Studentenschaft für Doktor Gtönther eingeleitete Disziplinarverfahren ■ niedergeschlagen, und anderseits hat der Ausschuß seinen Antrag an das Volksministerium auf Entscheidung über die Beanstandungen seiner Maßnahmen durch den Rektor zurückgezogen. Endlieh .... Die rumänische Regierung macht Ordnung. Unter dem Vorsitz der rumänischen Innenministers Vaida-Voevod fand am 14. d. M. im Gebäude des Innenministeriums eine Besprechung statt, an der Unterstaatssekretär des Innern Anghelescu, auf den einige Tage später ein Attentat verübt wurde, Ministerial-Generalsekretär Kedere und der Kommandant der Gendarmerie Nicoleanu teilnahmen. Die Besprechung diente der Beschlußfassung über Maßnahmen zur schnellen Wiederherstellung der Ordnung in den durch die antisemitischen Unruhen gefährdeten Gebieten der Bukowina und zur Vorbeugung einer Ausbreitung dieser Unruhen über andere Teile des rumänischen Königreiches. Es ist zunächst beschlossen worden, alle Versammlungen hetzerischen Charakters zu verbieten, die Agitatoren zu verhaften und den Gerichtsbehörden zu überliefern. Das Kriegsministerium wird ausreichende Truppen zur Verfügung stellen, um den Behörden die Beherrschung jeder Situation zu ermöglichen. Die Justizbehörden des ganzen Reiches haben den Auftrag zur Zusammenarbeit mit den Verwaltungsbehörden bei Bekämpfung der Bewegung erhalten. Ministerial-Generalsekretär Kedere hat sich nach der Besprechung nach Suczawa begeben, um persönlich die Durchführung der zur Wiederherstellung der Ordnung beschlossenen Maßnahmen zu überwachen. Unterstaatssekretär Anghelescu sagte, daß seiner Ueberzeugung nach die beschlossenen Maßnahmen die Ruhe und Ordnung im Lande in kürzester Zeit wiederherstellen werden. * Unter dem Vorsitz des rumänischen Innenministers Vaida-Voevod fand am 17. d. M. im Gebäude des Innenministeriums eine weitere Konferenz, statt an der Kultusminister Costachescu, Unterstaatssekretär Anghelescu, Professor Andrej, der Sekretär im Justizministerium Paleologu und zahlreiche Abgeordnete aus der Bukowina teilnahmen. In dieser Konferenz wurden die Ursachen der Bauernunzufriedenheit in der Bukowina eingehend besprochen, die zu der Verhetzung und den Ausschreitungen der letzten Wochen geführt haben. Es wurde beschlossen, unverzüglich energische Maßnahmen zu ergreifen, um die hetzerische Agitation zu unterbinden und die Umstände, die Anlaß zu den Ausschreitungen waren, zu beseitigen. Der Inspektor des Justizministeriums Ferner und der ehemalige Finanzminister Staatssekretär Joanitz e s c u haben sich bereits nach der Bukowina begeben. * * * Ministerpräsident M a n i u erschien am 20. d. M. unerwartet in Bukarest und berief einen Ministerrat ein, der sich, wie verlautet mit der antisemitischen Bewegung befaßte. Innenminister Vajda berief telegraphisch sämtliche Abgeordneten und Senatoren aus der Bukowina zu sich, um mit ihnen die Möglichkeit einer Besänftigung der aufgebrachten Leidenschaften zu besprechen. * * * Keine weiteren Ruhestörungen. Das Innenministerium meldet daß im ganzen Lande Ruhe herrscht Weder in der Bukowina noch im Bezirk von Marmarosch sind Zwischenfälle oder Hetzaktionen zu verzeichnen gewesen. Der unter Führung von Corneli Cadreanu beabsichtigte Agitationsmarsch nach Bessarabien ist verboten worden. Die bisherigen Untersuchungen über den Ausbruch der Unruhen haben ergeben, daß die antisemitischen Agitatoren bei den Bauern einen günstigen Boden für die Propaganda fanden, weil die ökonomische Lage der Bauern außerordentlich schlecht und die Erregung wegen brutalen Vorgehens der Steuervollzugsbeamten groß ist Auch wurde festgestellt daß Lehrer und Geistliche Führer der antisemitischen Bewegung waren. * * * Die Forderungen der Bukowinaer Bauern. Der nach Suczawa in Sondermission entsandte Generalsekretär des Innenministeriums, Kedere, empfing eine Bauerndelegation, die ihm die Beschwerden und Forderungen der beunruhigten Bauernschaft vortrug. Sie forderte Herabsetzung des Zinsfußes und die Beschaffung von Agrarkrediten sowie Regelungen im Lebensmittelhandel. Der Generalsekretär versprach die Uebermittlung der Bauernforderungen an die Regierung in Bukarest und forderte die Bauern auf, ruhig heimzukehren und sich nicht durch Agitatoren verführen zu lassen, die sie zu Ausschreitungen aufreizen. Vor dem Hause des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Borscha, Steinfeld, versammelten sich 300 Bauern und verlangten ultimativ, daß die Juden Borscha verlassen. Die Lage wurde so bedrohlich, daß sofort Gendarmerieverstärkungen aus Marmarosch-Sziget nach Borscha beordert werden mußten. Die Regierung informierte die Presse, daß alle Maßnahmen getroffen worden sind, um die Unruhen sofort zu ersticken. * * * Vaida-Voevod über die Ausschreitungen. Der rumänische Innenminister Vaida- Voevod empfing einen Vertreter der jüdischen Gemeinde Bukarest in Audienz und versprach ihm die Ergreifung schärfster Maßnahmen gegen die antisemitischen Agitatoren, sowie Hilfe für die durch die Brandkatastrophe in Borscha Geschädigten. Der Minister bedauerte die Geschehnisse und ließ die jüdische Bevölkerung bitten, Ruhe zu bewahren, es seien Vorkehrungen getroffen worden, durch die eine Wiederholung der letzten Ereignisse künftig vermieden werden wird. * * * Hilfe für die Brandgeschädigten in Borscha. Unter dem Vorsitz der Königin Maria hat sich ein Komitee für die durch die Zerstörung der Stadt Borscha geschädigten Einwohner der Stadt gebildet Das Komitee wendet sich in einem Aufruf an alle rumänischen Bürger ohne Unterschied der Religion, der notleidenden Bevölkerung von Borscha durch Spenden zu helfen. Auch der Oberrabbiner von Bukarest Doktor Niemiro wer, hat einen Aufruf für Borscha erlassen. Wie berichtet wird, sind von ungarischen Juden eine Million Lei und eine größere Menge Mehl zur Linderung der ersten Not nach Borscha geschickt worden. Feuilleton Bücher über Juden und von Juden. ii. Lieber Herr H.! Erst jetzt komme ich dazu, Ihrem Wunsche zu willfahren, Ihnen über die seit „Bondy jr." gelesenen Bücher zu referieren. Ein sehr lesenswertes biographisches Werk in zwei Bänden ist das von Egon Caesar Conte Corti: ,.Der Aufstieg der Rothschilds und das Haus Rothschild in der Zeit seiner Blüte." Dieser zweite Band ist vielleicht noch interessanter als der erste, de bis 1830 reichend, zunächst den allerdings allgemein bekannten Werdegang des Begründers des Hauses Meyer Amschel (geb. 1743. gest 1812) schildei t wie er als junger Münzenhändler die Gunst und das wachsende Vertrauen des Herzogs Wilhe'm von Hessen — des damals reichsten Potentaten Europas — sich allmählich zu erwerben wußte und wie er mit dessen Geld die ersten Anleihe-Geschäfte machte. Doch kommen schon in diesem ersten Bande seine fünf Söhne — das sie behandelnde Theaterstück „Die fünf Frankfurter" wurde vor Jahren überall mit großem Erfolg aufgeführt — zur Geltung, allen voran Nathan, Begründer des Londoner, Salomon, des Wiener, und James, des Pariser Hauses. Das waren, wie der Berliner sagen würde, gerissene Jungens! Kaum dem Jünglingsalter entwachsen, hatten sie schon eine Konzeption, die jene ihres Vaters nahezu übertraf. Alsbald wurden sie zu großzügigen, im Vergleich mit dem Vater modern denkenden Financiers und Kaufleuten, von unvergleichlicher Aktivität und geradezu staunenswerter Geschicklichkeit Vermochte doch der nicht viel mehr als 20 Jahre zählende James selbst den großen Napoleon hinters Licht zu führen, indem er das von Nathan für die englische Regierung beschaffte Geld durch Frankreich hindurch an Wellington in Spanien gelangen ließ, also an den englischen Heerführer wider die Franzosen! (Schon diese knappe Notiz beweist daß die Geschichte des Hauses Rothschild eng mit der Geschichte Europas in dem Zeitraum von 1780 bis 1880 verknüpft ist) Die außerordentlichen Fähigkeiten dieser drei Brüder — der Ausdruck „genial" ist hier viel mehr am Platz, als bei gar manchen Künstlern und Schriftstellern — tritt so recht erst im zweiten Band des Cortisonen Werkes zutage. Was diesen Teil der Schilderung von anderen Rothschild-Büchern unterscheidet ist daß hier erstmalig die Wiener und Berliner Staatsarchive kräftigst ausgeschrotet werden, was zur Zeit der Monarchien sicher nicht möglich gewesen wäre. Metternich, dazumal der allgewaltige Staatsmann Europas und Oesterreichs Finanzverwaltung, verhielt sich lange Jahre ablehnend gegen die Frankfurter, also fremden jüdischen Bankiers; die Wiener Geymüller, Sina, Arnstein und Eskeles blieben im Sattel, bis es dann Salomon schließlich doch gelang, sich Eingang zu verschaffen. Wie einst sein Vater das Vertrauen des Herzogs von Hessen, so erlangte jetzt Salomon allmählich das Vertrauen des großen Staatsmannes Metternich und wurde schließlich nicht bloß in Finanzsachen, wovon Metternich ebenso wenig verstand wie Napoleon oder auch wie Bismarck, sondern auch in vielen politischen Fragen sein Berater. (Hat sich nicht auch Wilhelm IL oft und oft mit Ballin beraten?) Und was immer man in Paris oder London Metternich wissen lassen wollte, schrieb man in geeigneter Form an Salomon nach Wien, der es dann, sei es direkt sei es durch Gentz, dem großen Mann unterbreitete und sofern er die Meinung teilte, sie ihm mundgerecht zu machen suchte. Man wird zugeben, daß dieser Salomon fabelhaft klug gewesen sein muß! So gelangte ein großer Teil der Korrespondenz zwischen diesem und seinen Brüdern ins Staatsarchiv. Erst aus den von Conti gemachten Auszügen ersehen wir die große Machtstellung des Hauses Rothschild im 19. Jahrhundert in Europa, trotzdem sie Juden waren und Juden blieben. So recht erst durch diese Briefschaften können wir Heutigen Börne verstehen, wenn er 1832 wohl nur infolge Bagatellisierung durch James in Paris schrieb: „— — Gut. die Rothschilds säßen freilich noch auf keinem Thron, aber wenn einer frei werde, so würden sie um Rat gefragt, wen man darauf setzen solle; es sei noch bitterer, daß alle Kronen nun zu Füßen der Rothschilds lägen, als wenn sie sie auf ihren Häuptern trügen. (Das war noch satirisch!) Börne erging sich aber dann in vehementen Angriffen in einer Sprache, die wir heute bolschewistisch nennen würden; künstlicher Druck oder ebensolche Steigerung der Rentenkurse vor, bzw. nach dem Abschluß von Anleihen, Völkerausbeutung usw. (Daß Corti auch diese Ausfälle wortwörtlich zitiert, ist wob! der beste Beweis dafür, daß es ihm nicht darum zu tun war, mit seinem Werk das Haus Rothschild zu verherrlichen.) Heine aber, den James oft zu sich einlud, ihn hin und wieder direkt oder indirekt unterstützend, wird in seinen „Gedanken und Einfällen" wohl auch Börne gemeint haben, wenn er schrieb: „Die Hauptarmee der Feinde Rothschilds besteht aus allen, die nichts haben; sie denken alle, was wir nicht haben, das hat Rothschild .... So wie einer kein Geld mehr hat wird er Rothschilds Feind". Nicht selten gehörte dann Heine selbst zu diesen. Aber aus solchen Börneschen Anwürfen wurden dann von judenfeindlichen Zeitgenossen Schauermären gemacht die auch noch in unserer Zeit „wacker" ausgenützt werden. So schrieb Werner-Sombart in seinem Werk „Die Juden und das Wirtschaftsleben": Der Name Rothschild bedeutet mehr, als die Firma, er bedeutet die gesamte Judenschaft soweit sie an der Börse tätig war: denn allein mit ihrer Hilfe (ein Nonsens ür den. der die Mechanik der Börse kennt Ehr) konnten die Rothschilds, die alles überragende Machtstellung, ja die Alleinherrschaft an der Fondsbörse erobern (und wo waren die Baring, die Bethmann, die Geymüller, die Sina — die haben dabei wohl untätig zugesehen? Wie sich so ein Stubengelehrter das nur torstellt). Stimmung machen, war die Losung, die von nun an den Börsenverkehr beherrschte, Stimmung zu