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Die Wahrheit · 1930-07-25 · Heft 30 (25.7.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 30 (25.7.1930)
Date
1930-07-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag niiM mit den Veroffentlidrangen der „Union deutschösterreichischer Juden' und den Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien mmiiiiiiiiiiiiiiii'iiniiiiiiiiioiiiöiiiiiiii <« Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 25. Juli 1930 Nummer 30 Der siegreiche Nationalsozialismus. Ueberschätzte und unterschätzte Gefabren. Von Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Das Rheinland jubelt: Die Besatzungsarmee der gewesenen Kriegsfeinde ist abgezogen. Aber hinter ihr sucht eine andere Armee das Land zu okkupieren, eine Armee, die, obwohl deutsch, dem gegenwärtigen Deutschland noch grimmigere Feindschaft zugeschworen hat, als die abgezogenen Entente-Krieger, die doch nur als das Exekutivorgan höherer politischer Instanzen, aber kaum — wenigstens im großen und ganzen — als Träger persönlicher Haßkomplexe aufgetreten sind. Der vorzeitige Abzug der Entente-Truppen ist das Werk Rathenaus und Stresemanns, die deutsche Organisation, die gern das Machterbe der „feindlichen" Besatzungsarmee antreten möchte, rekrutiert sich aus den erbittertsten Gegnern der genannten Männer und schart sich um Führer, die die Möglichkeit eines praktischen Erfolges der Rathenau-Stresemann-Methode jederzeit aufs heftigste bestritten hatten. Man sollte glauben, daß eine solche Desavouierung integrierender Orientierungsprinzipien eine Partei aufs schwerste schädigen und: sie, wenigstens eine Zeitlang, zur größten Zurückhaltung im öffentlichen Leben zwingen müßte. Was beobachten wir aber in Wirklichkeit? Ueberall in Deutschland ist der Nationalsozialismus im siegreichen Vordringen. Alle Wahlen der letzten Zeit haben der Hitler-Partei Mandatsvermehrungen in einem Maße gebracht, das weit alles übertrifft, wessen sich andere Parteien als Ausbeute siegreicher Wahlschlachten gewöhnlich rühmen dürfen. Gewiß haben auch andere Fraktionen gelegentlich rapides Anschwellen der Zahl ihrer Stimmen und ihrer Sitze in den öffentlichen Vertretungskörpern zu verzeichnen. Aber dann verdanken sie ihre Erfolge günstigen Stimmungsmomenten, die entweder die Frucht eigener politischer Prinzipiensiege oder des Versagens gegnerischer Regierungsmethoden bilden. Noch niemals aber hat eine Partei unter dem unmittelbaren Eindruck einer Riesenblamage ihrer „Außenpolitik", die durch kein noch so geringes Aktivum in der „Innenpolitik" wettgemacht ist, ähnliche Fortschritte in der Eroberung äußerer Machtpositionen bejubeln können. Wir Juden müssen uns mit der wenig schmeichelhaften Erkenntnis abfinden, daß der von den Hakenkreuzlern gepredigte Haß gegen uns alle anderen nationalsozialistischen Programmpunkte derart in den Hintergrund drängt, daß deren noch so offenkundige Widerlegung durch die Tatsachen dem Parteiprestige keinen Abbruch zu tun vermag. Es ist daher begreiflich, daß in unseren Kreisen die Stärkung der nationalsozialistischen Partei die lebhafteste Besorgnis auslöst, da es doch leichter ist, Schaden anzurichten als Nutzen zu stiften, und daher auch die Hitlerianer viel eher den deutschen Juden den größten Schaden zuzufügen in der Lage sein werden, als der deutschen Allgemeinheit den geringsten Nutzen zu bringen. Es soll nicht geleugnet werden, daß solche Besorgnisse leider bis zu einem gewissen Grade berechtigt sind, aber gerade darum ist es überflüssig, noch schwärzer zu sehen, als es durch die politische Konstellation leider geboten erscheint. Vor allem ist auf die Tatsache hinzuweisen, daß der Mandatszuwachs der Nationalsozialisten überall auf Kosten jener Parteien erfolgte, von denen wir Juden auch nicht viel Gutes zu erwarten haben. Das Anwachsen der nationalsozialistischen Fraktionen bedeutet also äußerlich keine Ausdehnung des Antisemitismus in den reichsdeutschen Parlamenten, sondern nur dessen Konzentrierung. Es ist den Nationalsozialisten lediglich gelungen, Stimmen, die sich früher auf verschiedene andere, mehr oder weniger judenfeindliche Parteien verteilten, auf ihre Liste zu sammeln. Am meisten geschädigt dabei wurde die DeutschnationaleVolkspartei, undi das ist für uns Juden nicht nur im Hinblick auf den Antisemitismus dieser Partei einigermaßen tröstlich, sondern noch vielmehr wegen der Schlüsse, die wir aus der Vergangenheit dieser Fraktion auf die Zukunft ihrer lachenden Erben ziehen dürfen. Denn wer kann leugnen, daß der Niedergang der Deutschnationalen Volkspartei hauptsächlich auf das Fiasko zurückzuführen ist, das sie als Trägerin der Regierungsverantwortlichkeit erlitten hat. Die Deutschnationalen hatten die „Locarno- Politik" der deutschen Regierung so lange bekämpft, bis sie selbst in der Regierung Platz fanden. In diesem Moment zeigten sie in geradezu kläglicher Weise ihre Unfähigkeit, an Stelle der bis dahin aufs Aeußerste befehdeten Verständigungspolitik Rathenaus und Stresemanns etwas Besseres setzen zu können. Die Abstimmung im deutschen Reichstag, bei der die Deutschnationalen zur Hälfte f ü r, zur Hälfte gegen die Verständigungspolitik stimmten, hat ja Berühmtheit erlangt... Kann man glauben, daß es den Nationalsozialisten besser ergehen wird? Es ist ganz logisch, daß sich für jede Partei die Erlangung der Regierungsverantwortlichkeit umsokatastrophaler auswirkt, je utopistischer ihr Programm in der Oppositionszeit gewesen ist. Gibt es aber ein utopistischeres Programm als das nationalsozialistische? Es verlohnt sich gar nicht, hier auf dessen Einzelheiten einzugehen; es genügt die in der Einleitung dieser Ausführungen festgenagelte Polarität der nationalsozialistischen Theorie und Praxis im JRheinland, wo die Nationalsozialisten politische Vorteile aus der Befreiung ziehen wollen, obwohl diese Befreiung nur den von ihnen aufs heftigste bekämpften Männern und Methoden zu danken ist. Frankreich ist nicht „siegreich geschlagen" worden, wie es die Völkischen verlangten, sondern hat die zuerst von Rathenau und dann von Stresemann gebotene Freundeshand! Deutschlands ergriffen und sich freiwillig aus dem besetzten Gebiet zurückgezogen. Werden es die über kurz oder lang zur Macht gelangten Hitlerianer wagen, diese erfolgreiche Friedenspolitik noch nachträglich zu stören? Werden sie als Mitglieder und Stützen einer Regierung mannhafter und konsequenter als ihre deutschnationalen Vorgänger ihrem Parteiprogramm treu bleiben? Diese Frage bezieht sich nicht bloß auf die nationalsozialistische Außen-, sondern noch mehr auf ihre Innenpolitik. Und das innerpolitische Programm Hitlers ist noch utopistischer als das außenpolitische. Das gilt auch in bezug auf die Judenfrage. Es ist leider nicht zu bezweifeln, daß die Machtergreifung durch Hakenkreuzler sich für einzelne jüdische Existenzen verhängnisvoll auswirken kann. Aber die staatsbürgerliche Entrechtung der Gesamtjudenheit Deutschlands dürfte in der Praxis doch auf erheblichere Schwierigkeiten stoßen als auf dem geduldigen Papier. Wo finden wir im Hitler-Lager eine Persönlichkeit, die zum Nutzen der Allgemeinheit die rein negativen H a ßinstinkte, die die Hauptattraktion d'er Partei bilden, zurückzustellen bereit wäre? Die erste Tat des in Thüringen auf einen Ministerstuhl gelangten Frick war bekanntlich die Einführung eines Haßgebetes in den Schulen . . . Mh derlei Firlefanz befriedigt man vielleicht die irregeleiteten Instinkte der ins Negativ-zerstörungswütige pervertierten Machtträume einer grausam in ihren politischen Geltungstrieben unterdrückten Nation, aber nicht den nach realen Leistungen ausschauenden Rettungsglauben einer unverschuldet in Wirtschaftsschwierigkeiten geratenen Wählerschaft. Darum muß die nationalsozialistische Politik — wenigstens das, was man heute darunter versteht, — scheitern, sobald man ihr Gelegenheit gibt, sich praktisch za entfalten. DerNationalsozialismusgehörtebenzu jenen politischen Erscheinungen, die erstarken, solangesiebekämpftwerden. die aber dem rapidesten Verfall preisgegeben werden, sobald sie vor die Auf gäbe gestellt werden, sich in der Praxis zu bewähren. Hierin liegt für uns Juden der Trost über alle Siege, die der Nationalsozialismus in Deutschland in der letzten Zeit erfochten hat und demnächst vielleicht noch erfechten wird. Wohlgemerkt: die äußeren Siege! Weit schwerer wiegen aber die viel zu wenig beachteten inneren Siege des Hakenkreuzes. Darunter verstehen wir die innere Verheerung, die die nationalsozialistische Hetze nicht nur in den Kreisen der der Partei Angehörenden oder Nahestehenden auf dem Gewissen hat, sondern, wie die Erfahrung lehrt, auch in solchen Schichten, die die völkischen Lehren äußerlich ablehnen, ja zum Teil aufs heftigste bekämpfen. Die jüngste Zeit hat uns davon ein paar besonders groteske Proben gebracht. Im Berliner Rathaus hat die Wirtschaftspartei, die den Antisemitismus offiziell ablehnt, für ein von den Völkischen beantragtes Schächtverbot gestimmt. Als über die Neubesetzung des Direktorpostens bei der Berliner Stadtbank und die Kandidatur Bern Meyers für diese Stelle beraten wurde, stellte ein Vertreter der in der Judenfrage angeblich gleichfalls neutralen Deutschen Volkspartei die Frage: JVIuß es denn gerade ein J u d e sein?" Und nun geschah das Merkwürdigste: die sozialdemokratische (!> Partei, der der genannte Kandidat angehörte, verneinte diese Frage und verhalf einem christlichen Bewerber zum Siege! Bei der Erörtrung der Personenfrage in dieser Angelegenheit fehlte es nicht an Anspielungen auf die Sklaret-Affäre, die die Stadtverwaltung so arg kompromittiert hat. Wo steckt aber das tertium comporationis dieser beiden Affären? Als die Brüder Sklaret ihre Bestechungsgelder verteilten, hat niemand gefragt: , JVIuß es gerade ein Judle sein?", sondern Politiker aller Schattierungen bis zur äußersten Rechten haben bedenkenlos zugegriffen! Erst die Kandidatur Bern Meyers hat die erwähnte Frage veranlaßt, obwohl von ihm keine Korrumpierung der Stadtverwaltung, sondern eine Verbesserung der städtischen Finanzpolitik zu erwarten war, und obwohl Bern

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