Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 29 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064174--17985-3082968- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 DIE WAHRHEIT Bahr, auch den schlechten Rassen einzelne erfreuliche Exemplare zu gewähren.) Aber meint Herr Bahr, ohne sich näher darüber zu erklären, welche "Rasse die gute und welche böse ist, „auch kommt es vor, daß der lose Kupido neckisch einem Manne reinsten Blutes eine Gefährtin trüber Rasse beigesellt" (Das ist wohl eine Anspielung auf Mischehen. Aber man erfährt absolut nicht, ob der lose Kupido unter dem Manne „reinsten Blutes" just einen Semiten meint und unter der Gefährtin „trüber Rasse" eine Arierin — oder Gott behüte — umgekehrt Da läßt uns der lose Kupido und auch der lose Herr Bahr wirklich so im Unklaren, daß man sich über die Lösung der Frage vergeblich den Kopf zerbricht) Sehr richtig und klar aber sagt Herr Bahr: „Das ergibt zuweilen sehr seltsame Mischungen." (Jawohl, das stimmt Man kennt sogar Fälle, wo mancher dem Arier, der eine Jüdin heiratete, an der Stirn den Juden angesehen, während er die jüdische Gefährtin wie eine arische Madonna auf sich wirken ließ. Wahrhaftig, sonderbare Mischungen!) Das „Tagebuch" des Herrn Bahr geht in dieser etwas verwirrenden Weise noch hübsch weiter und man weiß nie genau, wie es gemeint ist. Ich glaube, man täte gut daran, Herrn Prof. Günther, der, was Rasseforschung betrifft, eine Größe ersten Ranges ist, zu bitten, Herrn Bahr in die Lehre zu nehmen. * * * Fricks Haß- und Rachegebete sind trotz aller feigen Umdeuiungs- und Ableugnungsversuche vom Staatsgerichtshofe klipp und klar als das bezeichnet worden, was sie in Wahrheit bedeuten wollten: als ein aufreizendes Bekenntnis zum Antisemitismus. Die Hepp-Hepp-Politik, die, wie bei dieser Gelegenheit in der „Neuen Freien Presse" mit erfreulicher Aufrichtigkeit festgestellt wird, „leider genug in Oesterreich auch an den Universitäten zu hören ist", wird, nach dem Urteil des deutschen Staatsgerichtes, den Schulbuben in Thüringen fürderhin auch nicht in Gebetform eingeflößt werden. Der Antisemitismus, der sich in das fadenscheinige Mäntelchen der als Afterwissenschaft gebrandmarkten Rassentheorie hüllt, wird aber auf der Universität in Jena ungestört weiter tradiert werden. * * * Der Herr Staatsminister Dr. Frick will auch jetzt noch eine Lanze für seine Schulgebete einlegen. Er meint auch das Vaterunser könne Andersdenkende verletzen, da man sich unter den Worten „Und erlöse uns von allem Uebel" das Verschiedenste denken könne. Herr Dr. Frick weiß offenbar nicht, daß jedes Wort im Vaterunser dem jüdischen Schrifttum entnommen und von der reinsten Liebe zu Gott und den Menschen erfüllt ist. Der müßte schon ein sehr böser Narr sein, der sich vorstellen könnte, daß man mit Hilfe des Vaterunsers in die Seelen unschuldiger Kinder das Gift des tückischen Hasses gegen Andersgläubige träufeln könnte, auch wenn diese just nicht jenem Volksstamme entsprossen wären, aus dem auch der Stifter des Christentums und die Apostel hervorgegangen. * * ' * Bei dieser Gelegenheit dürfte mancher ältere Zeitgenosse an eine Episode erinnert werden, die am 30. Jänner 1893 sich im österreichischen Abgeordnetenhause abspielte. Dr. Kronawetter, einer der edelsten Männer, die in diesem Hause je für Humanität und Gerechtigkeit das Wort ergriffen, war von den damaligen Antisemiten wegen einer Rede angegriffen worden, in der er u. a. buchstäblich sagte: „Es ist inhuman und unbillig, die rechtliche Stellung eines Menschen von der Rassenverschiedenheit abhängig zu machen ... Ich werde nie mit diesen Leuten gehen, welche aus blindem Rassenhaß die Prinzipien der Menschlichkeit und auch der Anständigkeit vergessen." Kronawetter hatte sich auch gegen Antisemiten in der Soutane wegen seiner Behauptung, „das Vaterunser ist ein hebräisches Gebet aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft", zu wehren und er tat dies mit der Erklärung: „Ich konstatiere, daß ich kein Wort gebraucht nichts gesagt habe, wodurch das, was einem Katholiken das Heiligste ist, im mindesten angegriffen oder herabgewürdigt würde." Die Klerikalen hatten die Absicht auf die „Vaterunser"-Frage zurückzukommen, und da kam der Abgeordnete Dr. Bloch dem ihm befreundeten Kronawetter zu Hilfe, indem er ihm eine ganze Reihe von Büchern zur Verfügung stellte, in welchen auch von. christlichen Gelehrten der wissenschaftliche Beweis erbracht wurde, daß das Dad isdil Pension „Wanha an der Esplanade und Kaltenbachstraße 19 Zwei Minuten zum Kurkonzert Ruhige staubfreie Lage Beste KQcbe Leitung und Aufsicht Adolf Glatter, Wien Vi., Schmalzhofgasse 12 Vaterunser jüdischen Ursprungs sei. Kronawetter zeigte die betreffenden Stellen dem Präsidenten des Hauses und einigen geistlichen Würdenträgern, die dann ihre Absicht eine weitere öffentliche Diskussion über die Sache zu eröffnen, fallen ließen. Ego. VeröffentficQungen der Tinion öeutsdjösterreicffisdjen Juden Von der Kleinarbeit der „Union". Der „Union deutschösterreichischer Juden" wurde vor einiger Zeit aus Deutschland mitgeteilt daß vor der Einfahrt nach Kufstein neben der Bahnlinie und Chaussee an einem Felsen ein riesiges Hakenkreuz angebracht ist. Auf Ersuchen der „Union" wurde Herr Landesrabbiner Dr. Josef Link in dieser Aergernis erregenden Angelegenheit bei der Tiroler Landesregierung vorstellig, die ihn dieser Tage davon verständigte, daß "ttas Hakenkreuz entfernt worden ist. Kein antisemitischer Geschichtsunterricht in der österreichischen Gendarmerie. Die Wiener „Arbeiter-Zeitung" kritisierte jüngst in einem Artikel sehr scharf die Art, wie in den Unteroffiziersschulen der österreichischen Bundesgendarmerie Geschichte gelehrt wird. Das Blatt zitiertStellen aus einem G e schichtsl ehrbuch dieser Schulen, die wie Auszüge aus dem Pamphlet „Die Protokolle der Weisen von Zion" klingen. Dem JTA-Vertreter wurde auf seine Anfrage seitens der zuständigen Stellen des Bundeskanzleramtes versichert daß das von der „Arbeiter-Zeitung" zitierte Geschichtslehrbuch an keiner Schule offiziell eingeführt ist, weil ihm die amtliche Approbation fehlt. Trotzdem haben die Behörden Erhebungen bezüglich des eventuellen Gebrauchs des erwähnten antisemitischen Geschichtslehrbuches eingeleitet. Trauungsanzeigen. Unsere Anhänger werden höflichst gebeten, Trauungsanzeigen ihrer Familien rechtzeitig in unserem Blatte zu veröffentlichen. Wahtheiten vom &a£e Der antijüdische Kurs im Budapester Stadthaus. Der Führer der christlichen Kommunalpartei, Abgeordneter Karl Wolff v. VYolfenau, eine führende Persönlichkeit unter den ungarischen Rassenschützlern, rühmte sich vor einigen Tagen in einer Volksversammlung, daß es ihm im Verlaufe von zehn Jahren gelungen ist, das offizielle Antlitz der Hauptstadt zu verändern. Heute sei alles christlich. In der letzten Nummer des „Egyenlöseg" richtet der jüdische Abgeordnete Dr. Eugen Gal an Karl Wolff die Frage, Erledigte Lehrer-Stelle Am Israelitischen Blindeninstitute Hohe Warte in Wien gelangt die Stelle eines Uhrer-Präfekten zur Besetzung. Die Stellenwerber wollen ihre mit den Zeugnissen und dem Qeburts- und Heimatsschein belegten Gesuche bei der Direktion. Wien XIX., Hohe Warte 32, einbringen, die auch eventuelle Auskünfte erteilt Für die Anstaltsleitung: Direktor Altmann. was das beißen solle, daß das Stadthaus nunmehr „christlich" sei. Ist es „christlich", daß man den jüdischen Vizebürgermeister davongejagt, die jüdischen Stadtrepräsentanten aus allen Ausschüssen . hinausgedrängt, die Juden aus den Markthallen, wo sie ihr Brot verdienten, vertrieben, daß man den Juden die Kino- und Trafiklizenzen entzogen und alles aufgeboten hat, damit ein Staatsbürger jüdischer Konfession in Budapest keine Niederlassungsbewilligung erhalte? Doktor Ga 1 gibt der Hoffnung Ausdruck, daß nach den im November stattfindenden Neuwahlen1, das zehnjährige Wolff-Regime bloß eine traurige Erinnerung sein wird. Ein abgelehnter Schächtverbotsantrag der Leipziger Nationalsozialisten. In der letzten Sitzung des Leipziger Stadtverordneten-Kollegiums stand ein Antrag der Nationalsozialisten zur Beratung, das Schächten im Stadtgebiete Leipzig zu verbieten. Berichterstatter für diesen Antrag war Stadtverordneter Obermeister Robert Schneider von der Wirtschaftspartei. Er wies darauf hin, daß das Schächten bereits vor einer Reihe von Jahren in Leipzig: untersagt gewesen sei, daß man es aber 1911 aus wirtschaftlichen Gründen in Leipzig wieder eingeführt hat. Ein Verbot könne höchstens seitens des Reiches in Frage kommen, niemals aber seitens eines einzelnen. Stadtgebietes. Das Kollegium lehnte den Antrag des Berichterstatters gemäß dem Ersuchens der Nationalsozialisten mit großer Mehrheit ab. Antijüdische Note bei den Ausschreitungen im Rheinland. Die befreiten Gebiete im Rheinland sind bekanntlich sofort nach dem Abzug der feindlichen Besatzung Schauplatz von Ausschreitungen meist rechtsradikaler Kreise gegen Separatisten und angebliche Separatisten geworden. Der Berliner „Jüdischen Rundschau" wird mitgeteilt, daß sich unter den Geschädigten viele jüdische Firmen befinden, obwohl sich die Juden nach übereinstimmender Ansicht aller Kreise im besetzten Gebiete, wie es nur selbstverständlich ist, außerordentlich loyal und taktvoll verhalten haben. Nach der Räumung veranstalteten alle jüdischen Gemeinden im besetzten Gebiete besondere Feiern, in denen die Juden ihrer Freude über die Beendigung der Besetzung Ausdruck gaben. Trotzdem befinden sich unter den vom „Volkszorn" der Rechtsradikalen „Bestraften" viele jüdische Familien. Die „Jüdische Rundschau" schließt: „Es ist nun einmal' so, daß sich jede Unruhe, einerlei wo der Ausgangspunkt für sie lag, fast automatisch gegen Juden richtet. Es muß festgestellt werden, daß in der rheinländischen Presse die Empörung darlber gToß ist, daß die Rechtsradikalen ihre gegenwärtige Aktion immer stärker ins antisemitische FahrwasseT drängen, denn während der Besatzungszeit haben sich gerade die Juden ängstlich davor gehütet, irgendwelche Beziehungen zur Besatzungsarmee zu unterhalten." ,/ Das Lübecker Kindersterben antisemitisch ausgenützt Am 11. Juli abends fand in Berlin eine vom „Arbeitsausschuß zur Verfolgung der Lübecker Kindermorde" verantaltete Versammlung statt, zu der außer Vertretern der betroffenen Lübecker Eltern (bekanntlichsind in Lübeck bisher 57 Kinder infolge unzweckmäßiger Fütterung mit dem Calmette-Präparat an Tuberkulose gestorben, während zahlreiche andere Kinder stark gefährdet sind) auch zahlreiche Aerzte erschienen wareiu In der den Referaten sich anschließenden Aussprache kam es zu erregten Szenen, als der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Moses feststellte, daß der Vorsitzende des Elternausschusses, Dr. Steintal, in einemnationalsozialistischen Blatt ein Pamphlet gegen jüdische Aerzte geschrieben hat, in dem der Versuch gemacht wird, die Aufmerksamkeit von den wahren Schuldigen, abzulenken und die Schuld jüdischen Aerzten in die Schuhe zu schieben. In seiner Erwiderung rückte das Mitglied des: Elternausschusses Dr. Meyer von dem Artikel des Dr. Steintal1 ab und betonte die Notwendigkeit, in dieser Angelegenheit parteipolitische Neutralität zu wahren. Die indische religiöse Erziehung in Amerika. In der Kürzlich in New York abgehaltenen Jahreskonferenz des National Council für Jewisb Education (Gesellschaft für jüdische Erziehung Inden Vereinigten Staaten) stellte der Vorsitzende des Executiv Committee der Union amerikanisch-jüdischel, Kongregationen, Herr Dr. Ludwig V o g e 1 s t e i n, fest, daß sich die jetzt aufwachsende junge Generation von der jüdischen Religion' entfernt habe. Auf Grund seiner eigenen Erfahrungen will Redner diese Menschen für das Judentum nicht ganzverloren geben. Die besten Elemente dieser Generation werden den Weg zu dem Glauben ihrer Väter wiederfinden, wenn sie älter geworden sind und die Verantwortung für eine Familie, besonders für die Erziehung ihrer» Kinder, tragen werden. Nachdem eine Generation in dem wilden Kampf um materielle Wohlfahrt und in dem Prozeß der Anpassung von Emigrantenfamilien an die amerikanischen Verhältnisse für uns verloren, gegangen ist, müssen wir überlegen,, wie die Kinder dieser Generation dem Judentum zu erhalten sind. Diese jüngsten sind schon in Amerika geboren, vielfach sind auch ihre Eltern hier geboren und ihrer Umgebung vollständig angepaßt Professor Dr.- Mordechai M. Kaplan, der Begründer und Führer der Gesellschaft zur Förderung des Juden-- tums, führte aus, daß jüdische Erziehung ohne religiöse Erziehung die jungen Menschen dem Judentum entfremdet. Er fordert die Ausbildung von Lehrern, die sich ireligionspädagogisch spezialisieren. Die jüdischen Religionslehrer müssen sichdurch gleiche Konzentration auf die pädagogischen Details für ihre Aufgabe vonbereiten, wie zum Beispiel diejenigen Lehrer, die sich für Musik oder Kunstunterricht ausbilden.